(David Berger) Als Robert Francis Prevost am 8. Mai 2025 als Papst Leo XIV. auf die Loggia des Petersdoms trat, verbanden gerade traditionsverbundene Katholiken große Hoffnungen mit dem neuen Pontifikat. Nach den konfliktreichen Jahren unter Franziskus schienen bereits die ersten Zeichen auf eine Rückkehr zu größerer theologischer Klarheit, liturgischer Würde und kirchlicher Kontinuität hinzudeuten.
Inzwischen lässt sich eine erste Bilanz ziehen. Und sie fällt keineswegs eindeutig positiv aus. Zu den großen Stärken Leos XIV. gehört zweifellos seine Wiederentdeckung der anthropologischen Frage: Was ist der Mensch? Angesichts von Künstlicher Intelligenz, Transhumanismus und technokratischen Utopien erinnert der Papst daran, dass der Mensch nicht Produkt, Datenmenge oder beliebig optimierbares Projekt ist, sondern Person und Ebenbild Gottes. Seine erste Enzyklika Magnifica Humanitas könnte damit zu einem wichtigen Dokument der katholischen Auseinandersetzung mit dem digitalen Zeitalter werden. Doch gerade von diesem überzeugenden Ausgangspunkt her stellen sich unbequeme Fragen.
Warum bestehen die Einschränkungen der überlieferten Liturgie weiterhin fort?
Warum werden traditionelle marianische Begriffe zurückgedrängt?
Warum spricht Rom so nachdrücklich über die Rechte von Migranten, aber weit seltener über das Recht der Völker auf Bewahrung ihrer kulturellen Identität und über den klassischen ordo amoris?
Und kann ein Papst tatsächlich erklären, die seit Augustinus und Thomas von Aquin entwickelte Lehre vom gerechten Krieg sei angesichts moderner Waffen „überholt“?
Flüchtlings- und Öko-Romantik – aber wo bleibt die katholische Botschaft?
Damit stellt sich schließlich die entscheidende Frage: Erleben wir mit Leo XIV. tatsächlich eine katholische Erneuerung – oder bislang vor allem einen erfreulichen Wechsel des Stils?
Mein Vortrag „Die anthropologische Wende? Zur ersten Bilanz des Pontifikats Leos XIV.“ versucht darauf eine Antwort zu geben. Er würdigt die unbestreitbaren Stärken des neuen Pontifikats, verschweigt aber auch die Punkte nicht, an denen sich entscheiden wird, ob aus der neuen Sprache tatsächlich ein neuer kirchlicher Kurs erwächst. Denn die Zukunft der Kirche entscheidet sich nicht daran, wie geschickt sie sich der Moderne anpasst. Sie entscheidet sich daran, ob sie dem modernen Menschen wieder die ganze Wahrheit über sich selbst verkündet: seine Würde als Ebenbild Gottes, seine Verwundung durch die Erbsünde, seine Hoffnung auf Erlösung – und seine endgültige Bestimmung in Jesus Christus.
Der Vortrag wurde am heutigen Sonntag in der Kontrafunk-Sendung „Audimax“ ausgestrahlt. Die vollständige Tonaufnahme kann anschließend hier angehört werden.
Richard Meusers von Wissmann: Wenn der Löwe nicht brüllt
Parallel zu diesem Beitrag ist bei Corrigenda unter dem treffenden Titel „Papst Leo XIV.: Der Löwe brüllt nicht“ eine Analyse von Richard Meusers von Wissmann erschienen. Der Autor kommt in mehreren Punkten zu einer ähnlichen Diagnose: Leo XIV. hat gegenüber seinem Vorgänger den Ton verändert, doch ein wirklicher Kurswechsel ist bislang nur schwer auszumachen. Besonders prägnant formuliert Meusers von Wissmann: „Leo ändert den Ton, aber (noch?) nicht die Norm.“ Das zeigt sich nicht zuletzt im Umgang mit der überlieferten Liturgie. Freundlichere Worte und Gesten gegenüber traditionsverbundenen Katholiken sind zu begrüßen. Solange jedoch Traditionis custodes und die unter Franziskus geschaffenen Einschränkungen im Kern fortbestehen, bleibt die entscheidende rechtliche Korrektur aus. Ähnliches gilt für wichtige Personalentscheidungen und Strukturen der Kurie.
Allerdings geht die Kritik meines Beitrags an einem entscheidenden Punkt weiter. Das Problem dieses Pontifikats besteht nicht allein darin, dass der Löwe zu selten brüllt oder zu zögerlich handelt. Entscheidend ist auch, was Leo XIV. sagt, wenn er deutlich spricht. Seine Aussagen zu Migration, Wirtschaftsordnung und Friedensethik sowie seine Distanzierung von der klassischen Lehre vom gerechten Krieg werfen Fragen auf, die sich nicht mit mangelnder Entschlossenheit erklären lassen. Hier geht es nicht um das Tempo einer Korrektur des Franziskus-Kurses, sondern um die theologische Richtung des gegenwärtigen Pontifikats selbst. Meusers von Wissmann spricht von „behutsamen Verschiebungen“ und einem Papst, der „korrigiert, ohne zu widerrufen“. Die entscheidende Frage lautet jedoch: Verschiebungen wohin? Ein anderer Stil ist noch keine andere Theologie, und eine größere Wertschätzung der päpstlichen Form noch keine Rückkehr zu jener lehrmäßigen Klarheit, die viele Katholiken nach den Verwerfungen des vergangenen Pontifikats erhofft hatten. Gerade deshalb sollte Leo XIV. nicht daran gemessen werden, ob der Löwe endlich brüllt, sondern daran, ob seine Stimme die Kirche wieder klarer zur Wahrheit ihrer eigenen Überlieferung führt.
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