Wann werden Deutschlands Corona-Bischöfe um Verzeihung bitten?

(David Berger) Kirchen abgesperrt, öffentliche Messen untersagt, Weihwasserbecken geleert, Kommunionempfang reglementiert, Sterbende ohne Sakramente, später Zugangskontrollen nach 2G und 3G: Die Corona-Jahre gehören zu den dunkelsten Kapiteln der jüngeren deutschen Kirchengeschichte. Sechs Jahre später wartet man noch immer auf eine ernsthafte Aufarbeitung durch die deutschen Bischöfe und damit verbunden eine Bitte um Verzeihung. Stattdessen spricht man permanent über „Synodalität“ – und ist – wie der Fall des Hamburger Bischofs Heße zeigt – dabei dadurch die Gläubigen schon wieder zu verraten.

Der amerikanische katholische Publizist John M. Grondelski hat im Crisis Magazine vor kurzem eine unangenehme Frage gestellt: Wann werden eigentlich die Bischöfe der Corona-Zeit zur Verantwortung gezogen? Seine Kritik richtet sich auf die katholische Kirche in den Vereinigten Staaten, doch fast jeder seiner Vorwürfe weckt Erinnerungen an Deutschland. Vielleicht fällt die Bilanz hier sogar noch bedrückender aus. Denn kaum irgendwo verband sich die kirchliche Anpassung an staatliche Corona-Maßnahmen so reibungslos mit jenem moralischen Sendungsbewusstsein, mit dem kirchliche Funktionäre später für Impfung, 2G und 3G warben.

Sechs Jahre nach dem Beginn der Corona-Krise wäre genügend zeitlicher Abstand vorhanden, um darüber zu sprechen. Doch während die katholische Kirche in Deutschland nahezu jedes andere Thema „synodal“ diskutiert, sich mit Gratismut für alle möglichen Fehler und Sündern ihrer Vorgänger entschuldigt, scheuen sie das eigene Mea culpa wie der Teufel das Weihwasser bzw. herrscht über die eigene Rolle während der Pandemie ein bemerkenswertes Schweigen.

Ostern hinter verschlossenen Kirchentüren

Die Bilder des Frühjahrs 2020 sind noch nicht vergessen. Kirchentüren blieben verschlossen, Bänke waren leer, Priester zelebrierten vor Kameras und die Gläubigen sollten die heilige Messe am Bildschirm verfolgen. Ausgerechnet an Ostern, dem höchsten Fest der Christenheit, gab es in Deutschland keine öffentlichen Gottesdienste. Gewiss: Im März 2020 wussten die geistlichen Herren vermutlich nicht so genau, wie gefährlich das neuartige Virus tatsächlich werden würde. Regierungen, Ärzte und auch Kirchenleitungen trafen Entscheidungen mit einer seltsamen Willkür. Noch steht die Aufarbeitung erst in ihren Anfängen, wird durch die damaligen Protagonisten weitgehend verhindert.

Aber schon jetzt ist klar: Gerade eine Krise zeigt, was einer Gemeinschaft wirklich heilig ist. Wie oft musste ich in jenen Tagen an den heiligen Bischof Karl Borromäus denken, der während der Pest von Mailand 1576/77 seine Seelsorge nicht einstellte, sondern ganz im Gegenteil den Pestkranken die Letzte Ölung spendete und die Kommunion reichte. Die deutschen Bischöfe akzeptierten das Verbot öffentlicher Gottesdienste zunächst weitgehend, ja gingen am vielen Orten, besonders in Nordrhein-Westfalen sogar im vorauseilenden Gehorsam viel weiter, als von den Behörden verlangt. Man hatte den Eindruck, das Bekenntnis zu Corona-Diktatur habe das Credo abgelöst.

Zu diesem Zeitpunkt war Ostern bereits vorbei.

Man rechtfertigte die Schließung der Gotteshäuser mit dem Argument, die Interessierten könnten sich ja zuhause die Fernsehgottesdienste anschauen. Ein Argument, das zeigt, wie groß die geistige Verwirrung bei vielen ist, die den Gläubigen Lehrer und Mahner sein sollten. Für einen Katholiken ist eine Kirche kein Theater, kein Konzertsaal und kein Vereinsheim. Im Zentrum des kirchlichen Lebens steht nicht eine kulturelle Veranstaltung, die man vorübergehend durch eine Internetübertragung ersetzen kann. Im Zentrum steht die Eucharistie, die unblutige Erneuerung des Kreuzesoper Jesu, an der die Gläubigen vor dem Altar kniend teilhaben dürfen. Gerade in einer Zeit, in der Millionen Menschen Angst vor Krankheit und Tod hatten, wurde ihnen der unmittelbare Zugang zu diesem Zentrum des katholischen Lebens genommen.

Schon früh verschwanden die Weihwasserbecken bzw. wurden mit einem Eifer entleert, der sonst in den Vorjahren beim Wiederauffüllen der Weihwasserbecken schmerzlich vermisst wurde. Desinfektionsspender standen an den Eingängen, Sitzplätze wurden abgesperrt, Abstände markiert, später kamen Maskenpflicht, Anmeldesysteme und weitere Vorschriften hinzu. Auch der Kommunionempfang wurde reglementiert; die Handkommunion galt als hygienisch vorzugswürdig, die Mundkommunion wurde vielerorts untersagt oder erheblich erschwert. Und das obwohl Fachleute davon sprachen, dass sie viel hygienischer ist als die Handkommunion – aber auch hier diente Corona als Vehikel für ganz andere Interessen.

Die Symbolik dieser Monate war erschütternd: Wo der Katholik beim Betreten einer Kirche seine Finger in das Weihwasser taucht und sich bekreuzigt, stand plötzlich der Desinfektionsspender. Wo gemeinsam gesungen und gebetet worden war, herrschten Abstand und Schweigen. Wo die Kirche traditionell ihre Türen öffnete, wurde kontrolliert, gezählt und reglementiert. So entstand der Eindruck, als habe die Kirche selbst die Logik übernommen, körperliche Gesundheit sei das höchste Gut. Der großartige Schweizer Bischof Eleganti war einer der wenigen Bischöfe, die den Mut hatten, auf diese skandalöse Neuausrichtung hinzuweisen. Genau das kann sie als Kirche aber niemals verkünden. Das Christentum ist keine Religion des biologischen Überlebens um jeden Preis. Seit ihren Anfängen kennt die Kirche Güter, die höher stehen als Gesundheit und selbst als das irdische Leben.

Die Menschen in der entscheidendsten Stunde alleine gelassen

Noch bedrängender als die geschlossenen Kirchen ist deshalb die Frage nach Kranken und Sterbenden. Wie viele Katholiken starben in Krankenhäusern oder Pflegeheimen ohne Beichte, Krankensalbung und Viaticum? Wie viele alte Menschen warteten auf einen Priester, der aufgrund staatlicher oder institutioneller Zutrittsbeschränkungen nicht zu ihnen gelangen konnte oder wollte…

Es gab Priester, die unter schwierigsten Bedingungen alles versuchten, um ihre Gläubigen nicht allein zu lassen. Manche fanden Wege zu Kranken und Sterbenden, andere feierten unter ungewöhnlichen Umständen die Sakramente. Ihnen gebührt Dank. Gerade ihr Beispiel zeigt aber, worum es geht. Es geht aber nicht darum, ob einzelne Priester ihre Pflicht erfüllten, sondern ob die Kirche als Institution mit aller ihr zur Verfügung stehenden Kraft darum kämpfte, dass Seelsorger zu Sterbenden gelangen konnten. Für einen Katholiken ist die Letzte Ölung keine psychologische Betreuung und das Viaticum kein frommes Abschiedsritual. Für einen Christen ist der geistliche Zustand des Menschen im Augenblick des Todes von entscheidender Bedeutung für sein ewiges Heil. Mit dem Tod endet die Zeit, in der der Mensch seine grundlegende Entscheidung für oder gegen Gott noch ändern kann. Es folgt das besondere Gericht: „Jeder Mensch empfängt im Moment des Todes in seiner unsterblichen Seele die ewige Vergeltung“ (KKK 1022). Deshalb besitzt die Bitte um eine gute und gnädige Sterbestunde in der katholischen Tradition einen so hohen Stellenwert. Es geht um nichts weniger als das ewige Heil. Wenn eine Kirche dies selbst nicht mehr mit letzter Entschiedenheit deutlich macht, wer soll es dann tun?

Man stelle sich nur für einen Augenblick vor, die deutschen Bischöfe hätten beim Zugang von Priestern zu Sterbenden dieselbe politische Hartnäckigkeit entwickelt, die ihre Gremien bei anderen gesellschaftlichen Anliegen wie etwa dem Klimafasten an den Tag legen. Schon diese Vorstellung macht deutlich, warum eine Aufarbeitung gerade auch des klerikalen Fehlverhaltens notwendig wäre.

Als aus der Impfung eine moralische Pflicht wurde

Mit Beginn der Impfkampagne bekam das Problem eine neue Dimension. Die Kirche setzte nun nicht mehr lediglich staatliche Maßnahmen um. Kirchliche Amtsträger begannen, die Impfentscheidung selbst moralisch aufzuladen. Im November 2021 erklärten die deutschen Bischöfe gemeinsam mit dem Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland, Impfen sei eine „Verpflichtung aus Gerechtigkeit, Solidarität und Nächstenliebe“.

Das war ein schwerwiegender Satz. Aus einer medizinischen, zudem höchst umstrittenen Entscheidung wurde eine moralische Frage, aus einer individuellen Nutzen-Risiko-Abwägung eine Angelegenheit der Nächstenliebe. Wer sich nicht impfen lassen wollte, musste damit rechnen, nicht lediglich als medizinisch vorsichtig oder skeptisch, sondern als unsolidarisch, ja als unchristliche wahrgenommen zu werden. Heute wissen wir, dass die Impfstoffe weder risikolos waren noch die Erwartungen erfüllten, die Politik und Öffentlichkeit mit ihnen verbanden. Wer damals näher hinschaute, konnte bereits um das enorme Risiko wissen, dass mit der mRNA-Spritze verbunden war.

Wer so extensiv Werbung für eine Sache macht wie das die katholische Amtsträger bis hinauf zu dem unseligen. in dieser Sache von der Pharmaindustrie der USA gekauften Papst Franziskus taten, hätte sich zuvor hier genau kundig machen müssen. Dass dies nicht getan wurde bzw. man es gar nicht so genau wissen wollte, stellt eine schwere Verfehlung dar. Eine Entschuldigung dafür steht bis heute aus.

2G vor dem Altar

Der problematischste Punkt war erreicht, als diese Logik unmittelbar vor den Kirchentüren nicht mehr Halt machte. Je nach Diözese und Gottesdienst galten zeitweise 3G-, 2G-, 3G+- oder 2G+-Regelungen. Ende 2021 führte beispielsweise das Bistum Limburg flächendeckend 3G für Gottesdienste ein. Im Erzbistum Berlin setzte man in der Advents- und Weihnachtszeit weitgehend auf 2G, auch wenn daneben Gottesdienste unter anderen Bedingungen ermöglicht wurden. Man muss sich die Absurdität dieser Situation heute noch einmal vergegenwärtigen. Die Kirche feierte Weihnachten. Sie verkündete die Botschaft, dass Gott Mensch geworden ist und Christus für alle Menschen gekommen ist. Und zugleich konnte vor der Kirchentür der Impf- oder Genesenenstatus darüber entscheiden, unter welchen Bedingungen jemand die heilige Messe besuchen durfte.

Ausgerechnet der Zugang zum Altar wurde in Kategorien einer gesundheitspolitischen Zugangsordnung gedacht. Wie konnte das geschehen? Wie ließ sich das sakramententheologisch rechtfertigen? Wo verlief die Grenze zwischen legitimer Vorsorge und einem unzulässigen Eingriff in das Recht der Gläubigen auf die Sakramente? Man könnte meinen, eine Kirche, die seit Jahren ganze Akademietagungen über Fragen der Teilhabe und Ausgrenzung veranstaltet, müsste sich gerade für diese Fragen interessieren. Doch darüber hört man nichts.

Wo bleibt die synodale Aufarbeitung?

Das Schweigen wirkt umso befremdlicher, als die katholische Kirche in Deutschland seit Jahren beinahe ununterbrochen über sich selbst spricht. Es gibt Synodalversammlungen, Synodalforen, Kommissionen, Arbeitsgruppen, Dialogveranstaltungen und Beteiligungsprozesse. Man diskutiert Macht, Sexualmoral, Frauenordination, Geschlechtergerechtigkeit, kirchliche Ämter und immer neue Strukturmodelle. Kaum etwas scheint zu grundsätzlich zu sein, um es nicht noch einmal zur Debatte zu stellen. Nur die Corona-Zeit scheint für diese Lust am Dialog nicht zu existieren.

Wo sind die Anhörungen der Menschen, die sich damals von ihrer Kirche im Stich gelassen fühlten? Wo sprechen die Angehörigen jener Katholiken, die ohne die Sakramente starben? Wo kommen Gläubige zu Wort, die wegen ihres Impfstatus Schwierigkeiten hatten, eine Messe zu besuchen? Wo wird untersucht, ob Bischöfe und kirchliche Funktionäre überhaupt das Recht hatten, eine bestimmte medizinische Entscheidung mit der christlichen Nächstenliebe zu identifizieren? Inwiefern hat die Kirche auch jene Gläubigen auf dem Gewissen, die sich – in vermeintlichem kirchlichen Gehorsam impfen ließen und heute wegen der Nebenwirkungen der mRNA-Injektion nicht mehr leben, in den Suizid getrieben wurden oder schwer krank sind? Und vor allem: Wo ist die theologische Auseinandersetzung mit der Frage, warum die Kirche in der größten gesellschaftlichen Krise seit Jahrzehnten so wenig Eigenständigkeit gegenüber dem Staat zeigte? Eine Kirche, die das „Zuhören“ inzwischen fast zum theologischen Leitbegriff erhoben hat, hört ausgerechnet hier nicht hin.

Wie kann das sein? Vielleicht ist der eigentliche Grund, warum die Aufarbeitung so schwerfällt, einer der an die Substanz geht. Denn die Corona-Jahre haben eine unangenehme Frage sichtbar gemacht: Was hält die deutsche Kirche selbst eigentlich noch für unverzichtbar? Woran glauben ihre Vertreter überhaupt noch? Haben sie noch ein gewissen, wenn es darum geht, bei den Mächtigen mitmischen zu dürfen und so ihre finanziellen Pfründe zu beewahren?

Supermärkte mussten offen bleiben. Behörden mussten funktionieren. Das Gesundheitssystem musste aufrechterhalten werden. All das war notwendig. Doch die öffentliche Feier der heiligen Messe konnte ausfallen. Der Empfang der Sakramente konnte eingeschränkt werden. Der Zugang zu Sterbenden konnte unterbleiben. Und später konnte sogar der Zutritt zu Gottesdiensten von gesundheitspolitischen Nachweisen abhängig gemacht werden. Eine Kirche, die jahrzehntelang davon gesprochen hatte, „an die Ränder“ zu gehen, zog sich in einer Stunde großer Angst selbst zurück.

Wann endlich?

Das alles liegt inzwischen sechs Jahre zurück. Niemand verlangt, die gesellschaftlichen Kämpfe von 2020 und 2021 endlos fortzuführen. Aber gerade wer Versöhnung möchte, muss zuvor bereit sein, über Verantwortung zu sprechen. Die deutschen Bischöfe verlangen von Gesellschaft und Politik regelmäßig Erinnerung, Aufarbeitung und selbstkritische Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. Das ist gelegentlich sogar berechtigt. Doch derselbe Maßstab muss auch für die Kirche selbst gelten. Und zwar auch, was die jüngere Vergangenheit bzw. ihre eigene Vergangenheit betrifft. Dann kommen diese Kleriker auch nicht um die Frage herum: Was geschieht mit einer Kirche, wenn sie in einer existentiellen Krise Gesundheitsschutz praktisch höher gewichtet als ihre sakramentale Sendung? Wie weit hat die Kirche da das christliche Menschenbild durch das materialistische des Transhumanismus ersetzt? Und was sagt es über diese Kirche aus, wenn sie anschließend nicht einmal bereit ist, darüber zu sprechen?

Vielleicht wäre genau dies einmal ein Thema für echte Synodalität: nicht die nächste Strukturreform im Konflikt mit dem Vatikan, nicht das nächste Funktionärspapier, nicht die hundertste Debatte über kirchliche Macht. Sondern die Menschen, die vor verschlossenen Kirchentüren standen. Die Alten, die keinen Priester sehen konnten. Die Gläubigen, die wegen ihres Impfstatus ausgegrenzt wurden. Die Sterbenden, die ohne die Sakramente blieben. Und die vielen Menschen, die sich von der Kirche, ja vielleicht sogar vom Glauben abgewandt haben, weil sie den Eindruck gewinnen mussten, dass dessen amtliche Vertreter diesen längst verlassen haben.

Wann werden Deutschlands Corona-Bischöfe Rechenschaft ablegen?

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David Berger
David Bergerhttps://philosophia-perennis.com/
David Berger (Jg. 1968) war nach Promotion (Dr. phil.) und Habilitation (Dr. theol.) viele Jahre Professor im Vatikan. Zahlreiche Veröffentlichungen zur Philosophie und Theologie des Mittelalters. Seit 2016 Blogger (philosophia-perennis) und freier Journalist (u.a. für die Die Zeit, Junge Freiheit, The European).

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