Sardinienurlaub: Je weiter Spahn von Berlin entfernt ist, desto billiger wird es für Deutschland

(David Berger) Leihmutterschaft für andere strafbar, für das eigene Familienglück praktisch; Bundestag für andere Arbeitsplatz, für Jens Spahn gerade verzichtbar: Während Berlin auf ihn wartet, genießt der CDU-Mann mit Ehemann und dem frisch erworbenen Baby Sardinien. Der Postillon meldet bereits 517 Millionen Euro Ersparnis – PP fragt sich deshalb: Können wir es uns überhaupt noch leisten, diesen Mann nach Deutschland zurückzulassen?

Es gibt Nachrichten, bei denen selbst der Satiriker kurz innehält und sich fragt, ob er überhaupt noch gebraucht wird. Jens Spahn gehört seit Jahren zu den zuverlässigsten Lieferanten solcher Nachrichten. Nun hat es ihn nach Sardinien verschlagen – ausgerechnet während einer Sitzungswoche des Deutschen Bundestages. Während andere Abgeordnete sich mit jener lästigen Nebentätigkeit beschäftigen, für die sie der Steuerzahler alimentiert, nämlich parlamentarischer Arbeit, widmet sich der frühere Unionsfraktionschef höheren Aufgaben: Sonne, Familie und mediterraner Kontemplation.

Der Postillon hat daraus bereits die einzig angemessene wirtschaftspolitische Schlussfolgerung gezogen: Spahns Abwesenheit spare Deutschland 517 Millionen Euro. Denn solange der Mann auf Sardinien sitzt, könne er kein Geld für irgendwelche überraschend teuren Anschaffungen ausgeben. Ein lebenslanger Urlaub Spahns, so die Pointe, wäre selbst bei einer Million Euro Taschengeld im Monat noch günstiger für den Steuerzahler.

Das soll Satire sein. Das Erschreckende daran ist nur: Bei Jens Spahn muss man diesen Hinweis inzwischen ausdrücklich dazuschreiben. Die Wirklichkeit besitzt nämlich selbst einen ausgeprägten Sinn für schwarzen Humor. Noch vor wenigen Jahren hätte man folgende Geschichte einem Kabarettisten zurückgewiesen, weil sie zu dick aufgetragen sei: Ein deutscher Spitzenpolitiker spricht sich gegen Leihmutterschaft aus, wird später selbst mit seinem Ehemann mithilfe einer Leihmutter in den USA Vater und verbringt schließlich während einer Sitzungswoche des Bundestages Familienurlaub auf Sardinien. Wer so etwas als Drehbuch bei einer öffentlich-rechtlichen Redaktion einreichte, bekäme vermutlich den Hinweis zurück: „Bitte etwas lebensnäher.“

Doch bei Spahn wird das Unwahrscheinliche zuverlässig zur Biographie

Man muss sich die Szenerie nur noch ein wenig weiterdenken. Vor der Küste Sardiniens liegt eine weiße Yacht, irgendwo läuft italienischer Rap, Aperolgläser klirren, und der ehemalige Gesundheitsminister erklärt einem verständnislosen Kellner, warum eine Flasche Vermentino, die normalerweise 18 Euro kostet, bei einer Bestellung durch das Bundesgesundheitsministerium durchaus 947 Euro kosten kann. Der Kellner nickt höflich. Er hat Deutsche im Urlaub erlebt. Er weiß, wann Nachfragen zwecklos sind.

Das Kind schläft derweil hoffentlich friedlich und sollte aus der politischen Häme vollständig herausgehalten werden. Es kann schließlich am wenigsten dafür, in welches deutsche Politdrama es hineingeboren wurde. Satirisch interessant sind ausschließlich die Erwachsenen – und insbesondere jene erstaunliche politische Begabung, moralische Grundsätze so lange hochzuhalten, bis das eigene Leben eine Ausnahme benötigt. Denn genau darin liegt das eigentlich Spahnhafte: Regeln sind eine wunderbare Sache. Für andere.

Man könnte darin sogar ein neues christdemokratisches Grundsatzprogramm erkennen. Leihmutterschaft? Problematisch – außer man braucht selbst eine. Sitzungswoche? Wichtig – außer Sardinien ruft. Haushaltsdisziplin? Unverzichtbar – solange Jens Spahn nicht einkaufen geht. Und politische Verantwortung? Selbstverständlich. Man muss nur rechtzeitig eine Abwesenheitsnotiz hinterlassen. Immerhin war Spahns Fehlen nach Medienberichten entschuldigt. Das unterscheidet den deutschen Parlamentarismus wohltuend von einer gewöhnlichen Arbeitsstelle. Dort könnte die Mitteilung „Chef, ich komme diese Woche nicht, ich bin mit der Familie auf Sardinien“ zu Rückfragen führen. Im Bundestag genügt offenbar die wesentlich elegantere Kategorie „entschuldigt“. Man darf sich Deutschland überhaupt als eine gigantische Schule vorstellen, in der 84 Millionen Menschen arbeiten, Steuern zahlen und Rechnungen begleichen, während die politische Klasse gelegentlich einen Zettel von Mutti mitbringt.

517 Millionen Euro gespart

Vielleicht sollten wir Spahn allerdings dankbar sein. Deutschland hat in den vergangenen Jahren Milliarden ausgegeben, um Wirtschaftswachstum zu erzeugen, Bürokratie abzubauen und den Bundeshaushalt zu sanieren. Niemand kam auf die einfachste Lösung: Jens Spahn muss Urlaub machen. Der Postillon beziffert die Ersparnis auf 517 Millionen Euro. Das eröffnet völlig neue Perspektiven. Drei Wochen Sardinien – 517 Millionen. Zwei Monate Malediven – vielleicht schon eine Milliarde. Ein Sabbatjahr auf Bora Bora könnte die Schuldenbremse retten. Und sollte Spahn sich irgendwann entschließen, seinen Lebensabend auf einer abgelegenen Südseeinsel ohne Telefon, Internetanschluss und Zugang zu öffentlichen Beschaffungsverfahren zu verbringen, wäre möglicherweise sogar der Bundeshaushalt ausgeglichen. Christian Lindner hätte für solche Sparprogramme einst PowerPoint-Präsentationen gebraucht. Jens Spahn benötigt nur eine Badehose.

Bleibt die Frage, was auf Sardinien eigentlich geschieht. Hier muss die Satire übernehmen, weil die Realität noch keine ausreichenden Informationen liefert. Vielleicht wird am Abend mit italienischen Rappern eine große Schems-Party gefeiert, bei der Champagnerflaschen grundsätzlich erst nach Vorlage eines Beratervertrages geöffnet werden. Vielleicht gibt es am Eingang Doggy-Masken – bestellt zum historischen Stückpreis. Vielleicht hängt über der Tanzfläche ein Schild:

„2G – geimpft oder gekauft.“

Und irgendwann gegen drei Uhr morgens steht Jens Spahn auf der Terrasse, schaut über das Mittelmeer und denkt darüber nach, was Deutschland jetzt braucht. Hoffentlich kommt ihm nichts in den Sinn. Denn solange Jens Spahn Urlaub macht, besteht immerhin eine Chance, dass der Bundeshaushalt sich erholt. Deshalb sollte Friedrich Merz jetzt nicht kleinlich sein und der Bundesrechnungshof nicht kleinlich sein, wenn die Schems-Rechnungen als Spesenausgaben veranlagt werden. Keine Rückrufaktion nach Berlin, keine mahnenden Worte, keine Forderung nach mehr Präsenz im Bundestag.

Im Gegenteil: Der Kanzler sollte handeln. Ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss könnte zunächst klären, welche Insel den größten volkswirtschaftlichen Abstand zwischen Jens Spahn und dem deutschen Steuerzahler ermöglicht. Sardinien ist schon gut. Australien wäre besser. Vielleicht findet sich sogar noch ein staatliches Förderprogramm. Bei Jens Spahn könnte es die erste Subvention der jüngeren deutschen Geschichte sein, die sich tatsächlich rechnet.

***

Wir verzichten auf Paywall und aufdringliche Pop-Ups – Bitte vergessen Sie uns trotzdem nicht: Ohne Ihre Hilfe kann hier kein einziger Satz erscheinen:

PAYPAL (Stichwort Schenkung)

Oder per Überweisung auf

David Berger, IBAN: DE44 1001 0178 9608 9210 41 – BIC REVODEB2 – Stichwort: Schenkung

ÜBERWEISUNG (Stichwort: Schenkung)


Entdecke mehr von Philosophia Perennis

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

David Berger
David Bergerhttps://philosophia-perennis.com/
David Berger (Jg. 1968) war nach Promotion (Dr. phil.) und Habilitation (Dr. theol.) viele Jahre Professor im Vatikan. Zahlreiche Veröffentlichungen zur Philosophie und Theologie des Mittelalters. Seit 2016 Blogger (philosophia-perennis) und freier Journalist (u.a. für die Die Zeit, Junge Freiheit, The European).

Trending

VERWANDTE ARTIKEL