Als Europa noch wusste, was es verteidigte: Louis de Wohls „Der Sieger von Lepanto“ ist wieder da

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(David Berger) Louis de Wohls „Der Sieger von Lepanto“ erscheint – pünktlich zum 7. Oktober – nach siebzig Jahren neu – ein großer historischer Roman über Don Juan d’Austria, die Seeschlacht von Lepanto und eine Vorstellung vom Abendland, die unserer Gegenwart fremd geworden ist. Ein neues Vorwort von Eduard von Habsburg-Lothringen macht die Wiederentdeckung zusätzlich lesenswert.

Manchmal genügt schon der Untertitel eines alten Buches, um zu erkennen, wie sehr sich die Zeiten geändert haben. Louis de Wohls Roman „Der Sieger von Lepanto“ trägt den Untertitel: „Roman um das gemeinsame abendländische Schicksal“. „Abendländisches Schicksal“ – welcher deutsche Verlag würde heute noch wagen, einen neuen Roman so anzukündigen? Als das Buch 1956 erstmals auf Deutsch erschien, war das Wort „Abendland“ keineswegs exotisch. Es bezeichnete mehr als eine Himmelsrichtung: eine geschichtlich gewachsene Zivilisation, geprägt von griechischer Philosophie, römischem Recht und vor allem vom Christentum. Europa konnte politisch zerstritten sein und war es meistens auch. Dennoch gab es das Bewusstsein, einer gemeinsamen Kultur anzugehören.

Siebzig Jahre später bringt der Renovamen-Verlag den Roman als unveränderten Nachdruck der Ausgabe von 1956 wieder heraus – passenderweise zum Rosenkranzfest, das untrennbar mit dem Sieg von Lepanto verbunden ist. Einen besonderen Reiz erhält die Ausgabe durch ein neues Vorwort von Eduard von Habsburg-Lothringen. Er schreibt nicht als distanzierter Literaturwissenschaftler, sondern als jemand, den Louis de Wohl seit seiner Jugend begleitet hat – und natürlich als Angehöriger jener Dynastie, der auch Don Juan entstammte.

Habsburg erzählt, wie seine Eltern ihm als Jungen de Wohls Romane „Das ruhelose Herz“ über Augustinus und „Licht über Aquino“ über Thomas von Aquin schenkten. Beide seien für ihn „Leuchttürme auf meinem Weg“ geworden. Später studierte er selbst thomistische Philosophie und promovierte darüber. Vor allem aber hält er fest: Beide Bücher hätten seinen Glauben vertieft. Das ist keine schlechte Wirkung für historische Romane.

Ein Kaisersohn auf dem Weg nach Lepanto

(c) Sailko, CC BY 3.0 <https://creativecommons.org/licenses/by/3.0>, via Wikimedia Commons

Im Mittelpunkt steht eine der faszinierendsten Gestalten des 16. Jahrhunderts: Don Juan d’Austria, unehelicher Sohn Kaiser Karls V. und Halbbruder des spanischen Königs Philipp II. De Wohl macht daraus keinen historischen Vortrag, sondern erzählt eine Geschichte. Wir erleben einen jungen Mann, der seinen Platz in einer Welt finden muss, in der Herkunft, Dynastie, Ehre und Religion über das Schicksal eines Menschen entscheiden können. Um ihn herum entfaltet sich das Spanien Philipps II. mit seinen Intrigen, Liebschaften und Machtkämpfen. Da ist der unglückliche Don Carlos, Sohn Philipps II., da ist die schillernde Fürstin von Eboli, da sind Hofleute, Soldaten, Diplomaten und Geistliche. Über allem steht die Frage, was aus jenem jungen Mann werden soll, der zwar das Blut eines Kaisers in den Adern trägt, aber nicht dessen legitimer Sohn ist.

Gerade hier zeigt sich jene erzählerische Fähigkeit, die Eduard von Habsburg an de Wohl bewundert: Er lasse eine vergangene Epoche mit ihren Menschen und ihrem komplizierten Beziehungsgeflecht so lebendig werden, dass historische Figuren dem Leser beinahe zu Bekannten werden. Bei seiner späten ersten Lektüre des „Siegers von Lepanto“ habe ihn erneut erstaunt, wie de Wohl Juan, Philipp II. und Pius V. zu Gestalten aus Fleisch und Blut macht und zugleich die große europäische Geschichte erzählt. Die Geschichte führt schließlich nach Lepanto. Das Osmanische Reich befindet sich im 16. Jahrhundert auf dem Höhepunkt seiner Macht. Konstantinopel ist längst gefallen, auf dem Balkan haben sich die Osmanen weit nach Europa vorgeschoben, im Mittelmeer kämpfen christliche und muslimische Mächte um die Vorherrschaft. 1570 greifen die Osmanen Zypern an. Die Eroberung der Insel und insbesondere das grausame Ende des venezianischen Befehlshabers Marcantonio Bragadin erschüttern Europa.

Papst Pius V. versucht daraufhin, die zerstrittenen katholischen Mächte zu einem gemeinsamen Vorgehen zu bewegen. Spanien und Venedig verfolgen unterschiedliche Interessen, überall gibt es Misstrauen, Eifersucht und politischen Eigennutz. Trotzdem entsteht die Heilige Liga, und an die Spitze ihrer Flotte tritt ein Mann, der gerade einmal 24 Jahre alt ist: Don Juan d’Austria. Am 7. Oktober 1571 treffen die Flotten im Golf von Patras aufeinander. Hunderte Schiffe und Zehntausende Männer kämpfen in einer Schlacht von kaum vorstellbarer Grausamkeit. Auch Miguel de Cervantes, der spätere Autor des „Don Quijote“, kämpft auf christlicher Seite und wird schwer verwundet. De Wohl kennt den Ausgang, und seine Leser kennen ihn ebenfalls. Trotzdem funktioniert der Roman, denn die eigentliche Spannung besteht nicht nur darin, ob Don Juan die Osmanen besiegen wird, sondern ob die untereinander zerstrittenen Christen überhaupt fähig sein werden, gemeinsam zu handeln.

Ein Held, der nicht aus unserer Zeit stammt

Don Juan ist bei de Wohl kein moderner Mensch in historischer Verkleidung. Er glaubt an Gott und an Ehre, er kennt Pflichten, die über seinen persönlichen Wünschen stehen. Kirche, Sünde, Treue und Opfer sind für ihn keine abstrakten Begriffe. De Wohl entschuldigt diese Welt nicht vor dem modernen Leser und erklärt nicht alle paar Seiten, dass die Menschen des 16. Jahrhunderts leider noch nicht die Anschauungen des 21. Jahrhunderts besaßen. Er lässt sie Menschen ihrer Zeit sein.

Das bedeutet nicht, dass Don Juan als Heiliger dargestellt wird. Er ist ehrgeizig und leidenschaftlich, kennt Versuchungen, Enttäuschungen und den Wunsch nach Ruhm. Doch er wächst an einer Aufgabe, die größer ist als seine privaten Wünsche. Schon eine amerikanische Rezension des Jahres 1956 erkannte darin ein entscheidendes Motiv des Romans: Don Juan als zum Dienst berufener Soldat der Kirche. Auch Philipp II. erscheint nicht als die bekannte Karikatur des finsteren katholischen Fanatikers, sondern als komplizierter Herrscher – reserviert, streng und misstrauisch, zugleich intelligent und von seiner Verantwortung überzeugt.

Wie sorgfältig de Wohl Don Juans Lebensweg auf Lepanto hin komponiert, hebt auch Habsburg hervor. Schon als Junge erklärt sich Jerome – der spätere Don Juan – beim Spiel zum „Anführer der Christen“. Später weiß er, dass er Gottes Streiter sein will. Nach Lepanto führt de Wohl den Sieger gedanklich zu diesem Kind zurück. Am Ende steht die Einsicht: „Gott hat gesiegt, nicht wir.“ Der militärische Triumph wird damit zur Antwort auf die Frage, wozu dieses Leben bestimmt war.

Natürlich kann man „Der Sieger von Lepanto“ einfach als Abenteuerroman lesen. Intrigen, Schlachten, Liebe, Macht und Verrat gibt es reichlich. Doch der eigentliche Held des Romans ist größer als Don Juan: Es ist das christliche Abendland selbst. Nicht als Idylle. De Wohls Christenheit ist zerstritten. Ihre Fürsten denken an ihre Interessen, Venedig misstraut Spanien und Spanien Venedig; selbst angesichts einer gewaltigen äußeren Bedrohung verschwinden Eitelkeiten und Rivalitäten nicht. Und dennoch gibt es etwas, das größer ist. Als es darauf ankommt, entsteht aus Spaniern, Venezianern, päpstlichen Truppen und weiteren Verbündeten eine gemeinsame Flotte, nicht weil diese Menschen ihre Unterschiede vergessen hätten, sondern weil sie wissen, dass es etwas gibt, das sie gemeinsam verteidigen müssen. Gerade hier erhält der Roman seine Aktualität. Unsere Gegenwart spricht gern von „europäischen Werten“. Welche Werte damit genau gemeint sind und woher sie stammen, bleibt meist im Ungefähren. Louis de Wohl hätte diese Sprachlosigkeit kaum verstanden. Sein Europa besitzt eine Geschichte, eine Religion und ein kulturelles Gedächtnis. Es beginnt nicht mit den Bürgern aufgedrängten europäischen Institutionen und erschöpft sich nicht in Binnenmarkt, Freizügigkeit und gemeinsamen Verordnungen. Es ist Abendland.

Man muss de Wohls Sicht nicht in jedem Detail teilen. Don Juan wird bisweilen stark idealisiert, manches ist mit kräftigen Farben gemalt, und die psychologischen Grautöne moderner Romane stehen nicht im Vordergrund. Aber de Wohl besitzt etwas, das vielen historischen Romanen unserer Zeit fehlt: Er hat keine Angst vor großen Themen – Glaube und Macht, Liebe und Tod, Treue und Verrat, Krieg und Frieden und schließlich das Schicksal Europas.

Als die Christenheit gemeinsam kämpfte

Für Katholiken besitzt der 7. Oktober noch eine andere Bedeutung. Während die Flotten aufeinander zufuhren, wurde in Europa für den Sieg gebetet. Papst Pius V. rief zum Gebet auf, und der Rosenkranz verband sich dauerhaft mit der Erinnerung an Lepanto. Der Sieg wurde der Fürsprache der Gottesmutter zugeschrieben; Pius V. führte ein Fest Unserer Lieben Frau vom Siege ein, aus dem unter Gregor XIII. das Rosenkranzfest wurde. Auch darin zeigt sich, wie fremd uns die Welt de Wohls geworden ist. Für die Menschen, von denen er erzählt, verlief zwischen Politik, Krieg und Religion keine hermetische Grenze. Sie konnten militärisch planen, Kanonen zählen und Flottenbewegungen berechnen und zugleich davon überzeugt sein, dass über allen menschlichen Entscheidungen die Vorsehung Gottes steht.

Eduard von Habsburg hebt in seinem Vorwort besonders die Rolle Pius‘ V. hervor. Bei de Wohl ist der Papst weit mehr als eine historische Nebenfigur. Er ist der geistliche Motor der Heiligen Liga. Spanier, Venezianer, Genuesen und päpstliche Truppen misstrauen einander beinahe ebenso sehr wie dem gemeinsamen Gegner. Dass sie überhaupt gemeinsam auslaufen, grenzt an ein Wunder. Und Pius hält an dem Bündnis und an dem jungen Don Juan als Oberbefehlshaber fest: „Deus lo vult.“  Dabei verfällt Habsburg gerade nicht der Versuchung, Lepanto historisch zu überhöhen. Das Osmanische Reich war nach dem 7. Oktober 1571 keineswegs besiegt. Bald stand wieder eine mächtige osmanische Flotte im Mittelmeer, während die Heilige Liga selbst auseinanderfiel. Aber eine große osmanische Flotte war in offener Schlacht vernichtend geschlagen worden, Tausende christliche Galeerensklaven waren frei, und vor allem war der Nimbus der Unbesiegbarkeit zur See zerbrochen. Für einen kurzen Augenblick zeigte sich, „welche Macht eine geeinte Christenheit entfalten konnte“.

Im Hintergrund des Romans ist dabei G. K. Chesterton kaum zu übersehen. Sein berühmtes Gedicht „Lepanto“ von 1911 machte Don Juan zum „last knight of Europe“, zum letzten Ritter Europas. Man hat de Wohl deshalb eine zu große Nähe zu Chestertons Geschichtsbild vorgeworfen. Doch gerade darin liegt auch die Kraft seines Romans. Beide Autoren sehen in Lepanto nicht lediglich eine Seeschlacht zwischen konkurrierenden Großmächten, sondern einen Augenblick, in dem Europa erkennt, dass es trotz aller inneren Zerrissenheit eine gemeinsame Herkunft und ein gemeinsames Erbe besitzt.

Als „Der Sieger von Lepanto“ 1956 auf Deutsch erschien, wurde das Buch durchaus wahrgenommen. Selbst die traditionsreiche Zeitschrift „Die Friedens-Warte“ widmete ihm 1957/58 eine Rezension. Auch im englischsprachigen Raum fanden zeitgenössische Kritiker Gefallen an de Wohls Verbindung von historischem Roman und christlicher Geschichtsdeutung.

Als Europa noch wusste, was es war

Heute kehrt das Buch in eine völlig andere Welt zurück. Als de Wohl seinen Roman schrieb, musste er kaum erklären, was er unter dem Abendland verstand. Der Begriff gehörte zum geistigen Wortschatz der Nachkriegszeit. Noch weniger musste er einem christlichen Publikum erläutern, weshalb Europa ohne seine christliche Geschichte nicht zu verstehen ist. Gerade deshalb liest sich „Der Sieger von Lepanto“ heute stellenweise wie eine Flaschenpost aus einer untergegangenen Welt. Die Männer der Heiligen Liga waren untereinander zerstritten, verfolgten eigene Interessen und handelten keineswegs immer aus edlen Motiven. Aber im entscheidenden Augenblick wussten sie noch, was sie gemeinsam verteidigten.

Darin liegt die Frage, die der Roman über die Jahrhunderte hinweg an unsere Gegenwart stellt: Kann eine Zivilisation überleben, wenn sie nicht mehr weiß, was sie ist? Eduard von Habsburg-Lothringen beschließt sein Vorwort mit einem Satz, der beinahe über der gesamten Neuausgabe stehen könnte: „Wir sind eben doch Zwerge auf den Schultern von Riesen.“ Zuvor gesteht er mit sympathischem Familienstolz, nach der Lektüre noch stolzer auf sein „großes, mutiges, tiefgläubiges Familienmitglied“ geworden zu sein.  Doch der Satz von den Zwergen und Riesen reicht weit über die Familie Habsburg hinaus. Er trifft auch das Problem unserer Gegenwart. Wir stehen noch immer auf den Schultern dieser europäischen Geschichte – nur wollen wir häufig nicht mehr wissen, wem wir unsere Höhe verdanken.

Louis de Wohls „Der Sieger von Lepanto“ erzählt von einer großen Schlacht, von einem jungen Kaisersohn und von einem Europa, das trotz aller Gegensätze noch ein gemeinsames kulturelles und religiöses Gedächtnis besaß. Dass Renovamen diesen Roman siebzig Jahre nach seinem ersten Erscheinen wieder zugänglich macht, ist deshalb mehr als literarische Archäologie. Es ist die Wiederbegegnung mit einer Vorstellung, die unserer Gegenwart weitgehend abhandengekommen ist: Europa als Abendland – und das Abendland als eine Zivilisation, die einmal wusste, woher sie kam und was sie verteidigen wollte.

Louis de Wohl: Der Sieger von Lepanto. Roman um das gemeinsame abendländische Schicksal – GTIN: 9783956211836. Renovamen Verlag – Festeinband. Mit einem Vorwort von Eduard von Habsburg-Lothringen, 24,00 €.  Hier bestellen.

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