(David Berger) Katholische Eltern in Hamburg haben sich gegen die Einführung umstrittener Gender- und Sexualpädagogik an den katholischen Schulen des Erzbistums gewehrt und schließlich Papst Leo XIV. um Hilfe gebeten. Nun kommt eine Antwort aus Rom: Der Vatikan bestätigt ausgerechnet jenes kirchliche Dokument, das in zentralen Punkten der Hamburger Linie widerspricht. Doch Konsequenzen zieht Rom daraus nicht. Die neuen Leitlinien sollen morgen trotzdem in Kraft treten.
Philosophia Perennis hatte erst vor wenigen Tagen ausführlich über den inzwischen bis nach Rom getragenen Konflikt berichtet. Unter der Überschrift „Eltern rufen Papst Leo zur Hilfe: Stoppt die Gender-Ideologie an Hamburgs katholischen Schulen!“ schilderte PP den verzweifelten Versuch katholischer Eltern, die Einführung des neuen sexualpädagogischen Rahmenkonzepts im Erzbistum Hamburg noch zu verhindern. Der Streit dreht sich um das 33 Seiten umfassende Papier „Männlich, weiblich, divers: Rahmenkonzept für die Sexualpädagogik an den katholischen Schulen im Erzbistum Hamburg“. Ab dem 20. August soll es an den 15 katholischen Schulen des Erzbistums gelten.
Das Konzept propagiert nach dem Bericht von AdVaticanum ausdrücklich die „Akzeptanz von Vielfalt“ hinsichtlich sexueller Orientierung und Geschlechtsidentität. Zur sogenannten geschlechtlichen Vielfalt werden neben Mann und Frau auch Transidentität, Intersexualität und nichtbinäre Identität gerechnet. Zudem wird davon ausgegangen, dass das biologische Geschlecht nicht notwendig mit der sozialen Geschlechtsidentität übereinstimmen müsse. Schüler sollen sich auch mit rechtlichen Regelungen zu „diverser“ Geschlechtsidentität und Transition beschäftigen.
Die Eltern beließen es deshalb nicht bei Protesten in Hamburg. Bereits im Februar übergaben sie über den Apostolischen Nuntius eine Petition an Papst Leo XIV. Darin baten sie den Papst ausdrücklich darum, die Initiative zu stoppen und „den Glauben und die Reinheit unserer Kinder“ zu schützen. Zusätzlich wurde eine kirchenrechtliche Beschwerde gegen den Hamburger Erzbischof Stefan Heße beim Dikasterium für die Bischöfe eingereicht.
Rom bestätigt ausgerechnet die traditionelle Lehre
Nun gibt es tatsächlich eine Antwort aus dem Vatikan. Und deren Inhalt ist eigentlich eindeutig. Msgr. Matthias Ambros, Untersekretär des Dikasteriums für Kultur und Bildung, teilte den Eltern mit, das Dikasterium bestätige, dass hinsichtlich möglicher Richtlinien für die Sexualerziehung weiterhin die Position maßgeblich sei, die im vatikanischen Dokument „Als Mann und Frau schuf er sie“ aus dem Jahr 2019 niedergelegt wurde. Das ist keineswegs eine belanglose bürokratische Floskel. Denn dieses Dokument vertritt in wesentlichen anthropologischen Fragen genau jene katholische Position, deren Verwässerung die Hamburger Eltern beklagen. Das Dokument der damaligen Kongregation für das katholische Bildungswesen warnt ausdrücklich vor einer Gender-Theorie, die die natürliche Verschiedenheit und wechselseitige Bezogenheit von Mann und Frau leugnet. Grundlage der christlichen Anthropologie bleibt der Schöpfungsbericht: „Als Mann und Frau schuf er sie.“ Der Mensch besitzt eine Natur, die er respektieren muss und über die er nicht nach Belieben verfügen kann.
Das entspricht auch unverändert dem Katechismus der Katholischen Kirche. Dort heißt es, jeder Mensch – Mann und Frau – müsse seine geschlechtliche Identität anerkennen und annehmen. Die körperliche, moralische und geistige Verschiedenheit und gegenseitige Ergänzung der Geschlechter ist auf Ehe und Familie hingeordnet. Besonders wichtig im Hamburger Streit ist zudem, dass das vatikanische Dokument von 2019 die vorrangigen Rechte und Pflichten der Eltern bei der Erziehung ihrer Kinder hervorhebt. Die Schule soll gegenüber der Familie subsidiär handeln und die Eltern gerade bei Fragen der Sexualerziehung respektieren.
Damit hat Rom den protestierenden Eltern in einem entscheidenden Punkt faktisch bestätigt: Für katholische Schulen kann nicht einfach irgendeine zeitgeistige Anthropologie maßgeblich sein. Es gibt verbindliche katholische Grundsätze.
Und was geschieht nun? Nichts
Doch genau hier beginnt der eigentliche Skandal. Denn während Rom den Eltern mitteilt, dass die traditionelle vatikanische Position weiterhin gilt, stoppt der Vatikan das Hamburger Programm nicht. Keine Aussetzung. Keine Weisung an Erzbischof Heße, die Leitlinien bis zu einer kirchenrechtlichen und lehrmäßigen Prüfung zurückzunehmen. Keine Intervention wenige Tage vor dem Inkrafttreten. Nicht einmal die von den Eltern erbetene Audienz bei Papst Leo XIV. kam zustande.
Das Ergebnis ist geradezu absurd: Rom sagt, welche Lehre für katholische Schulen gilt – und lässt gleichzeitig zu, dass in Hamburg ein Konzept in Kraft tritt, dessen zentrale anthropologische Prämissen offenkundig in Spannung zu eben dieser Lehre stehen. Auch der Vatikan-Korrespondent Nico Spuntoni, auf dessen Recherche sich AdVaticanum beruft, sieht genau hier den entscheidenden Widerspruch: Der Heilige Stuhl bestätigt seine bisherige Position, greift bislang jedoch nicht ein, um das Hamburger Rahmenkonzept zu verhindern.
Was nützt katholischen Eltern die Bestätigung der katholischen Lehre, wenn dieselbe kirchliche Autorität tatenlos zusieht, während an katholischen Schulen etwas anderes praktiziert wird? Es geht schließlich nicht um irgendeine staatliche Gesamtschule, auf deren Lehrpläne Rom naturgemäß keinen unmittelbaren Einfluss besitzt. Es geht um katholische Schulen eines katholischen Erzbistums. Gerade hier müsste die Bezeichnung „katholisch“ mehr sein als ein traditionsreicher Schriftzug am Eingang.
Wenn Eltern ihre Kinder bewusst einer katholischen Schule anvertrauen, dürfen sie erwarten, dass dort auch eine katholische Anthropologie vermittelt wird. Sie dürfen erwarten, dass die Kirche ihr eigenes Menschenbild nicht nur in römischen Dokumenten archiviert, sondern gegenüber ihren eigenen Institutionen verteidigt. Und wenn Eltern schließlich den außergewöhnlichen Schritt gehen, sich bis an den Papst zu wenden, dann ist eine Antwort, die ihnen im Grundsatz Recht gibt, gleichzeitig aber keinerlei praktische Konsequenzen zieht, kaum geeignet, verlorenes Vertrauen zurückzugewinnen.
Die Gender-Leitlinien kommen trotzdem
Genau das macht den Hamburger Fall über den lokalen Konflikt hinaus bedeutsam. Das Problem besteht nicht mehr nur darin, was das Erzbistum Hamburg seinen Schülern vermitteln will. Die entscheidende Frage lautet inzwischen, ob Rom überhaupt noch bereit ist, die eigene Lehre durchzusetzen, wenn sie innerhalb der Kirche offen unter Druck gerät. Und wenn es sich nicht gerade um eine kirchenrechtliche Nuance handelt wie bei den Bischofsweihen der Piusbrüder.
Die Antwort aus dem Dikasterium ist insofern zugleich ermutigend und erschreckend: Ermutigend, weil die katholische Anthropologie von Mann und Frau und das Erziehungsrecht der Eltern ausdrücklich nicht aufgegeben wurden. Erschreckend, weil diese Bekräftigung bislang praktisch folgenlos bleibt. Am morgigen 20. August soll das Hamburger Rahmenkonzept an den 15 katholischen Schulen in Kraft treten. Rom hat gesprochen – aber Hamburg darf offenbar trotzdem machen, was es will. Für die Eltern, die sich hilfesuchend an Papst Leo XIV. gewandt haben, dürfte das die bitterste Botschaft sein.
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