(David Berger) Der Berliner Erzbischof Heiner Koch sprach am Montagabend in der Berliner Pfarrei St. Matthias über den Glauben. In der anschließenden Diskussion fragte ich ihn, ob die massive politische Abgrenzung der Bischöfe von der AfD nicht gerade jene Menschen von der Kirche fernhält, die sich nach Glauben, Ordnung und Verbindlichkeit sehnen. Eine konkrete Antwort erhielt ich nicht. Dafür versprach Koch öffentlich, mit jedem zu sprechen, der seine Haltung nicht verstehe. Mir liegen allerdings Berichte von Katholiken vor, die genau darum bereits vor Monaten gebeten haben – und nicht einmal eine Antwort erhielten.
Am Montagabend, dem 5. Oktober, war der Berliner Erzbischof Heiner Koch in der Pfarrei St. Matthias in Berlin-Schöneberg zu Gast. „Warum wir glauben – wissenschaftlich, theologisch, existentiell“ lautete das Thema. Auf dem Veranstaltungsplakat hieß es: „Vom Glauben, von der Kündigung des Glaubens und von den Kündern des Glaubens.“ Koch sagte an diesem Abend manches Bedenkenswerte über den Glauben, leider mit einer etwas larmoyanten Tendenz. Nur: Wer den Berliner Erzbischof vor allem aus den großen Medien kennt, erfährt davon wenig. Dort erscheint Koch seit geraumer Zeit vor allem als politischer Bischof und als entschiedener Gegner der AfD.
Schon 2024 erklärte er, für ihn sei nicht nachvollziehbar, wie sich eine Mitgliedschaft in der AfD mit der Mitgliedschaft in der katholischen Kirche vereinbaren lasse. Dabei wusste Koch durchaus, dass es in seinem eigenen Erzbistum engagierte Katholiken gibt, die der AfD angehören. Im September dieses Jahres ging er noch einen Schritt weiter. Auf die Frage, ob die Kirche riskieren müsse, dass sich AfD-Wähler aus ihren Gemeinden zurückziehen, antwortete Koch: „Ja, wir müssen dieses Risiko eingehen.“ Als Begründung nannte er Menschenwürde und die Unvereinbarkeit der Gottesliebe mit „völkischem Nationalismus“. Zugleich erklärte er allerdings, die Kirche wolle AfD-Wähler nicht belehren, sondern mit ihnen in den Dialog treten. Genau hier liegt das Problem.
Was ist mit den katholischen AfD-Wählern?
Ich habe Koch deshalb nach seinem Vortrag angesprochen. Nicht, um über Parteiprogramme zu diskutieren, sondern als katholischer Publizist, der viele konservative und AfD-nahe Katholiken kennt. Ich erlebe unter diesen Menschen nicht selten etwas, das im kirchlichen Berlin offenbar kaum wahrgenommen wird: Interesse am katholischen Glauben, Sehnsucht nach einer festen Ordnung, nach einer verbindlichen Moral und nach einer Kirche, die nicht jedem gesellschaftlichen Zeitgeist hinterherläuft. Gerade Menschen, die von der Auflösung überlieferter Bindungen genug haben, können sich für den Katholizismus interessieren.
Und ausgerechnet ihnen vermittelt man den Eindruck, sie seien ein Problemfall, ja unerwünscht. Das ist umso schwerer verständlich, als viele von ihnen gerade bei klassischen naturrechtlichen Fragen Positionen vertreten, die der katholischen Lehre entsprechen: beim Lebensschutz, bei der Ablehnung der Euthanasie, beim Verständnis von Ehe und Familie oder bei der Bedeutung der natürlichen Geschlechterordnung. Natürlich folgt daraus nicht, dass ein Katholik deshalb jede Position der AfD übernehmen müsste. Aber es wirft eine Frage auf, der sich die Bischöfe erstaunlich selten stellen: Warum wird ausgerechnet bei der AfD-Zugehörigkeit die Vereinbarkeit mit dem katholischen Glauben grundsätzlich in Zweifel gezogen?
Wo bleibt dieselbe Schärfe gegenüber katholischen Politikern und Wählern anderer Parteien, wenn diese die Liberalisierung der Abtreibung unterstützen, die traditionelle Ehe relativieren oder bei der assistierten Selbsttötung Positionen vertreten, die mit der katholischen Morallehre kollidieren? Das ist keine Nebensache. Für einen Katholiken geht es bei Abtreibung nicht um eine beliebige politische Geschmacksfrage, sondern um den Schutz unschuldigen menschlichen Lebens.
Meine Frage an Koch
Genau darauf zielte meine Wortmeldung. Ich sagte dem Erzbischof, dass seine theologischen Ausführungen des Abends in den großen Medien kaum vorkämen, seine politischen Äußerungen dagegen umso stärker. Und ich fragte ihn, ob es pastoral klug sei, einen erheblichen Teil der Bevölkerung abzuschrecken – darunter Menschen, die durchaus für den katholischen Glauben ansprechbar wären.
Koch antwortete zunächst, er wisse nicht, ob er tatsächlich so viele Menschen abschrecke. Dann versteckte er sich hinter der gemeinsamen Linie der Bischöfe. In bestimmten Fragen müsse man „die Fahne hochhalten“. Er sprach über Menschenwürde und Antisemitismus und anschließend ausführlich über einen bevorstehenden Gedenkgottesdienst zum Hamas-Überfall auf Israel. Nur hatte ich danach nicht gefragt.
Selbstverständlich ist Antisemitismus abzulehnen. Selbstverständlich besitzt jeder Mensch unabhängig von seiner Herkunft eine unveräußerliche Würde. Das ist katholische Lehre und darüber bestand zwischen Koch und mir überhaupt kein Dissens. Meine Frage lautete vielmehr: Was richtet ein Bischof pastoral an, wenn Katholiken aufgrund ihrer Parteizugehörigkeit den Eindruck gewinnen müssen, in ihrer Kirche eigentlich nicht mehr erwünscht zu sein? Gerade ein Bischof müsste diese Frage ernst nehmen. Denn er ist kein Vorsitzender einer politischen NGO. Er ist Nachfolger der Apostel und Seelsorger der ihm anvertrauten Gläubigen – auch der unbequemen.
„Ich bin bereit, mit ihm zu sprechen“
Dann wurde Koch bemerkenswert konkret. Es gehe ihm nicht um eine Partei, sondern um Inhalte. Über diese Inhalte sei er bereit, mit jedem zu sprechen. Schließlich sagte er: „Wenn einer sagt, ich kann das nicht verstehen und teilen, dann möge er sich immer an mich wenden. Ich bin bereit, mit ihm zu sprechen.“
Ein eindeutiges Versprechen. Nur liegen mir inzwischen mehrere Berichte von Katholiken vor, die genau das getan haben. Sie wandten sich nach eigenen Angaben bereits vor Monaten an den Erzbischof. Einige nicht primär als politische Aktivisten, sondern als Katholiken, die wissen wollten, was die Aussagen ihres Bischofs für sie bedeuten: Kann ich Mitglied der AfD und zugleich ein Katholik in voller Gemeinschaft mit der Kirche sein? Muss ich mir aufgrund meiner Parteimitgliedschaft Sorgen um mein Seelenheil machen? Bin ich in meiner eigenen Kirche noch willkommen? Sie baten um ein kurzes Gespräch. Nach ihren Angaben erhielten sie nicht einmal eine Absage.
Natürlich kann ein Brief im Ordinariat liegen bleiben. Vielleicht hat Koch einzelne Anfragen nie gesehen. Das wäre zu klären. Aber dann sollte gerade nach seiner öffentlichen Aussage vom Montag eine Klärung leicht möglich sein. Denn Koch betont diese Gesprächsbereitschaft keineswegs zum ersten Mal. Noch im September erklärte er im KNA-Interview, das persönliche Gespräch sei „entscheidend“; Menschen müssten erfahren, dass sie in der Kirche über solche Fragen sprechen könnten. Nun gibt es Menschen, die dieses Gespräch tatsächlich suchen.
Ein Bischof ist zuerst Seelsorger
Vielleicht liegt hier das Grundproblem der ganzen Debatte. Deutsche Bischöfe sprechen über AfD-Wähler häufig wie über eine gesellschaftspolitische Herausforderung. Aber unter diesen Wählern befinden sich Getaufte, Firmlinge, regelmäßige Messbesucher, Eltern katholischer Kinder – kurz: Menschen, für deren Seelen ihre Bischöfe Verantwortung tragen. Die Kirche hat zweitausend Jahre lang Sünder nicht dadurch bekehrt, dass sie ihnen erklärte, auf ihre Anwesenheit könne man notfalls verzichten. Sie hat sie gerufen, belehrt, ermahnt, ihnen die Sakramente gespendet und um ihre Seelen gerungen. Umso befremdlicher klingt Kochs Satz, die Kirche müsse das Risiko eingehen, AfD-Wähler zu verlieren.
Denn aus katholischer Sicht ist ein Mensch, der sich wirklich oder aus der Perspektive eines Bischofs von der Kirche entfernt, keine hinzunehmende politische Kollateralschädigung. Und noch etwas fällt auf: Koch selbst sprach erst vor wenigen Tagen in Fulda darüber, dass in Berlin nur noch jedes dritte Kind mit mindestens einem katholischen Elternteil getauft werde. Er bezeichnete diese Entwicklung auf Dauer als bedrohlicher als viele andere kirchliche Probleme. Gleichzeitig erklärt derselbe Erzbischof, man müsse das Risiko eingehen, dass sich ein Teil der eigenen Gläubigen wegen der politischen Positionierung der Kirche abwendet. Diesen Widerspruch hätte ich gerne erklärt bekommen.
Noch am 1. Oktober sagte Koch in seinem „Wort des Bischofs“, Einheit bedeute, den anderen trotz unterschiedlicher politischer Entscheidungen „nicht fallen“ zu lassen. Er sprach vom Gespräch „mit dem, der anders gewählt hat als ich“, und warnte vor Mauern, die aus „Nicht-mehr-Zuhören“ entstehen. Schöner kann man es kaum sagen. Jetzt müsste man es nur noch tun.
Exzellenz, die katholischen AfD-Mitglieder, die seit Monaten auf eine Antwort warten, haben Ihr Gesprächsangebot gehört. Nehmen Sie sich Zeit für sie. Nicht als Politiker – sondern als ihr Bischof.
***

Wir verzichten auf Paywall und aufdringliche Pop-Ups – Bitte vergessen Sie uns trotzdem nicht: Ohne Ihre Hilfe kann hier kein einziger Satz erscheinen:
Oder per Überweisung auf
David Berger, IBAN: DE44 1001 0178 9608 9210 41 – BIC REVODEB2 – Stichwort: Schenkung
ÜBERWEISUNG (Stichwort: Schenkung)
Entdecke mehr von Philosophia Perennis
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.








