AfD-Politiker Tillschneider: „Wir sind mit Abstand die christlichste Partei Deutschlands“

(David Berger) Ausgerechnet eine Partei, die von den Spitzen der katholischen und evangelischen Kirche regelmäßig als Gefahr für die Demokratie dargestellt und von kirchlichen Veranstaltungen ausgeschlossen wird, erhebt nun einen bemerkenswerten Anspruch: Sie sei heute „mit Abstand die christlichste Partei Deutschlands“.

Diese These vertritt der religionspolitische Sprecher der AfD-Landtagsfraktion Sachsen-Anhalt, der konfessionslose Arabist Dr. Hans-Thomas Tillschneider, in einem ausführlichen Interview mit Lukas Steinwandter auf dem christlichen Nachrichtenportal Corrigenda. Tillschneider begründet seine für manches linke Ohr provokante Aussage ausdrücklich nicht mit der persönlichen Religiosität der Parteimitglieder, sondern mit den politischen Positionen der AfD. In den entscheidenden ethischen Fragen – Lebensschutz, Ehe und Familie, Ablehnung der Gender-Ideologie sowie Bewahrung der christlichen Kultur Deutschlands – vertrete seine Partei heute konsequenter christliche Grundüberzeugungen als die meisten anderen politischen Kräfte.

Ähnlich hatte sich schon 2024 die katholische Fürstin Gloria von Thurn und Taxis in einem Interview mit Burkhard Müller-Ullrich (Kontrafunk) geäußert, als sie feststelle, dass die AfD die einzige Partei ist, deren Parteiprogramm noch am ehesten katholischen Grundsätzen entspricht (PP berichtete)

Absage an heidnische Ersatzreligionen

Ebenso deutlich fällt seine Kritik an den beiden großen Kirchen aus. Diese hätten sich, so Tillschneider, zunehmend dem politischen Zeitgeist angepasst und ihren eigentlichen Auftrag aus den Augen verloren. Statt das Evangelium zu verkünden, beschäftigten sich zahlreiche Kirchenvertreter vor allem mit Migration, Klimapolitik oder anderen tagespolitischen Kampagnen. Dadurch hätten sich viele gläubige Christen von ihren Kirchen entfremdet.

Die eigentliche Trennlinie verlaufe heute nicht zwischen Kirche und AfD, sondern zwischen einem klassischen christlichen Menschenbild und einer zunehmend ideologisierten Kirchenpolitik. Besonders interessant ist ein Abschnitt des Interviews, der mit einem immer wieder gegen die AfD erhobenen Vorwurf aufräumt. Kritiker behaupten seit Jahren, in der Partei gebe es starke neuheidnische Strömungen, die das Christentum zurückdrängen wollten.

Auslöser dieser Debatte war ein Antrag auf dem Landesparteitag der AfD Sachsen-Anhalt, christliche Feiertage zugunsten heidnischer Feste abzuschaffen. Tillschneider macht jedoch unmissverständlich deutlich, dass dieser Antrag innerhalb der Partei praktisch keinerlei Unterstützung fand: „Der Antrag wurde mit überwältigender Mehrheit nahezu einstimmig zurückgewiesen. Es gab nur ganz vereinzelte Enthaltungen und Dafür-Stimmen. Ich glaube, es war sogar nur eine Stimme dafür. Ich selbst habe mich dagegen ausgesprochen.“ Ebenso klar weist er den Versuch zurück, Heidentum und Christentum gegeneinander auszuspielen: „Ich halte es für falsch, die heidnische Tradition gegen das Christentum in Stellung zu bringen. Beides hat uns geprägt, wobei uns das Christentum historisch nähersteht als das längst vergangene Heidentum. Über das Verhältnis von Heidentum und Christentum ist deshalb versöhnlich zu sprechen.“

Zur Begründung verweist er darauf, dass das Christentum im Laufe seiner Geschichte selbst zahlreiche kulturelle Elemente der vorchristlichen Zeit aufgenommen habe: „Das Christentum selbst hat von der Benennung des Osterfestes über den Weihnachtsbaum bis hin zur Terminierung der großen Feste viel heidnisches Erbe in sich aufgenommen. So ist ein deutsches Christentum entstanden, das die Gestalt unseres Weges zu Gott bildet.“ Zugleich fügt er ausdrücklich hinzu: „Wenn ich von deutschem Christentum spreche, meine ich nicht die ‚deutschen Christen‘ der NS-Zeit und spiele auch nicht darauf an. Das sei nur prophylaktisch gesagt.“

Auf die Nachfrage, warum Teile seines Landesverbandes dennoch das Christentum zurückdrängen wollten, antwortet er ebenso eindeutig:„Es ist kein Teil, sondern eine ganz isolierte, völlig irrelevante Einzelmeinung ohne Unterstützung im Landesverband.“ Damit weist Tillschneider sehr klar die häufig erhobene Behauptung zurück, antichristliche oder neuheidnische Positionen spielten innerhalb der AfD eine nennenswerte Rolle.

„Deutsches Christentum“?

Gerade an dieser Stelle drängt sich allerdings eine kritische Anmerkung auf. So überzeugend Tillschneider den Versuch zurückweist, Heidentum gegen Christentum auszuspielen, so problematisch bleibt aus katholischer Sicht seine Rede von einem „deutschen Christentum“.

Denn das Christentum ist seinem Wesen nach nicht national, sondern katholisch – das heißt universalkirchlich. Es nimmt unterschiedliche Kulturen auf, prägt sie und lässt sich zugleich von ihnen prägen. Daraus entstehen verschiedene geistliche Traditionen und Frömmigkeitsformen, aber keine unterschiedlichen nationalen Christentümer. Gerade die deutsche Kirchengeschichte zeigt, wie gefährlich der Gedanke eines besonderen deutschen Weges werden kann. Seit dem 19. Jahrhundert hat ein immer wieder aufflammender antiultramontaner Affekt – also die Tendenz, sich von Rom zu emanzipieren und die Kirche stärker an nationale oder politische Vorstellungen anzupassen – den deutschen Katholizismus nachhaltig geprägt. Wir haben hier eine der geistigen Voraussetzungen dafür, dass sich weite Teile der katholischen Kirche in Deutschland heute weit stärker an den links-grünen Zeitgeist anlehnen als an die universale Lehre der Weltkirche. Mit alle den kruden Forderungen nach einer kirchlichen Homo-„Ehe“, Frühsexualisierung, weiblichen Priesterinnen, Queer-Gottesdiensten etc.

Natürlich meint Tillschneider mit seinem Begriff ausdrücklich nicht die Irrwege der „Deutschen Christen“ während der NS-Zeit. Dennoch wäre es theologisch präziser, von der christlichen Prägung Deutschlands oder der abendländischen christlichen Tradition zu sprechen als von einem „deutschen Christentum“. Wer die christlichen Wurzeln Deutschlands verteidigen möchte, sollte zugleich den universalen Charakter der Kirche betonen, der sie gerade davor bewahrt, zum religiösen Arm einer Nation oder einer politischen Bewegung zu werden.

Eine Debatte, der die Kirchen nicht ausweichen können

Unabhängig von dieser theologischen Kritik stellt Tillschneiders Interview die Kirchen vor eine unbequeme Frage: Wie konnte es dazu kommen, dass sich nicht wenige praktizierende Christen heute politisch eher von einer Partei vertreten fühlen, die von den Kirchenleitungen bekämpft wird, als von eben jenen Kirchen selbst?

Dass ein AfD-Politiker den Anspruch erhebt, seine Partei vertrete die christlichen Grundüberzeugungen in Fragen des Lebensschutzes, der Familie und der kulturellen Identität konsequenter als die großen Kirchen, wäre noch vor wenigen Jahren kaum vorstellbar gewesen. Dass diese Behauptung inzwischen weit über die Parteigrenzen hinaus diskutiert wird, sagt womöglich ebenso viel über den Zustand der Kirchen aus wie über den der deutschen Politik.

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David Berger
David Bergerhttps://philosophia-perennis.com/
David Berger (Jg. 1968) war nach Promotion (Dr. phil.) und Habilitation (Dr. theol.) viele Jahre Professor im Vatikan. Zahlreiche Veröffentlichungen zur Philosophie und Theologie des Mittelalters. Seit 2016 Blogger (philosophia-perennis) und freier Journalist (u.a. für die Die Zeit, Junge Freiheit, The European).

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