(David Berger) Steht Friedrich Merz tatsächlich vor seiner letzten Woche als Bundeskanzler? Nach dem historischen Absturz der CDU in Sachsen-Anhalt und unmittelbar vor den Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin wird inzwischen offen über eine Ablösung des Kanzlers gesprochen.
Die Überschrift dieses Beitrags übernimmt bewusst den Titel eines am 14. September 2026 erschienenen Beitrags des Deutschland-Kuriers, der die derzeit kursierenden Spekulationen über einen möglichen Sturz des Bundeskanzlers aufgegriffen hat. Demnach könnte Merz bereits am kommenden Montag nach den Sitzungen von CDU-Präsidium und Bundesvorstand seinen Rücktritt erklären, sollte ihm dort bedeutet werden, dass er das Vertrauen der Parteiführung verloren hat. Bestätigt ist dieser Fahrplan bislang nicht. Doch dass solche Szenarien inzwischen ernsthaft diskutiert werden, zeigt, wie dramatisch die Autorität des Kanzlers geschwunden ist.
Das CDU-Inferno bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt hat die Lage verschärft. Die AfD erreichte 43,8 Prozent, die CDU stürzte auf 17,2 Prozent ab. Merz hatte seinen Kurs immer wieder damit gerechtfertigt, nur eine starke Union könne den Aufstieg der AfD stoppen. Das Ergebnis ist vernichtend: Die AfD triumphiert, die CDU wird zerlegt. Damit stellt sich eine Frage, der die Parteiführung nicht länger ausweichen kann: Was ist die Strategie von Friedrich Merz noch wert, wenn sie die AfD immer stärker und die eigene Partei immer schwächer macht?
Mecklenburg-Vorpommern und Berlin: Das nächste Desaster droht
Am kommenden Sonntag könnte es noch schlimmer werden. In Mecklenburg-Vorpommern sehen aktuelle Umfragen die CDU nur noch bei sechs bis sieben Prozent. Eine einstige Volkspartei kämpft damit faktisch um ihre parlamentarische Existenz. Inzwischen wird Merz dafür aus den eigenen Reihen verantwortlich gemacht. Tino Schomann, stellvertretender Landesvorsitzender der CDU in Mecklenburg-Vorpommern, fordert offen seine Ablösung. Merz sei „der falsche Mann an der Stelle“, breche Versprechen und bringe der Landespartei keinen Rückenwind.
Das ist keine Kritik mehr hinter verschlossenen Türen. Ein führender CDU-Politiker fordert wenige Tage vor einer Landtagswahl offen die Ablösung des eigenen Bundeskanzlers. Gleichzeitig droht der Berliner CDU, die derzeit an Peinlichkeit kaum zu übertreffen ist, der Verlust ihrer Stellung als stärkste Kraft. CDU und Linkspartei kämpfen um Platz eins. Damit könnte die Union ausgerechnet in der Bundeshauptstadt ihre Spitzenposition an die politische Nachfolgepartei der SED verlieren. Für Merz wäre die Kombination verheerend: das historische Debakel in Sachsen-Anhalt, eine CDU am Rande der Bedeutungslosigkeit in Mecklenburg-Vorpommern und womöglich der Verlust von Platz eins in Berlin. Wer danach noch von regionalen Sonderentwicklungen spricht, macht sich unglaubwürdig.
Ronzheimer: Geht nach dem Wahlsonntag alles ganz schnell?
Zusätzliche Nahrung erhalten die Spekulationen durch Paul Ronzheimer. Der stellvertretende „Bild“-Chefredakteur beschäftigt sich in seinem aktuellen Podcast unter dem Titel „Stürzt Merz? / Wer Kanzler werden könnte“ mit Planspielen hinter den Kulissen von Union und SPD. Er wirft ausdrücklich die Frage auf, ob nach dem kommenden Wahlsonntag „alles sehr schnell gehen könnte“. Dass ein Kanzlersturz inzwischen mitten im Berliner Medienbetrieb als realistisches Szenario diskutiert wird, zeigt, wie weit Merz politisch bereits heruntergewirtschaftet ist.
Auch Markus Söders Reaktion spricht Bände. Der CSU-Chef versicherte zwar, einen Kanzlersturz werde es von seiner Partei „auf keinen Fall“ geben. Auf die Frage, ob er auch ausschließen könne, dass die CDU Merz fallenlasse, antwortete er jedoch: „Für die CDU bin ich nicht zuständig, da bin ich nicht der Vorsitzende.“ Eine Rückendeckung sieht anders aus. Söder garantiert lediglich, dass die CSU Merz nicht stürzen werde. Was die CDU mit ihrem Vorsitzenden und Kanzler macht, überlässt er demonstrativ ihr.
Wüst, Söder oder Rhein: Neue Köpfe, alter Kurs?
Längst werden mögliche Nachfolger gehandelt. Besonders häufig fällt der Name des nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Hendrik Wüst. Gegen ihn spricht schon die Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen im April 2027. Vor allem aber wäre ausgerechnet Wüst kaum das Signal für jene konservativ-bürgerliche Wende, die Merz einst versprochen und nie vollzogen hat. Wüst steht für einen Kurs der politischen Mitte, für die Brandmauer und für eine CDU, die sich Koalitionen mit Grünen und SPD offenhält. Er könnte also alles noch viel schlimmer für die Union und unser Land machen.
Auch Markus Söder wird genannt. Doch abgesehen von den erheblichen Vorbehalten gegen einen CSU-Kanzler in Teilen der CDU hat sich der bayerische Ministerpräsident in den vergangenen Jahren als politisch äußerst wandlungsfähig erwiesen, Kontinuität scheint neben der Vorliebe für Wurstplatten nur der unbedingte Wille zu haben an die Fleischtöpfe der Macht keinen anderen zu lassen. Als glaubwürdiger Garant einer dauerhaften konservativen Neuorientierung der Union dürfte er deshalb ebenfalls nur schwer zu verkaufen sein.
Bleibt Hessens Ministerpräsident Boris Rhein: regierungserfahren, weniger unmittelbar in den Berliner Krisenbetrieb verstrickt und möglicherweise für verschiedene Lager der Union akzeptabel. Doch auch Rhein steht bislang nicht für einen grundsätzlichen Bruch mit dem Kurs der vergangenen Jahre. Konkrete Ablösungspläne zugunsten Rheins sind ohnehin nicht belegt.
Genau hier liegt das eigentliche Problem der CDU: Mit einem Rücktritt von Friedrich Merz wäre die Krise der Union noch lange nicht beendet. Wüst, Söder oder Rhein wären zunächst andere Namen auf dem Kanzlerschild, aber noch kein Beweis für einen politischen Kurswechsel. Keiner der derzeit gehandelten Kandidaten steht eindeutig für die konservativ-bürgerliche Wende, auf die viele Unionswähler seit dem Ende der Ära Merkel warten. Wer Merz austauscht, aber an diesem merkelianischen Kurs festhält, tauscht lediglich den Fahrer – und fährt weiter in dieselbe Richtung – und schnurstracks auf eine Mauer zu, die in aller Munde ist.
Wird der 20. September zum Schicksalstag?
Der kommende Wahlsonntag könnte deshalb über mehr entscheiden als über zwei Landesparlamente. Setzt sich der Absturz fort, wird Merz seine Niederlagen kaum noch als regionale Betriebsunfälle verkaufen können. Ob er tatsächlich bereits am Montag zum Rücktritt gedrängt wird, bleibt Spekulation. Der vom Deutschland-Kurier aufgegriffene Fahrplan ist nicht bestätigt. Doch ein Kanzler, über dessen Sturz unmittelbar vor zwei Landtagswahlen öffentlich diskutiert wird und dessen Ablösung führende Parteifreunde bereits fordern, ist politisch schwer angeschlagen.
Vielleicht erlebt Friedrich Merz tatsächlich seine letzte vollständige Woche im Kanzleramt. Vielleicht rettet er sich noch einmal. Doch die entscheidende Frage lautet inzwischen nicht mehr, ob Merz beschädigt ist. Sie lautet: Wie viele Wahldesaster will die CDU noch hinnehmen, bevor sie erkennt, dass Friedrich Merz nicht die Lösung ihrer Krise geworden ist, sondern mit seinem Abschied von der versprochenen bürgerlich-konservativen Wende und seinem Anbiedern an die SPD ein Teil davon?
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