(David Berger) Jedes Jahr, wenn Deutschland unter einer angeblich einmaligen Hitzewelle leidet, erscheinen dieselben Schlagzeilen: Tausende Menschen seien an der Hitze gestorben. Für die einen sind diese Zahlen ein weiterer Beleg für die dramatischen Folgen des Klimawandels. Für andere werfen sie vor allem eine grundsätzliche Frage auf: Wie kommen diese Zahlen eigentlich zustande? Beim Kontrafunk hat er die Antwort gegeben.
Zu den bekanntesten Kritikern der offiziellen Darstellung gehört der Datenanalyst Tom Lausen. Der durch seine Analysen staatlicher Corona-Daten bekannt gewordene IT-Unternehmer beschäftigt sich seit Jahren mit amtlichen Statistiken und deren Auswertung. Gestern nahm er in einem Interview mit dem Kontrafunk nun die aktuellen Angaben zu den sogenannten Hitzetoten unter die Lupe.
„Es gibt keine Liste mit 5.000 Hitzetoten“
Lausens zentrale These lautet: Die in den Medien genannten Tausenden Hitzetoten seien keine tatsächlich gezählten Todesfälle. Niemand verfüge über eine Liste von Menschen, bei denen auf dem Totenschein „Hitze“ als Todesursache stehe. Vielmehr handele es sich um statistische Schätzungen. Ausgangspunkt sei die sogenannte Übersterblichkeit. Dabei werde berechnet, wie viele Menschen während einer Hitzeperiode mehr gestorben seien als aufgrund statistischer Modelle zu erwarten gewesen wäre. Anschließend werde diese Differenz – unter Berücksichtigung weiterer Faktoren – der Hitze zugeschrieben.
(Symbolfoto: Einst Impfstraße, jetzt Kühlraum – wann kommt die Trauerfeier für alle Hitzetoten?)
Gerade an diesem Punkt setzt Lausens Kritik an. Aus seiner Sicht werde in der öffentlichen Berichterstattung zu wenig zwischen gemessenen Daten und modellierten Annahmen unterschieden. Eine Modellrechnung sei keine Zählung tatsächlicher Todesfälle. Damit bestreitet Lausen keineswegs, dass extreme Hitze für alte oder schwerkranke Menschen lebensgefährlich werden kann. Er bezweifelt vielmehr die Sicherheit, mit der konkrete Zahlen präsentiert werden.
Die Lehre aus Corona
Dass Tom Lausen gerade bei statistischen Modellen besonders skeptisch ist, überrascht kaum. Während der Corona-Pandemie machte er sich einen Namen als unabhängiger Datenanalyst, der behördliche Datensätze auswertete und immer wieder auf Widersprüche zwischen Rohdaten und deren öffentlicher Interpretation hinwies. Und damit Lauterbach und Co, die immer wieder neu mit Katastrophenzahlen ohne realen Hintergrund Panik und Ängste schürten.
Vor diesem Hintergrund sieht Lausen Parallelen zur Pandemie: Wieder würden mathematische Modelle in der öffentlichen Kommunikation häufig wie unmittelbar gemessene Tatsachen behandelt. Sein Plädoyer lautet daher, statistische Schätzungen stets eindeutig als solche zu kennzeichnen.
5.000 Hitzetote?
Wenn in Nachrichten von „5.000 Hitzetoten“ die Rede ist, entsteht beim durchschnittlichen Leser leicht der Eindruck, es handele sich um tatsächlich registrierte Todesfälle. Tatsächlich beruhen diese Angaben jedoch auf komplexen epidemiologischen Modellen mit zahlreichen Annahmen und noch mehr Unsicherheiten.
Genau auf diesen Unterschied macht Tom Lausen aufmerksam. Seine eigentliche Forderung ist daher weniger spektakulär, als viele seiner Kritiker behaupten: Wer von Hitzetoten spricht, sollte zugleich offenlegen, ob es sich um gezählte Todesfälle oder um statistisch modellierte Schätzungen handelt. Gerade in einer Zeit, in der das Vertrauen vieler Bürger in öffentliche Institutionen gelitten hat, könnte eine solche sprachliche Präzision mehr zur Glaubwürdigkeit beitragen als jede alarmistische Schlagzeile.
Internationale Wissenschaftler geben Lausen recht
Mit seiner Kritik steht Lausen nicht allein. Auch international gibt es Wissenschaftler, die eine vorsichtigere Interpretation der Zahlen fordern. So hat der britische Mediziner und Epidemiologe John Ioannidis wiederholt davor gewarnt, Modellrechnungen mit beobachteten Fakten gleichzusetzen. Seine Kritik richtet sich zwar nicht speziell gegen Hitzestatistiken, sondern grundsätzlich gegen epidemiologische Modellierungen, deren Unsicherheiten in der öffentlichen Debatte häufig unterschätzt würden.
Ähnlich argumentiert der schwedische Epidemiologe Martin Kulldorff. Auch er mahnt seit Jahren an, Unsicherheiten statistischer Modelle offen zu benennen und zwischen Korrelation und Kausalität sauber zu unterscheiden. Der amerikanische Biostatistiker Sander Greenland gehört ebenfalls zu jenen Wissenschaftlern, die regelmäßig darauf hinweisen, dass statistische Zusammenhänge allein keinen unmittelbaren Kausalnachweis liefern. Keine dieser Stimmen bestreitet, dass Hitze gesundheitsschädlich sein kann. Ihr gemeinsamer Nenner besteht vielmehr darin, vor einem unkritischen Umgang mit komplexen Modellrechnungen zu warnen.
Wenn die Hitzetoten nicht mehr ziehen: Wassermangel!
Und wenn das Thema mit den Hitzetoten nicht mehr zieht, haben die Experten von der Panikfront bereits ein neues Thema gefunden: die angebliche Wasserknappheit. Auch hier erinnert die Panikmache das an die Corona-Jahre. Damals sind Worst-Case-Szenarien medial und politisch in den Vordergrund gerückt worden, regionale oder zeitlich begrenzte Phänomene wurden zu allgemeinen Krisen erklärt. Ähnlich verhält es sich nun bei den angeblichen Wasserengpässen: Lokale Einschränkungen des Wasserverbrauchs werden von den Mainstreammedien als Beleg für eine flächendeckende Wasserkrise präsentiert. Diese Kritik erinnert an die Einwände des Datenanalysten Tom Lausen in der Debatte über die sogenannten Hitzetoten. In beiden Fällen wird aus punktuellen Ereignissen ein allgemeines Krisennarrativ konstruiert, das politische Eingriffe rechtfertigen soll.
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