(David Berger) Bei der Berliner Buchpremiere der ersten deutschsprachigen Biographie über Giovannino Guareschi wurde deutlich, wie gegenwärtig der Schöpfer von Don Camillo geblieben ist. Der Publizist Marco Gallina zeichnete das Bild eines unbequemen Katholiken, der sich Ideologien, politischer Macht und kirchlicher Anpassung gleichermaßen widersetzte – und gerade darin überraschend aktuell erscheint.
Es kommt nicht allzu häufig vor, dass man bei der Vorstellung einer historischen Persönlichkeit deren Aktualität von den ersten Sätzen an glaubt feststellen zu können. So ging es aber am vergangenen Freitag Abend vielen der zahlreichen Zuhörer, die zur Buchpremiere von Marco Gallinas soeben erschienener Biographie des „rebellischen Vaters“ von Don Camillo, Giovannino Guareschi, erschienen waren.
Der kaum bekannte Vater von Don Camillo
In dem Vortragsraum des umtriebigen katholischen Berliner „Instituts Philipp Neri“ führte der Publizist und Journalist Marco Gallina (Foto l.) an besonders prägnanten Punkten in die Biographie eines Schriftsellers ein, dessen Name in Deutschland kaum bekannt ist. Im Unterschied zu seiner auch bei uns durch die Verfilmung von Julien Duvivier und den unvergesslichen Hauptdarsteller Fernandel bekannten Figur des Don Camillo. Nicht von ungefähr hält sich dabei hartnäckig das Gerücht, dass Papst Benedikt XVI. ein großer Fan der Don Camillo-Filme gewesen sei – oder sie sogar zu seinen Lieblingsfilmen zählten. Denn beide verbindet die klare Option für Gewissensbindung statt Ideologie, Verwurzelung im katholischen Glauben und die Kritik an politischer Vereinnahmung (bei Don Camillo v. a. gegenüber dem Kommunismus, bei Benedikt gegenüber Relativismus und Säkularisierung).
Während viele der Rezipienten der Don Camillo-Filme diese einfach nur als lustig empfanden, zeigte Gallina beeindruckend, dass hinter den scheinbar leichten, humorvollen Geschichten eine klare weltanschauliche Position steht: ein tief verwurzelter katholischer Glaube und damit verbunden eine entschiedene Ablehnung totalitärer Ideologien. Guareschis Persönlichkeit als konsequenter Gegner von Totalitarismus – von links wie von rechts – wurde dabei anschaulich: Gallina zeigte, mit welcher Entschlossenheit Guareschi sowohl den Faschismus als auch den Kommunismus bekämpfte. Besonders prägend sei sein Widerstand gegen den Kommunismus im Nachkriegsitalien gewesen, den er als Gefahr für Freiheit und Glauben betrachtete.
„Eine Presse ohne Regierungskritik ist wertlos“
Er nahm sogar Gefängnis in Kauf, statt sich politisch anzupassen, Ausdruck einer schon damals eher selten anzutreffenden intellektuellen Integrität. Diese zeigte sich auch, als er sich, als entschlossener Monarchist in der Republik der Übermacht der Democrazia Cristiana (DC), einer Art „Staatspartei“ der italienischen Nachkriegszeit, in den Weg stellt: „Dabei tut Guareschi – neuerlich – das, was ein guter Journalist tun muss. Nicht die Opposition, sondern die Regierung ist sein vordringliches Ziel. Die gesamte Macht einer ‚Vierten Gewalt‘ beruht darauf, das System zu korrigieren. Eine Presse ohne Regierungskritik ist wertlos“.
(Foto r.: Im Anschluss an den Vortrag signierte Gallina sein neues Buch und nahm sich Zeit für kurze Gespräche)
In diesem Sinne stellte sich Guareschi in seinen letzten Lebensjahren in prophetischer Weise auch der unter Papst Johannes XXIII. einsetzenden Aufweichung der katholischen Doktrin, Disziplin sowie der damit einhergehenden Profanisierung und beginnenden Abschaffung einer mehr als tausendjährigen liturgischen Tradition in den Weg, wurde zum Traditionalisten im Aggiornamento. Guareschi sah viele Reformen nicht als Erneuerung, sondern als gefährliche Anpassung an den Zeitgeist. Er befürchtete, dass die Kirche ihre Identität und Anziehungskraft verliere, wenn sie versuche, „moderner“ oder populärer zu wirken.
Besonders die Veränderungen der Messe (z. B. Volkssprache statt Latein, veränderte Rituale) empfand er als Verlust von Würde, Mysterium und Kontinuität. Für ihn war die traditionelle Liturgie ein zentraler Ausdruck des Glaubens, nicht bloß eine Form, die man beliebig ändern kann. Er litt darunter, dass man eine klar strukturierte, traditionsgebundene Kirche in einem von den Gläubigen nicht gewollten unnötigen Bruch mit Jahrhunderten kirchlicher Praxis zerstört habe. Typisch für ihn: Er formulierte diese Kritik nicht trocken, sondern spöttisch. In seinen Kolumnen und Kommentaren machte er sich über kirchliche Funktionäre lustig, die seiner Meinung nach „modernisieren um jeden Preis“ wollten. Und denen folgerichtig die Gläubigen davonliefen.
Ein katholischer Anarchist
Zusammenfassend ließ Gallina Guareschi selbst zu Wort kommen, wo er über sich schreibt:
„Ich habe die Offenheit es zuzugeben: ich habe mich in diesem neuen Italien stets wie ein Umstürzler verhalten (…) Monarchist in einer Republik; rechtsstehend in einem Land, das entschlossen und unnachgiebig nach links marschiert; Verfechter der privaten Initiative in Zeiten des Etatismus, Verteidiger der Einheit in Zeiten des Regionalismus; Vertreter der Unità in Zeiten des Antinationalismus; Unbeugsamer Katholik in Zeiten der Christdemokratie – ich war nicht, wie es scheinen mochte, ein unabhängiger, sondern ein Anarchist. Kein freier Mann, sondern ein Umstürzler …“
Insgesamt wurde während des ganzen Vortrags immer wieder neu deutlich: Hier wurde nicht eine historische Gestalt ausgegraben, um sie danach wieder in einem wohl bestellten wissenschaftlichen Archiv und als Fußnote zu begraben. Nein, in Guareschi begegnet uns eine Gestalt, die zeigt, welche perennierende Größe der Widerstand in dunklen Zeiten, das Schwimmen gegen den Strom unter lauter Mitläufern gewinnt, zumal wenn sie mit den Tugenden des Humors und der Bescheidenheit verbunden sind. Und mit einer tiefen Gläubigkeit einhergehen: „Guareschi wusste, dass der Mensch zur Heiligkeit berufen ist. Deshalb ist seine Botschaft universell. Sie gilt nicht nur in Italien, nicht nur in der Nachkriegszeit, sondern allen Menschen überall und in jeder Epoche“.
Das Buch kann hier bestellt werden.
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