Der Gedanke eines Weltstaates wirkt auf viele wie ein unausweichlicher Trend der Gegenwart – politisch vorangetrieben, technologisch ermöglicht und ideologisch begleitet. Doch wie ist diese Entwicklung aus katholischer Sicht zu bewerten? Zwischen biblischen Warnungen, kirchlicher Soziallehre und aktuellen globalen Dynamiken zeichnet sich ein spannungsreiches Bild ab, das grundlegende Fragen nach Macht, Freiheit und der wahren Einheit der Menschheit aufwirft. Ein Gastbeitrag von Dr. Felix Wachter.
Dass es heute starke Tendenzen zur Errichtung eines Weltstaates gibt, wird niemand bestreiten können. Die Nationen geben ihre Souveränität schrittweise an supranationale Organisationen wie die EU ab. Der ehemalige EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker bemerkte hierzu einmal süffisant: „Wir sind doch keine Antichristen, die den Nationalstaat platt walzen wollen.“ Die Erfahrung der letzten Jahre zeigte jedoch genau das: Die Auflösung nationalstaatlicher Identität zugunsten antichristlicher Ideologien (Klima, Multikulti, LGBT). Parallel dazu wird nationale Souveränität durch globale Großkonzerne und Tech-Milliardäre immer weiter ausgehebelt. Das Ergebnis von alledem ist ein großes Wirrwarr, bei dem keiner mehr so recht weiß, wer der eigentliche Verantwortungsträger für die politischen Entscheidungen ist.
Am handgreiflichsten wurden die Entwicklungen zum Weltstaat jedoch in der Zeit der Corona-Maßnahmen. Weltweit wurden die gleichen Maßnahmen eingeführt: Abstandsgebote, Ausgangssperren, Masken, Impfungen usw. Die Welt marschierte zwei Jahre lang im Gleichschritt. Kaum eine Nation scherte aus dem Reigen aus. Der Weltstaat machte in der Corona-Zeit seine ersten erfolgreichen Gehversuche. Die Erfahrung aus der Zeit machte es klar: Es ist möglich, dass weltweit verbindliche Entscheidungen getroffen werden, die dann von den Staaten gleichermaßen umgesetzt werden. Weltstaatliche Entwicklungen sind also keine Verschwörungstheorien mehr, sondern eine Realität, die uns alle betrifft.
Eine ganz andere Frage dabei ist, wie der Weltstaat aus christlicher, zumal aus katholischer Perspektive zu beurteilen ist. Denn katholisch bedeutet ja „allumfassend“. Ist also der Abbau von Grenzen, die durch Nation, Kultur und Religion zwischen den Menschen bestehen, aus einer katholischen Sicht zu begrüßen? Verschiedene Äußerungen von Papst Franziskus, insbesondere jedoch seine von der Freimaurerei gefeierte Enzyklika „Fratelli tutti“ legten diese Ansicht nahe. Gerade in der Corona-Zeit verstärkten sich die Vorwürfe, die katholische Kirche mache sich zum Ministranten einer neuen globalen Weltordnung.
Der Weltstaat in der Bibel
Haben Christen jedoch konkrete Anhaltspunkte dafür, wie der Weltstaat aus der christlichen Glaubenstradition heraus zu beurteilen ist? Tatsächlich scheint das Thema „Weltstaat“ bereits in der Bibel immer wieder auf. Allerdings nicht als schöne Utopie, sondern als Schreckensszenario. Schon in der Genesis werden Pläne der Menschen deutlich, einen grenzenlosen Staat aus eigener Kraft, ohne die Hilfe Gottes zu errichten. So heißt es dort:
„Auf, bauen wir uns eine Stadt und einen Turm mit einer Spitze bis zum Himmel und machen uns damit einen Namen, dann werden wir uns nicht über die ganze Erde zerstreuen. Da stieg der Herr herab, um sich die Stadt und den Turm anzusehen, die die Menschenkinder bauten. Er sprach: Seht nur, ein Volk sind sie und nur eine Sprache haben sie alle. Und das ist erst der Anfang ihres Tuns. Jetzt wird ihnen nichts mehr unerreichbar sein, was sie sich auch vornehmen. Auf steigen wir hinab und verwirren wir dort ihre Sprache, sodass keiner mehr die Sprache des anderen versteht. Der Herr zerstreute sie von dort aus über die ganze Erde und sie hörten auf an der Stadt zu bauen. Darum nannte man die Stadt Babel (Wirrsal), denn dort hat der Herr die Sprache aller Welt verwirrt, und von dort aus hat er die Menschen über die ganze Erde zerstreut. (Gen 11,4-9)
Hier ist es die göttliche Vorsehung selbst, die menschlichem Hochmut und Allmachtsphantasien einen Strich durch die Rechnung macht. Eine vom Menschen selbst geschaffene Einheit unter den Völkern ohne die Bindung an Gott ist zum Scheitern verurteilt, mögen die Machtmittel der Herrscher auch noch so groß sein. Betrachtet man die heutige Entwicklung, ist das ein durchaus tröstlicher Gedanke. Gott selbst ist es, der dem unbegrenzten Machtstreben der Menschen Grenzen setzen wird. Wenn Gott selbst eingreift, fallen die üblen Pläne der Menschen wie ein Kartenhaus zusammen.
Doch auch in der Geheimen Offenbarung zeigt sich wieder das Weltstaatmotiv. Für die letzten Zeiten wird eine vorher nie dagewesene Christenverfolgung vorhergesagt. Alle Menschen sollen an Hand und Stirn mit der „Zahl des Tieres“ gekennzeichnet werden. Alle Menschen sollen vor dem Tier das Knie beugen. Diejenigen, die der dämonischen Macht den Gehorsam verweigern, werden ohne Ausnahme getötet. Dadurch wird die Kirche der letzten Zeiten eine Märtyrerkirche sein. Eine solche Überwachung und Kontrolle setzen jedoch die Mittel eines Weltstaates voraus. Der Antichrist – der im Neuen Testament sicher angekündigt wird – wird sich deshalb auf diese Mittel stützen, denn nur so kann seine Herrschaft unumschränkt sein. In der jetzigen Weltsituation scheint die totale Überwachung bereits in Reichweite zu sein. Die Überwachungssoftware Palantir soll als eine Art „allsehendes Auge“ weltweit eingesetzt werden, um jede Bewegung des Menschen zu überwachen und sein Tun womöglich noch für die Zukunft vorherzusagen. Nicht nur Christen wird hier spontan das Wort „dämonisch“ in den Sinn kommen. Das Ziel ist die totale Kontrolle.
„Weltautorität“ im katholischen Lehramt
Im völligen Kontrast zu den düsteren biblischen Visionen scheinen die jüngeren Aussagen des kirchlichen Lehramts zum Thema „Weltstaat“ zu stehen. In der Enzyklika Pacem in terris forderte Johannes XXIII. erstmalig die Errichtung einer „Weltautorität.“ Dieser Begriff zog sich sodann konsequent durch die Katholische Soziallehre bis heute. Doch schon Johannes XXIII. machte deutlich, worum es dabei ging bzw. nicht ging: Die Weltautorität sollte die Souveränität der Staaten nicht abschaffen, sondern sie im Gegenteil erst gewährleisten. Gerade kleine und militärische schwache Staaten können sich schlecht gegen eine „Anaconda-Politik“ von Supermächten wehren. Eine neutral und unbestechlich agierende Weltautorität könnte hier schützend einspringen.
Johannes Paul II. war es sodann, der diesen Gedankenfigur in seiner Soziallehre vertiefte. Viel stärker als seine Vorgänger betonte er wieder den Gedanken der nationalen Souveränität und nationalen Identität. Er stellte klar: Jede Nation hat das Recht selbst über ihr Schicksal zu entscheiden. Jede Nation hat das Recht ihre Religion, ihre Kultur, ihre Sprache, Sitten und Brauchtümer zu bewahren. Gerade deshalb darf eine Weltautorität nicht in einen globalen „Monsterstaat“ münden, der all das auslöscht. Hiervon abgesehen darf nicht vergessen werden, dass eine Weltautorität mit begrenzten Befugnissen nach der Sicht der Katholischen Soziallehre nur dann legitim ist, wenn sie von allen Staaten freiwillig anerkannt und angenommen wird. Damit wäre der Unterdrückung kleinerer Staaten durch größere ein Riegel vorgeschoben.
Ob die Forderung nach einer solchen Weltautorität realistisch ist, mag jeder selbst beurteilen. Es ist hier auch darauf hinzuweisen, dass Äußerungen der Katholischen Soziallehre keine Unfehlbarkeit für sich beanspruchen. Das trifft insbesondere dann zu, wenn es sich um kontingente politische Sachfragen, wozu die Frage nach den jeweiligen staatlichen Organisationsformen zweifellos gehört, handelt. Äußerungen der Kirche über die Zeitverhältnisse können durchaus revidiert werden. Und in der kirchlichen Praxis ist das auch öfters schon geschehen. Eine steht jedoch ohne Zweifel fest: Die Forderung der Katholischen Soziallehre nach einer Weltautorität hat absolut nichts mit dem Weltstaat antichristlicher Prägung zu tun, den heutige „Eliten“ im Sinn haben.
Die Einheit der Menschen aus christlicher Sicht
Die Errichtung eines Weltstaates war historisch immer mit einem großen Versprechen verbunden: Dem Versprechen nach einem „ewigen Frieden.“ Das ist sozusagen der „utopische Schwung“ der hinter allen Weltstaatstheorien bis heute steckt. Allein, der Weltstaat wird dieses Grundversprechen niemals einlösen. Denn die Einheit, die er anvisiert, entsteht nicht aus freier Zustimmung, sondern aus Zwang, Kontrolle und Repressalien. Ein Weltstaat würde zwangsläufig auf ein Horrorszenario hinauslaufen, wie Hannah Arendt treffend erkannte: „Ein Weltstaat, der unter einer zentralen Regierung die gesamte Erde zusammenfasst, wäre nicht nur ein politischer Albtraum, sondern das Ende aller politischen Freiheit, wie wir sie kennen.“
Als Katholiken wollen wir die Einheit des Menschengeschlechts, aber ganz anders als die Globalisten. Wir wollen die Einheit in der Taufe und im gemeinsamen Glauben. Auf dieser Basis sollen tatsächlich alle Menschen Brüder werden. Diese Einheit würde die Gliederung der Menschheit in Völker und Nationen nicht zerstören, sondern sie vollenden. Diese Einheit würde die Menschheit zu einem lebendigen Organismus zusammenführen, in dem jeder Teil er selbst bleibt und seine besondere Aufgabe im großen Ganzen erfüllen kann.
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Zum Autor: Felix Wachter wurde 1987 in Prien am Chiemsee geboren. Er studierte Philosophie mit den Forschungsschwerpunkten Erkenntnistheorie, Religionsphilosophie und Ethik in München. Anschließend erfolgte die Promotion im Bereich politischer Philosophie in Eichstätt. Felix Wachter ist wohnhaft in Ingolstadt und ist für die AfD als Fachreferent und Kommunalpolitiker tätig. Darüber hinaus engagiert er sich im Verein Europa Aeterna für die Verbreitung der christlichen Sozialethik sowie für eine vertiefte Erkenntnis klassisch-abendländischer Politikphilosophie.
Gerade ist sein neues Buch erschienen: Philosophie der Einheit. Die staatsphilosophischen Grundlagen von Platons Nomoi und ihre Aktualität
Platons Nomoi, sein ausführlichstes, in Dialogform verfasstes Werk über die Gesetzgebung und den idealen Staat, steht am Anfang aller abendländischen staatstheoretischen Überlegungen. Bis heute wird um die adäquate Verfasstheit und Zielsetzung eines Staatsgebildes in allen politischen Lagern des modernen Rechtsstaats lebhaft gerungen. Felix Wachter geht in seiner Dissertation in historischen Rückblenden den großen Fragen der Staatstheorie nach, wobei er Platons philosophisch-politische Grundgedanken in einem ideengeschichtlichen Kontext und in ihrer bleibenden Aktualität aufzeigt (Wachter, Felix: Philosophie der Einheit. Die staatsphilosophischen Grundlagen von Platons Nomoi und ihre Aktualität
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