
(David Berger) Die FDP befindet sich heute in einer desolaten Lage: Nach ihrem Ausscheiden aus dem Bundestag ringt die Partei um ihre politische Zukunft und ihr Profil. Ein Blick in die eigene Geschichte zeigt, wie wichtig es wäre, dass sich diese Partei an ihre eigene Vergangenheit erinnert. Im Gespräch mit Günter Gaus erläutert der damalige FDP-Vorsitzende und spätere Vizekanzler Erich Mende seine politischen Überzeugungen. Dabei spricht er über seine Vorstellung von Nation und Europa, die Wiedervereinigung Deutschlands sowie den von ihm verwendeten Begriff des „deutschen Reiches“.
Das Interview bietet einen aufschlussreichen Einblick in das politische Denken der frühen Bundesrepublik und die Debatten der 1960er-Jahre. Das folgende Video zeigt Ausschnitte aus dem Gespräch.
Erich Mende gilt als einer der wichtigsten FDP-Politiker der Nachkriegszeit, gehörte zu den prägenden Persönlichkeiten der FDP in den 1950er- und 1960er-Jahren. Er war von 1960 bis 1968 Bundesvorsitzender der FDP und von 1963 bis 1966 Vizekanzler sowie Bundesminister für gesamtdeutsche Fragen unter Bundeskanzler Ludwig Erhard. Sein politisches Hauptanliegen war die deutsche Wiedervereinigung. 1970 verließ er wegen seiner Ablehnung der neuen Ostpolitik die FDP und trat zur CDU über.
Für ein „Wiedererstehen eines deutschen Reiches“
Erich Mende heute weithin vergessen, war bekannt für seine Verteidigung eines „gesunden Nationalbewusstseins“ und seine Vorstellung eines „Europa der Vaterländer“, die er unter anderem im Gespräch mit Günter Gaus 1964 erläuterte.
Einige prägnante Aussagen: „Auch Europa wird nur – da bin ich der Meinung des Staatspräsidenten de Gaulle – in einer Zusammenfassung der Vaterländer entstehen können, nicht in einer politischen, geistigen und kulturellen Gleichschaltung … Aus der Gemeinschaft der Nationen wird sich das Europa der Vaterländer ergeben.“
Zum Nationalbewusstsein sagte er: „Das Bekenntnis zur eigenen Familie, das Bekenntnis zur eigenen Kulturlandschaft und zur Gemeinschaft des Volkes …“ sei Voraussetzung für Selbstachtung und die Achtung anderer Völker.“ Man dürfe nach der dunklen Zeit des Nationalsozialismus nun nicht in das andere Extrem verfallen. Ihn habe nach 1945 das Programm der FDP besonders angesprochen, weil es für das „Wiedererstehen eines deutschen Reiches“ eintrete. Er erläuterte das allerdings sofort als einen „dezentralisierten Einheitsstaat“ und verband dies mit Begriffen wie Selbstverantwortung, Nationalbewusstsein und dem „Reichsgedanken“.
Dabei grenzte er seinen Nationalismus ausdrücklich von chauvinistischen oder aggressiven Formen ab. Für ihn bedeutete „Vaterland“ vor allem die Verbundenheit mit Sprache, Kultur, Geschichte und Herkunftsgemeinschaft. Europa sollte seiner Ansicht nach nicht durch die Auflösung der Nationen entstehen, sondern durch ihre freiwillige Zusammenarbeit.
Als das ZDF noch seriös arbeitete
Das Interview stammt aus der Interviewreihe „Zur Person“, die 1963 erstmals im deutschen Fernsehen ausgestrahlt wurde. Ihr Moderator, Günter Gaus, führte Gespräche mit bekannten Persönlichkeiten, vor allem aus Politik und Gesellschaft. Im Laufe der Jahrzehnte lief die Sendung unter verschiedenen Titeln und bei unterschiedlichen Sendern weiter, darunter „Zu Protokoll“ und „Deutsche“. Insgesamt entstanden in rund 40 Jahren mehr als 200 Interviews, von denen viele heute noch erhältlich sind.
Günter Gaus gehörte zu den einflussreichsten Journalisten der deutschen Nachkriegszeit. Er wurde 1929 in Braunschweig geboren und begann nach einem nicht abgeschlossenen Studium eine journalistische Karriere. Er arbeitete unter anderem für den Spiegel und die Süddeutsche Zeitung. Aufgrund seiner journalistischen Porträts erhielt er die Möglichkeit, die Fernsehsendung „Zur Person“ zu gestalten. Neben seiner journalistischen Tätigkeit war er von 1974 bis 1981 als Ständiger Vertreter der Bundesrepublik Deutschland in der DDR tätig.
Die Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs prägten seine politische Haltung nachhaltig. Er stand Ideologien grundsätzlich kritisch gegenüber und distanzierte sich später auch von der Politik der USA nach den Anschlägen vom 11. September 2001. Aus Protest gegen die von Bundeskanzler Gerhard Schröder erklärte „uneingeschränkte Solidarität“ mit den USA trat Gaus aus der SPD aus. Nach langer Krankheit starb er 2004 in Hamburg.
Hier geht es zum gesamten Interview:
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