Merz ertrink in seinem Wortmüll – da kann auch Vicky Leandros nicht mehr helfen

Der Bürgerwille sieht die AfD bei 30 Prozent. Derweil vermodert die Union hinter der Brandmauer. Der Begriff Reform hat, von Merz ausgesprochen, etwas Röchelndes. Da ertrinkt einer in seinem Wortmüll. Da kann selbst die Forderung nach mehr deutschem Liedgut im Radio nicht mehr helfen. Gastbeitrag von Frank Wahlig.

Was immer ein Björn Höcke sagt, abgedruckt wird es zu einem Skandal oder zu einer Drohung. Die Mietgriffel des Verfassungsschutzes ordnen das als Verspottung der Demokratie ein und würdigen es entsprechend. Sie können nicht anders – wie die fesche Lola mit den Strapsen … Es ist eben ihre Natur. Eine AfD-Regierung in Sachsen-Anhalt könne die politische Psychologie Gesamtdeutschlands verändern, so Höcke. Wenn Höcke das feststellt, ist es etwas anderes, als wenn eine Kulturschnute, ein Journalist oder ein SPD-Politiker etwas so Selbstverständliches sagen würde. Einmal Drohung und ein andermal die Warnung vor der Machtübernahme und den Ausverkauf an Moskau. Dass gerade Altkanzler Schröder sich mit Putin besprochen hat und einige Talkshow-SPDler das begrüßen, hat damit nichts zu tun. Angst vor den Russen zieht immer. Angst vor der AfD  auch – denken sie.

Sag es mit Musik!

Unseren Demokraten wird vom Wähler das Wasser abgegraben. Erst in den Umfragen, bald in der Wirklichkeit. In ihrer Unsicherheit, flüchten sie sich in die Gefallsucht. Der Thüringer Ministerpräsident Voigt veröffentlicht gemeinsam mit seinem Kollegen und Parteifreund Schulz aus Sachsen-Anhalt einen Artikel, indem er mehr deutsches Liedgut im Radio fordert. Wenn man sonst mit Deutschland, mit der Nation nichts mehr am Hut hat, sag es mit Musik. Vielleicht wählen deshalb so viele Bürger die AfD, weil zu wenig Vicky Leandros gespielt wird. Die AfD will mehr Deutschland – also sollen die Wähler mehr Deutsches auf die Ohren kriegen.

Der Artikel der beiden Spitzenpolitiker war einfältig, ein surrealistischer Gedankenmatsch. Dem Thüringer Voigt ist von der Uni Chemnitz der Doktortitel aberkannt worden. Der Mann kennt sich offensichtlich mit Plagiaten aus. Der Artikel wurde mit tatkräftiger Hilfe der künstlichen Intelligenz verfasst. Den Journalisten, die den Beitrag ins Blatt hievten, ist das nicht aufgefallen, oder es war ihnen egal. Was pfuschen diese Politiker noch zusammen? Eine Regierungserklärung, eine Wahlkampagne? Ihr Leben? Das machen sie ja wohl nicht zum ersten Mal – oder? Würde die KI befragt, die Computerstimme würde zum Rücktritt auffordern. Hat die künstliche Intelligenz auch geraten, das Hochamt der CDU, eine Präsidiumssitzung in Magdeburg kurz vor der Landtagswahl abzusagen. Dazu braucht es nicht die künstliche Intelligenz. Es reicht, sich ein Bild über das Ansehen der Regierung zu machen.

Merz macht einen auf „Wir schaffen das!“

Merz und Gesellen wirken toxisch auf die Bürger. Die sind nicht präsentabel. Schwadroneure, so glatt und charaktervoll wie ihre eigenen Avatare. Fakt ist, das lange vorbereitete Parteitreffen fällt aus. Begründung: Der Kandidat Schulz müsse Wahlkampf machen. Man wolle ihm nicht wertvolle Zeit wegnehmen, die Bürger zu überzeugen, ihr Kreuz bei der CDU zu machen. Fakt ist aber: Die absehbare Niederlage soll mit dem Kandidaten alleine nach Hause gehen. Nicht mit dem Kanzler. Der Nichts-als-die-Wahrheit-Fritz scheut die Öffentlichkeit. Er spricht vor Claqueuren, vor Parteifreunden. Den Applaus verwechselt er mit Zustimmung. Seine Reden klingen wie von einer KI verfasst. Da hat sich die Merkel-Parole „Wir schaffen das“ eingeschlichen. Nach Merz – oder seiner KI – schaffen wir alles, wenn wir zusammenstehen, uns unterhaken, nicht zweifeln, nach vorne blicken.

Dass „links vorbei“ ist, schreibt ihm die KI nicht mehr in den Text. Merz kann nur mit der SPD oder den Grünen. Beide Parteien halten die Deutschen für einheitsbraun, also für so etwas ähnliches wie Nazis. Ein neues Wahlvolk soll her. Daran wird heftig gearbeitet. Der Bürgerwille sieht die AfD bei 30 Prozent. Derweil vermodert die Union hinter der Brandmauer. Der Begriff Reform hat, von Merz ausgesprochen, etwas Röchelndes. Da ertrinkt einer in seinem Wortmüll. In dieser Woche sitzen sie wieder beieinander: die Parteien, die Gewerkschaften, die letzten Unternehmer. Im Vorfeld wird noch nicht einmal über den „großen Wurf“ gesprochen. Merz weiß, dazu fehlt die Kraft, der politische Wille, das Konzept, das Durchsetzungsvermögen. Die politische Psychologie des Landes verändert sich. Da hat Höcke recht. Die künstliche Intelligenz im Kanzleramt hat das den Merzens und Klingbeils noch nicht gesagt. Weil sie die KI nach Deutschen Schlagern befragen, nicht nach der Verfasstheit des Landes, nach den Nöten der Bürger. Nach den Notwendigkeiten. Noch drei Monate bis zur Wahl in Sachsen-Anhalt.

Der Beitrag erschien zuerst beim KONTRAFUNK: https://kontrafunk.radio/de/sendung-nachhoeren/politik-und-zeitgeschehen/kontrafunk-aktuell/kontrafunk-aktuell-vom-8-juni-2026?go=kommentar

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David Berger
David Bergerhttps://philosophia-perennis.com/
David Berger (Jg. 1968) war nach Promotion (Dr. phil.) und Habilitation (Dr. theol.) viele Jahre Professor im Vatikan. 2010 Outing: Es erscheint das zum Bestseller werdende Buch "Der heilige Schein". Anschließend zwei Jahre Chefredakteur eines Gay-Magazins, Rauswurf wegen zu offener Islamkritik. Seit 2016 Blogger (philosophia-perennis) und freier Journalist (u.a. für die Die Zeit, Junge Freiheit, The European).

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