„Nimm den Kirchen das Geld!“ – Peter Hahne rechnet mit der politischen Kirche ab

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(David Berger) Peter Hahne war selbst jahrelang Teil kirchlicher Leitungsstrukturen. Heute fällt sein Urteil über die großen Kirchen vernichtend aus: Sie hätten ihre eigentliche Aufgabe aus den Augen verloren, sich politisiert und während Corona endgültig auf die Seite der Herrschenden geschlagen. Besonders scharf kritisiert der frühere ZDF-Moderator Kirchensteuer, Wahlempfehlungen gegen die AfD und das Schweigen zu Abtreibung und Euthanasie.

Peter Hahne weiß, wovon er spricht. Der frühere ZDF-Moderator und Bestsellerautor gehörte zwei Jahrzehnte lang dem Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland an und saß dort mit Persönlichkeiten wie Richard von Weizsäcker und Richard Schröder zusammen. Gerade deshalb, so betont er in einem ausführlichen Gespräch mit dem Podcast „ungeskriptet“, könne er sich sein hartes Urteil erlauben. Und dieses Urteil hat es in sich. Für Hahne liegt die Krise der Kirchen nicht zuerst in sinkenden Mitgliederzahlen, leeren Gotteshäusern oder schwindenden Einnahmen. Sie beginnt viel früher: bei der Preisgabe ihrer eigentlichen Aufgabe.

„Für mich ist Kirche zunächst mal eine Glaubensgemeinschaft, die eine Botschaft hat, die sonst niemand auf der Welt hat“, sagt Hahne. Genau darin liegt der entscheidende Punkt. Parteien können Wahlprogramme schreiben, Gewerkschaften über Arbeitsbedingungen sprechen, Umweltverbände Klimapolitik betreiben und NGOs Migrationskampagnen organisieren. Die Kirche dagegen besitzt eine Botschaft, die tatsächlich niemand sonst verkündet: Sünde und Vergebung, Buße und Erlösung, Tod und ewiges Leben. Doch gerade diese Botschaft, so Hahnes Vorwurf, sei vielerorts an den Rand gedrängt worden.

Kirche als politische Vorfeldorganisation

Besonders scharf kritisiert Hahne die parteipolitische Positionierung kirchlicher Funktionäre. Als Beispiel nennt er Transparente an Kirchen, auf denen Christen nahegelegt werde, bestimmte Parteien nicht zu wählen – konkret die AfD. Für Hahne ist damit eine Grenze überschritten. Ob Christen die AfD wählen oder nicht, gehe kirchliche Funktionäre als politische Vorgabe nichts an. Die Kirche habe nicht die Aufgabe, Wahlentscheidungen vorzugeben, sondern den Menschen jene Botschaft zu verkünden, die über den politischen Tageskampf hinausreiche. Gerade hier zeigt sich ein bemerkenswerter Widerspruch: Während manche Kirchenvertreter bei einer konkreten Partei keinerlei Scheu vor moralischer Eindeutigkeit zeigen, klingt ihre Sprache bei Fragen, die unmittelbar den Kern christlicher Ethik berühren, häufig erheblich vorsichtiger. Hahne nennt ausdrücklich Abtreibung und Euthanasie: „Man hört doch von der Kirche gar nichts mehr“, sagt er mit Blick auf Lebensschutzfragen.

Die Formulierung ist zugespitzt. Selbstverständlich äußern sich auch heute Bischöfe und kirchliche Verbände zu diesen Themen. Doch Hahnes eigentlicher Vorwurf trifft einen empfindlichen Punkt: Wo bleibt jene öffentliche Leidenschaft, mit der die Kirchen bei Migration, Klima oder der AfD auftreten, wenn ungeborenes Leben zur Disposition steht oder der assistierte Suizid gesellschaftlich immer stärker normalisiert wird? Hier wäre tatsächlich der Ort, an dem Kirche politisch sein muss – nicht als Anhängsel einer Partei, sondern als Anwältin eines Menschenbildes, das sich nicht nach Mehrheiten richtet.

Corona als kirchlicher Offenbarungseid

Besonders erbittert fällt Hahnes Rückblick auf die Corona-Jahre aus: „Bei Corona war die Kirche das Schlimmste“, lautet sein drastisches Urteil. Die Kirchen hätten damals gerade nicht ihre besondere Aufgabe wahrgenommen. Sie hätten sich staatlichen Vorgaben angepasst, Gottesdienste eingeschränkt und Menschen in einer Situation allein gelassen, in der Trost, geistlicher Beistand und die Begleitung Sterbender besonders notwendig gewesen wären. Hahne erinnert daran, dass er bereits während des ersten Lockdowns öffentlich gefordert habe, Kirchen müssten geöffnet bleiben. Seine Begründung war im Grunde klassisch christlich: Gerade in Zeiten der Angst darf die Kirche nicht verschwinden.

Man muss nicht jede einzelne Corona-Maßnahme identisch bewerten, um zu erkennen, dass diese Kritik bis heute nicht erledigt ist. Die Pandemie war auch ein Test darauf, welchen Stellenwert Gottesdienst, Sakramente, Seelsorge und leibliche Nähe in den Kirchen tatsächlich besitzen. Viele Gläubige haben damals erlebt, dass kirchliche Institutionen staatliche Vorgaben nicht nur hinnahmen, sondern teilweise mit besonderem Eifer umsetzten. 2G- und 3G-Regelungen, Zugangskontrollen und eine mitunter fast religiös aufgeladene Impfkommunikation hinterließen tiefe Verletzungen. Hahnes Vorwurf lautet deshalb nicht bloß, die Kirche habe sich geirrt. Er lautet: Sie habe gerade dort versagt, wo sie hätte anders sein müssen als der Rest der Gesellschaft.

„Kirche auf der Seite der Herrschenden“

Daraus entwickelt Hahne seine grundsätzliche These: Kirche neige dazu, sich an die jeweils herrschenden politischen Verhältnisse anzupassen. Historisch schießt er dabei allerdings deutlich über das Ziel hinaus. Seine pauschale Aussage, „die Kirche“ sei während des Nationalsozialismus „stramm Nazi“ gewesen, wird der komplizierten historischen Wirklichkeit nicht gerecht und lässt sich insbesondere auf die katholische Kirche in dieser Allgemeinheit nicht übertragen. Es gab Anpassung, Versagen und Feigheit. Es gab aber ebenso Verfolgung, Widerstand und Märtyrer. Hahnes pauschales Urteil, „die Kirche“ sei während des Nationalsozialismus „stramm nazi“ gewesen, hält auch einer streng historischen Überprüfung nicht stand. Allein das von Prälat Helmut Moll im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz herausgegebene Deutsche Martyrologium des 20. Jahrhunderts verzeichnet 416 katholische Blutzeugen aus der Zeit des Nationalsozialismus. Weitere 171 werden der kommunistischen Verfolgung zugerechnet. Insgesamt stehen damit allein für diese beiden totalitären Systeme 587 dokumentierte katholische Märtyrer – Priester, Ordensleute und Laien – gegen das allzu einfache Bild einer Kirche, die geschlossen mit den jeweiligen Machthabern marschiert sei. Anpassung, Opportunismus und Versagen hat es gegeben; ebenso aber Widerstand bis zur Hingabe des eigenen Lebens.

Hahnes eigentlicher Gedanke bleibt dennoch bedenkenswert: Eine Kirche, die ihre moralischen Maßstäbe danach ausrichtet, was im jeweiligen politischen Milieu als akzeptabel gilt, verrät ihre prophetische Aufgabe. Als Gegenbild nennt Hahne Dietrich Bonhoeffer. Christliches Handeln bedeute nicht nur, die Opfer eines politischen Irrwegs hinterher zu trösten. Man müsse, so Hahne in Anlehnung an ein Bonhoeffer zugeschriebenes Bild, dem Fahrer „ins Lenkrad fallen“. Für ihn betrifft das heute etwa Fragen des Lebensschutzes, der Klima- und Wirtschaftspolitik sowie der Corona-Aufarbeitung. Unabhängig davon, wie man seine politischen Bewertungen im Einzelnen beurteilt, steckt darin ein entscheidender kirchlicher Gedanke: Kirche darf nicht einfach die moralische Sprache der jeweils Mächtigen übernehmen.

„Nimm den Leuten das Geld“

Hahnes radikalster Vorschlag betrifft schließlich die Finanzierung der großen Kirchen. Solange Institutionen unabhängig davon weiterfinanziert würden, ob ihre Mitglieder mit ihrem Kurs einverstanden seien, fehle der notwendige Korrekturmechanismus: „Nimm den Leuten das Geld und du hast sofort Normalität“, sagt Hahne. Er verweist dabei auf die Vereinigten Staaten. Dort seien Gemeinden stärker darauf angewiesen, dass Gläubige freiwillig hinter ihrer Arbeit stehen. Ein Pastor, der dauerhaft gegen seine Gemeinde arbeite, müsse damit rechnen, dass ihm schlicht die finanzielle Grundlage entzogen werde.

Man kann über dieses Modell streiten. Doch Hahne benennt damit ein reales Problem: Ein institutionelles System, das lange Zeit über automatische Einnahmen verfügte, kann sich sehr weit von den Erwartungen und Überzeugungen seiner eigenen Mitglieder entfernen, ohne unmittelbar Konsequenzen zu spüren. Gerade die dramatischen Austrittszahlen der vergangenen Jahre zeigen allerdings, dass dieser Mechanismus inzwischen auch in Deutschland an seine Grenzen stößt.

Nicht weniger Kirche – sondern wieder mehr

So treffend viele seiner Beobachtungen sind, an einem entscheidenden Punkt muss ich Hahne, bei allem Respekt vor seinen ebenso klugen wie mutigen Stellungnahmen, widersprechen. Wenn er sagt, Glaube und Kirche hätten eigentlich nichts miteinander zu tun, ist das aus katholischer Sicht nicht haltbar. Ebenso wenig stimmt die Behauptung, das Wort „Kirche“ komme in der Bibel nicht vor. Das griechische „ekklesia“, das mit Kirche beziehungsweise Gemeinde übersetzt wird, findet sich im Neuen Testament vielfach. Für den katholischen Glauben ist Kirche außerdem nicht lediglich eine Verwaltungsstruktur, die man bei Bedarf durch Hauskreise oder freie Gemeinden ersetzen könnte. Die Kirche gehört wesentlich zum Heilswerk Christi. Sie ist sakramental, sichtbar und hierarchisch verfasst. Sie lebt aus Eucharistie, Priestertum und apostolischer Sukzession.

Das Problem liegt also nicht darin, dass es Kirche als Institution gibt. Das Problem beginnt dort, wo diese Institution aufhört, Kirche sein zu wollen. Wo Bischöfe und Funktionäre lieber politische Akteure als Glaubenszeugen sind, wo gesellschaftliche Anerkennung wichtiger wird als missionarische Klarheit und wo die jeweils aktuellen Schlagworte zuverlässiger verkündet werden als Kreuz, Auferstehung, Gericht und ewiges Leben, wird aus Kirche tatsächlich etwas anderes.

Gerade deshalb führt Hahnes Analyse aus katholischer Sicht zu einer anderen Konsequenz als seiner eigenen. Die Antwort kann nicht lauten: weniger Kirche. Sie muss lauten: wieder mehr Kirche. Weniger NGO, weniger Parteipolitik, weniger Anpassung an den Zeitgeist – dafür mehr Liturgie, mehr Sakrament, mehr Verkündigung, mehr Buße, mehr Glauben und mehr Mut. Die Kirche besitzt tatsächlich jene „Botschaft, die sonst niemand auf der Welt hat“. Vielleicht erklärt sich ihr Niedergang gerade daraus, dass sie selbst begonnen hat, diese Botschaft für weniger wichtig zu halten als jene Themen, die ohnehin jeden Abend in den politischen Nachrichtensendungen zu hören sind. Peter Hahnes Polemik trifft deshalb einen wunden Punkt. Denn eine Kirche, die über alles spricht, was auch Parteien, Verbände und Aktivisten verkünden können, aber immer seltener von dem spricht, was nur sie zu sagen hat, darf sich nicht wundern, wenn irgendwann niemand mehr weiß, wozu man sie überhaupt noch braucht.


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