Wenn die Rechte den Islam entdeckt: COMPACT, Abou-Chaker und die gemeinsamen Feindbilder

(David Berger) Ein Interview, das sicher noch für kontroverse Diskussionen sorgen wird, hat COMPACT-Journalist Paul Klemm mit Arafat Abou-Chaker geführt. Der prominente Vertreter einer arabischen Großfamilie erweist sich dabei als Verteidiger traditioneller Familienwerte, Kritiker der Genderideologie und deutscher Patriot. Zugleich verbreitet er krude Verschwörungstheorien über Israel und das Judentum. Besonders aufschlussreich ist allerdings, wie wenig Widerspruch er dabei von seinem Interviewpartner erfährt.

Es ist eine merkwürdige Entwicklung, die sich seit einiger Zeit bei COMPACT und seinem Chefredakteur Jürgen Elsässer beobachten lässt. Während man früher kaum eine Gelegenheit ausließ, vor Islamisierung, arabischen Parallelgesellschaften und den Folgen unkontrollierter Migration zu warnen, scheint man inzwischen eine gewisse Vorliebe für muslimische Gesprächspartner entdeckt zu haben, jedenfalls dann, wenn diese mit möglichst scharfer Kritik an Israel aufwarten können. Dabei stellt sich zunehmend die Frage, ob die alten weltanschaulichen Gegensätze tatsächlich überwunden werden oder ob die gemeinsame Gegnerschaft zu Israel inzwischen ausreicht, um politische und religiöse Unterschiede großzügig zu übersehen.

Das jüngste Beispiel liefert ein gut 43-minütiges Interview, das Paul Klemm mit Arafat Abou-Chaker geführt hat. Der Mann, der durch seine Verbindungen zum Berliner Clanmilieu und den öffentlich ausgetragenen Streit mit dem Rapper Bushido bekannt wurde, präsentiert sich darin als religiöser Familienmensch, deutscher Patriot und scharfer Kritiker der herrschenden politischen Verhältnisse. Schon die Begrüßung verrät einiges über die Atmosphäre des Gesprächs: Klemm stellt fest, dass beide trotz ihrer unterschiedlichen Herkunft etwas verbinde, nämlich die Tatsache, dass sie sich im Visier des Staates befänden. COMPACT werde vom Verfassungsschutz beobachtet, gegen Abou-Chaker werde wegen des Verdachts der Volksverhetzung ermittelt. So entsteht gleich zu Beginn eine Art Schicksalsgemeinschaft zweier Männer, die sich vom politischen und medialen Establishment verfolgt sehen.

Ein überraschend konservativer Muslim

Dabei ist manches, was Abou-Chaker im Verlauf des Gesprächs sagt, durchaus bemerkenswert und verdient es, ohne die üblichen Vorurteile zur Kenntnis genommen zu werden. Seine Kritik an der Genderideologie, am Niedergang der Familie und an einer Gesellschaft, die ihren Kindern kaum noch religiöse und kulturelle Orientierung vermittelt, könnte stellenweise auch von einem christlich-konservativen Publizisten stammen. Er beklagt, dass Eltern kaum noch Zeit für ihre Kinder hätten, dass religiöse Bindungen verloren gingen und traditionelle Geschlechterrollen zunehmend lächerlich gemacht würden. Über die Auswüchse der Genderideologie macht er sich mitunter recht amüsant lustig, wobei seine Ausdrucksweise freilich nicht immer jene sprachliche Zurückhaltung erkennen lässt, die man in einer katholischen Zeitschrift erwarten würde.

Auch sein Verhältnis zu Deutschland dürfte manchen überraschen, die ihn bislang ausschließlich aus der Berichterstattung über Clankriminalität kennen. Abou-Chaker betont, hier geboren und aufgewachsen zu sein, sich mit der deutschen Geschichte beschäftigt zu haben und Deutschland als Heimat seiner Familie zu betrachten. Er beklagt den wirtschaftlichen Niedergang des Landes, erinnert an dessen einstiges internationales Ansehen und erklärt sogar, unter bestimmten Voraussetzungen bereit zu sein, Deutschland gegen einen militärischen Angriff zu verteidigen. Wer von Migranten Integration und Identifikation mit Deutschland verlangt, kann solche Aussagen nicht einfach deshalb abtun, weil sie von einem Mann stammen, dessen Name seit Jahren mit dem Berliner Clanmilieu verbunden wird. Bemerkenswert ist zudem seine Distanz zur Linkspartei, deren israelkritische Positionen er zwar begrüßt, deren gesellschaftspolitischen Vorstellungen er jedoch entschieden ablehnt. An AfD-Chef Tino Chrupalla wiederum schätzt er dessen Kritik an Israel, ohne deshalb die AfD insgesamt unterstützen zu wollen. Die politischen Fronten verlaufen hier offensichtlich anders, als es die üblichen Einteilungen in rechts und links vermuten lassen.

Ausgerechnet beim Salafismus wird es gemütlich

Weniger überzeugend wird das Gespräch allerdings, als Klemm seinen Gast auf dessen Besuche in der Berliner Al-Nur-Moschee und die ihm vorgeworfene Nähe zum Salafismus anspricht. Abou-Chaker erklärt, der Begriff Salaf bezeichne die rechtschaffenen Vorfahren, und vergleicht die Orientierung an den Gefährten Mohammeds mit der Nachfolge der Apostel im Christentum. Wie könne man daraus etwas Terroristisches machen, fragt er sinngemäß. Nun ist selbstverständlich nicht jeder Muslim, der sich auf die Frühzeit des Islam beruft, ein Terrorist, und auch innerhalb des Salafismus gibt es unterschiedliche Strömungen. Dass eine religiöse Bewegung sich auf vermeintlich rechtschaffene Vorfahren beruft, sagt allerdings noch herzlich wenig über ihre tatsächlichen Überzeugungen aus. Entscheidend wäre vielmehr die Frage, wie sie es mit der Religionsfreiheit, der Gleichberechtigung von Andersgläubigen und dem Verhältnis von Religion und Staat hält. Klemm räumt jedoch ein, die genaue Definition des Salafismus selbst nicht zu kennen, womit er seinem Gesprächspartner die Deutungshoheit überlässt.

Noch erstaunlicher wird es, als Abou-Chaker anschließend allen Ernstes behauptet, der sogenannte Islamische Staat sei von Israel und den Vereinigten Staaten erfunden worden. Eine jener Verschwörungstheorien, mit denen sich die Verantwortung für islamistische Gewalt bequem auf fremde Mächte abschieben lässt, ohne sich mit deren religiösen und ideologischen Voraussetzungen auseinandersetzen zu müssen. Eine ernsthafte Nachfrage nach Belegen erfolgt nicht, obwohl gerade hier die Gelegenheit bestanden hätte, den Unterschied zwischen einer berechtigten Kritik an westlicher Nahostpolitik und der Verbreitung abenteuerlicher Behauptungen deutlich zu machen. Man stelle sich nur einmal vor, ein christlicher Traditionalist würde in einem vergleichbaren Gespräch die Geschichte einer extremistischen Bewegung mit ähnlich fadenscheinigen Erklärungen abtun. Ob ihm dieselbe Nachsicht entgegengebracht würde?

Israel als gemeinsamer Gegner

Damit sind wir beim eigentlichen Kern des Gesprächs, denn immer wieder kehrt Abou-Chaker zu Israel zurück, dessen Regierung er für schwerste Verbrechen verantwortlich macht. Seine persönliche Betroffenheit ist dabei durchaus nachvollziehbar, berichtet er doch von palästinensischen Verwandten und Bekannten, die durch den Krieg ums Leben gekommen seien. Niemand sollte das Leid der palästinensischen Zivilbevölkerung kleinreden, und selbstverständlich darf, ja muss auch das Vorgehen der israelischen Regierung kritisch beurteilt werden. Das Völkerrecht gilt für Israel ebenso wie für jeden anderen Staat, und die katholische Lehre vom gerechten Krieg kennt keine Ausnahmebestimmungen, die es einer Regierung erlaubten, unter Berufung auf die eigene Geschichte oder auf berechtigte Sicherheitsinteressen sämtliche moralischen Grenzen zu überschreiten.

Nur bleibt es bei Abou-Chaker eben nicht bei der Kritik an Netanjahu und seiner Regierung. Er spricht von den Zionisten als den größten Propagandisten der Welt, verbreitet die alte Mär, der Talmud verlange die Versklavung aller Nichtjuden, und deutet eine weitreichende israelische Einflussnahme auf die deutsche Politik und Wirtschaft an. Hinzu kommen Spekulationen über eine gezielte Schwächung Deutschlands durch ausländische Mächte. Das sind keine besonders mutigen Tabubrüche, sondern zum Teil uralte antisemitische Klischees in neuer Verpackung. Gerade die Behauptung über den Talmud gehört zum klassischen Arsenal antijüdischer Polemik, das über Jahrhunderte dazu diente, Juden als grundsätzlich feindselig gegenüber Nichtjuden darzustellen. Wer solche Dinge verbreitet, sollte sich nicht wundern, wenn ihm Antisemitismus vorgeworfen wird.

Interessant ist dabei weniger, dass Abou-Chaker solche Ansichten vertritt, als vielmehr die Reaktion seines Interviewpartners. Während Klemm beim Thema Clankriminalität durchaus kritisch nachfragt und seinem Gast sogar vorhält, arabische Großfamilien hätten sich den deutschen Staat zur Beute gemacht, lässt er die abenteuerlichen Behauptungen über das Judentum und Israel weitgehend unwidersprochen stehen. Das muss nicht bedeuten, dass er sie persönlich teilt, wirft aber erhebliche Fragen nach seinen journalistischen Maßstäben auf. Offenbar fällt es leichter, einen muslimischen Gesprächspartner mit unangenehmen Fragen zur Migration zu konfrontieren, als ihm zu widersprechen, wenn er über Israel und die Juden spricht. Gerade ein Journalist, der sich als Vertreter eines besonders mutigen und unabhängigen Journalismus versteht, müsste doch auch dort nachhaken, wo die Aussagen seines Gesprächspartners den eigenen politischen Neigungen entgegenkommen.

Was ist eigentlich aus dem christlichen Abendland geworden?

Besonders irritierend erscheint diese Entwicklung bei einem Magazin, das sich lange als Verteidiger des christlichen Abendlandes verstanden hat und dessen publizistisches Umfeld über Jahre hinweg vor der zunehmenden Islamisierung Deutschlands warnte. Gewiss, es gibt Gemeinsamkeiten zwischen konservativen Christen und traditionellen Muslimen, etwa bei der Ablehnung der Genderideologie, der Wertschätzung der Familie oder dem Widerstand gegen eine aggressive Säkularisierung. In diesen Fragen kann eine Zusammenarbeit durchaus sinnvoll sein, zumal die Kirchen selbst nicht selten den Eindruck erwecken, sich von ihren eigenen moralischen Überzeugungen weiter entfernt zu haben als manche gläubigen Muslime. Dass ein Arafat Abou-Chaker in bestimmten gesellschaftspolitischen Fragen konservativer argumentiert als zahlreiche deutsche Bischöfe, gehört zu den durchaus bitteren Ironien unserer Gegenwart.

Aber ein konservativer Muslim ist deshalb noch lange kein Verbündeter bei der Verteidigung des christlichen Abendlandes. Der Islam ist eben nicht einfach das Christentum mit anderen religiösen Gebräuchen, und zwischen beiden Religionen bestehen grundlegende Unterschiede, die sich nicht durch den gemeinsamen Ärger über Christopher-Street-Day-Paraden aus der Welt schaffen lassen. Das Christentum auch nicht bloß ein gesellschaftliches Ordnungssystem zur Stabilisierung traditioneller Familienverhältnisse, sondern gründet auf dem Bekenntnis zu Jesus Christus als dem menschgewordenen Sohn Gottes. Hinzu kommt, dass der Islam ganz vom Leitmotiv der Gewalt und der taqquia, das Christentum von jenem der Liebe und Treue getragen ist. Wer diesen Unterschied zugunsten einer allgemeinen Religiosität verwischt, mag damit politische Bündnisse erleichtern, gibt aber gerade das preis, was das christliche Abendland überhaupt erst hervorgebracht hat.

Abou-Chaker selbst erklärt im Interview, er wünsche sich kein vollständig islamisches Deutschland, und verweist auf das Zusammenleben von Christen und Muslimen in Palästina und im Libanon. Das ist zunächst eine erfreuliche Aussage, die man ihm auch zugutehalten sollte. Allerdings ist die Geschichte der Christen unter islamischer Herrschaft keineswegs die ungetrübte Erfolgsgeschichte religiöser Toleranz, als die sie hier erscheint. Neben sehr seltenen Zeiten eines vergleichsweise friedlichen Zusammenlebens stehen Jahrhunderte rechtlicher Benachteiligung, religiöser Diskriminierung und immer wieder auch offener Verfolgung. Gerade die orientalischen Christen könnten einiges darüber erzählen, wie schnell aus einer vermeintlich friedlichen Koexistenz die gesellschaftliche Unterordnung einer religiösen Minderheit werden kann, die schließlich ganz verschwindet. Wer das christliche Abendland verteidigen will, sollte deshalb nicht nur dessen kulturelle Traditionen beschwören, sondern auch die Freiheit des Glaubens und die Würde jedes Menschen ernst nehmen, unabhängig davon, ob er Christ, Muslim oder Jude ist.

Die neue Querfront?

Vielleicht zeigt dieses Interview deutlicher als manche programmatische Erklärung, wohin sich Teile der sogenannten alternativen Rechten derzeit bewegen. Die Gegnerschaft zum politischen Establishment, zur amerikanischen Außenpolitik und insbesondere zu Israel scheint zunehmend wichtiger zu werden als jene weltanschaulichen Unterschiede, die bislang als kaum überbrückbar galten. Plötzlich sitzen ein rechter Journalist und ein prominenter Vertreter des arabischen Clanmilieus einander gegenüber und entdecken, dass sie in erstaunlich vielen Fragen ähnlich denken. Das ist zunächst weder verwerflich noch uninteressant, denn selbstverständlich sollte man auch mit Menschen sprechen können, deren Herkunft, Religion oder Lebensgeschichte sich von der eigenen fundamental unterscheiden. Und es wäre geradezu töricht, vernünftige Aussagen allein deshalb zurückzuweisen, weil sie von einem politisch oder gesellschaftlich umstrittenen Gesprächspartner stammen.

Doch es macht einen erheblichen Unterschied, ob man einen solchen Gesprächspartner ernst nimmt oder ihm aus politischer Sympathie heraus Dinge durchgehen lässt, die man bei anderen mit Recht scharf kritisieren würde. Bei COMPACT drängt sich inzwischen die Frage auf, ob hier nicht ein neuer gemeinsamer Nenner entsteht, der weniger in der Verteidigung Deutschlands oder des christlichen Abendlandes liegt als in der Gegnerschaft zu Israel. Das vorliegende Interview allein beweist einen solchen Kurswechsel noch nicht, liefert aber durchaus Anlass, genauer hinzusehen, zumal sich die politische Rechte damit auf ein Terrain begibt, auf dem sich berechtigte Kritik an israelischer Regierungspolitik, antiwestliche Ressentiments und traditionelle antisemitische Verschwörungserzählungen allzu leicht miteinander vermischen.

Für von der Idee unseres Grundrechts Überzeigte kann dies jedenfalls kein gangbarer Weg sein. Wer sich auf das diesem zugrunde liegende christliche Menschenbild und das Naturrecht beruft, muss Unrecht auch dann Unrecht nennen, wenn es von den eigenen politischen Freunden begangen oder von vermeintlichen Verbündeten gerechtfertigt wird. Eine eventuell berechtigte Kritik an der israelischen Regierung darf ebenso wenig in Judenfeindschaft umschlagen, wie die Kritik am politischen Islam plötzlich verstummen darf, nur weil ein Muslim einige konservative Positionen vertritt und dieselben politischen Gegner hat. Wer das christliche Abendland verteidigen will, sollte wissen, was er verteidigt – und sich seine Verbündeten nicht allein danach aussuchen, wen sie gemeinsam hassen.

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David Berger
David Bergerhttps://philosophia-perennis.com/
David Berger (Jg. 1968) war nach Promotion (Dr. phil.) und Habilitation (Dr. theol.) viele Jahre Professor im Vatikan. Zahlreiche Veröffentlichungen zur Philosophie und Theologie des Mittelalters. Seit 2016 Blogger (philosophia-perennis) und freier Journalist (u.a. für die Die Zeit, Junge Freiheit, The European).

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