Sucharit Bhakdi wird 80: Der Mann, der Millionen Menschen in der Corona-Zeit Hoffnung gab

(David Berger) Er wurde zu einer der bekanntesten Stimmen des Widerspruchs während der Corona-Jahre. Doch hinter dem streitbaren Wissenschaftler verbirgt sich ein Mensch von außergewöhnlicher Herzlichkeit und Empathie. Eine persönliche Würdigung zum 80. Geburtstag. 

Es gibt Menschen, deren öffentliche Bekanntheit irgendwann ihre eigentliche Persönlichkeit zu überdecken droht. Sucharit Bhakdi gehört zu ihnen. Für die einen wurde er während der Corona-Jahre zu einer Symbolfigur des Widerstands gegen staatliche Bevormundung, für die anderen zu einer Reizfigur, deren öffentliche Auftritte heftige Kontroversen auslösten.

Ich selbst hatte einmal das Glück, einen ganzen Abend bei einem Dinner neben ihm zu verbringen. Was mir davon besonders in Erinnerung geblieben ist, waren weniger seine wissenschaftlichen Ausführungen als vielmehr drei Eigenschaften, die man bei prominenten Persönlichkeiten keineswegs selbstverständlich findet: eine geradezu entwaffnende Bescheidenheit, eine ungewöhnliche Herzlichkeit und eine Empathie, die in unserer zunehmend kalten und selbstgerechten Öffentlichkeit selten geworden ist.

Heute, am 1. November 2026, wird Sucharit Bhakdi 80 Jahre alt. Ein guter Anlass, an das bemerkenswerte Leben eines Mannes zu erinnern, dessen wissenschaftliche Karriere lange vor Corona begann und dessen Persönlichkeit sich nicht auf die erbitterten Auseinandersetzungen der vergangenen Jahre reduzieren lässt.

Der Mut, nicht zu schweigen

1946 in Washington als Sohn thailändischer Eltern geboren, wuchs Bhakdi in einem internationalen Umfeld auf. Er studierte Medizin in Bonn, widmete sich der Mikrobiologie und machte eine beeindruckende wissenschaftliche Karriere. Von 1991 bis 2012 leitete er das Institut für Medizinische Mikrobiologie und Hygiene der Universität Mainz. Hunderte wissenschaftliche Veröffentlichungen, zahlreiche Auszeichnungen und jahrzehntelange Lehrtätigkeit zeugen von einem Forscherleben, das ganz der Medizin verpflichtet war. Als 2020 die Corona-Krise begann, hätte Bhakdi seinen Ruhestand genießen können. Stattdessen entschied er sich, öffentlich gegen Maßnahmen und gesundheitspolitische Entscheidungen Stellung zu beziehen, die er für falsch und gefährlich hielt. Er tat dies in dem Bewusstsein, dass sein Widerspruch erhebliche persönliche Konsequenzen haben konnte.

Man muss sich die damalige Atmosphäre noch einmal vergegenwärtigen: Eine Gesellschaft im Ausnahmezustand, tief verunsicherte Menschen, eine Politik, die weitreichende Eingriffe in das gesellschaftliche und private Leben beschloss, und eine öffentliche Debatte, in der abweichende Stimmen auf erbitterte Ablehnung, ja bösartige Ächtung und Verfolgung stießen. Bhakdi gehörte zu jenen, die sich davon nicht zum Schweigen bringen ließen. Seine Bücher erreichten ein Millionenpublikum, seine Interviews wurden unzählige Male verbreitet. Zugleich musste er erleben, wie aus dem einst angesehenen Hochschullehrer eine der umstrittensten Persönlichkeiten Deutschlands wurde.

Unabhängig von der Bewertung einzelner medizinischer Positionen verdient die Frage Beachtung, was einen Menschen dazu bewegt, im fortgeschrittenen Alter noch einmal seine öffentliche Reputation aufs Spiel zu setzen. Bei Bhakdi war es, so jedenfalls mein Eindruck von seiner Persönlichkeit, keine Lust an der Provokation. Vielmehr scheint ihn die Überzeugung angetrieben zu haben, gegenüber seinen Mitmenschen eine Verantwortung zu tragen, der er sich nicht entziehen durfte. Das ist eine Haltung, die an einen heute beinahe vergessenen Begriff erinnert: das Gewissen. Jenes innere Wissen um eine Verpflichtung, die sich nicht einfach durch Mehrheitsmeinungen, gesellschaftlichen Druck oder die Aussicht auf persönliche Nachteile außer Kraft setzen lässt.

Die Größe eines bescheidenen Menschen

Vielleicht hat mich deshalb jene persönliche Begegnung mit Bhakdi so beeindruckt. Denn ich traf keinen Mann, der seine wissenschaftlichen Verdienste vor sich hertrug, keinen selbstverliebten Prominenten, der vor allem gehört werden wollte. Sondern einen Menschen, der seinem Gegenüber mit aufrichtiger Aufmerksamkeit begegnete, der zuhören konnte und dessen Herzlichkeit nichts Aufgesetztes hatte. Es ist eine bemerkenswerte Verbindung: ein Mann, der öffentlich mit großer Entschiedenheit auftritt und im persönlichen Umgang zugleich eine fast entwaffnende Sanftheit ausstrahlt. Vielleicht zeigt sich gerade darin etwas von jener menschlichen Größe, die sich weder durch akademische Titel noch durch öffentliche Anerkennung erwerben lässt.

Achtzig Jahre sind ein stolzes Alter. Sucharit Bhakdi kann auf ein außergewöhnliches Leben zurückblicken: als Arzt, Wissenschaftler, Lehrer und schließlich als eine redliche, aufrechte Persönlichkeit, an der sich während einer der größten gesellschaftlichen Krisen unserer Zeit die Geister schieden. Was von einem Menschen bleibt, sind jedoch nicht allein seine wissenschaftlichen Leistungen oder die Kontroversen, die er ausgelöst hat. Es ist auch die Art, wie er anderen Menschen begegnet ist. Und deshalb möchte ich Sucharit Bhakdi heute nicht nur zu seinem 80. Geburtstag gratulieren, sondern ihm auch für etwas danken, das mir seit jenem gemeinsamen Abend besonders in Erinnerung geblieben ist: für die selten gewordene Erfahrung, dass große Entschiedenheit und menschliche Güte keine Gegensätze sein müssen.

Ad multos annos, lieber Professor Bhakdi!


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David Berger
David Bergerhttps://philosophia-perennis.com/
David Berger (Jg. 1968) war nach Promotion (Dr. phil.) und Habilitation (Dr. theol.) viele Jahre Professor im Vatikan. Zahlreiche Veröffentlichungen zur Philosophie und Theologie des Mittelalters. Seit 2016 Blogger (philosophia-perennis) und freier Journalist (u.a. für die Die Zeit, Junge Freiheit, The European).

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