
Während manche am Ausgang der Berliner Wahl wenig Erfreuliches erkennen, kann man die Sache auch freundlicher betrachten. Die Linke warb im Wahlkampf ausdrücklich auch auf Arabisch um Stimmen. Man könnte sagen: Politik und arabische Community haben einander entdeckt. Vielleicht beginnt hier sogar eine kleine religiöse Renaissance. Gastbeitrag von Meinrad Müller
Denn Berlin wird wieder sichtbar frommer. Menschen beten, richten ihren Alltag nach religiösen Regeln aus und entdecken feste Vorstellungen von Anstand und Kleidung. Nur die christlichen Kirchen profitieren davon erstaunlich wenig. Die Kirchen hinterließen ein Vakuum. Berlin war einmal christlich geprägt. Davon ist nicht mehr viel übrig. Nur noch rund 18 Prozent der Berliner gehören einer der beiden großen Kirchen an. Religion wurde zunehmend zur Privatsache. Kreuze störten, christliche Traditionen galten als überholt, feste Glaubensregeln als nicht mehr zeitgemäß.
Nun passiert etwas Erstaunliches: Berlin wird wieder religiös. Fünfmal am Tag wird gebetet. Der Islam füllt das spirituelle Vakuum, das die christlichen Kirchen hinterlassen haben. Muslime zeigen deutlich und öffentlich, dass man zu seinem Glauben stehen kann. Politische Aufmerksamkeit für arabische Wähler half dabei gewiss. Im Gegensatz dazu trauen sich viele Katholiken kaum noch, vor dem Essen im Restaurant zu beten und sich anschließend zu bekreuzigen. Der sonntägliche Kirchgang ist längst Minderheitenprogramm. Gläubige Muslime dagegen beten fünfmal am Tag.
Und nicht nur zu Hause. Im Großraumbüro wird die Arbeit unterbrochen, in der Fabrikhalle ein Platz gesucht und der Gebetsteppich ausgerollt. Auch die Moral kehrt zurück. Mit Religion kommen Regeln. Dazu gehört auch die Frage, wie man sich kleidet und was als anständig gilt. Berlin war jahrzehntelang stolz darauf, dass jeder tragen konnte, was er wollte. Möglichst freizügig galt als modern, möglichst wenig Vorschriften als Fortschritt. Wird die neue Religion bunte Umzüge mit wenig Bekleideten noch dulden?
Der Islam sieht manches anders. Frauen sollen sich bedeckter kleiden. Der Körper soll nicht ständig öffentlich gezeigt werden. Auch das kann man positiv sehen: weniger Freizügigkeit, weniger sexuelle Reize, weniger Messergebrauch. Vielleicht wird Sittsamkeit, dieses fast schon museumsreife Wort, in Berlin noch einmal gesellschaftsfähig. Ein Vakuum bleibt niemals leer. Das ist vielleicht die eigentliche Geschichte. Eine Gesellschaft kann Religion aus Schule, Familie und Alltag zurückdrängen. Sie kann Kirchen leer werden lassen und Glauben zur Privatsache erklären. Sie kann aber nicht verhindern, dass andere die Lücke füllen. Die Linke hat verstanden, dass die arabische Community politisch interessant ist. Teile dieser Community erleben eine Partei, die sie gezielt anspricht. So findet zusammen, was zusammen gehört.
Berlin wird also tatsächlich wieder religiöser. Nur anders, als viele gedacht hatten. Wer sich bisher für religionsfern oder gar atheistisch hielt, könnte von der neuen islamischen Spiritualität ebenfalls gezielt erfasst und gewissermaßen neu formatiert werden. Je schneller einer die neuen Regeln, Rituale und Umgangsformen übernimmt, desto schneller gilt er als angepasst. Auch darin besitzen die Deutschen reichlich historische Erfahrung: Neue Verhältnisse werden hierzulande erstaunlich schnell nicht nur hingenommen, sondern zur neuen Normalität erklärt.
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