Katholizismus: Afrika überholt Europa – und bewahrt den Glauben, den der Westen preisgibt

(David Berger) Eine historische Zäsur: Erstmals leben in Afrika mehr Katholiken als in Europa. Doch hinter dieser demografischen Verschiebung verbirgt sich eine Entwicklung von weit größerer kirchenpolitischer und theologischer Tragweite. Während sich große Teile des westeuropäischen Episkopats immer stärker dem nihilistischen Zeitgeist anpassen, treten afrikanische Bischöfe vielfach als entschiedene Verteidiger der überlieferten katholischen Glaubens- und Morallehre auf.

Die neuesten Zahlen der vatikanischen Nachrichtenagentur Fides markieren einen historischen Wendepunkt: Mit 288,3 Millionen Katholiken hat Afrika den europäischen Kontinent mit seinen 287,2 Millionen erstmals überholt. Europa, über Jahrhunderte das geistige, theologische und institutionelle Zentrum der katholischen Kirche, verliert innerhalb der Weltkirche zunehmend an Gewicht. In Afrika dagegen wächst die Kirche. Allein 2024 kamen dort rund 7,6 Millionen Katholiken hinzu. Während Europa im selben Jahr 2.483 Priester verlor, gewann Afrika 1.676 hinzu. Auch bei den Priesterseminaristen verzeichnete Afrika als einziger Kontinent einen Zuwachs.

Afrikas Bischöfe gegen den deutschen Synodalgeist

Doch entscheidender als die Zahlen ist die Frage, welcher Katholizismus hier wächst. Während in Deutschland und anderen westeuropäischen Ländern Bischöfe über die Segnung homosexueller Verbindungen, die Frauenordination, eine Anpassung der kirchlichen Sexualmoral diskutieren und sich in einen bizarren Kampf gegen jene begeben, die das christliche Abendland vor der Islamisierung bewahren wollen, halten zahlreiche afrikanische Oberhirten entschieden an jenen Glaubensüberzeugungen fest, die in Europa zunehmend als überholt gelten.

Besonders deutlich wurde dieser Gegensatz im Streit um die vatikanische Erklärung Fiducia supplicans. Während sie in weiten Teilen Westeuropas begrüßt wurde, lehnten die afrikanischen Bischofskonferenzen die darin vorgesehenen Segnungen gleichgeschlechtlicher Paare für ihre Ortskirchen konsequent ab. Unter der Führung des kongolesischen Kardinals Fridolin Ambongo machten sie deutlich, dass sie trotz ihrer Treue zum Papst nicht bereit waren, eine Praxis zu übernehmen, die nach ihrer Überzeugung Verwirrung über die katholische Ehelehre stiften würde. Ein eindrucksvoller Beweis dafür, dass sich die Weltkirche keineswegs nach den theologischen Vorstellungen deutscher Synodalreformer richten muss.

Kardinal Sarah und die Rückkehr des Glaubens nach Europa

Eine herausragende Gestalt dieses selbstbewussten afrikanischen Katholizismus ist Kardinal Robert Sarah aus Guinea. Der frühere Präfekt der römischen Gottesdienstkongregation verkörpert wie kaum ein anderer Kirchenmann unserer Zeit die Verbindung von tiefer Spiritualität, liturgischer Ehrfurcht und unerschütterlicher Treue zur katholischen Überlieferung. Seine Kritik an der Verweltlichung der Kirche, am Verlust des Heiligen und an der Preisgabe verbindlicher Glaubenswahrheiten trifft besonders jenen europäischen Katholizismus, der sich zunehmend darin erschöpft, den gesellschaftlichen Entwicklungen hinterherzulaufen. Sarah steht dabei nicht für eine afrikanische Sonderlehre, sondern für jenen universalen katholischen Glauben, den Europa selbst über Jahrhunderte in alle Welt getragen hat. Gerade darin liegt die besondere Ironie dieser Entwicklung: Was in Deutschland nicht selten als rückständig gilt, wird von afrikanischen Kirchenführern als selbstverständlicher Bestandteil katholischer Identität verteidigt.

Die demografische Zeitenwende könnte deshalb auch zu einer theologischen werden. Je stärker das Gewicht Afrikas innerhalb der Weltkirche wächst, desto schwieriger dürfte es werden, die Vorstellungen westeuropäischer Reformkatholiken als selbstverständliche Zukunft der gesamten Kirche auszugeben. Die geistliche Vitalität Afrikas stellt zugleich die Frage, ob die Krise des europäischen Katholizismus tatsächlich durch immer neue Anpassungen an den Zeitgeist überwunden werden kann. Ein afrikanischer Kirchenvertreter soll den Europäern einmal sinngemäß gesagt haben: „Ihr habt uns einst den christlichen Glauben gebracht. Nun wird es bald an der Zeit sein, dass wir ihn euch zurückbringen.“ Dieser Satz bringt er die gegenwärtige Lage der Weltkirche auf den Punkt. Europa, das einst Missionare in alle Welt entsandte, ist inzwischen selbst zum Missionsgebiet geworden. Und ausgerechnet Afrika könnte dem alten Kontinent jenen katholischen Glauben zurückbringen, den große Teile seines eigenen Kirchenapparates dem Zeitgeist zu opfern bereit sind.

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David Berger
David Bergerhttps://philosophia-perennis.com/
David Berger (Jg. 1968) war nach Promotion (Dr. phil.) und Habilitation (Dr. theol.) viele Jahre Professor im Vatikan. Zahlreiche Veröffentlichungen zur Philosophie und Theologie des Mittelalters. Seit 2016 Blogger (philosophia-perennis) und freier Journalist (u.a. für die Die Zeit, Junge Freiheit, The European).

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