Laizität als Chance für den Glauben? Hans Barion und die Trennung von Staat und Kirche

Ist die enge Verflechtung von Staat und Kirche am Ende weniger Segen als Fluch für den Glauben? Der fast vergessene Kirchenrechtler Hans Barion plädierte schon vor Jahrzehnten für eine radikale Entweltlichung: Der Staat solle sich aus Glaubensfragen heraushalten – und die Kirche aus dem politischen Tagesgeschäft. Was damals provozierte, wirkt angesichts einer staatlich alimentierten Verwaltungskirche, die zu fast jedem politischen Thema Stellung nimmt, während Glaubenswissen und Gottesdienstbesuch schwinden, erstaunlich aktuell. Vielleicht braucht die Kirche nicht noch mehr gesellschaftlichen Einfluss, sondern mehr Freiheit vom Staat – damit sie wieder unüberhörbar von Gott sprechen kann. Gastbeitrag von Dr. Felix Wachter.

 „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist und gebt Gott, was Gottes ist“. Die Unterscheidung von Politik und Religion ist keine Erfindung des Liberalismus, sondern ist im Evangelium selbst grundgelegt. Heute hat man das Gefühl, die Kirche in Deutschland schaut mehr auf den „Kaiser“, weniger auf den Willen Gottes. Die enge Verflechtung mit dem Staat hat der Kirche die Lebensenergie geraubt. Es ist eine Art Verwaltungskirche entstanden. Kirchliche Verlautbarungen klingen oft eher nach politischen Botschaften, verpackt in religiöse Sprache. Gleichzeitig sehen wir, wie in strikt laizistischen Staaten wie Frankreich und Amerika immer mehr ein lebendiger Glaube aufkeimt. Junge und glaubensstarke christliche Gemeinden wachsen ständig. Ist es demnach sinnvoll, ja sogar evangeliumsgemäß, Staat und Kirche aus ihrer Umklammerung zu lösen?

Ein „loyaler Rebell“

Ein früher katholischer Vertreter einer Trennung von Kirche und Staat war der Kirchenrechtler Hans Barion (1899-1973). Bereits in den Dreißigerjahren des letzten Jahrhunderts trat Barion für eine klare Scheidung beider Bereiche ein, was ihm fälschlicherweise als Anbiederung an den NS-Staat ausgelegt wurde. Gerade die unbedingte Treue zum Glaubensgut ließ ihn für den Laizismus eintreten. Die „Entpolitisierung“ der Kirche sollte sie wieder zu ihrem eigentlichen Auftrag zurückführen: Der Sorge um das religiöse Heil der Menschen. Für Barion war es eine große Tragödie, dass in der Moderne das Bewusstsein für diese Sendung zusehends verloren ging und man die Kirche immer mehr lediglich als „Spieler“ auf dem politischen Feld wahrnahm. Der gleichzeitige Einsatz für den Glauben und den Laizismus waren aus dieser Sicht keine Gegensätze, sondern gingen Hand in Hand. Durch Entweltlichung sollte sich die Kirche wieder neu ihrer selbst bewusst werden.

Barions Thesen entsprachen nicht dem damaligen katholischen Mainstream und sorgten für viel Unverständnis. Schließlich erhielt der Kirchenrechtler sogar zeitweise die suspensio a divinis, das Verbot, Sakramente zu spenden. Er nahm die Kirchenstrafe jedoch im Gehorsam an und verzichtete darüber hinaus freiwillig auf die Ausübung seiner Lehrtätigkeit. Auch in der Nachkriegszeit vertrat Barion wieder ungewöhnliche Positionen: Er gehörte zu den wenigen kirchlichen Stimmen, die das 2. Vatikanum scharf kritisierten. In den politischen Stellungnahmen des Konzils sah er einen schwerwiegenden Autoritätsmissbrauch, sowie das „Bestreben, die im apostolischen Kerygma grundgelegte Lehre von den zwei Reichen zugunsten einer Programm- und Arbeitsgemeinschaft beider Reiche beiseite zu schieben.“ Dies alles bedeutete für den Kirchenrechtler eine Degradierung des Glaubens und der Kirche. Trotz seiner Opposition gegen das Konzil, scherte Barion allerdings niemals aus der kirchlichen Hierarchie aus. „Ich gehe immer als Zweiter hinter dem Papst“, war hier sein schlichtes Motto.

Das Reich der Kirche ist nicht von dieser Welt

Kirche und Staat nehmen für Barion jeweils eine besondere Stellung ein: Der Staat ist die höchste Autorität im weltlichen, die Kirche höchste Autorität im geistlichen Bereich. Daraus ergibt sich ein vollkommen verschiedenes Wesen von beiden. Die „Gewalt der Kirche ist geistlich, die Gewalt des Staates weltlich; beide sind so verschieden, wie das Geistliche und das Weltliche verschieden sind“, stellt er dazu fest. Aus dieser fundamentalen Verschiedenheit in Wesen und Auftrag, ergibt sich für Staat und Kirche das Prinzip der Nichteinmischung in den Bereich des jeweils anderen. Eine Politik die sich anmaßt, religiöse Fragen klären zu wollen, überschreitet ihren Kompetenzbereich, genau wie eine Kirche, die versucht bei politischen Themen zu brillieren. Wechselseitige Einmischungen entsprechen nicht der Würde der beiden Autoritäten.

Da aber die Kirche sichtbar in der Welt existiert, ist sie zwangsläufig Teil des politischen Herrschaftsbereichs. In welchem Verhältnis sollen also beide Bereiche zueinander stehen? Beide verhalten sich in der Welt nach einer anderen Logik, nach anderen Spielregeln, wie Barion verdeutlicht: „Das Politische aber lebt, um die Definition Carl Schmitts aufzunehmen, von der Unterscheidung von Freund und Feind, während die Kirche bei ihrer Stellungnahme zum Weltlichen nur nach der Sünde fragt. Ratione peccati, wie die alte, im Kirchlichen Gesetzbuch fortlebende Formel lautet, auf Grund der Sünde trifft die Kirche auch in politischen Dingen ihre Entscheidung.“

Das heißt, dass der konkrete Aufbau einer staatlichen Ordnung eine Frage ist, die die Kirche in keiner Weise betrifft. Sie darf sich darüber hinaus nicht zum Teilnehmer von Freund-Feind-Auseinandersetzungen machen. Sie steht vollkommen jenseits solcher Kategorien. Die Kirche muss der Politik im weltlichen Bereich freie Hand lassen, außer dort, wo es um sündhafte Strukturen geht. Die Sünde markiert die rote Linie, die ein Einschreiten der kirchlichen Autorität auch im politischen Bereich rechtfertigt. Man muss sich fragen, wo die Kirche heute ihre Stimme erhebt, wenn es um politische Sünden wie die Zerstörung der Familie und Liberalisierungen von Abtreibungen geht.

Die Kirche hat das Recht und die Pflicht ihr „Nein“ zur Sünde zu sagen, sie darf jedoch nie einen Anspruch auf politische Machtgestaltung erheben: „Die Kirche erhebt einen solchen Anspruch nicht, und zwar nicht etwa deshalb, weil sie politisch neutral wäre, wie liberalisierende Theologen so gerne sagen; auch nicht, weil sie unpolitisch wäre, im Sinn des Fehlens einer Eigenschaft, die sie an sich haben könnte; sondern darum nicht, weil politische Macht ihrem Wesen zuwider ist.“ Der Ausspruch des Evangeliums „Mein Reich ist nicht von dieser Welt“ klingt hier sehr deutlich an. Politische Gewalt und Machtmittel passen nicht zur Kirche.

Genau aus diesem Grund lehnte Barion kirchlich gebundene Parteien ab. „Politischer Katholizismus“ war für ihn nur dort verdienstvoll, wo es um einen Kampf um die Freiheit der Kirche geht. In einem Staat, indem die Glaubensfreiheit bereits erreicht ist, wird der politische Katholizismus überflüssig. Kirchliche Politiker, die für Macht und persönliche Vorteile faule Kompromisse mit marxistischen Parteien eingingen schadeten seiner Auffassung nach nur dem Ansehen der Kirche. Barion war überzeugt, dass die Kirche grundsätzlich keine Vermittlung durch Parteien braucht: „Nicht mittelbar, vertreten durch eine Partei, sondern unmittelbar, als Kirche, soll sie dem Staat gegenübertreten und als Kirche, mit der ganzen Macht ihres göttlichen Auftrags, ihm die Forderungen des Christentums verkünden.“

Barion als Konzilskritiker

Barions Plädoyer für die Trennung von Staat und Kirche war kein Appeasement bei der NS-Diktatur, sondern folgte aus tiefer Glaubensüberzeugung. Das wird nicht zuletzt daran deutlich, dass er seine Position auch nach dem Krieg unbeirrt beibehielt. Seine spätere Kritik am Konzil ist überhaupt nur vor diesem Hintergrund zu verstehen.

Der Kirchenrechtler betonte stets, dass die Kirche keine Lehrautorität für politische Fragen habe, da diese nicht Teil der göttlichen Offenbarung seien. Dort „wo die Kirche eine positive politische Idee repräsentiert, die theologisch immer nur eine unter mehreren von den Zehn Geboten aus möglichen ist, überschreitet sie ihren göttlichen Auftrag.“ In diesem Zusammenhang warf er dem Konzil vor, in intellektuell unredlicher Weise soziale Heilslehren über die Hintertür eingeführt zu haben. „Ich fühle mich an der Nase herumgeführt“, sagte Barion frustriert, „ich würde mich vor meinen früheren Hörern lächerlich machen, wenn ich zu dieser vollständigen Verkehrung alles dessen schwiege, was bis zum Tode Pius XII. als katholische Lehre gegolten hat.“

Barion sprach von einem „Konzils-Utopia“, von der Forderung nach einer globalen Weltordnung, in der alle Missstände für immer beseitigt seien. Insbesondere der Konzilstext Gaudium et spes war ihm zufolge eine diesseitig ausgerichtete „politische Theologie“, die in einer unzulässigen Weise geistliche und weltliche Forderungen vermischte und dadurch gegen göttliches Recht (ius divinum) verstieß, das die Kirche zuerst auf das Heil der Seelen (salus animarum) verpflichtet.

Seiner Ansicht nach stiftete das Konzil, dadurch, dass es soviel von politischen Dingen sprach, Verwirrung in der Lehre, da die Gläubigen hier nicht einschätzen konnten, inwiefern solche Aussagen verbindlich sind. In den politischen Stellungnahmen des Konzils sah er selbst eine klare Überschreitung der kirchlichen Lehrbefugnis, die somit keine Autorität für den einzelnen Gläubigen beanspruchen könne.

„Gleicht euch nicht dieser Welt an“

Barions Thesen zu einer klaren Begrenzung kirchlicher Zuständigkeit haben bis zur Gegenwart so gut wie keine Resonanz gefunden. Sicher erscheint manches davon arg zugespitzt und übertrieben. Unbestreitbar ist indes, dass Barion einen Finger in die Wunde gelegt hat, seine Überlegungen zu Kirche und Welt sind im Kern überaus aktuell und diskussionswürdig. Niemand kann ernsthaft bestreiten, dass sich die Kirche in den letzten Jahrzehnten sehr einseitig auf weltliche Dinge fixiert hat und darüber fast einen Identitätsverlust erlitten hat. „Wir haben uns alle, gerade in der Zeit nach 1945, tief in die Welt und das Diesseits vergraben und verkrallt, auch in der Kirche,“ gestand der 2018 verstorbene Kardinal Karl Lehmann in seinem Geistlichen Testament.

Die Kirche beschäftigt sich auch heute viel mit politischen Fragen, während Glaube und Moral immer nebulöser werden. Die Hauptaufgabe der Kirche, das Seelenheil des Menschen gerät so fast in Vergessenheit. Hans Barion vertrat das kirchliche Gegenprogramm: Klarheit in Glauben und Verkündigung, weitgehender Rückzug aus dem politischen Tagesgeschehen. Denn nur eine Kirche, die sich endlich vom Unwesentlichen befreit und ihre Identität wiederfindet, kann ihre Sendung erfüllen.


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David Berger
David Bergerhttps://philosophia-perennis.com/
David Berger (Jg. 1968) war nach Promotion (Dr. phil.) und Habilitation (Dr. theol.) viele Jahre Professor im Vatikan. Zahlreiche Veröffentlichungen zur Philosophie und Theologie des Mittelalters. Seit 2016 Blogger (philosophia-perennis) und freier Journalist (u.a. für die Die Zeit, Junge Freiheit, The European).

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