Gastbeitrag von Dr. Felix Wachter
Ernst Niekisch (1889-1967) war ein Systemsprenger, der in seinem Leben völlig mit gängigen politischen Vorstellungen brach. Als Politiker war er Mitglied der SPD, KPD und SED. Gleichzeitig bezeichnete er sich selbst als „Nationalrevolutionär“. In der Weimarer Zeit war er ein scharfer Gegner Hitlers und wurde im Nationalsozialismus zu lebenslanger Haft wegen Konspiration verurteilt. Nach dem Zusammenbruch des NS-Regimes versuchte er in der DDR als Lehrbeauftragter für Sozialwissenschaft Fuß zu fassen, doch fiel er dort schon bald wegen „rechtsradikaler Umtriebe“ auf. Schließlich kehrte er nach Westdeutschland zurück. Seine letzten Lebensjahre waren geprägt von Resignation. Niekisch‘ Hoffnungen auf einen neuen Aufbruch für Deutschland hatten sich nicht erfüllt. Die DDR empfand er als graue, gesichtslose Bürokratie ohne politischen Schwung. Der Bundesrepublik warf er vor, die Seele des Volkes für Konsum und Wohlstand zu verkaufen.
Revolution als Ringen um Freiheit
Wer die Eckdaten von Niekisch‘ Lebenslauf überfliegt, kann leicht auf den Gedanken kommen, dass seine politische Einstellung wohl ziemlich verworren und wechselhaft gewesen sein muss. Doch das genaue Gegenteil ist der Fall: Politische Systeme und Kategorisierungen änderten sich, doch Niekisch blieb immer der gleiche. Sein Denken war auf seine Weise sehr kohärent. Im Zentrum stand dabei immer der Kampf um die Freiheit der Nation. Genau in diesem Sinn war Niekisch „revolutionär“: Es ging ihm nicht darum, eine völlig neue Gesellschaftsordnung oder einen neuen Menschen zu schaffen. Im Gegenteil: „Revolution“ ist bei ihm wörtlich zu nehmen, als ein „Zurückwälzen“ der Gesellschaft aus Versklavung und Entfremdung in ihren natürlichen und authentischen Zustand. Es geht um das Wiederfinden einer verloren gegangenen Identität und Freiheit. Revolution war für ihn zudem ein Akt der Selbstbefreiung in einer feindlichen Umgebung. Die deutsche Geschichte war aus seiner Sicht stets eng mit Selbstbehauptung verbunden. Er schreibt hierzu:
„Immer steht eine ganze Welt feindselig gegen den deutschen Menschen; ein lodernder Haß verströmt sich in unheimlichen Verschwörungen, sobald sich der deutsche Mensch einen starken Staat, einen unabhängigen Staat der europäischen Mitte geschaffen hat. Immer lebt der deutsche Mensch gefährlich; nie lebt er gefährlicher, als wenn ihm die Schöpfung eines Staates gelang, der in Freiheit sich selbst bestimmt und der nicht mehr Gegenstand und Spielball der Politik benachbarter Mächte zu sein braucht (…) Nur so lange bewahrt er seine Freiheit, als er bereit ist, auch den höchsten Einsatz für sie zu wagen; er verliert sie unvermeidlich, sobald er irgendein anderes Gut, sei es Reichtum, sei es das Leben selbst, höher schätzt als sie.“
Das Pathos dieser Zeilen mag heute befremden. Übernationale Verschwörungen sobald die Deutschen versuchen, politisch Rückgrat zu zeigen? Ist das nicht einfach nationalistischer Verfolgungswahn? Wenn wir einmal in die jüngere Geschichte schauen, können wir einen wahren Kern von Niekisch‘ Standpunkt sehen: Beispielsweise definierte der erste Nato-Generalsekretär, Lord Hastings Ismay, das Ziel des internationalen Verteidigungsbündnisses wie folgt: „To keep the russians out, the americans in and the germans down.“ Auch ist offensichtlich, dass durch die EU die Mitgliedsstaaten, insbesondere Deutschland, Souveränität abgeben und eigene Interessen zurückstellen sollen.
Die Ursprungsspannung von Stadt und Land
Allerdings wäre es viel zu oberflächlich gedacht, die Bedrohung der Freiheit nur in äußeren Feinden zu sehen. Zu bedenken sind hier auch Entwicklungen im Inneren. Für Niekisch besteht die Nation ursprünglich aus einer faszinierenden Gegensatzspannung von Stadt und Land. Das Stadtleben steht für Freiheit, Kreativität und persönliche Entfaltung. Dass „städtisches Wesen beweglicher, ungebundener, geistiger, vielleicht auch ehrfurchtsloser ist, gibt ihm vor dem Lande einen gewissen Vorsprung. Es verblüfft durch seine Geschicklichkeit, sein Selbstgefühl, und seine ‚Unvoreingenommenheit‘“. Das Landleben ist hingegen der ruhende Pol, der für Spiritualität und alle überzeitlichen Werte steht: „Das Land, die Erde, das Erbe der Väter, die Sitten und Gebräuche, der Glaube der Vorfahren, sind in ihrer Gesamtheit das Überpersönliche, wofür zu sterben süß sein kann.“ Die Stadt symbolisiert das Individuum und seine Bedürfnisse, das Land das „Überpersönliche“, Gemeinschaft und Transzendenz.
Beide Pole sind unentbehrlich und brauchen sich wechselseitig. Nach Niekisch standen Stadt und Land über Jahrhunderte in einem Gleichgewicht und befruchteten einander. Niekisch ist also weit entfernt von einer naiven Idealisierung des Landlebens. Ein Bauern- oder Agrarstaat kann nicht das Ziel sein. Ein solcher Staat würde sich fruchtbarer Dynamiken und eines recht verstandenen Fortschritts berauben. Stadt und Land sind so wie die beiden Flügel eines Flugzeugs: die Stadt ist der der linke, das Land der rechte Flügel.
Die Folgen der Verstädterung in der Neuzeit
Mit dem 18. Jahrhundert nahmen jedoch negative Seiten des Stadtlebens überhand: Entwurzelung, Egoismus, Profitstreben. Niekisch charakterisiert diese „verstädterte“ Mentalität wie folgt: „Der letzte und höchste Träger der Wertschöpfung, auf den alle Dinge bezogen werden, der über die Rangordnung der Güter entscheidet, ist nicht mehr ein Überpersönliches, das unantastbar durch Jahrhunderte die menschlichen Geschicke formte und als ein heilig Überliefertes ehrfürchtig von den Vätern übernommen, gebietend den Kindern hinterlassen wurde: der Mensch selbst wirft sich auf, dieser selbstherrliche Wertschöpfer zu sein. Er erlebt sich als Maß aller Dinge und damit als Herr über alle Dinge. Bindungen bedrücken ihn als Beeinträchtigungen seiner Menschenwürde; er will frei davon sein. Er will durch nichts mehr bestimmt sein, sondern will selbst über alles bestimmen. Er streift metaphysische Fesseln ab; lästig ist ihm der Inbegriff einer höchsten Autorität, vor der er ein Stäubchen und ein Nichts sein soll.“
Niekisch (Foto r. © Heinrich Hoffmann, CC0, via Wikimedia Commons) beschreibt hier einen Menschentyp, der sich selbst, den eigenen Willen und die eigenen Bedürfnisse zur alleinigen Richtschnur gemacht hat und keine Instanz über sich mehr erkennt. Es handelt sich um die Einstellung, die der Okkultist Aleister Crowley auf die primitive Losung „Tu, was du willst sei das einzige Gesetz“ gebracht hat. Es ist der Menschentyp des Individualismus. Für ihn zählen Geltungsdrang, Macht und Vergnügungen. Um dies zu realisieren, braucht der Individualist vor allem Reichtum. „Sich zu verwirklichen heißt: reich und immer reicher zu werden.“ Der Individualist ist deshalb immer auch Materialist. Individualismus und Materialismus bilden ein unzertrennliches Zweiergespann, wie Niekisch in eindringlichen Worten schildert:
„Individualismus und Materialismus sind wie siamesische Zwillinge; sie werden zu gleicher Stunde geboren und gehen unzertrennlich ihren Weg. Wo sich der individuelle Geltungsdrang meldet, da lauert im Hintergrunde auch schon die materialistische Begierde (…) Der Materialismus ist gewissermaßen der Stab, an dem sich der Individualismus aufrichtet und aufrechterhält. Die leuchtenden Raketen himmelsstürmerisch-individualistischen Stolzes und Trotzes hinterlassen, kaum sind sie explodiert, die öde graue Asche widerwärtig materialistischer Gesinnung.“
Individualistische eingestellte Menschen bergen für den Staat sozialen Sprengstoff. Der Individualismus lässt eine Form von Gesellschaft entstehen, in der nach dem bekannten Wort von Thomas Hobbes „der Mensch des Menschen Wolf“ ist. In der Folge sieht sich der Staat gezwungen, die fehlende Tugendhaftigkeit der Bürger durch immer mehr Gesetze zu kompensieren (et corruptissima re publica plurimae leges: Umso verdorbener der Staat ist, je mehr Gesetze hat er; Tacitus). Niekisch schreibt dazu: „Der Drang wächst, alles auszuschalten, was das Leben bedroht. Durch Abmachungen, Verträge, Verständigungen sucht man Konflikten vorzubeugen und, wo sie sich trotzdem herausbildeten, sie zu mildern und beizulegen. Den Kampf soll der friedliche Wettbewerb ersetzen. Unzählige Einrichtungen, Maßnahmen dienen dem Ziel, das Leben zu sichern, es vor Umständen zu bewahren in denen es zu Schaden kommen, in denen es zugrunde gehen könnte.“
Hedonismus führt in die politische Versklavung
Auch ist der individualistische Staat kein Staat für den Ernstfall. Wer ausschließlich ich-bezogen denkt, wird nicht bereit sein, dort, wo es nötig ist, Verzicht zu üben oder das Land im Kriegsfall zu verteidigen. Der Individualismus, so Niekisch, führt dazu, dass Menschen nurmehr ängstlich um die eigene Selbsterhaltung kreisen: „Die Angst vor dem Kampf: das ist der Gehalt des Pazifismus. Wo so viele souveräne Individuen sich stolz als das Endergebnis der bisherigen Menschheitsentwicklung empfinden, ist das Beben vor dem Tode allerdings grenzenlos; Millionen schreien da, daß sie wieder Lust noch Willen zum Sterben hätten. Notwendigerweise endet die Flucht vor dem Kampf im Feminismus; das Emporkommen des Weibes in der bürgerlichen Gesellschaft ist nicht zufällig; je verstädterter eine Gesellschaft ist, desto unmännlicher, feiger, weiblicher ist sie. Der Weiberkult gehört zum vollkommenen Händler, wie nicht nur Amerika zeigt.“
Daraus ergibt sich das Paradoxon: Durch maximale individuelle Freiheit entsteht für den Staat als politisches Subjekt maximale Unfreiheit, nach innen wie nach außen. Die Freiheit des „Überpersönlichen“ (Familie, Kultur, Religion), auf die es Niekisch ankommt, geht verloren. Wir sehen so, wie der Verlust des Gleichgewichts von Stadt und Land Niekisch‘ Kernanliegen, die innere und äußere Freiheit der Nation, von grundauf konterkariert. Nicht Romantik oder pauschaler Kulturpessimismus steht bei ihm im Vordergrund, sondern die Warnung vor dem egoistischen Materialismus, einem primitiven Darwinismus, mit dem sich kein Staat machen lässt.
Der heutige Leser wird Niekisch‘ drastischen und kompromisslosen Ausführungen sicher nicht in allem zustimmen müssen. Es gilt jedoch hinter die Fassade einer zeitbedingten Diktion zu blicken und sich zu fragen, welche wahren Grundgedanken hinter den Darlegungen des „deutschen Revolutionärs“ stecken könnten.
Marxismus als Scheinalternative zum Liberalismus
Niekisch verband eine radikal nationale Einstellung mit einer ebenso radikalen Kritik an Egoismus, Konsumismus und Hedonismus. Man hat ihn deswegen oft als „Nationalbolschewisten“ bezeichnet. Der Bolschewismus wiederum ist jedoch unauflöslich mit der Doktrin des Marxismus-Leninismus verbunden. Konnte der Marxismus also für Niekisch ein Ausweg aus der individualistischen Krise des Staates darstellen?
In der allgemeinen Wahrnehmung wird heute der Marxismus als absoluter Gegensatz zu Liberalismus und Bürgertum gesehen. Für Niekisch jedoch bilden die marxistische und die liberal-bürgerliche Denkungsart keine Gegensätze, sondern sind zwei Seiten derselben Medaille. Es handelt sich um zwei entgegengesetzte Wege, die jedoch in letzter Analyse dasselbe Ziel verfolgen. Niekisch skizziert dies folgendermaßen:
„Das Bürgerliche und Marxistische stimmen in Lebensgefühl und Werthaltung überein; den wirtschaftlichen Gütern wird die oberste Rangstufe zuerkannt. Zweck des Daseins überhaupt seien Wohlstand und Wohlfahrt, Lebensgenuß und Lebenssicherung, Reichtum und Geborgenheit. Der gesellschaftlich-wirtschaftliche Blickpunkt beherrscht das gesamte Weltbild; der Staat an sich ein rein politisches Phänomen, gerät in den Prozess der Aufweichung seines strengen unerbittlichen Herrschaftscharakters; er verflüchtigt sich hier zum liberalen Rechtsstaat, dem schließlich nur noch Wachhundfunktionen übrig bleiben, er wird dort, nachdem er zwischendurch zum Wohlfahrtstaat degeneriert war, am Ende in die „Rumpelkammer“ geworfen. Die Außenpolitik wird zum Inbegriff des Feilschens um Absatzmärkte, der Jagd nach Rohstoffgebieten, der Regelung des internationalen Handelsverkehrs; die Innenpolitik erschöpft sich in Klassenkämpfen, – wenn es gut geht, in Klassenkompromissen.“
Niekisch und die Querfrontperspektiven der Gegenwart
Für Niekisch sind also sowohl Liberalismus wie Marxismus Produkte einer übersteigerten und einseitigen Urbanisierung. Der Kommunismus predigt Gemeinschaft und Einsatz für die Schwachen, forciert jedoch, genau wie der Liberalismus, eine hedonistische „Spaßgesellschaft“, in der jeder möglichst tun kann, was ihm beliebt. Genau hierdurch verfehlt der Kommunismus seinen eigenen Anspruch, da er die verbindende Klammer für soziales Denken und Wir-Gefühl nicht schaffen kann, bestehende Gemeinschaftsstrukturen sogar angreift und auflöst. Es ist sicher nicht zufällig gewesen, dass die marxistischen Lehren mit ihrer dezidierten Ablehnung traditioneller Gemeinschaftsbindungen vor allem bei urbanen Intellektuellen Anklang fanden und der Bauernstand der erbittertste Feind des bolschewistischen Regimes gewesen ist.
Blicken wir in die Gegenwart: Auch heute sehen wir eine Dichotomie von Stadt und Land, wobei die Tendenz zur Urbanisierung ungebremst weiterläuft. Die Stadt wählt links, das Land rechts. Diese Grundtendenz lässt sich durch die Zeit und über die Nationengrenzen hinweg eindeutig feststellen. Niekisch‘ Analyse beider Lebenswelten kann hier den Zusammenhang erhellen. Folgt man seinen Darlegungen, sind „rechts“ und „links“ mehr wie politische Kategorien, sie sind so etwas wie ontologische Prinzipien, sie verkörpern Tradition und Fortschritt, Ewigkeit und Veränderung.
Welche Schlussfolgerung lassen sich daraus ziehen? Müssen „Stadt“ und „Land“ wieder näher zusammenrücken? Geht es letztlich um eine Synthese von „rechts“ und „links“, darum eine ursprüngliche Einheit wiederherzustellen? Jüngere Entwicklungen wie die Corona-Zeit, internationale kriegerische Auseinandersetzungen, KI-Kontrolle und Transhumanismus haben vor Augen geführt, dass eine Verständigung über Lagergrenzen hinweg nötig ist. Die Menschlichkeit steht auf dem Spiel. Heute ist „links“ jedoch weitgehend gleichbedeutend mit „antideutsch“. Eine wie immer geartete Kooperation mit einer derartigen Linken wäre nichts anderes als eine politische Chimäre. Eine Zusammenarbeit zwischen linken und rechten Kräften würde den Patriotismus als Bindeglied beider voraussetzen, sowie einen grundlegenden Respekt von linker Seite für tradierte Moral und Kultur. Eine solche Linke ist jedoch noch lange nicht in Sichtweite.
Die Frage nach der Überwindung gesellschaftlicher Spaltung, babylonischer Sprachverwirrung, bei der keiner mehr den anderen versteht, bleibt dennoch aufgestellt. Wenn wir an das Gegensatzpaar „Stadt“ und „Land“ denken, kann es aber nicht darum gehen, bestehende Gegensätze auszuradieren oder zu relativieren. Vielmehr geht es um das, was der Philosoph Jean Guitton einmal auf die Formel gebracht hat: „Die Eigenart des Heiligen Geistes ist es zu vereinigen, aber durch den Gegensatz hindurch.“
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