(David Berger) Die Schriftstellerin Karen Köhler nutzte die traditionelle Lollsrede in Bad Hersfeld für politische Botschaften über AfD, Klimaschutz und Weltpolitik. Das Publikum reagierte mit Pfiffen und Buhrufen. Selbst die regionale Presse sprach von einem Missbrauch der Bühne.
Es gibt in Deutschland offenbar kaum noch einen Ort, an dem man vor den politischen Belehrungen des linksgrünen Kulturbetriebs sicher ist. Nicht einmal beim ältesten Volksfest des Landes. Wer im hessischen Bad Hersfeld einfach nur feiern und jahrhundertealte Traditionen pflegen wollte, hatte die Rechnung ohne Karen Köhler gemacht. Die Schriftstellerin verwandelte die traditionelle Lollsrede in eine politische Moralpredigt. AfD, Klimaschutz, Außenpolitik, Artensterben – das ganze Repertoire der zeitgeistigen Weltverbesserung musste abgearbeitet werden. Nur eines geriet zur Nebensache: das Lullusfest selbst.
Doch diesmal ging die Rechnung nicht auf. Statt des erhofften Beifalls gab es laute Pfiffe, Buhrufe und empörte Zwischenrufe. „Das war die schlechteste Lollsrede, die wir je gehört haben“, rief ein Besucher. Selbst die regionale Presse fragte anschließend: „Wie kann man eine Bühne so missbrauchen?“ Besonders pikant: Als Köhler nach rund 25 Minuten ankündigte, man habe ihr signalisiert, zum Ende zu kommen, brandete Applaus auf. Endlich Beifall für eine politische Moralpredigt – allerdings nicht für das Gesagte, sondern für die Aussicht, dass sie bald vorbei sein würde.
Ein Volksfest mit christlichen Wurzeln
Das Lullusfest gilt als ältestes Volksfest Deutschlands und erinnert an den heiligen Lullus, einen Schüler des heiligen Bonifatius, der im 8. Jahrhundert als erster Erzbischof von Mainz wirkte und das Kloster Hersfeld gründete. Bis heute bewahrt die Stadt damit ein Stück christlich geprägter Geschichte. Fackelzüge, Feuer und jahrhundertealte Bräuche verbinden Generationen und stiften Gemeinschaft und Heimatgefühl. Umso befremdlicher wirkt es, wenn eine solche Veranstaltung zur Kulisse politischer Weltverbesserungsbotschaften wird. Köhler wollte über Angst, Feuer und Liebe sprechen. „Es passieren Dinge auf dieser Welt, die kann man nicht wegfeiern“, erklärte sie. Das mag stimmen. Aber muss man deshalb Menschen, die für einige Stunden feiern möchten, sämtliche Krisen der Gegenwart vortragen?
Auch die regionale Presse kritisierte den Auftritt scharf. Osthessen|News veröffentlichte einen Kommentar mit der Überschrift: „Lollsrede an völlig falscher Stelle: Wie kann man eine Bühne so missbrauchen?“ Selbstverständlich darf Köhler die AfD ablehnen, sich über Klimapolitik empören oder internationale Konflikte kommentieren. Dafür gibt es politische Veranstaltungen und Podiumsdiskussionen. Eine traditionelle Festansprache verlangt dagegen Gespür für den Anlass und die Erwartungen der Zuhörer. Ein Besucherpaar beklagte gegenüber der Lokalzeitung, man werde ohnehin täglich mit schlechten Nachrichten konfrontiert. Beim Lullusfest habe man das nicht auch noch gebraucht.
Die Menschen haben genug von der Dauerbelehrung
Bad Hersfeld steht für eine Entwicklung, die weit über die hessische Kleinstadt hinausreicht. Ob bei Kulturveranstaltungen, im Sport oder sogar in kirchlichen Zusammenkünften: Immer häufiger werden solche Anlässe mit politischen Botschaften überfrachtet. Dabei stammen diese auffallend häufig aus einem eng umrissenen weltanschaulichen Milieu. Klimarettung, Kampf gegen rechts, gesellschaftliche Transformation – die Themen sind bekannt, die moralischen Frontlinien ebenfalls. Wer widerspricht, gilt schnell als rückständig oder politisch verdächtig.
Ein Teil des Kulturbetriebs scheint verlernt zu haben, zwischen einem Publikum und einer politischen Gefolgschaft zu unterscheiden. Wer auf einer Bühne steht, hält sich allzu leicht für den moralischen Erzieher seiner Zuhörer. Die sollen die Botschaft verinnerlichen und anschließend dankbar applaudieren. Doch die Bürger sind keine Statisten in einem politpädagogischen Theaterstück. Sie haben eigene Überzeugungen und das Recht, sich gegen ungefragte Belehrungen zu wehren. Dass es vereinzelt auch Applaus für Köhler gab, ändert nichts daran, dass sie laut Lokalpresse einen erheblichen Teil ihres Publikums gegen sich aufbrachte.
Ein Pfeifkonzert als demokratische Antwort
Die Meinungsfreiheit gilt für Karen Köhler ebenso wie für jene Bürger, die ihre Rede missbilligen. Eine öffentliche Bühne begründet schließlich keinen Anspruch auf Zustimmung. Gewiss, Pfiffe und Buhrufe sind keine besonders vornehme Form der Auseinandersetzung. Doch wer einen festlichen Anlass zur politischen Agitation nutzt, darf sich über eine entsprechende Reaktion nicht wundern. Am Ende hatte Köhler noch über die Liebe sprechen wollen. Dazu kam es nicht mehr. Die Zuhörer hatten genug gehört.
Ausgerechnet beim ältesten Volksfest Deutschlands zeigte sich die Entfremdung zwischen Teilen des Kulturbetriebs und der Bevölkerung. Während die einen ihre politischen Überzeugungen selbst in gewachsene Traditionen hineintragen, wollen die anderen wenigstens dort von der allgegenwärtigen Gesinnungserziehung verschont bleiben. Karen Köhler wollte den Bad Hersfeldern die Welt erklären. Die Bad Hersfelder wollten ihr Lullusfest feiern. Als beides aufeinanderprallte, antworteten viele Besucher unmissverständlich: Sie pfiffen. Die deutlichste Botschaft des Abends kam nicht von der Bühne, sondern aus dem Publikum.
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