Kohl vereinte Deutschland – jeder fünfte Unionswähler will die Mauer zurück

(David Berger) Passend zum heutigen Tag der Deutschen Einheit beschert INSA der Union eine Zahl, die man zweimal lesen muss: 22 Prozent ihrer Wähler finden, Ost- und Westdeutschland sollten wieder getrennt werden. Über alle Befragten hinweg sind es lediglich 16 Prozent.

Man muss sich die historische Ironie vor Augen führen: Helmut Kohl ging als Kanzler der Einheit in die Geschichte ein. 36 Jahre später sympathisiert mehr als jeder fünfte Wähler seiner Partei mit der Rückabwicklung eben dieser Einheit. Schon 2002 warnte der großartige Kölner Kardinal Joachim Meisner vor dem „christlichen Etikettenschwindel“ und legte der Union nahe, das C abzulegen. Fast ein Vierteljahrhundert später wirkt seine Provokation beinahe prophetisch: Früher stand das C für christlich. Heute scheint bei einem erstaunlichen Teil der Unionswähler selbst das D für Deutschland erklärungsbedürftig.

Natürlich ist eine einzelne Umfrage kein politischer Totenschein. Aber sie passt zu einem größeren Bild. Die Union, die jahrzehntelang wie selbstverständlich den Anspruch einer bürgerlichen Volkspartei erhob, steht in der aktuellen INSA-Sonntagsfrage bei 19 Prozent. Die AfD erreicht 29,5 Prozent. Dabei geht es um mehr als Prozentpunkte. Volksparteien sterben selten an einem einzigen Wahltag. Sie verlieren zunächst ihre Selbstverständlichkeiten, dann ihre Milieus, schließlich ihre Wähler. In der Regel beginnt der Untergang einer Volkspartei genau dort, wo Tradition nur noch Kulisse und Beliebigkeit zum Programm des Machterhalts um jeden Preis wird.

Keiner braucht diese Union ohne D und C mehr

Für die CDU drängt sich deshalb eine historische Erinnerung auf: die italienische Democrazia Cristiana. Auch sie schien über Jahrzehnte nahezu unverwüstlich. 1992 erhielt sie noch 29,7 Prozent. Zwei Jahre später war die DC Geschichte. Ihr Untergang hatte spezifisch italienische Ursachen – insbesondere Tangentopoli und die Krise der Ersten Republik – und lässt sich nicht einfach auf Deutschland übertragen. Dennoch liegt darin eine Warnung: Die Democrazia Cristiana verschwand nicht, weil Italien plötzlich verschwunden war. Verschwunden war die Gewissheit, wozu man die Democrazia Cristiana noch brauchte. Und genau hier könnte für die CDU das eigentliche Problem liegen. Die gefährlichste Frage für eine alte Volkspartei lautet nicht: Wer wählt uns noch? Sondern: Warum eigentlich?

Am Tag der Deutschen Einheit bekommt dieser Befund – gerade angesichts des INSA-Ergebnisses – eine besondere Pointe. Denn eine Partei kann ihren Namen behalten, ihre Parteizentrale und ihre Funktionäre – und dennoch das Entscheidende verlieren: die Gewissheit darüber, wer sie ist und wofür sie steht. Kohl vereinte Deutschland. Seine CDU hat inzwischen vor allem eines verloren: ihre eigene Einheit – die Einheit von Namen, Tradition und politischer Identität. Und damit ihren Nutzen für Deutschland.

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David Berger
David Bergerhttps://philosophia-perennis.com/
David Berger (Jg. 1968) war nach Promotion (Dr. phil.) und Habilitation (Dr. theol.) viele Jahre Professor im Vatikan. Zahlreiche Veröffentlichungen zur Philosophie und Theologie des Mittelalters. Seit 2016 Blogger (philosophia-perennis) und freier Journalist (u.a. für die Die Zeit, Junge Freiheit, The European).

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