„Mir liegt dieses Zeitgeistgehechele nicht“ – Wilhelm Imkamp feiert Goldenes Priesterjubiläum

Seit einem halben Jahrhundert ist Wilhelm Imkamp Priester. Am 11. Oktober feiert der Apostolische Protonotar sein Goldenes Priesterjubiläum in Maria Vesperbild – an jenem Wallfahrtsort, den er fast drei Jahrzehnte lang geprägt hat. PP gratuliert einem der profiliertesten und streitbarsten katholischen Geistlichen Deutschlands.

Wilhelm Imkamp hat aus seinem Priestertum nie ein Geheimnis gemacht. Das klingt banal, ist es aber längst nicht mehr. Imkamp gehört nicht zu jenen Geistlichen, die außerhalb des Altarraums möglichst wenig als solche auffallen wollen. Wer ihm begegnet, weiß, dass er einen katholischen Priester vor sich hat. Das liegt nicht allein an der Soutane oder am korrekten Klerikerkleid, sondern an einer Haltung, die sich durch fünf Jahrzehnte zieht: Für den katholischen Glauben muss man sich nicht entschuldigen.

Am Sonntag, dem 11. Oktober 2026, feiert der Apostolische Protonotar Dr. theol. Wilhelm Imkamp um 10.15 Uhr in der Wallfahrtskirche Maria Vesperbild sein Goldenes Priesterjubiläum. Anschließend ist zu einer offenen Begegnung im Pilgerhaus eingeladen. Bereits im Juli gehörte Imkamp zu den Goldjubilaren, die das Bistum Augsburg beim Tag der Priesterjubilare in St. Ottilien ehrte. Dass die große persönliche Feier in Maria Vesperbild stattfindet, ist nur folgerichtig. Mit kaum einem anderen Ort ist sein priesterliches Wirken so eng verbunden.

Von Rom nach Maria Vesperbild

Wilhelm Imkamp wurde am 27. September 1951 in Kaldenkirchen am Niederrhein geboren. Er studierte Philosophie und Theologie an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom und zeitweise am Canisianum in Innsbruck. 1976 empfing er in Rom die Priesterweihe für das Bistum Aachen. 1982 wurde er an der Gregoriana mit einer dogmengeschichtlichen Arbeit über das Kirchenbild Papst Innozenz’ III. promoviert. Anschließend arbeitete er bei dem späteren Kardinal Walter Brandmüller an der Universität Augsburg.

1988 übernahm Imkamp die Leitung der Wallfahrt Maria Vesperbild. Fast drei Jahrzehnte, bis Ende 2017, blieb er Wallfahrtsdirektor. Die offizielle Geschichte des Wallfahrtsortes verbindet mit seinem Namen und dem seines Vorgängers Jakob Ruf einen „mächtigen Aufschwung“ der Wallfahrt. Hier liegt das eigentliche Zentrum seines priesterlichen Wirkens. Imkamp wurde durch Interviews, Vorträge und Fernsehauftritte einem größeren Publikum bekannt, aber seine tägliche Arbeit fand über Jahrzehnte an einem schwäbischen Marienwallfahrtsort statt: Messe und Predigt, Beichte und Wallfahrt, Prozessionen und Marienverehrung. Das Programm war ebenso einfach wie katholisch. Nicht die Anpassung der Kirche an wechselnde gesellschaftliche Erwartungen sollte Menschen zum Glauben führen, sondern die unverkürzte Verkündigung und die Sakramente. Maria Vesperbild stand unter Imkamp für einen Katholizismus, der seine traditionellen Formen nicht als peinliches Erbe betrachtete.

Zu seinem 60. Geburtstag brachte Imkamp 2011 seine Haltung in einem Interview auf den Punkt: „Dabei ist der Katholizismus etwas absolut Nonkonformistisches.“ Und dann folgte ein Satz, der als Motto über seinem öffentlichen Wirken stehen könnte: „Mir liegt dieses Zeitgeistgehechele nicht.“ Besonders störte ihn eine Mentalität, die er mit den Worten karikierte: „Ich bin katholisch, entschuldigen Sie bitte, soll nicht wieder vorkommen.“ Das ist Imkamp, wie ihn Freunde und Gegner kennen. Er hat nie eingesehen, weshalb ausgerechnet Katholiken ihren Glauben nur mit gesenkter Stimme vertreten sollten.

Dahinter steht mehr als Freude an der Provokation. Im selben Gespräch verwies Imkamp auf Gilbert Keith Chesterton als Prototyp eines modernen Katholiken. Die Kirche wird für ihn nicht dadurch zeitgemäß, dass sie sich dem Zeitgeist angleicht. Sie besitzt gerade dort etwas zu sagen, wo sie widerspricht. Das unterscheidet ihn von einer kirchlichen Sprache, die über Jahrzehnte immer vorsichtiger, unverbindlicher und austauschbarer geworden ist. Wer Imkamp hört, muss selten rätseln, was er meint.

Ein Priester ist kein Undercover-Agent

Dazu gehört für Imkamp auch die äußere Erkennbarkeit des Priesters. Als 2016 der berühmte römische Klerikerschneider Annibale Gammarelli starb, wurde er zu diesem Thema befragt. Seine Antwort war so knapp wie charakteristisch: Ein Priester sollte nicht „undercover“ unterwegs sein.  Imkamp wies zugleich darauf hin, dass korrektes Klerikerkleid in Deutschland keineswegs „karrierefördernd“ sei. Hinter der Pointe steht ein klassisches Verständnis des Priestertums. Priestersein ist für ihn kein Beruf, den man nach Dienstschluss ablegt. Die priesterliche Existenz soll sichtbar auf Christus und die Kirche verweisen. Gerade diese Verbindung aus römischer Form, theologischer Bildung und niederrheinischer Lust am zugespitzten Wort macht einen erheblichen Teil seiner öffentlichen Wirkung aus.

Imkamps wissenschaftliche und kirchliche Arbeit blieb dabei keineswegs auf Maria Vesperbild beschränkt. Bereits seit 1983 wirkte er als Konsultor der Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse. 2009 berief ihn Benedikt XVI. zusätzlich zum Konsultor der Gottesdienstkongregation. Seit 2003 gehörte er der Päpstlichen Akademie für Theologie an. Mit dem Pontifikat Benedikts XVI. verbindet sich auch ein wichtiger Abschnitt seiner Biographie. Benedikt ernannte ihn 2006 zum Päpstlichen Ehrenprälaten und 2012 zum Apostolischen Protonotar. 2013 wurde Imkamp ordentliches Mitglied der Päpstlichen Akademie für Theologie.

Die Ämter und Ehrentitel sind allerdings nur eine Seite. Imkamp war nie der Typ des Theologen, der Religion vor allem am Schreibtisch betreibt. Bei ihm standen Dogmengeschichte und Wallfahrt, römische Theologie und Rosenkranz, wissenschaftliche Arbeit und Volksfrömmigkeit nebeneinander, ohne dass er darin einen Widerspruch sah.

Lieber unerhört als ungehört

Gerade darin liegt eine seiner Stärken. Imkamp gehört zu den katholischen Intellektuellen, die nicht fürchten, Rosenkranz, Lourdes, Heiligenverehrung oder Prozessionen könnten ihrer akademischen Reputation schaden. Noch 2024 sprach er in einem Interview über Lourdes und darüber, wie aus einem anspruchsvollen theologischen Lehrsatz gelebter Volksglaube werden kann. Bilder, gemeinschaftliches Gebet, Lichter- und Sakramentsprozessionen hätten dazu beigetragen, die Lehre von der Unbefleckten Empfängnis im katholischen Volk zu verankern. Lourdes habe sie zu einem „Lieblingsdogma“ breiter Massen gemacht. Genau diese Verbindung kennzeichnete auch Maria Vesperbild. Glaubenslehre musste nicht verdünnt werden, um Menschen zu erreichen. Sie musste verkündet, gefeiert und sichtbar gemacht werden. Imkamp konnte den Wallfahrtsort mit seinem trockenen Humor sogar ein „religiöses Dienstleistungsunternehmen“ nennen. Gemeint war keine Vermarktung des Glaubens, sondern eine Seelsorge, die für die Menschen tatsächlich da ist.

Wer fünfzig Jahre Priester ist und sich dabei so häufig öffentlich zu Wort meldet wie Wilhelm Imkamp, sammelt nicht nur Zustimmung. Imkamp hat provoziert, widersprochen und Formulierungen gewählt, bei denen manche kirchliche Pressestelle wohl lieber den Rotstift angesetzt hätte. Die Augsburger Allgemeine überschrieb ein großes Porträt 2017 treffend mit den Worten: „Lieber unerhört als ungehört“. Sie zeichnete das Bild eines versierten Theologen und hervorragenden Rhetorikers, der der Auseinandersetzung nicht aus dem Weg geht.

Seine Interviewsammlung heißt entsprechend Geradeaus quergedacht. Der Titel passt. Imkamp redet nicht im pastoralbürokratischen Funktionärsdeutsch, das selbst bei wichtigen Fragen oft so klingt, als dürfe auf keinen Fall jemand widersprechen. Er hat den Streit nie gescheut und dabei den Humor nicht verloren. Nach dem Ende seiner Tätigkeit als Wallfahrtsdirektor 2017 verlagerte sich sein Lebensmittelpunkt nach Regensburg. Am 11. Oktober kehrt er nun für sein Goldenes Priesterjubiläum nach Maria Vesperbild zurück.

Freundschaft mit Gloria von Thurn und Taxis

Zu Imkamps Lebensweg gehört auch seine jahrzehntelange Freundschaft mit Gloria Fürstin von Thurn und Taxis. Schon während seiner Zeit in Maria Vesperbild war die Fürstin dort regelmäßig zu Gast. Aus der persönlichen Bekanntschaft erwuchs eine enge geistliche Verbindung; der WDR bezeichnete Imkamp als „engen Vertrauten“ Glorias, andere Quellen als ihren geistlichen Freund und Seelsorger.

Beide verbindet nicht zuletzt ein Katholizismus, der mit seinen Überzeugungen auch öffentlich nicht hinter dem Berg hält. Imkamp hat Gloria einmal als „mündige Katholikin“ mit missionarischem Eifer charakterisiert. Die Freundschaft blieb deshalb nicht auf das Private beschränkt. Imkamp wirkte im Umfeld des fürstlichen Hauses, gehörte dem Verwaltungsrat der Franz-Marie-Christinen-Stiftung an und gab 2020 unter dem programmatischen Titel Ungeschminkt eine Sammlung von Interviews, Artikeln und Beiträgen der Fürstin heraus.

Nach seinem Abschied von Maria Vesperbild wurde – wir hatten es bereits erwähnt – Regensburg schließlich zur neuen Heimat. Imkamp zog nach Schloss St. Emmeram und übernahm Aufgaben im Umfeld des Hauses Thurn und Taxis und seiner bedeutenden Hofbibliothek. So schloss sich ein Kreis: Der Wallfahrtsseelsorger und Dogmenhistoriker fand nach fast drei Jahrzehnten in Maria Vesperbild einen Ort, an dem er wissenschaftliche Arbeit, Seelsorge und die Pflege katholischer Kultur miteinander verbinden konnte.

Für viele unvergessen der gemeinsame Auftritt der beiden katholischen Persönlichkeiten bei „Lanz“:

Ad multos annos!

Fünfzig Jahre nach seiner Priesterweihe in Rom steht Wilhelm Imkamp wieder am Altar jenes Marienheiligtums, an dem er einen großen Teil seines Priesterlebens verbracht hat. Dort wird nicht in erster Linie der Konsultor römischer Kongregationen, der promovierte Dogmenhistoriker oder der Träger hoher päpstlicher Ehrentitel gefeiert. Im Mittelpunkt steht der Priester, der jahrzehntelang die Messe gefeiert, gepredigt, Beichte gehört und Wallfahrer empfangen hat.

Ein Goldenes Priesterjubiläum ist in Zeiten des Priestermangels und immer größer werdender Seelsorgeeinheiten ohnehin ein besonderes Ereignis. Im Fall Wilhelm Imkamps erinnert es zugleich an einen Typus des katholischen Priesters, der selten geworden ist: theologisch gebildet, traditionsbewusst und weltläufig, ohne Scheu vor Volksfrömmigkeit und ohne den Wunsch, das eigene Katholischsein möglichst geräuschlos zu verwalten. Imkamp wollte nie „undercover“ Priester sein. Ebenso wenig wollte er einen Katholizismus vertreten, der sich vor jedem Satz vergewissert, ob er noch den Erwartungen des Zeitgeistes entspricht.

Dass man dabei auch nach fünfzig Priesterjahren den Humor nicht verlieren muss, hat er ebenfalls bewiesen.


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David Berger
David Bergerhttps://philosophia-perennis.com/
David Berger (Jg. 1968) war nach Promotion (Dr. phil.) und Habilitation (Dr. theol.) viele Jahre Professor im Vatikan. Zahlreiche Veröffentlichungen zur Philosophie und Theologie des Mittelalters. Seit 2016 Blogger (philosophia-perennis) und freier Journalist (u.a. für die Die Zeit, Junge Freiheit, The European).

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