Der Vatikan lobt die Tradition, während ihre Verteidiger nach Rom pilgern

(David Berger) Der Vatikan überrascht mit einem neuen Dokument, das die Schönheit der überlieferten Liturgie, die Bedeutung sakraler Riten und die schweigende Teilnahme der Gläubigen ausdrücklich würdigt. Unterzeichnet hat es ausgerechnet Kardinal Víctor Manuel Fernández. Und der Zeitpunkt könnte kaum pikanter sein: Morgen beginnt in Rom das internationale Treffen der Freunde der traditionellen lateinischen Messe.

Manchmal besitzt die römische Kirchenpolitik einen Sinn für Ironie, den selbst ihre schärfsten Kritiker kaum übertreffen könnten. Am heutigen Donnerstag, dem 22. Oktober 2026, veröffentlicht das vatikanische Glaubensdikasterium unter seinem Präfekten Kardinal Víctor Manuel Fernández ein umfangreiches Dokument mit dem Titel Venite ad me („Kommt zu mir“). Es behandelt die Weitergabe des katholischen Glaubens in einer Epoche tiefgreifender Veränderungen. So weit, so erwartbar. Doch wer die Abschnitte 90 bis 94 über die Liturgie liest, dürfte sich verwundert die Augen reiben. Plötzlich ist dort von der Schönheit der Tradition, der Bedeutung überlieferter Riten und der kontemplativen Teilnahme am Gottesdienst die Rede.

Und das ausgerechnet aus jenem Dikasterium, dessen Präfekt bislang kaum als besonderer Anwalt der traditionellen lateinischen Messe hervorgetreten ist. Noch bemerkenswerter ist der Zeitpunkt. Bereits morgen, am Freitag, dem 23. Oktober, beginnt in Rom das elfte internationale Treffen Pax Liturgica, im Umfeld der traditionellen Wallfahrt Summorum Pontificum – Ad Petri Sedem, die vom 23. bis zum 25. Oktober Gläubige, Priester und Ordensleute aus aller Welt in die Ewige Stadt führt. Menschen also, die genau jene liturgische Überlieferung bewahren wollen, deren Reichtum das Glaubensdikasterium nun hervorhebt. Für mich ist es eine ganz besondere Freude, auch dieses Jahr wieder dabei sein zu dürfen.

Ein Zufall? Durchaus möglich. Aber ein kirchenpolitisch höchst aufschlussreicher.

Wenn schweigendes Schauen plötzlich wieder katholisch ist

Die eigentliche Überraschung verbirgt sich in Abschnitt 93. Dort zitiert das Dokument den katholischen Liturgietheologen Romano Guardini, der von einer feierlichen Liturgie im sizilianischen Monreale berichtet. Die Gläubigen saßen, schauten und betrachteten das heilige Geschehen. Sie lasen kaum mit, beteiligten sich nicht durch unablässiges Sprechen oder sichtbare Aktivität, und dennoch erkannte Guardini gerade darin eine besonders intensive Form liturgischer Teilnahme.

Er unterscheidet zwischen einer Teilnahme durch Hören, Sprechen und Gesten und einer anderen, die im betrachtenden Schauen besteht. Letztere beschreibt er als eine Fähigkeit, die in weiten Teilen des modernen westlichen Christentums verlorengegangen sei: das Heilige wahrzunehmen und sich von seiner Gegenwart ergreifen zu lassen.

Über Jahrzehnte wurde die traditionelle lateinische Messe immer wieder mit dem Vorwurf konfrontiert, sie mache die Gläubigen zu passiven Zuschauern. Nun erinnert das Glaubensdikasterium selbst daran, dass die Teilnahme am heiligen Geschehen tiefer reichen kann als die äußerlich wahrnehmbare Aktivität. Das ist keine ausdrückliche Rehabilitation der alten Messe, wohl aber eine bemerkenswerte Bestätigung eines ihrer zentralen Anliegen: Liturgie ist nicht zuerst menschliche Betriebsamkeit, sondern ehrfürchtige Begegnung mit dem Geheimnis Gottes.

Das liturgische Erbe als Schatz – solange man ihn nicht überall öffnen darf

In Nummer 94 fordert das Dokument, den Gläubigen in jeder Diözese die Begegnung mit den unterschiedlichen liturgischen Ausdrucksformen der katholischen Tradition zu ermöglichen. Die Seelsorger sollen den Reichtum des liturgischen Erbes sichtbar machen und zugänglich werden lassen. Wenn aber jahrhundertealte Riten, sakrale Musik und symbolische Sprache als kostbarer Schatz gelten, weshalb sollte dann ausgerechnet die traditionelle römische Messe davon ausgenommen bleiben?

Freilich hat man in Rom eine kleine Sicherung eingebaut: All dies soll unter Beachtung der gegenwärtig geltenden liturgischen Normen geschehen. Die unter Franziskus mit Traditionis custodes eingeführten Beschränkungen bleiben also bestehen. Man preist den Reichtum der Tradition, ohne deshalb die Schlüssel zu allen Schatzkammern herauszugeben. Gewiss lässt sich der Text auch auf andere katholische Riten und unterschiedliche Formen der heutigen Liturgie beziehen. Die Frage nach der alten Messe beantwortet er damit jedoch nicht.

Morgen treffen sich in Rom ausgerechnet jene, die diese Tradition verteidigen

Besondere Brisanz erhält das Ganze durch die morgen beginnende Tagung Pax Liturgica im Patristischen Institut Augustinianum, nur wenige Schritte vom Petersplatz entfernt. Auf dem Programm stehen unter anderem Vorträge des deutschen Philosophen Sebastian Ostritsch über Stille und Liturgie, der Schriftstellerin Natalia Sanmartin Fenollera über den Kampf um die Liturgie sowie der Vatikanjournalistin Diane Montagna über die Lage der traditionellen Messe. Gerade Ostritschs Thema erhält durch das Fernández-Dokument eine unerwartete Aktualität.

Zur anschließenden Wallfahrt Summorum Pontificum werden Gläubige aus zahlreichen Ländern erwartet. Am Freitagabend steht eine Pontifikalvesper im Pantheon unter Bischof Athanasius Schneider auf dem Programm, am Samstag eine Prozession zum Petersdom sowie eine feierliche Messe im überlieferten Ritus in Santa Maria Maggiore. Den Abschluss bilden am Sonntag, dem Christkönigsfest nach dem traditionellen Kalender, weitere Gottesdienste.

Man könnte fast meinen, Fernández habe den Teilnehmern noch rechtzeitig ein paar Argumente mit auf den Weg geben wollen. Dass die Veröffentlichung bewusst auf die Tagung abgestimmt wurde, ist allerdings nicht belegt.

Die Tradition als Antwort auf die Glaubenskrise?

Der größere Zusammenhang des Dokuments ist die Krise der Glaubensweitergabe. Gerade in Europa schwinden religiöses Wissen und kirchliche Bindungen. Rom betont nun die Kraft der Schönheit, der Symbole und der überlieferten Riten, durch die der Glaube nicht nur gelehrt, sondern erfahren werden kann.

Genau darauf weisen die Freunde der traditionellen Liturgie seit Jahrzehnten hin. Für sie ist die alte Messe kein nostalgisches Liebhaberstück, sondern ein lebendiger Ausdruck katholischen Glaubens. Dass nun das Glaubensdikasterium zentrale Elemente dieser Sichtweise ausdrücklich würdigt, verleiht ihrer theologischen Argumentation zusätzlichen Nachdruck.

Und was macht Leo XIV. daraus?

Die entscheidende Frage richtet sich deshalb an Papst Leo XIV. Eine Aufhebung von Traditionis custodes bedeutet Venite ad me nicht, und auch eine bevorstehende Änderung der liturgischen Gesetzgebung lässt sich daraus nicht ableiten. Doch der Text formuliert Grundsätze, an denen sich die bisherige Praxis messen lassen muss. Wenn die überlieferte Liturgie ein Schatz ist, weshalb wird der Zugang zu ihr vielerorts erschwert? Wenn die Kirche ihre liturgische Erinnerung bewahren muss, weshalb behandelt sie dann einen wesentlichen Teil dieser Erinnerung noch immer wie ein pastorales Problem?

Vielleicht werden diese Fragen schon morgen im Augustinianum gestellt. Die Teilnehmer können sich jedenfalls auf Formulierungen berufen, die wenige Stunden zuvor ausgerechnet das Glaubensdikasterium veröffentlicht hat. Die Ironie ist kaum zu übersehen: Während Rom die traditionelle Messe weiterhin reglementiert, liefert es ihren Verteidigern neue Argumente für ihre Bewahrung. Die Tradition wird feierlich gepriesen, während ihre Freunde weiterhin um ihren Platz in der Kirche kämpfen müssen. Und ausgerechnet Kardinal Fernández hat ihnen dafür nun einige der schönsten Sätze geliefert.

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David Berger
David Bergerhttps://philosophia-perennis.com/
David Berger (Jg. 1968) war nach Promotion (Dr. phil.) und Habilitation (Dr. theol.) viele Jahre Professor im Vatikan. Zahlreiche Veröffentlichungen zur Philosophie und Theologie des Mittelalters. Seit 2016 Blogger (philosophia-perennis) und freier Journalist (u.a. für die Die Zeit, Junge Freiheit, The European).

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