„France, fille aînée de l’Église, qu’as-tu fait de ton baptême ?: Frankreich, älteste Tochter der Kirche, was hast du aus deiner Taufe gemacht?“ (Papst Johannes Paul II.)
(David Berger) Papst Leo XIV. hat seinen viertägigen Frankreichbesuch mit ungewöhnlich deutlichen Worten über Lebensschutz, christliche Identität und die Grenzen des französischen Laizismus begonnen. Besondere Symbolkraft erhält die Reise an diesem Samstag: Während Emmanuel Macron der großen Papstmesse auf der Place de la Concorde fernbleibt, wird Louis de Bourbon dort anwesend sein – an jenem Ort, an dem sein Vorfahr Ludwig XVI. 1793 unter der Guillotine starb.
Papst Leo XIV. ist am Freitagmorgen zu seinem Frankreichbesuch in Paris eingetroffen. Nach der Begrüßung in Orly empfing ihn Präsident Emmanuel Macron im Élysée, wo der Papst anschließend vor Vertretern des Staates, der Zivilgesellschaft und des diplomatischen Korps sprach. Es folgten der Besuch bei der UNESCO, die Vesper in Notre-Dame mit einem ergreifenden Gesang des „Salve Regina“ und am Abend eine Gebetsvigil mit Jugendlichen im Stade de France.
Am Samstag stehen zunächst die Maison Bakhita und das Institut Catholique auf dem Programm, bevor Leo XIV. um 15 Uhr die große Messe auf der Place de la Concorde feiert. Danach reist er zu dem weltbekannten Marienwallfahrtsort Lourdes; am Montag führt ihn die letzte Etappe nach Metz.
Kritik an einem laizistischen Präsidenten, der seiner Pflicht nicht gerecht wird
Schon der erste Tag machte deutlich, dass Leo XIV. diese Reise nicht auf diplomatische Höflichkeiten beschränken will. Ausgerechnet im Élysée sprach er Themen an, bei denen zwischen der katholischen Lehre und der Politik des gegenwärtigen Frankreich erhebliche Spannungen bestehen. Er verteidigte das Lebensrecht, wandte sich gegen Leihmutterschaft und eine Verfügung über menschliches Leben und erinnerte zugleich mit Nachdruck an die christlichen Wurzeln Frankreichs. Besonders deutlich wurde er beim französischen Verständnis der laïcité. Ein Christ, so Leo XIV., der sich am öffentlichen Leben beteilige und dabei im Licht seines Glaubens handle, dürfe weder als Proselyt noch als Bedrohung für die Einheit des Vaterlandes betrachtet werden. Dann folgte der entscheidende Satz: Ein gerechter Laizismus bestehe nicht darin, Religion aus dem öffentlichen Raum oder aus der Bildung auszuschließen, sondern darin, Staat und religiöse Institutionen miteinander in einen Dialog treten und gemeinsam für das Gemeinwohl wirken zu lassen.
Das war keine beiläufige Bemerkung über Religionsfreiheit. Leo XIV. berührte damit einen Nerv des französischen Staatsverständnisses. Die Trennung von Kirche und Staat ist das eine; etwas anderes ist eine politische Kultur, in der Religion möglichst auf die Privatsphäre beschränkt werden soll und öffentlich gelebter christlicher Glaube schnell unter Rechtfertigungsdruck gerät. Genau dieser Verengung widersprach der Papst – im Élysée und in Anwesenheit des Präsidenten der Republik. Die Pointe seiner Rede bestand darin, dass Leo XIV. Macron mit Macron konfrontierte. Der Papst erinnerte an die Ansprache des Präsidenten vor den französischen Bischöfen im Collège des Bernardins von 2018. Macron hatte damals erklärt, eine Kirche, die vorgäbe, sich nicht für zeitliche Angelegenheiten zu interessieren, könne ihre Berufung nicht erfüllen; ebenso würde ein Präsident der Republik, der sich nicht für die Kirche und die Katholiken interessiere, seiner Pflicht nicht gerecht. Acht Jahre später bekam Macron seine eigenen Worte aus dem Mund des Papstes zurück. Höflich formuliert, aber schwer misszuverstehen.
Macron bleibt der Messe fern
Vor diesem Hintergrund bekommt Macrons Entscheidung, an keiner der Papstmessen während dieser Reise teilzunehmen, zusätzliches Gewicht. Er empfing Leo XIV. am Flughafen und im Élysée, wird aber der großen Messe auf der Place de la Concorde ebenso fernbleiben wie den übrigen Messfeiern. Dabei verbietet die französische laïcité einem Staatspräsidenten keineswegs, einer religiösen Feier beizuwohnen. Macron selbst nahm 2023 an der Messe von Papst Franziskus im Stade Vélodrome in Marseille teil. Am Samstag wird dagegen ein anderer prominenter Franzose unter den Gläubigen sein: Louis de Bourbon, Herzog von Anjou, Chef der älteren Bourbonenlinie und für die französischen Legitimisten Louis XX., der rechtmäßige Erbe des französischen Thrones.

Schon diese Konstellation hätte historische Ironie genug. Entscheidend aber ist der Ort. Die Place de la Concorde hieß während der Französischen Revolution Place de la Révolution. Dort stand die Guillotine, dort wurde am 21. Januar 1793 Ludwig XVI. hingerichtet, später auch Königin Marie-Antoinette. Und genau dort wird Leo XIV. nun die heilige Messe feiern. Louis de Bourbon hat selbst auf diese Verbindung hingewiesen. Im Journal du Dimanche erinnert er an das katholische Erbe der französischen Monarchie und verbindet den Papstbesuch mit seiner Hoffnung auf eine religiöse Erneuerung Frankreichs. Er werde Leo XIV. mit großer Ergriffenheit dort die Messe feiern sehen, wo Ludwig XVI. hingerichtet wurde. Die Place de la Concorde könne, so seine Hoffnung, zu einem Ort der Versöhnung der Franzosen werden.
Man muss kein Monarchist sein, um die Wucht dieses Bildes zu verstehen: Auf dem einstigen Revolutionsplatz, auf dem der katholische König Frankreichs hingerichtet wurde, feiert der Papst die Eucharistie. Der Chef des Hauses Bourbon nimmt daran teil. Der Präsident der Republik bleibt der Messe fern.
Revolution, Olympia – und Wiedergutmachung?
Damit ist die historische Tiefenschicht dieses Besuches noch nicht erschöpft. In Paris begegnet Leo XIV. einem Land, dessen Verhältnis zum Katholizismus seit der Revolution von einem tiefen Bruch geprägt ist. Revolutionäre Kirchenverfolgung, Enteignung, Entchristianisierung und die massenhafte Ermordung von Priestern und eine zuvor nicht gekannte blutige Barbarei der Revolutionäre gehören ebenso zu dieser Geschichte wie die späteren Auseinandersetzungen um die laïcité. Gerade deshalb erhalten die Worte des Papstes im Élysée über die öffentliche Gegenwart des Christentums ein Gewicht, das über eine gewöhnliche diplomatische Rede hinausgeht.
Hinzu kommt eine Erinnerung jüngeren Datums. Bei der Eröffnung der Olympischen Spiele 2024 sorgte eine Inszenierung für Empörung unter zahlreichen Christen, weil sie als Persiflage des Letzten Abendmahls verstanden wurde. Die betreffende Szene fand nicht auf der Place de la Concorde selbst statt, sondern auf der Passerelle Debilly an der Seine. Dennoch wurde sie für viele Katholiken zum Sinnbild eines Frankreich, das christliche Symbole noch kennt, sie aber nicht mehr als heilig behandelt, sondern blasphemisch verspottet, während es vor dem Islam auf die Knie geht. Vor diesem Hintergrund lässt sich die Messe auf der Place de la Concorde auch als eine Form der Wiedergutmachung lesen. Nicht als vom Vatikan offiziell erklärte Intention – eine solche Erklärung gibt es nicht –, sondern als geistliche Deutung dessen, was dort geschieht.
Der Gedanke der Wiedergutmachung ist der katholischen Frömmigkeit keineswegs fremd. Wo das Heilige öffentlich geschmäht oder verletzt wird, kennt sie das Bedürfnis nach Sühne und nach der Wiederherstellung der Gott geschuldeten Ehre. Und selten verdichten sich Ort und Handlung so stark wie an diesem Samstag in Paris: Wo die Revolution einen zutiefst katholischen König tötete, wird das Messopfer gefeiert; in einer Stadt, in der eine olympische Inszenierung zwei Jahre zuvor eine beispiellose Verhöhnung des Abendmahls zelebriert wurde, steht nun die Eucharistie selbst im Zentrum einer gewaltigen öffentlichen Feier. Ob Leo XIV. persönlich der Messe eine solche Sühneintention gibt, wissen wir nicht. Als katholische Interpretation des Geschehens liegt sie jedoch nahe. Gerade weil man sie nicht zur offiziellen Absicht des Papstes erklären muss, kann man ihre Symbolkraft ernst nehmen.
Eine Lektion über Frankreichs christliche Wurzeln
Auffällig ist an diesem ersten Tag in Frankreich die Dichte der Konfliktpunkte, die Leo XIV. vor Macron angesprochen hat: Schutz des menschlichen Lebens, Grenzen biopolitischer Verfügbarkeit, christliche Wurzeln Frankreichs, öffentliche Präsenz des Glaubens, katholische Bildung und ein Verständnis von laïcité, das Religion nicht aus dem gesellschaftlichen Raum verdrängt. Dass dies alles im Élysée vor Macron, dem zudem ein Auftritt mit dem Papst in Notre Dame verwehrt wurde, gesagt wurde, gehört zur Botschaft selbst. Leo XIV. hat Frankreich – wohl zum Missfallen der in Frankreich sehr erfolgreichen Piusbruderschaft – nicht aufgefordert, die Trennung von Kirche und Staat aufzugeben.
Er hat etwas Grundsätzlicheres eingefordert: Ein säkularer Staat darf seine eigene Geschichte nicht dadurch verleugnen, dass er den Glauben, der diese Geschichte über Jahrhunderte geprägt hat, in die Privatsphäre verweist. Und am folgenden Tag tritt zu den Worten ein Bild, das sich kaum planen ließe: Der Papst feiert die heilige Messe auf jenem Platz, auf dem Ludwig XVI. fast als ein Märtyrer (so Pius VI.) starb. Louis de Bourbon ist unter den Gläubigen. Emmanuel Macron nicht. Darin muss man keine monarchistische Botschaft Leos XIV. suchen. Die historische Symbolik braucht keine solche Überhöhung. Sie ist stark genug.
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