
(David Berger) Michael Klonovsky gehört zu den Autoren, bei denen man schon nach wenigen Sätzen weiß, mit wem man es zu tun hat. Im Kontrafunk-Format „Persönlich“ spricht der Schriftsteller und Publizist mit Susanne Gerlach über seine Kindheit in der DDR, seinen Weg vom Maurer und Gabelstaplerfahrer zum Journalisten, über die AfD, Literatur, Genuss, Familie und die Kunst, sich von der herrschenden Meinung möglichst wenig beeindrucken zu lassen. Ein Gespräch, das weit persönlicher ist, als man es von Klonovsky gewohnt ist.
Wer Michael Klonovsky nur als scharfzüngigen politischen Publizisten kennt, dürfte einige Überraschungen erleben. Gerlach beginnt nicht bei der AfD oder beim Zustand der Bundesrepublik, sondern beim Kind Klonovsky: geboren im Erzgebirge, aufgewachsen in Ost-Berlin, geprägt von einem autoritären Vater, einer geduldigen Mutter und einem Staat, dessen Erziehungsanspruch er schon früh nicht sonderlich ernst nahm. Als Schüler schrieb er „Wir wollen Meinungsfreiheit“ an eine Schulwand. Die Staatssicherheit erschien, vermass die Schrift, fand den Täter aber nicht. Klonovsky erzählt solche Geschichten ohne nachträgliche Heroisierung. Überhaupt schont er sich selbst mindestens ebenso wenig wie seine politischen Gegner.
Besonders deutlich wird das, wenn das Gespräch von der DDR zur Gegenwart wechselt. Wer die DDR bewusst erlebt habe, wisse, „wie es sich anfühlt, wenn ein Gesellschaftssystem in Richtung Autoritarismus kippt“. Man kenne „die Signale“, die Sprache und schließlich die berühmten „zwei Zungen“: eine für zu Hause und eine für die Öffentlichkeit. Darum hält Klonovsky viele Ostdeutsche heute für politisch hellhöriger. Seine Formulierung dafür ist so böse wie einprägsam: „Im Westen war alles besser, sogar die Gehirnwäsche.“ Man muss seine Analogien nicht immer teilen, um zu verstehen, warum sie funktionieren. Klonovsky besitzt die selten gewordene Fähigkeit, politische Zustände nicht in dem Vokabular zu beschreiben, das diese Zustände selbst für ihre Beschreibung bereitstellen. Und er liebt die Provokation: „Ich blühe auf, wenn der ganze Saal gegen mich ist.“ Sympathieentzug sei für ihn kein sonderlich wirksames Druckmittel.
Vom Gabelstapler zum „Focus“
Der spätere „Focus“-Journalist besitzt einen Maurergesellenbrief und einen Staplerschein. In den Journalismus geriet er fast zufällig. Beim DDR-Blatt „Der Morgen“ suchte man einen Korrektor. Klonovsky entdeckte auf der Titelseite zwei Druckfehler – und bekam die Stelle. Später wechselte er zum „Focus“, wo er fast 25 Jahre blieb. Sein Plan sei gewesen, das Magazin zu seinem „Endlager, meinem Gorleben“ zu machen. Dass daraus nichts wurde, erzählt er wiederum selbstironisch. Auf die Frage nach dem Grund seines Ausscheidens antwortet er: „Meine Prahlerei.“ Er hatte an einer Bar erzählt, für Bernd Lucke eine Rede geschrieben zu haben.
Auch seine Nähe zur AfD beschreibt Klonovsky nicht als spätes Erweckungserlebnis. Viele Positionen habe er schon lange zuvor vertreten. Seine knappe politische Soziologie lautet: „Parteien ergeben sich aus der Wirklichkeit.“ Was er über AfD, Migration und die gesellschaftliche Ächtung ihrer Anhänger sagt, gehört zu den schärfsten Passagen des Interviews. Mehr sei bewusst nicht vorweggenommen.
(Foto: Klonovsky auf einer Veranstaltung der AfD im Bundestag – r.: Martin Renner)
Interessanter als manches politische Feuerwerk sind ohnehin die persönlichen Stellen. Klonovsky bezeichnet sich ohne Umschweife als Misantrop. Auch dafür liefert er sofort einen Aphorismus: Vorurteil sei „geronnene Empirie“. Er habe eben genügend Menschen kennengelernt. Ironie und Sarkasmus erscheinen bei ihm nicht nur als Stilmittel. Wer in einem autoritären System aufgewachsen sei, dem blieben solche Formen am Ende als eine der letzten Freiheiten. Zugleich werde Ironie heute zunehmend nicht verstanden oder bewusst missverstanden. Klonovsky argumentiert eben nicht nur gegen den Zeitgeist. Er versucht, ihm sprachlich zu entkommen.
Dazu gehört auch die Sinnlichkeit. „Genuss ist ein Gesamtkunstwerk“, sagt Klonovsky. Sein idealer Tag beginnt mit Kaffee, Lesen und Schreiben, führt über Stunden auf dem Rennrad und endet bei gutem Essen, Wein und Gespräch. München gewann ihn schon am ersten Abend für sich. Die Stadt habe trotz aller Veränderungen noch genügend Katholisches, Sinnliches und Lebensfrohes bewahrt, um das Leben dort angenehm zu machen. Auch das Radfahren gehört zu diesem Lebensentwurf: eine Art „mobile Meditation“, bei der ihm nicht selten neue Gedanken kommen. Klonovsky spricht zudem mit großer Selbstverständlichkeit über Literatur. Schreiben erscheint bei ihm weniger als nebulöse „Kreativität“ denn als Ergebnis lebenslangen Lesens. Zu seinen Bezugspunkten gehören Goethe, Kleist, Nabokov, Proust und Thomas Mann ebenso wie Karl Kraus, Egon Friedell oder Alfred Polgar. Entscheidend sei, dass ein Autor darum kämpfe, Sätze zu schreiben, die nur von ihm stammen könnten. Das beschreibt zugleich Klonovskys eigenes Ideal ziemlich genau.
Sympathie für das alte Katholische
Gerlach fragt ihn schließlich auch nach seinen katholischen Wurzeln. Klonovskys Antwort dürfte manchen überraschen. Er bezeichnet sich ausdrücklich nicht als gläubigen oder spirituellen Menschen. Aber er empfinde Sympathie für den Katholizismus, schon weil dieser alt sei: „Wenn etwas 2000 Jahre alt ist, verdient es Achtung.“
Und wenn heute das „reaktionäre Wild“ innerhalb des Katholizismus aus dem Dickicht auf die Lichtung getrieben werde, um es abzuschießen, zählt Klonovsky sich selbst ganz selbstverständlich zu diesem Wild. Das ist vielleicht einer der Schlüssel zum ganzen Gespräch. Klonovsky ist weniger Parteimensch als Reaktionär im ursprünglichen Sinne des Wortes: Einer, der auf Zumutungen reagiert. Mit Widerspruch, mit Spott, mit Bildung, gelegentlich mit Übertreibung – und vor allem mit Sprache. Die politische Debatte ist dabei nur eine Schicht dieses Kontrafunk-Gesprächs. Es geht auch um einen schwierigen Vater, Familie, Kinder, Tod und Schicksal, ums Älterwerden, ums Essen und um Literatur. Vieles davon ist erstaunlich offen, anderes ausgesprochen komisch – und manches möchte man schon beim ersten Hören notieren. Seinen letzten Satz sollte man deshalb nicht erklären: „Das Leben ist schön, aber das Paradies ist voll.“
Wer wissen möchte, wie man vom aufsässigen DDR-Schüler über Maurerlehre, Gabelstapler und „Focus“ dorthin gelangt, sollte sich das vollständige Gespräch bei Kontrafunk anhören.
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