(David Berger) Papst Leo XIV. verteidigt die nachkonziliare Liturgiereform und lobt deren größere „Zugänglichkeit“. Damit tritt ein Gegensatz zu jenem liturgischen Versöhnungswerk immer deutlicher hervor, das Benedikt XVI. mit Summorum Pontificum begonnen hatte. Nach dem endgültigen Bruch mit der Piusbruderschaft stellt sich inzwischen sogar eine unangenehme Frage: Ist die kirchenpolitische Marginalisierung der Tradition wirklich nur ein bedauerliches Scheitern – oder wird sie in Rom zumindest billigend in Kauf genommen?
Es ist manchmal nur ein einziges Wort, das eine ganze theologische Mentalität sichtbar macht. Bei der jüngsten Generalaudienz von Papst Leo XIV. zur Liturgiereform des Zweiten Vatikanischen Konzils ist dieses Wort: Zugänglichkeit. Leo verteidigte am 26. August die Liturgiereform ausdrücklich. Das Konzil habe eine Reform gewollt, die den Gläubigen einen reicheren Zugang zu den biblischen Texten und Gebeten eröffne, die Riten vereinfache und die Liturgie zugänglicher mache. Zugleich betonte der Papst die „aktive Teilnahme“ der Gläubigen und erklärte, ihre Teilnahme könne nicht passiv sein, – wie das über 1500 Jahre in der klassischen Liturgie gewesen sein soll.
Den Sinn des Heiligen verdampft
Natürlich kann man diese Aussagen wohlwollend lesen. Niemand wird bestreiten, dass die Gläubigen die Liturgie kennen, verstehen und innerlich mitvollziehen sollen. Die Forderung nach einer „participatio actuosa“ geht bis auf den hl. Papst Pius X. zurück. Doch hier geht es um etwas anderes, denn gerade die Rede von der „Zugänglichkeit“ offenbart ein Problem, das weit über eine einzelne Formulierung hinausgeht. Denn die heilige Liturgie ist kein Produkt, das möglichst benutzerfreundlich gestaltet werden müsste. Der Blogger Caminante Wanderer hat es scharf, aber treffend formuliert: „Der Papst lobt die Reform dafür, die Liturgie „zugänglicher“ gemacht zu haben. Da liegt das ganze Problem, in einem Wort. Die Messe ist kein Produkt, das man benutzerfreundlich gestalten muss: Sie ist die Repräsentation des Kalvarienbergs, der Gott gebührende Kult. Eine Liturgie nach ihrer „Zugänglichkeit“ zu beurteilen, heißt, eine Kathedrale danach zu beurteilen, wie leicht man dort parken kann. Und diese Logik – sie auf unser Niveau herabzuziehen, sie unmittelbar und verständlich zu machen – ist genau diejenige, die den Sinn des Heiligen verdampft hat. Das Heilige fordert nicht, dass es herabsteigt, damit wir bequem hinkommen; es fordert, dass wir aufsteigen, um würdig zu werden. Eine Liturgie, die an ihrer Zugänglichkeit gemessen wird, hat bereits vergessen, wem sie dient.
Die heilige Messe ist zuallererst Kult Gottes. Sie ist die sakramentale Vergegenwärtigung des Kreuzesopfers Christi. Ihr entscheidender Bezugspunkt ist deshalb nicht der Mensch und seine unmittelbare Verständlichkeit, sondern Gott. Gerade das Heilige besitzt etwas, das sich der sofortigen Verfügbarkeit entzieht. Es übersteigt uns. Es verlangt Stille, Ehrfurcht, Einübung und manchmal auch das geduldige Eindringen in eine Wirklichkeit, die sich nicht beim ersten Kontakt vollständig erschließt. Der klassische römische Ritus verkörpert genau dieses Verständnis in geradezu exemplarischer Weise. Er erklärt sich nicht fortwährend selbst. Er fordert den Menschen heraus. Seine lateinische Kultsprache, die Stille des Kanons, die Orientierung von Priester und Volk auf Gott hin, die Kniebeuge, die Mundkommunion, die festen Gebete und Gesten signalisieren: Hier geschieht etwas, über das weder Priester noch Gemeinde verfügen. Nicht die Liturgie muss deshalb auf unser alltägliches Niveau herabsteigen. Sie soll uns emporheben. Hier geschieht echte Teilnahme.
Benedikt XVI. verstand das Problem
An diesem Punkt erscheint der Unterschied zwischen der bergoglianischen Kirche, zu der auch Leo gehört, und Benedikt XVI. immer deutlicher. Benedikt wusste aus eigener Erfahrung, welche Verwüstungen ein falsches Verständnis von Liturgiereform anrichten konnte. In seinem Begleitbrief zu Summorum Pontificum erinnerte er 2007 daran, dass das neue Messbuch vielerorts so behandelt worden sei, als erlaube oder verlange es liturgische Kreativität. Das Ergebnis seien Deformationen der Liturgie gewesen, die vielen Gläubigen tiefen Schmerz zugefügt hätten.
Vor allem aber formulierte Benedikt einen Satz, dessen kirchengeschichtliche Bedeutung heute erst vollständig sichtbar wird: „Was früheren Generationen heilig war, bleibt auch uns heilig und groß.“ Damit war eine Grundentscheidung getroffen. Die überlieferte Liturgie war für Benedikt kein geduldetes Hobby einer schwierigen kirchlichen Minderheit. Sie war ein Schatz der Kirche. Was Jahrhunderte von Heiligen geheiligt, geprägt und genährt hatte, konnte nicht plötzlich als Gefahr für die Einheit der Kirche behandelt werden. Deshalb war Summorum Pontificum weit mehr als eine liturgische Verwaltungsmaßnahme. Es war der Versuch einer großen innerkirchlichen Versöhnung. Benedikt wollte die nachkonziliare Kirche mit ihrer eigenen Vergangenheit versöhnen.
Benedikt öffnete – Franziskus schloss
Dabei war Benedikt alles andere als ein Gegner des Zweiten Vatikanischen Konzils oder des Missale Pauls VI. Gerade darin lag die theologische Raffinesse seines Ansatzes. Er wollte nicht den nächsten liturgischen Bürgerkrieg beginnen, sondern ihn beenden. Die ältere und die neue Form sollten sich gegenseitig befruchten. Die überlieferte Liturgie sollte ihren selbstverständlichen Platz im Leben der Kirche zurückerhalten, während eine würdig gefeierte neue Liturgie wieder stärker ihre sakrale Dimension sichtbar machen sollte. Papst Franziskus hat dieses Versöhnungsprojekt mit Traditionis custodes weitgehend beendet.
Die alte Messe wurde wieder zum Sonderfall, ihre Feier eingeschränkt und ihre Anhänger nicht selten unter einen Generalverdacht gestellt. Ausgerechnet jene Gläubigen, die häufig besonders selbstverständlich an Realpräsenz, Opfercharakter der Messe, Beichte, traditionelle Sexualmoral und kirchliche Lehre glauben, mussten erleben, dass ihre liturgische Heimat zum Problem erklärt wurde.
Viele hatten deshalb große Hoffnungen auf Leo XIV. gesetzt. Nach mehr als einem Jahr seines Pontifikats stellt sich jedoch die Frage, wie viel davon übriggeblieben ist. Das Merkwürdige besteht darin, dass Leo XIV. Benedikt durchaus zitiert. Noch im Mai erinnerte er daran, dass Tradition und Fortschritt keine Gegensätze seien. Auch hat er mehrfach Signale ausgesandt, die von traditionsverbundenen Katholiken als vorsichtige Öffnung verstanden werden konnten. Aber Worte und kirchenpolitische Wirklichkeit beginnen auseinanderzutriften.
Traditionis custodes ist weiterhin in Kraft. Eine Rückkehr zur großzügigen Regelung von Summorum Pontificum ist bislang ausgeblieben. Kardinal Arthur Roche, einer der entschiedensten Protagonisten der Restriktionen gegen die überlieferte Liturgie, erklärte jüngst sogar ausdrücklich, Leo werde Traditionis custodes nicht ändern und nicht zu Summorum Pontificum zurückkehren. Das wiegt umso schwerer, weil inzwischen prominente Stimmen eine Kurskorrektur fordern. Kardinal Robert Sarah hat die Rückkehr zum Ansatz Benedikts verlangt. Auch Erzbischof Salvatore Cordileone sieht gerade angesichts der jüngsten Katastrophe um die Priesterbruderschaft St. Pius X. die Notwendigkeit eines leichteren Zugangs zur traditionellen Liturgie. Sarah brachte das entscheidende Prinzip auf den Punkt: Die Liturgie gehört nicht dem Zelebranten. Sie gehört Gott. Damit sind wir wieder bei der „Zugänglichkeit“.
Das Drama um die Piusbruderschaft
Noch schwerer wiegt die Entwicklung um die Priesterbruderschaft St. Pius X. Benedikt XVI. hatte 2009 die Exkommunikation der vier 1988 von Erzbischof Marcel Lefebvre geweihten Bischöfe aufgehoben. Er tat dies nicht, weil sämtliche theologischen Differenzen verschwunden gewesen wären. Er tat es, weil er die offene Wunde heilen wollte. Benedikts gesamtes Vorgehen war von diesem Willen zur Versöhnung geprägt: Befreiung der traditionellen Messe, Aufhebung der Exkommunikationen, theologische Gespräche.
2026 ist diese Politik endgültig zusammengebrochen. Nach den ohne päpstliches Mandat vorgenommenen neuen Bischofsweihen der Piusbruderschaft stellte Rom den schismatischen Charakter des Vorgangs fest; es folgten Exkommunikationen. Leo hatte zuvor noch an die Bruderschaft appelliert, von den Weihen abzusehen und die kirchliche Gemeinschaft nicht zu zerreißen. Die Verantwortung der Bruderschaft für ihre eigenmächtig vorgenommenen Bischofsweihen darf dabei nicht verschwiegen werden. Doch damit ist die historische Frage keineswegs erledigt: War das Scheitern wirklich nur ein Scheitern?
Denn man muss inzwischen eine unbequeme Frage stellen dürfen: Hat Rom wirklich alles getan, um diesen Bruch zu verhindern? Oder noch zugespitzter: War das Scheitern einer friedlichen Lösung unter Leo XIV. tatsächlich nur ein Scheitern? Denn wer einerseits Einheit beschwört, andererseits aber nicht bereit ist, zu jener großzügigen liturgischen Befriedung zurückzukehren, mit der Benedikt XVI. einen wesentlichen Grund des Konflikts entschärft hatte, muss sich fragen lassen, welche Art von Einheit eigentlich angestrebt wird. Oder noch schärfer gefragt: Wurde das Scheitern vielleicht in Kauf genommen, weil eine wirkliche Versöhnung einen Preis gehabt hätte, den das heutige Rom nicht mehr zahlen wollte? Dieser Preis hätte darin bestanden, die traditionelle Liturgie wieder vollständig als legitimen Schatz der Kirche anzuerkennen und die unter Benedikt begonnene Aussöhnung mit der eigenen Vergangenheit fortzuführen.
Gerade das geschah nicht. Hier tritt der Unterschied zwischen Benedikt XVI. und Leo XIV. immer deutlicher hervor. Benedikts Vorstellung von Einheit bedeutete nicht Uniformität. Er wollte die Wunden der Kirche heilen, indem er auch jenen Raum gab, die an ihrer überlieferten Liturgie festhielten. Er wusste, dass kirchliche Einheit nicht dadurch entsteht, dass eine Seite verschwindet. Bei Leo entsteht dagegen zunehmend der Eindruck, dass die nachkonziliare Liturgiereform selbst wieder zum entscheidenden Bezugspunkt kirchlicher Einheit erhoben wird. Und genau deshalb ist seine jüngste Verteidigung der Reform mehr als eine liturgiehistorische Katechese. Sie ist ein Signal. Wenn die Liturgiereform vor allem damit gerechtfertigt wird, dass sie größere Verständlichkeit, aktivere Teilnahme und bessere Zugänglichkeit ermöglicht habe, wird genau jene Denkweise bestätigt, deren Folgen Benedikt jahrzehntelang zu korrigieren versuchte.
Benedikt wollte die Liturgie aus der Verfügbarkeit des Menschen befreien. Leo verteidigt nun wieder stärker jene Reform, die sie dem Menschen „zugänglicher“ machen sollte. Der Unterschied könnte kaum grundsätzlicher sein.
Die Enttäuschung wächst
Für traditionelle Katholiken ist das besonders bitter. Nach dem bitteren Pontifikat von Franziskus verbanden viele mit Leo XIV. die Hoffnung auf Befriedung. Seine liturgische Würde, manche traditionellen Gesten und seine zunächst versöhnlichen Äußerungen ließen erwarten, dass der neue Papst wenigstens einen Teil der von Franziskus geschlagenen Wunden heilen würde. Doch mit jedem Monat wird die Ernüchterung größer.
Traditionis custodes besteht fort. Summorum Pontificum ist nicht rehabilitiert. Der Konflikt mit der Piusbruderschaft ist in eine neue Katastrophe gemündet. Und nun verteidigt Leo XIV. öffentlich ausgerechnet jene Grundbegriffe der Liturgiereform, deren problematische Konsequenzen Benedikt XVI. mit so großer theologischer Sensibilität zu überwinden versucht hatte. Noch ist dieses Pontifikat nicht entschieden. Leo könnte jederzeit zu Benedikts Politik der liturgischen Versöhnung zurückkehren. Aber die Zeit der Vorschusslorbeeren ist vorbei. Immer mehr traditionsverbundene Katholiken stellen fest, dass schöne Gesten und freundliche Worte nicht genügen. Sie warten auf Entscheidungen. Sie warten darauf, dass die überlieferte Liturgie nicht als Problem verwaltet, sondern wieder als Schatz behandelt wird. Sie warten auf jene Großzügigkeit, die Benedikt XVI. zum Programm seines Pontifikats gemacht hatte. Und sie beginnen sich zu fragen, ob sie darauf unter Leo XIV. vergeblich warten.
Die Enttäuschung wächst. Und wenn Rom diese Entwicklung nicht erkennt, könnte sich eines Tages herausstellen, dass die vielbeschworene „Zugänglichkeit“ der neuen Liturgie mit einem hohen Preis erkauft wurde: mit der Entfremdung gerade jener Katholiken, für die das Heilige noch immer nicht etwas ist, das dem Menschen angepasst werden muss, sondern etwas, vor dem der Mensch niederkniet. Und die gerade deshalb statt des günstig gelegenen Parkplatzes den eigentlichen Zugang gefunden haben.
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