Die Kreuzzüge waren notwendige Verteidigungskriege, ein „Akt der Liebe“

(David Berger) Was uns Historiker heute über den Kampf um das Heilige Land sagen.

Kaum ein Ereignis der europäischen Geschichte scheint heute so eindeutig verurteilt wie die Kreuzzüge. Schon das Wort genügt, um Bilder von religiösem Fanatismus, Eroberungsgier und christlicher Intoleranz hervorzurufen. Kreuzritter erscheinen als Vorläufer des Kolonialismus: Europäer, die über eine friedliche islamische Welt herfielen, um unter dem Zeichen des Kreuzes fremde Länder zu erobern. Doch dieses Bild hat einen entscheidenden Fehler: Es beginnt die Geschichte im Jahre 1095. Wer einige Jahrhunderte früher einsetzt, erhält ein völlig anderes Bild. Dann erscheinen die Kreuzzüge nicht mehr als Beginn einer europäischen Aggression, sondern als militärische Antwort auf eine Expansion, die zu diesem Zeitpunkt bereits mehr als vier Jahrhunderte andauerte.

Er ritt nicht nach Asien hinein, sondern in das „unerlöste Europa“

Schon 1920 formulierte G. K. Chesterton eine Sicht auf die Kreuzzüge, die dem heute verbreiteten Bild eines grundlos aggressiven christlichen Überfalls auf eine friedliche islamische Welt frontal widersprach. In The New Jerusalem erinnerte er daran, dass die islamische Expansion lange vor dem Ersten Kreuzzug große Teile der ehemals christlich-römischen Welt erfasst hatte: Nordafrika, den Nahen Osten, Spanien und zeitweise Gebiete weit über die Pyrenäen hinaus. Deshalb, so Chesterton mit der ihm eigenen Lust an der Zuspitzung, vergesse der moderne Kritiker, „that long before the Crusaders had dreamed of riding to Jerusalem, the Moslems had almost ridden into Paris“ – und ebenso, dass die beinahe erfolgte Eroberung Palästinas durch die Kreuzfahrer eine Gegenbewegung zu jenen muslimischen Eroberungen gewesen sei, die zuvor große Teile der christlichen Welt erfasst hatten. An anderer Stelle bringt er denselben Gedanken auf die Formel: „it was Islam that was the invasion and Christendom that was the thing invaded.“ Selbst Richard Löwenherz habe sich deshalb, so Chesterton, nicht einfach als Eroberer eines fremden Landes verstanden, sondern als jemand, der ein verlorenes Gebiet zurückerobere: „He was not riding into Asia at all. He was riding into Europa Irredenta.“

Chesterton schrieb dies nicht als Fachhistoriker, sondern als katholischer Schriftsteller und Polemiker. Umso erstaunlicher ist, dass ein wichtiger Strang der neueren Kreuzzugsforschung seiner Grundintuition nähersteht als jenem lange populären Bild vom Kreuzzug als frühem christlichen Imperialismus: Der Erste Kreuzzug erscheint dort nicht als voraussetzungsloser Angriff auf den Islam, sondern vor dem Hintergrund jahrhundertelanger muslimischer Expansion, der Bedrängung des Byzantinischen Reiches und des Hilferufs Kaiser Alexios’ I. an den lateinischen Westen. Was Chesterton mit journalistischer Wucht auf eine Formel brachte, lässt sich heute historisch wesentlich genauer begründen. Der amerikanische Kreuzzugshistoriker Thomas F. Madden bringt diese Sicht auf eine denkbar klare Formel. Die Kreuzzüge seien „a direct and belated response to centuries of Muslim conquests of Christian lands“ – eine „direkte und verspätete Antwort auf Jahrhunderte muslimischer Eroberungen christlicher Länder“. Madden betont ausdrücklich, der Zweck der Kreuzzüge sei weder die gewaltsame Bekehrung der Muslime noch eine allgemeine Expansion der Christenheit gewesen. Ausgangspunkt sei vielmehr die vorausgegangene Eroberung christlicher Gebiete gewesen. Unmittelbarer Anlass des Ersten Kreuzzugs war insbesondere die türkische Expansion in Kleinasien.

Die Geschichte begann nicht 1095

Jerusalem war nicht schon immer eine muslimische Stadt. Als muslimische Truppen die Stadt 638 einnahmen, war sie seit Jahrhunderten Teil der christlich geprägten spätantiken Welt. Dasselbe gilt für weite Teile des Nahen Ostens und Nordafrikas. Syrien, Palästina, Ägypten und Nordafrika gehörten zu den Kerngebieten des frühen Christentums. Antiochia war eine der großen Städte der frühen Kirche, Alexandria brachte einige der bedeutendsten christlichen Theologen hervor, und in Nordafrika wirkten Tertullian, Cyprian und Augustinus.

Auch Kleinasien war nicht irgendein fremdes Territorium, auf das europäische Christen plötzlich Ansprüche erhoben. Dort hatte Paulus missioniert, dort lagen die Gemeinden der Johannesoffenbarung, dort hatten die großen Konzilien von Nizäa, Ephesus und Chalcedon stattgefunden. Seit dem 7. Jahrhundert gingen gewaltige Teile dieser christlichen Welt unter muslimische Herrschaft über. Die Expansion endete keineswegs an den Grenzen des ehemaligen Oströmischen Reiches. Muslimische Heere eroberten Nordafrika, setzten nach Spanien über und drangen schließlich bis nach Frankreich vor.

(Foto r.: Belagerung Jerusalems. Diese Darstellung aus BnF Français 2824 stammt aus dem 14. Jahrhundert)

Im 11. Jahrhundert verschärfte sich die Situation im Osten erneut. Nach der byzantinischen Niederlage von Manzikert 1071 verloren die Byzantiner große Teile Kleinasiens an die Seldschuken. Erst vor diesem Hintergrund kommen wir zum Jahr 1095, zu Urban II. und zum Ersten Kreuzzug. Die Reihenfolge ist entscheidend, denn zwischen den ersten großen islamischen Eroberungen und Urbans Kreuzzugsaufruf liegen mehr als vier Jahrhunderte.

Thomas Madden: „Von Anfang an ein Verteidigungskrieg“

Madden zieht aus dieser Chronologie eine Konsequenz, die in unserem heutigen Geschichtsbild beinahe unerhört klingt: „The Crusades were from the beginning a defensive war.“ Und noch deutlicher: „The entire history of the eastern Crusades is one of response to Muslim aggression.“

Für Madden war der Erste Kreuzzug also keine unprovozierte christliche Aggression, sondern eine Reaktion auf vorausgegangene Eroberungen und auf den Hilferuf des christlichen Ostens. Man muss diese These nicht zu einem Freibrief für jede Tat eines Kreuzfahrers machen, um ihre historische Logik anzuerkennen. Wenn christliche Gebiete über Jahrhunderte erobert worden waren und nun auch das Byzantinische Reich massiv unter Druck geriet, ist zumindest erklärungsbedürftig, weshalb ausgerechnet die militärische Gegenwehr grundsätzlich illegitim gewesen sein soll.

Jonathan Riley-Smith: Kreuzzug aus Liebe?

Noch grundsätzlicher hat der bedeutende britische Kreuzzugshistoriker Jonathan Riley-Smith unser Bild von den Motiven der Kreuzfahrer verändert. Lange Zeit war die populäre Erklärung einfach: Die Kreuzfahrer seien vor allem landhungrige jüngere Adelssöhne gewesen; Religion habe ihnen lediglich die passende Rechtfertigung für Raub und Eroberung geliefert. Die moderne Forschung hat dieses simple Erklärungsmuster erheblich erschüttert.

Riley-Smith untersuchte intensiv die soziale Herkunft und die Selbstzeugnisse der ersten Kreuzfahrer. Dabei zeigte sich unter anderem, dass ein Kreuzzug enorme finanzielle Belastungen verursachte. Besitz musste verkauft oder verpfändet werden; wer aufbrach, riskierte nicht nur sein Leben, sondern häufig auch die wirtschaftliche Existenz seiner Familie. Das Bild des Kreuzfahrers, der in den Orient zog, weil dort mühelos Reichtümer zu erwerben waren, passt schlecht zu diesen Befunden. Riley-Smith gab einem seiner bekanntesten Aufsätze deshalb einen für heutige Ohren geradezu provozierenden Titel: „Crusading as an Act of Love“ – Kreuzzug als Akt der Liebe. Damit wollte er keineswegs behaupten, Krieg sei als solcher ein Liebesakt. Er rekonstruierte vielmehr eine mittelalterliche Vorstellungswelt, in der der Einsatz für Christus und für bedrohte Glaubensbrüder als Ausdruck der caritas verstanden werden konnte. Die Bereitschaft, Besitz, Sicherheit und möglicherweise das eigene Leben aufzugeben, ließ sich innerhalb dieser Vorstellungswelt gerade nicht ohne weiteres auf materielle Interessen reduzieren.

Riley-Smith hat diese Interpretation später weiterentwickelt und den Charakter des Kreuzzugs als „devotional war“, als religiös motivierten Krieg und insbesondere als Bußunternehmen, stärker hervorgehoben. Auch das widerspricht dem populären Bild vom Kreuzritter als Abenteurer auf Beutezug. Der Kreuzfahrer verstand sich als Pilger und Büßer, der ein Gelübde auf sich nahm und damit eine religiöse Verpflichtung einging.

Rodney Stark: „Fundamentally defensive“

Noch offensiver hat der amerikanische Religionssoziologe Rodney Stark die verbreitete Verurteilung der Kreuzzüge angegriffen. Schon der Titel seines Buches God’s Battalions: The Case for the Crusades lässt keinen Zweifel an seiner Absicht. Stark bezeichnet die Kreuzzüge als „fundamentally defensive“, also als ihrem Wesen nach defensiv. Auch er verweist auf die jahrhundertelange Vorgeschichte islamischer Expansion und auf die Tatsache, dass Urban II. nicht am Anfang, sondern sehr spät innerhalb dieser Auseinandersetzung steht.

Stark ist zweifellos polemischer als Riley-Smith. Seine Grundthese steht jedoch nicht im luftleeren Raum. Sie knüpft an jene Neubewertung an, die Historiker wie Riley-Smith und Madden durch ihre Beschäftigung mit Quellen, Motiven und historischen Zusammenhängen ermöglicht haben. Gerade die Zusammenschau dieser Autoren ist interessant: Riley-Smith korrigiert das Bild vom materiell motivierten Kreuzfahrer, Madden betont den defensiven historischen Kontext und Stark zieht daraus die offensivste apologetische Konsequenz.

Kreuzzug und gerechter Krieg

Damit berührt die historische Debatte eine theologische Frage, die heute meistens nur noch in umgekehrter Richtung gestellt wird. Statt ausschließlich zu fragen, wie das Christentum Kreuzzüge rechtfertigen konnte, wäre zunächst zu prüfen, ob ein Kreuzzug unter bestimmten Voraussetzungen nicht tatsächlich den Kriterien entsprechen konnte, die die christliche Tradition für einen gerechten Krieg entwickelt hatte.

(Foto l.: Urban II. ruft in Clermont zum Ersten Kreuzzug auf. Die prächtige Miniatur stammt von Jean Colombe (1430–1493)

Diese Tradition begann lange vor den Kreuzzügen. Augustinus hatte die Anwendung militärischer Gewalt keineswegs schlechthin legitimiert. Er ging vielmehr davon aus, dass Gewalt unter bestimmten Voraussetzungen zur Abwehr oder Wiedergutmachung schweren Unrechts gerechtfertigt sein könne. Thomas von Aquin systematisierte diese Überlieferung später in seiner berühmten Behandlung des bellum iustum in der Summa theologiae (II-II, q. 40, a. 1). Er nennt drei grundlegende Voraussetzungen: die legitime Autorität, einen gerechten Grund (causa iusta) und eine rechte Absicht (intentio recta).

Beim gerechten Grund beruft sich Thomas ausdrücklich auf Augustinus: „Iusta autem bella definiri solent quae ulciscuntur iniurias.“ Als gerecht gelten demnach Kriege, die erlittenes Unrecht vergelten beziehungsweise eine durch Unrecht verletzte Ordnung wiederherstellen. Thomas schreibt zwar rund anderthalb Jahrhunderte nach dem Aufruf Urbans II.; die von ihm systematisierte Tradition ist jedoch erheblich älter. Gerade deshalb bietet sie einen geeigneten Maßstab, um die moralische Vorstellungswelt zu verstehen, innerhalb derer die militärische Hilfe für bedrohte Christen gerechtfertigt werden konnte.

Betrachtet man den Ersten Kreuzzug vor diesem Hintergrund, ist seine grundsätzliche Rechtfertigung jedenfalls keineswegs so absurd, wie es aus heutiger Perspektive häufig dargestellt wird. Das Byzantinische Reich war militärisch schwer unter Druck geraten; christliche Gebiete waren über Jahrhunderte verlorengegangen; der Osten bat den Westen um Unterstützung. Wer die Möglichkeit eines gerechten Verteidigungskrieges grundsätzlich anerkennt, kann die Legitimität militärischen Beistands für andere Christen nicht einfach deshalb ausschließen, weil dieser Beistand unter dem Zeichen des Kreuzes geleistet wurde.

Die Massaker widerlegen nicht den gerechten Kriegsgrund

Gegen diese Betrachtung wird regelmäßig auf die Gewalttaten der Kreuzfahrer hingewiesen, insbesondere auf die Tötungen bei der Einnahme Jerusalems 1099. Diese Ereignisse dürfen weder geleugnet noch beschönigt werden. Sie beantworten jedoch eine andere Frage als jene nach dem gerechten Kriegsgrund. Auch ein Krieg, der aus einem legitimen Grund begonnen wurde, kann ungerecht geführt werden. Gerade die christliche Lehre vom gerechten Krieg unterscheidet deshalb zwischen der Berechtigung, einen Krieg zu beginnen, und den moralischen Grenzen der Kriegführung.

Aus einem Verbrechen einzelner Soldaten folgt ebenso wenig automatisch die Ungerechtigkeit des Kriegsgrundes wie aus einem gerechten Kriegsgrund die Rechtfertigung jedes Mittels. Dieser eigentlich selbstverständliche Unterschied wird in der populären Beurteilung der Kreuzzüge erstaunlich häufig eingeebnet. Die Brutalität mittelalterlicher Kriegführung wird dann zum Beweis dafür erklärt, dass bereits der Kreuzzugsgedanke selbst verbrecherisch gewesen sei. Bei modernen Kriegen würde man eine solche Schlussfolgerung kaum ohne weiteres akzeptieren.

Waren die Kreuzzüge Kolonialismus?

Ähnlich problematisch ist die heute beliebte Deutung der Kreuzzüge als eine frühe Form europäischen Kolonialismus. Der Begriff stammt aus einer völlig anderen Epoche und trägt Vorstellungen moderner Nationalstaaten, imperialer Wirtschaftspolitik und kolonialer Herrschaft in das Hochmittelalter hinein. Vor allem aber verstellt er den Blick auf die besondere Beziehung des Christentums zum Heiligen Land und zum östlichen Mittelmeerraum.

Die Kreuzfahrer zogen nicht in eine Region, die mit der Geschichte des Christentums nichts zu tun gehabt hätte. Jerusalem, Bethlehem und Antiochia gehörten zu den Ursprungsorten des christlichen Glaubens. Kleinasien war die Landschaft der paulinischen Mission und der großen ökumenischen Konzilien. Alexandria und Nordafrika hatten das theologische Denken der Kirche entscheidend geprägt. Die Christen des 11. Jahrhunderts konnten diese Gebiete deshalb kaum in derselben Weise als „fremde Länder“ betrachten, wie europäische Kolonialmächte Jahrhunderte später außereuropäische Territorien betrachteten.

Das allein begründet selbstverständlich keinen zeitlich unbegrenzten territorialen Anspruch. Es zeigt aber, wie anachronistisch die Vorstellung ist, Europäer seien 1096 plötzlich aus ihrer eigenen Welt aufgebrochen, um eine ihnen historisch vollkommen fremde Region zu kolonisieren. Die religiöse Geographie des mittelalterlichen Christentums sah völlig anders aus. Jerusalem war für einen Christen des 11. Jahrhunderts kein exotisches Stück Orient, sondern das geographische Zentrum seiner Heilsgeschichte.

Die unbequeme Frage nach den Jahrhunderten vor 1095

Vielleicht liegt gerade hier der Grund, warum die Kreuzzüge bis heute so leicht moralisch abgeurteilt werden können. Man beginnt ihre Geschichte mit Urban II., Clermont und dem Ruf zum Kreuzzug. Damit steht der Angreifer von vornherein fest. Bezieht man dagegen die Jahrhunderte seit dem 7. Jahrhundert ein, verändert sich die Perspektive erheblich. Dann stehen vor Clermont die Eroberung Jerusalems, Syriens und Ägyptens, der Untergang des christlichen Nordafrikas, die Eroberung großer Teile Spaniens und schließlich die türkische Expansion nach Kleinasien.

Thomas Madden bezeichnet die Kreuzzüge deshalb als verspätete Antwort auf jahrhundertelange muslimische Eroberungen christlicher Gebiete und spricht ausdrücklich von einem Verteidigungskrieg. Jonathan Riley-Smith hat mit seinen Forschungen gezeigt, wie wenig das verbreitete Bild des vornehmlich von Habgier getriebenen Kreuzfahrers den Quellen gerecht wird. Und Rodney Stark hat aus dieser Neubewertung die besonders zugespitzte These gezogen, die Kreuzzüge seien „fundamentally defensive“ gewesen.

Das macht aus jedem Kreuzfahrer keinen Heiligen und aus jeder militärischen Unternehmung unter dem Zeichen des Kreuzes keinen gerechten Krieg. Aber es stellt die populäre Gesamtdeutung auf den Kopf. Die Geschichte der Kreuzzüge begann eben nicht damit, dass fanatische Christen eines Morgens beschlossen, über friedliche muslimische Länder herzufallen. Als Urban II. 1095 in Clermont sprach, lagen bereits mehr als vier Jahrhunderte islamischer Expansion hinter der Christenheit. Wer über die Kreuzzüge urteilen will, darf deshalb nicht erst 1095 mit dem Lesen beginnen. Die entscheidende Frage lautet nicht nur, warum die Christen des Westens zum Kreuzzug aufbrachen. Man muss ebenso fragen, was in den Jahrhunderten zuvor geschehen war und warum der christliche Osten überhaupt nach militärischer Hilfe rief.

Nimmt man diese Vorgeschichte ernst, erscheint der Kreuzzug in einem anderen Licht: nicht als historischer Sündenfall eines plötzlich aggressiv gewordenen Christentums, sondern als verspätete militärische Gegenwehr einer Christenheit, die über Jahrhunderte gewaltige Teile ihres ursprünglichen Kulturraumes verloren hatte. Thomas F. Maddens provokante Formulierung ist deshalb deutlich näher an der historischen Wirklichkeit als das heute verbreitete Klischee: Die Kreuzzüge waren von Anfang an Verteidigungskrieg.

Von Clermont bis Ceuta: Hat Europa das Recht auf Selbstbehauptung verlernt?

Die historische Auseinandersetzung, von der hier die Rede war, besitzt eine Aktualität, die unangenehmer ist, als es vielen lieb sein dürfte. Dabei wäre es historisch falsch, die heutige Migration nach Europa einfach mit den islamischen Eroberungszügen des 7. oder 8. Jahrhunderts gleichzusetzen. Ebenso falsch wäre es jedoch, aus Rücksicht auf gegenwärtige Befindlichkeiten die kriegerische Dimension der frühen islamischen Geschichte auszublenden. Mit der Hidschra Mohammeds von Mekka nach Medina im Jahre 622 begann nicht nur eine neue religiöse Epoche. Mohammed wurde in Medina auch zum politischen und militärischen Führer; es kam zu bewaffneten Auseinandersetzungen mit seinen Gegnern, zu Feldzügen und schließlich zur Unterwerfung Mekkas. Nach seinem Tod setzte eine Expansion ein, deren Geschwindigkeit zu den erstaunlichsten Vorgängen der Weltgeschichte gehört. Innerhalb weniger Jahrzehnte gerieten Syrien, Palästina, Ägypten und das persische Sassanidenreich unter muslimische Herrschaft; später folgten Nordafrika und große Teile der Iberischen Halbinsel.

Auch die klassische islamische Rechtslehre darf in diesem Zusammenhang nicht verschwiegen werden. Sie entwickelte die bekannte Unterscheidung zwischen dār al-islām, dem „Haus des Islam“, und dār al-harb, dem „Haus des Krieges“. Die Einzelheiten und Konsequenzen dieser Kategorien waren unter muslimischen Rechtsgelehrten keineswegs immer identisch, und spätere Juristen kannten weitere Zwischenkategorien. Der Grundgedanke bleibt dennoch bemerkenswert: Die politische Teilung der Welt wurde in bedeutenden Traditionen des klassischen islamischen Rechts danach bestimmt, ob islamische Herrschaft bestand oder nicht. Gerade deshalb wäre es absurd, die mittelalterliche Geschichte so zu erzählen, als sei die Verbindung von Religion, politischer Herrschaft und militärischer Expansion eine christliche Erfindung gewesen, die erst mit Urban II. über eine zuvor friedliche Welt gekommen sei.

Vor diesem Hintergrund erhält auch der Blick auf das heutige Europa eine besondere Brisanz. Wenn in Ceuta oder an anderen europäischen Außengrenzen Tausende Menschen versuchen, Grenzen zu überwinden, handelt es sich selbstverständlich nicht um einen Kreuzzug mit umgekehrtem Vorzeichen und auch nicht jeder muslimische Migrant ist ein religiöser Eroberer. Aber Europa wäre ebenso schlecht beraten, wenn es aus Angst vor solchen Vergleichen die Frage nach seiner eigenen Selbstbehauptung gar nicht mehr zu stellen wagte. Zumal, wenn bei solchen Invasionen regelmäßig der Ruf „Alahu akbar“ aus dem Mund der Invasoren zu hören ist. Masseneinwanderung aus islamisch geprägten Gesellschaften hat nicht nur ökonomische und sozialpolitische Folgen. Wo sie dauerhaft und in großem Umfang stattfindet, verändert sie zwangsläufig auch das religiöse und kulturelle Gesicht der aufnehmenden Länder. Dass Regierungen darüber entscheiden, wer die Grenzen Europas überschreiten und dauerhaft hier leben darf, ist deshalb keine Nebensächlichkeit, sondern eine der elementaren Fragen politischer Souveränität.

Unser Blick in jene Geschichte, für die sich das heutige Europa so häufig entschuldigt, hat daher eine ganz aktuelle Relevanz. Isabella I. von Kastilien und Ferdinand II. von Aragón, die Reyes Católicos, vollendeten 1492 mit der Einnahme Granadas die Reconquista. Papst Urban II. hatte 1095 in Clermont zum Ersten Kreuzzug aufgerufen, nachdem Byzanz angesichts der türkischen Expansion den Westen um Hilfe gebeten hatte. Und als 1683 ein osmanisches Heer vor Wien stand, gehörte der polnische König Jan III. Sobieski zu jenen, die die Stadt entsetzten und damit einen weiteren osmanischen Vorstoß nach Mitteleuropa verhinderten. Diese Gestalten gehören zu sehr unterschiedlichen Jahrhunderten und historischen Situationen. Gemeinsam ist ihnen aber etwas, das dem heutigen Europa zunehmend fremd geworden zu sein scheint: die Selbstverständlichkeit, mit der sie davon ausgingen, dass eine Zivilisation das Recht besitzt, ihre territoriale, politische und religiös-kulturelle Existenz zu verteidigen.

Die Lehre daraus kann im 21. Jahrhundert selbstverständlich nicht darin bestehen, dass Privatpersonen Religionskriege führen oder Migranten mit Waffengewalt begegnen. Nach der katholischen Lehre vom gerechten Krieg wäre gerade das ein Widerspruch: Thomas von Aquin nennt die legitima auctoritas, die rechtmäßige öffentliche Gewalt, ausdrücklich als erste Voraussetzung eines gerechten Krieges. Umso größer ist aber die Verantwortung der Regierungen. Der Schutz der Grenzen ist ihre Aufgabe. Die Wahrung der inneren Sicherheit ist ihre Aufgabe. Und auch die Bewahrung der Voraussetzungen, unter denen eine historisch gewachsene politische und kulturelle Gemeinschaft fortbestehen kann, gehört zu ihrer Verantwortung. Wenn Regierungen dieser Verantwortung nicht gerecht werden, ist die richtige Antwort nicht private Gewalt, sondern politischer Widerstand mit den Mitteln des Rechts und der Demokratie und die Forderung nach einer grundsätzlichen Änderung der Migrationspolitik.

Vielleicht liegt gerade darin die provozierendste Aktualität der Kreuzzüge. Ein Europa, das Urban II., die Reconquista und Sobieski nur noch als peinliche Überbleibsel einer intoleranten Vergangenheit betrachten kann, läuft Gefahr, nicht nur seine Geschichte, sondern auch den Begriff legitimer Selbstbehauptung zu verlieren. Selbstverteidigung ist keine Aggression. Der Schutz einer Grenze ist kein Hass auf diejenigen, die sie überschreiten wollen. Und der Wunsch, dass Europa seinen historisch gewachsenen christlichen Charakter nicht durch demographische und kulturelle Entwicklungen verliert, ist noch keine Kriegserklärung an Menschen anderen Glaubens.

Die Kreuzzüge erinnern vielmehr an eine Wahrheit, die unsere Zeit nur ungern hört: Eine Zivilisation, die fortbestehen will, muss bereit sein, sich selbst zu behaupten. Die Formen dieser Selbstbehauptung sind heute andere als 1095, 1492 oder 1683. Aber die Frage dahinter ist dieselbe geblieben: Besitzt Europa noch den Willen, das zu bewahren, was es zu Europa gemacht hat?

Literatur

Augustinus: Contra Faustum Manichaeum, insbesondere Buch XXII, Kap. 74–75, in: Patrologia Latina, Bd. 42, Paris 1845.

Chesterton, G. K.: The New Jerusalem. London: Hodder and Stoughton, 1920.

Madden, Thomas F.: The Concise History of the Crusades, 3. Aufl., Lanham: Rowman & Littlefield 2014.

Riley-Smith, Jonathan: The First Crusade and the Idea of Crusading, Philadelphia: University of Pennsylvania Press 1986.

Riley-Smith, Jonathan: „Crusading as an Act of Love“, in: History 65 (1980), Nr. 214, S. 177–192.

Riley-Smith, Jonathan: The Crusades, Christianity, and Islam, New York: Columbia University Press 2008.

Stark, Rodney: God’s Battalions: The Case for the Crusades, New York: HarperOne 2009.

Thomas von Aquin: Summa theologiae, II–II, q. 40, a. 1 („De bello“).

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David Berger
David Bergerhttps://philosophia-perennis.com/
David Berger (Jg. 1968) war nach Promotion (Dr. phil.) und Habilitation (Dr. theol.) viele Jahre Professor im Vatikan. Zahlreiche Veröffentlichungen zur Philosophie und Theologie des Mittelalters. Seit 2016 Blogger (philosophia-perennis) und freier Journalist (u.a. für die Die Zeit, Junge Freiheit, The European).

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