CSD-Anschlag: Überlebender packt über verschwiegenen Machetenangriff aus

(David Berger) Beim islamistischen Anschlag rund um den Berliner CSD wurde nicht nur ein Lieferwagen zur Waffe. Anschließend ging der Angreifer mit einer Machete auf Menschen los und verletzte mehrere von ihnen schwer. Doch während das Auto zum beherrschenden Bild der Berichterstattung wurde, verschwanden die Machetenopfer schnell aus der öffentlichen Wahrnehmung. Nun spricht erstmals einer von ihnen – und seine Aussagen werfen unangenehme Fragen an Medien, Behörden und Politik auf.

Man kann über einen Anschlag ausführlich berichten und trotzdem einen entscheidenden Teil der Wirklichkeit nahezu verschwinden lassen. Eine wichtige Taktik des Framings, das wir vom Staatsfunk sehr gut kennen. Genau dieser Eindruck entsteht nach einem neuen Interview mit Sebastian S. Vier Wochen nach dem Berliner CSD-Anschlag erzählt erstmals ausführlich ein Mann, der nicht von dem Lieferwagen getroffen, sondern von einer Machete schwer verletzt wurde. Seine Verletzungen waren so gravierend, dass ihm ein Teil der Lunge entfernt werden musste. Nach den Angaben, die ihm seine Ärzte später machten, war er zeitweise sogar klinisch tot.

Trotzdem haben viele Menschen offenbar bis heute kaum eine Vorstellung davon, dass es diese Macheten-Attacken überhaupt gab. Sebastian berichtet, Bekannte hätten erstaunt reagiert: Sie seien davon ausgegangen, dass Menschen mit dem Fahrzeug überfahren worden seien; von einer Machete hätten sie nichts gewusst. Manche hätten seine Schilderung zunächst sogar angezweifelt. Wie konnte ein derart wesentlicher Teil eines islamistischen Anschlags in der öffentlichen Wahrnehmung so weit in den Hintergrund treten?

Erst das Auto – dann die Machete

Sebastian S. hatte sich am Nachmittag mit rund einem Dutzend Freunden im Tiergarten getroffen. Man feierte im Umfeld des CSD, trank etwas Wein und unterhielt sich. Gegen 21.30 Uhr wollte er eigentlich aufbrechen. Dann kam ein Mann aus dem Gebüsch. Zuerst schlug der Angreifer einem Freund Sebastians von hinten mit der Machete gegen den Kopf. Kurz darauf attackierte er eine Freundin. Ihr Schrei ließ Sebastian begreifen, was geschah. Er lief auf den Angreifer zu und versuchte, ihn wegzustoßen. Der nächste Schlag traf ihn selbst. Mehrere Rippen zerbarsten. Sebastian bemerkte, dass seine Brust aufgerissen war und seine Lunge nach außen trat. Blutend rannte er über die Wiese und schrie um Hilfe. Eine Ersthelferin legte ihm einen Druckverband an, später setzte ein Rettungssanitäter eine Thoraxdrainage. Es folgte eine mehrstündige Notoperation. Ein Lungenlappen musste entfernt werden. Sebastian überlebte knapp.

Die Frage liegt auf der Hand: Warum spielte diese Dimension des Anschlags in der öffentlichen Debatte eine so geringe Rolle? Sebastian spricht von einer Berichterstattung, die beinahe vollständig auf den Lieferwagen fixiert gewesen sei. Für ihn war es ausdrücklich ein „zweigeteilter Angriff“: zuerst das Fahrzeug, dann die Machete. Auch stört ihn, dass die Familiengeschichte und damit die Perspektive des Täters aus seiner Sicht sehr viel Raum in der Berichterstattung erhalten habe.

Das ist keine nebensächliche Frage der journalistischen Gewichtung. Ob ein Täter mit einem Fahrzeug in Menschen fährt oder anschließend noch mit einer Machete auf Menschen losgeht, gehört zur vollständigen Beschreibung der Tat. Der zweite Teil macht zudem die Brutalität des Geschehens auf eine Weise sichtbar, die sich nicht auf die anonyme Wirkung eines Fahrzeugs reduzieren lässt: Der Täter ging nach Sebastians Schilderung aus nächster Nähe auf Menschen los und schlug mit einer Klingenwaffe auf sie ein. Dass gerade dieser Teil der Tat so schnell aus dem öffentlichen Blick geraten konnte, bedarf einer Erklärung. Dafür muss man keine Verschwörung unterstellen. Es genügt zunächst festzustellen, dass selbst Menschen aus Sebastians persönlichem Umfeld von den Machetenattacken nichts wussten.

„Das wussten wir gar nicht“

Noch schwerer wiegt, was Sebastian über eine Informationsveranstaltung für Betroffene im Roten Rathaus erzählt. Auch dort sei in erster Linie vom Angriff mit dem Fahrzeug gesprochen worden, während die Machete kaum eine Rolle gespielt habe. Einige Redner hätten das Geschehen zudem nicht ausdrücklich als islamistischen Anschlag bezeichnet, sondern allgemeiner als Angriff auf die queere Community. Dann schildert Sebastian eine Reaktion, die Fragen nach dem Informationsfluss bis in die Politik hinein aufwirft. Als Politiker mit dem Machetenangriff konfrontiert worden seien, hätten einige nach seiner Erinnerung sinngemäß geantwortet: „Oh, das wussten wir gar nicht.“ Sebastian spricht dabei von Personen auf hoher beziehungsweise ministerialer Ebene, nennt allerdings keine Namen.

Sollte seine Erinnerung zutreffen, stellt sich zwangsläufig die Frage, wie es vier Wochen nach einem islamistischen Anschlag möglich sein kann, dass politische Verantwortliche offenbar nicht darüber informiert sind, dass Menschen nicht nur von einem Fahrzeug erfasst, sondern anschließend mit einer Machete lebensgefährlich verletzt wurden. Dann geht es nicht mehr allein um die Gewichtung der Medienberichte, sondern auch darum, was zwischen Polizei, Ermittlungsbehörden, Senat und Politik kommuniziert wurde. Sebastian stellt diese Frage selbst.

Für jemanden, dessen Brust von einer Machete aufgeschlagen wurde und der nur knapp überlebte, muss diese Fixierung auf das Fahrzeug schwer nachvollziehbar sein. Sebastian musste nach eigener Darstellung bei der Polizei Aussagen zu einem „PKW-Angriff“ machen. Auch bei der späteren Informationsveranstaltung sei wieder vor allem vom Fahrzeug die Rede gewesen. Seine Reaktion darauf fällt fast auffallend zurückhaltend aus: „Dann fühlt man sich auch nicht ganz so gesehen.“ Tatsächlich beschreibt dieser Satz ein grundsätzliches Problem. Ein Schwerverletzter überlebt einen Machetenangriff nur knapp und erlebt anschließend, dass gerade dieser Teil des Anschlags im öffentlichen Bild der Tat kaum vorkommt. Dass die Betroffenen damit unzufrieden sind, bedarf keiner weiteren Erklärung.

Gab es eine zweite Person?

Hinzu kommt eine bislang ungeklärte Frage. Sebastian erinnert sich daran, dass möglicherweise noch eine zweite Person aus dem Gebüsch gekommen sei. Es habe auf ihn gewirkt, als hätten sich zwei Personen in unmittelbarer Nähe befunden und möglicherweise miteinander interagiert. Hier muss allerdings genau bei dem geblieben werden, was Sebastian tatsächlich sagt. Er behauptet nicht, sicher einen zweiten Täter gesehen zu haben. Er weist selbst darauf hin, wie schnell der Angriff ablief und wie schwierig die Wahrnehmung in einer solchen Situation war. Die zweite Person könne völlig unbeteiligt gewesen sein. Seine ebenfalls schwer verletzte Freundin erinnert sich offenbar nur an einen Angreifer.

Allerdings berichtet Sebastian zugleich, dass bei einer Vernehmung durch das BKA tatsächlich ein zweiter Name gefallen sei. Diese Person sei Gegenstand der Ermittlungen gewesen. Welche Rolle sie spielte – ob Verdächtiger, Begleiter, Zeuge oder lediglich eine Person, deren Anwesenheit überprüft wurde –, habe man ihm nicht erklärt. Sebastians Erinnerung an eine weitere Person steht keineswegs isoliert im Raum. Schon unmittelbar nach dem Anschlag nahmen die Ermittler einen zweiten Mann fest. Bei ihm handelte es sich um einen iranischen Staatsangehörigen, der nach Zeugenaussagen in der Nähe des Tatfahrzeugs gesehen worden sein soll. Bereits am folgenden Abend wurde er sehr schnell wieder auf freien Fuß gesetzt: Der Tatverdacht habe sich nicht erhärtet, erklärte die Bundesanwaltschaft. Was aus dieser Spur geworden ist, weiß Sebastian nach eigener Aussage bis heute nicht.

Sebastian wurde nach seiner Darstellung zunächst vom LKA und später mehrfach vom BKA vernommen. Man zeigte ihm Fotos und versuchte mit ihm, Einzelheiten des Ablaufs zu rekonstruieren. Über die Beamten selbst äußert er sich keineswegs pauschal negativ. Im Gegenteil: Er beschreibt sie als höflich, vorsichtig und empathisch. Kritischer sieht er die Umstände einzelner Befragungen. Teilweise fanden diese nachts statt, während er schwer verletzt auf der Intensivstation lag und noch unter den Folgen der Sedierung stand. Zugleich zeigt Sebastian Verständnis dafür, dass Ermittler möglichst früh auf noch frische Erinnerungen zurückgreifen wollten. Sein eigentliches Problem liegt an anderer Stelle. Vier Wochen nach der Tat weiß er selbst kaum mehr über den Stand der Ermittlungen als die Öffentlichkeit. Er weiß nicht, wie die Ermittlungen zu einer möglichen zweiten Person weitergingen, und beklagt, dass Informationen insgesamt nur sehr spärlich zu ihm gelangt seien. Derjenige, der den Täter aus nächster Nähe erlebt und den Angriff beinahe mit dem Leben bezahlt hat, bleibt bei entscheidenden Fragen selbst auf Vermutungen angewiesen.

Warum passte die Machete offenbar nicht ins Bild?

Damit bekommt der Fall zwangsläufig eine politische Dimension. Über islamistische Anschläge wird in Deutschland längst nicht mehr nur über Tatablauf, Täter und Opfer gesprochen. Fast unmittelbar beginnt ein Kampf um Begriffe, Ursachen und Deutungen. Was wird hervorgehoben, was nur am Rande erwähnt, welche Aspekte der Täterbiographie werden ausführlich erklärt und welche Teile des Tatgeschehens verschwinden nach wenigen Tagen aus den Schlagzeilen? Beim Berliner CSD-Anschlag wurde das Fahrzeug zum bestimmenden Bild. Die Machete verändert dieses Bild jedoch. Sie macht die Gewalt unmittelbarer und erinnert an eine Form islamistischer Anschläge, die Europa in den vergangenen Jahren immer wieder erlebt hat: Angriffe mit Messern, Beilen und anderen Klingenwaffen, bei denen Täter ihren Opfern unmittelbar gegenüberstehen.

Ob dieser Zusammenhang irgendeinen Einfluss auf die Gewichtung der Berichterstattung hatte, lässt sich mit den Aussagen Sebastians nicht beweisen. Festhalten lässt sich aber, dass sich die Machetenopfer selbst in der Berichterstattung übergangen fühlten und dass nach Sebastians Schilderung sogar Politiker auf hoher Ebene von diesem Teil des Anschlags nichts gewusst haben sollen. Das allein ist Grund genug, die bisherige Berichterstattung noch einmal kritisch anzusehen.

Sebastian fordert dabei weder wilde Spekulationen noch vorschnelle Schuldzuweisungen. Er möchte vor allem, dass genauer hingesehen und weiter nachgefragt wird. Eigentlich müsste genau das die selbstverständliche Aufgabe von Journalisten sein. Warum wurde über die Machetenopfer so wenig berichtet? Welche Rolle spielte die mögliche zweite Person? Was ergaben die Ermittlungen des BKA dazu? Welche Informationen erreichten den Berliner Senat und andere politische Stellen? Und wie ist es zu erklären, dass Politiker nach Sebastians Darstellung noch Wochen später von der Machetenattacke nichts gewusst haben sollen?

Es geht dabei nicht um eine nebensächliche Ergänzung des bekannten Tatablaufs. Sebastian S. erlitt zertrümmerte Rippen, verlor einen Teil seiner Lunge und überlebte nur knapp. Wenn ein solches Opfer einen Monat später an die Öffentlichkeit gehen muss, um darauf aufmerksam zu machen, dass der Anschlag eben nicht nur mit einem Fahrzeug verübt wurde, hat die bisherige öffentliche Darstellung zumindest eine erhebliche Lücke.

Warum unterschlagt Ihr die ganze Geschichte?

Der Berliner CSD-Anschlag bestand nicht nur aus einem Fahrzeug. Menschen wurden mit einer Machete angegriffen. Sebastian S. wäre daran beinahe gestorben. Ein Teil seiner Lunge fehlt ihm für immer. Dass diese Tatsache einen Monat lang im Schatten des Lieferwagens stand, kann man nicht einfach als belanglose Ungenauigkeit der Berichterstattung abtun. Medien und Politik müssen sich die Frage gefallen lassen, warum ein derart zentraler Teil des Tatgeschehens so wenig öffentliche Aufmerksamkeit erhielt. Vor allem muss geklärt werden, weshalb nach Sebastians Schilderung selbst Politiker auf hoher Ebene davon nichts gewusst haben sollen.

Sebastian verlangt am Ende vor allem vollständige Aufklärung. Noch immer seien wesentliche Fragen offen, darunter auch die Frage, ob es eine weitere beteiligte Person gegeben haben könnte und wie die Ermittlungen weitergeführt werden. Das ist keine überzogene Forderung. Es ist das Mindeste, was ein Staat den Menschen schuldet, die einen solchen Anschlag überlebt haben. Und es ist die Aufgabe der Medien, so lange nachzufragen, bis nicht nur die politisch oder medial eingängigste Version eines Anschlags bekannt ist, sondern die ganze Geschichte.

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David Berger
David Bergerhttps://philosophia-perennis.com/
David Berger (Jg. 1968) war nach Promotion (Dr. phil.) und Habilitation (Dr. theol.) viele Jahre Professor im Vatikan. Zahlreiche Veröffentlichungen zur Philosophie und Theologie des Mittelalters. Seit 2016 Blogger (philosophia-perennis) und freier Journalist (u.a. für die Die Zeit, Junge Freiheit, The European).

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