(David Berger) Vor drei Jahren veröffentlichte der deutsch-libanesische Filmemacher Imad Karim ein Video, das zu seinen eindringlichsten gehört. Es war eine düstere Anklage gegen die deutsche Migrationspolitik – und zugleich eine bewegende Liebeserklärung an das Deutschland, in dem Karim über vier Jahrzehnte in Freiheit leben konnte. Heute wirken viele seiner damaligen Warnungen bedrückend aktuell.
„Bäume werden weinen, sie werden sie nach euch verdursten lassen. Steine werden heulen, sie werden sie auf Frauen und Homosexuelle werfen. Flüsse werden austrocknen, sie werden sie nach euch in Kloaken verwandeln.“ So beginnt Karim. Keine Politikersprache, keine vorsichtige Abwägung, keine Rücksicht auf jene Sprachregelungen, mit denen die Folgen der Masseneinwanderung jahrelang schöngeredet wurden. Karim konnte so sprechen, weil er wusste, wovon er sprach. Er kam selbst aus dem Libanon nach Deutschland. Er kannte den islamisch geprägten Kulturraum nicht aus NGO-Papieren und Talkshows. Und er kannte zugleich den Wert jener europäischen Freiheit, die für viele Deutsche so selbstverständlich geworden war, dass sie glaubten, man könne ihre kulturellen Voraussetzungen beliebig strapazieren.
„Sie wollen Teilhabe, lehnen aber jede Teilnahme ab“
Mit einem einzigen Satz brachte Karim das Integrationsproblem auf den Punkt: „Sie wollen Teilhabe, lehnen aber jede Teilnahme ab.“ Der deutsche Staat stellte Wohnungen, Sozialleistungen, medizinische Versorgung, Schulen, Sprachkurse, Dolmetscher und Sozialarbeiter bereit. Zugleich wurde jahrelang erstaunlich zaghaft gefragt, was die Neuankömmlinge selbst schuldeten: Sprache, Arbeit, Respekt vor Frauen, Anerkennung der Rechtsordnung, Toleranz gegenüber Andersdenkenden und Loyalität gegenüber dem Land, das sie aufgenommen hatte.
Karim warnte vor der Illusion, Menschen legten ihre religiösen, sozialen und kulturellen Prägungen einfach an der deutschen Grenze ab: „Viele von ihnen kommen und bringen ihren Hass auf alle Andersdenkenden, ihren Fanatismus und ihre Ablehnung der Werte einer liberalen Gemeinschaft mit sich.“ Heute spricht selbst Bundeskanzler Friedrich Merz davon, Migration brauche „mehr Begrenzung, mehr Zurückweisungen, mehr Steuerung, mehr Rückführungen“. Integration müsse nicht nur ermöglicht, sondern „eingefordert“ werden. Freilich ohne dass er irgendwelche Konsequenzen daraus ziehen würde. Drei Jahre zuvor hatte Karim denselben Grundkonflikt ausgesprochen. Nur sehr viel deutlicher.
Die Warnung vor dem Islamismus

Besonders hellsichtig erscheint heute seine Warnung vor der Radikalisierung entwurzelter junger Männer. Das BKA registrierte für 2024 im Bereich „religiöse Ideologie“ 1.877 Straftaten – fast 29 Prozent mehr als im Vorjahr. Die Sicherheitsbehörden warnen weiterhin vor islamistischem Terrorismus und insbesondere vor der Radikalisierung Jugendlicher und junger Erwachsener. Karim beschrieb schon damals junge Männer, die in Europa versorgt werden und sich dennoch als Opfer eben jener Gesellschaft verstehen, die sie aufgenommen hat.
Seine härteste Anklage galt deshalb nicht einmal ihnen. Sie galt den Verantwortlichen der Migrationspolitik: Merkel, den „Plädierern von Grenzöffnungen und Bahnhofsklatschern“, den NGOs und internationalen Organisationen, die Migration moralisch überhöhten und ihre Kritiker diffamierten: „Diese willkürliche, rücksichtslose und brutal umgesetzte Migration, von ideologisch vergifteten selbsternannten Sozialingenieuren initiiert, hilft niemandem und schadet allen.“ Damals galt das als Radikalismus. Heute heißt das politische Schlagwort „Migrationswende“.
Ein Einwanderer aus Liebe zu Deutschland
Vielleicht wurde an Karim gerade deshalb so häufig vorbeigeredet: Er passte in keine der vorgesehenen Schubladen. Hier sprach kein „Fremdenfeind“. Hier sprach ein Einwanderer. Und hier sprach auch niemand, der Deutschland verachtete. Im Gegenteil. Imad Karim wusste aus eigener Erfahrung, welches Geschenk dieses Land sein konnte. Deutschland war für ihn das Land, „in dessen Schutz ich mich 41 Jahre frei entfalten konnte“. Deshalb besitzt sein Video eine Traurigkeit, die weit über gewöhnliche politische Polemik hinausgeht. Karim sah etwas verschwinden, das ihm gerade deshalb kostbar war, weil es für ihn keineswegs selbstverständlich gewesen war: Sicherheit, Freiheit, Toleranz und eine gewachsene europäische Kultur.
Am Ende wird aus der Anklage deshalb beinahe ein Requiem: „Mit euch, meine deutschlandliebenden Freunde, Einheimische und Eingewanderte, sterben die Bäume, die Steine und die Flüsse. Mit euch stirbt Deutschland.“ Und dann folgt der Satz, wegen dessen man dieses Video drei Jahre später noch einmal verbreiten sollte: „Viele von uns hinterlassen Kinder und Enkelkinder, wenn sie für immer gehen. Diese bitte ich heute um Vergebung.“ Imad Karim wurde für seine Warnungen angegriffen und ausgegrenzt. Er hat dennoch weiter gesprochen. Heute sollte man ihm nicht gönnerhaft erklären, an welchen Stellen er vielleicht zu drastisch formuliert habe. Man sollte ihm zuhören. Und vielleicht auch einmal sagen:
Danke, Imad Karim, dass Du nicht geschwiegen hast
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