„Das hat die KI geschrieben!“ – Die neue Dummheit der Technikverweigerer

(David Berger) Wer heute Journalisten vorwirft, sie arbeiteten mit KI, erinnert an jene, die einst das Internet ablehnten, weil es dort Pornographie und Drogenhandel gab. KI wird sich durchsetzen – gerade bei journalistischen Gebrauchstexten. Die wirklich brisante Frage lautet daher nicht, ob wir sie benutzen dürfen, sondern ob wir sie vernünftig einsetzen können und wer sie kontrolliert. Und warum ausgerechnet die Mächtigen diesmal so früh darauf drängen, die neue Technologie an die politische Leine zu legen.

Es wiederholt sich manches in der Geschichte. Nur die Gegenstände wechseln. Ich erinnere mich noch gut an eine Konferenz, auf der uns eröffnet wurde, der Schriftverkehr werde künftig weitgehend per E-Mail erledigt. Was heute ungefähr so aufregend klingt wie die Ankündigung, künftig Kugelschreiber zu benutzen, löste damals bei einigen Kolleginnen geradezu Entsetzen aus. Sie wollten mit diesem „Internet“ nichts zu tun haben. Dort gebe es schließlich Pornographie und Drogenhandel. Das Argument war nicht einmal falsch. Es war nur ungefähr so intelligent wie die Weigerung, eine Straße zu benutzen, weil auf Straßen auch Bankräuber fahren. Später wurde das Internet selbstverständlich. Dieselben Institutionen, die noch vor den Gefahren des Netzes gewarnt hatten, richteten Websites ein, verschickten Newsletter und eröffneten Social-Media-Kanäle. Heute dürfte kaum noch jemand auf die Idee kommen, einem Journalisten mangelnde Seriosität vorzuwerfen, weil er im Internet recherchiert, Google benutzt, digitale Archive durchsucht oder seinen Artikel per E-Mail an die Redaktion schickt.

Bei der Künstlichen Intelligenz erleben wir derzeit eine verblüffend ähnliche Debatte. „Das hat die KI geschrieben!“ Besonders im Journalismus und im publizistischen Bereich, besonders auch bei Politikerstatements, besitzt der Satz „Das ist mit KI geschrieben!“ inzwischen beinahe die Funktion einer Denunziation. So als hätten früher Politiker alle ihre Parlamentsreden und der Papst jede Enzyklika in Heimarbeit selbst geschrieben. Als sei damit bereits etwas über die Qualität oder Wahrheit eines Textes gesagt. Dabei ist die entscheidende Frage doch eine ganz andere: Ist der Text gut? Sind die darin enthaltenen Tatsachen richtig? Sind seine Argumente schlüssig? Hat der Autor geprüft, was er veröffentlicht? Und steht er für das Geschriebene ein? Ob er dabei mit einem Bleistift, einer Schreibmaschine, Microsoft Word, einer Suchmaschine, einem digitalen Archiv oder einem KI-System gearbeitet hat, ist zunächst eine Frage des Werkzeugs. Natürlich kann KI Unsinn produzieren. Sie kann Fehler machen, Quellen erfinden, schlechten Stil erzeugen und dem geistig Bequemen das Denken abnehmen. Nur: Menschen können das alles ebenfalls – und manche sogar ohne jede technische Hilfe in erstaunlicher Perfektion.

Ein guter Autor wird noch besser

Deshalb ist auch die Vorstellung grotesk, ein mit KI-Unterstützung entstandener Text sei schon deshalb minderwertiger als ein vollständig „handgemachter“. Ein schlechter Autor wird mit KI nicht automatisch ein guter. Ein kenntnisreicher Autor dagegen kann mit ihr recherchieren, strukturieren, Gegenargumente prüfen, Übersetzungen vergleichen, Rohfassungen bearbeiten oder sprachliche Varianten ausprobieren. Die Verantwortung bleibt seine. Gerade bei Gebrauchstexten dürfte deshalb ziemlich klar sein, wohin die Reise geht. Pressemitteilungen, Zusammenfassungen, Korrespondenz, Übersetzungen, Dokumentationen, erste Textentwürfe und große Teile alltäglicher journalistischer Routine werden zunehmend unter Zuhilfenahme von KI entstehen. Nicht weil jeder Text dadurch besser würde, sondern weil Arbeitsschritte, die früher Stunden benötigten, plötzlich in Minuten erledigt werden können.

Natürlich gilt das nicht in gleicher Weise für jedes Schreiben. Ein Gedicht ist etwas anderes als eine Zusammenfassung einer Pressekonferenz. Ein philosophischer Gedankengang etwas anderes als die sprachliche Überarbeitung einer Meldung. Wer aber glaubt, ausgerechnet der Gebrauchstext werde dauerhaft eine KI-freie Zone bleiben, dürfte ungefähr so richtig liegen wie jene, die einst glaubten, die Schreibmaschine werde sich gegen den Computer behaupten. Die entscheidende publizistische Fähigkeit der Zukunft wird deshalb nicht darin bestehen, keine KI zu benutzen, sondern darin, sie so zu benutzen, dass am Ende immer noch ein Mensch denkt, urteilt, auswählt, überprüft und verantwortlich zeichnet. Wer heute kategorisch erklärt, mit dieser Technik nichts zu tun haben zu wollen, darf das selbstverständlich tun. Er sollte nur nicht überrascht sein, wenn andere bald schneller recherchieren, größere Materialmengen auswerten, leichter fremdsprachige Quellen erschließen und produktiver arbeiten. Fortschritt wartet gewöhnlich nicht darauf, bis seine Kritiker ihre moralischen Bedenken abgearbeitet haben.

Von Bill Gates über die EU bis zum Papst: Angst vor Kontrollverlust

Doch diesmal gibt es einen bemerkenswerten Unterschied Bei aller Ähnlichkeit mit der Frühzeit des Internets existiert nämlich ein entscheidender Unterschied. Das Internet entwickelte sich in seinen frühen Jahren zu einem Raum, dessen politische und gesellschaftliche Sprengkraft viele Mächtige viel zu spät begriffen. Plötzlich konnte theoretisch jeder publizieren. Das Monopol der großen Zeitungen, Rundfunkanstalten und Verlage auf öffentliche Verbreitung begann zu zerbrechen. Informationen ließen sich nicht mehr zuverlässig an den traditionellen Schleusen kontrollieren. Aus Lesern wurden Publizisten. Man muss das Internet keineswegs romantisieren, um zu erkennen, welche Machtverschiebung darin lag. Ohne das Netz wären alternative Medien, Blogs und viele Formen unabhängiger Gegenöffentlichkeit in ihrer heutigen Gestalt kaum denkbar.

Bei der KI scheint man entschlossen, denselben „Fehler“ kein zweites Mal zu machen. Noch bevor die neue Technologie ihre Möglichkeiten vollständig entfaltet hat, ertönt deshalb von nahezu allen Machtzentren derselbe Ruf: Wir brauchen Regeln! Aufsicht! Ethikräte! Sicherheitsstandards! Kontrollinstitutionen! Und selbstverständlich immer nur zu unserem Besten. Das Wort „Kontrolle“ wird dabei tunlichst vermieden. Man spricht lieber von „Governance“, „Verantwortung“, „Sicherheit“, „Transparenz“ und „ethischer Gestaltung“. Das klingt angenehmer. Am Ende bleibt jedoch die alte politische Frage: Wer darf bestimmen, was diese Maschinen sagen, was sie nicht sagen, welche Quellen sie bevorzugen, welche Wertungen sie übernehmen und welche Antworten als gefährlich gelten?

Denn wer die KI kontrolliert, kontrolliert künftig nicht einfach eine weitere technische Spielerei. Er besitzt Einfluss auf eines der mächtigsten Instrumente der Informationsverarbeitung, Wissensvermittlung und Textproduktion, die jemals geschaffen wurden. Ausgerechnet die Mächtigen wollen uns vor der Macht schützen. Deshalb sollte man hellhörig werden, wenn ausgerechnet Regierungen, supranationale Institutionen, milliardenschwere Stiftungen, Großkonzerne und andere gesellschaftliche Machtzentren mit besonderem Eifer darüber diskutieren, wie Künstliche Intelligenz beaufsichtigt werden müsse.

Selbstverständlich gibt es dafür gute Gründe. KI kann für Betrug, Manipulation, Überwachung und Desinformation eingesetzt werden. Datenschutz, Urheberrecht, Haftung und der Schutz vor realen Gefahren sind keine eingebildeten Probleme. Aber daraus folgt noch lange nicht, dass jede Form politischer Kontrolle harmlos wäre. Wenn Politiker und Großorganisationen Kontrollinstanzen fordern, muss deshalb immer eine zweite Frage folgen: Wer kontrolliert eigentlich die Kontrolleure? Wer entscheidet darüber, was „Desinformation“ ist? Wer legt fest, welche politischen Positionen als extremistisch gelten? Wer definiert „Hass“? Wer entscheidet, welche historische Interpretation als zuverlässig gilt? Und wer garantiert, dass die angeblich neutralen ethischen Standards nicht einfach die politischen und gesellschaftlichen Vorlieben jener widerspiegeln, die sie formulieren? Die Erfahrung der vergangenen Jahre gibt wenig Anlass zu naiver Zuversicht.

Nicht KI-Verweigerung, sondern KI-Mündigkeit!

Die eigentliche Gefahr der KI könnte deshalb am Ende ganz anders aussehen, als ihre lautesten Kritiker behaupten. Nicht eine außer Kontrolle geratene Superintelligenz wäre dann das unmittelbarste Problem, sondern eine sehr gut kontrollierte Intelligenz. Eine KI, die ungeheure Mengen an Wissen verarbeitet – aber nur innerhalb politisch genehmigter Leitplanken. Die jede Frage beantworten kann – solange die Antwort den jeweils geltenden Standards entspricht. Die Milliarden Menschen beim Denken, Schreiben und Recherchieren unterstützt – während einige wenige Institutionen darüber entscheiden, welche Grenzen dieses Denkens nicht überschritten werden dürfen. Das wäre kein Orwellscher Wahrheitsminister mit grauer Uniform und Aktenschrank. Es wäre sehr viel eleganter. Der Benutzer würde die Grenze womöglich gar nicht bemerken. Die Maschine würde einfach erklären, bestimmte Fragen seien „problematisch“, bestimmte Quellen „nicht vertrauenswürdig“, bestimmte Schlussfolgerungen „schädlich“ oder bestimmte Positionen mit den geltenden Standards nicht vereinbar. Zensur müsste dann nicht mehr verbieten. Sie müsste nur noch vorsortieren.

Deshalb ist die Antwort auf die gegenwärtige Entwicklung gerade nicht, Künstliche Intelligenz zu verteufeln. Im Gegenteil. Wer unabhängigen Journalismus will, sollte sich frühzeitig mit dieser Technik beschäftigen. Er sollte lernen, was sie kann und was sie nicht kann. Er muss ihre Fehler erkennen, ihre Quellen kontrollieren, ihre Ergebnisse hinterfragen und vor allem bemerken, wo politische oder weltanschauliche Vorgaben ihre Antworten beeinflussen. Die Alternative zur kontrollierten KI darf nicht die technologische Selbstkastration sein. Denn wenn unabhängige Journalisten, Wissenschaftler und Publizisten aus moralischem Dünkel erklären, dieses Werkzeug nicht anzufassen, während Regierungen, Konzerne, Behörden, Parteien und Medienhäuser es selbstverständlich einsetzen, ist niemandem geholfen. Am wenigsten der Freiheit.

Wir sollten deshalb aus der Geschichte des Internets die richtige Lehre ziehen. Damals fürchteten viele Menschen die neue Technik, weil es im Netz Pornographie und Drogenhandel gab. Während sie noch darüber diskutierten, veränderte das Internet die Welt. Heute sollte man nicht denselben Fehler wiederholen. Nur diesmal kommt eine zweite Gefahr hinzu: Diejenigen, die beim Internet zu spät bemerkten, wie schwer ein dezentrales Informationsmedium zu kontrollieren ist, scheinen bei der Künstlichen Intelligenz sehr viel früher aufgewacht zu sein. Darum lautet die entscheidende Frage der kommenden Jahre nicht: Dürfen wir KI benutzen? Natürlich werden wir sie benutzen. Die viel wichtigere Frage lautet: Wem gehört die Hand, die ihr den Mund zuhält?

Journalistische Offenlegung: Auch dieser Text wurde nicht mit Federkiel, sondern auf einem PC geschrieben. Der Autor des Textes hat für die Abfassung mit ChatGPT zusammen gearbeitet, den Ursprungstext, der persönliche Erfahrungen und Positionen erhielt, immer wieder neu angereichert und sieben mal überarbeitet. Er wurde dann nicht auf Papier immer wieder abgeschrieben und an die Nachbarschaft verteilt oder per Post an Interessierte verschickt, sondern im Internet hochgeladen und auf dieser Seite freigeschaltet.


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David Berger
David Bergerhttps://philosophia-perennis.com/
David Berger (Jg. 1968) war nach Promotion (Dr. phil.) und Habilitation (Dr. theol.) viele Jahre Professor im Vatikan. Zahlreiche Veröffentlichungen zur Philosophie und Theologie des Mittelalters. Seit 2016 Blogger (philosophia-perennis) und freier Journalist (u.a. für die Die Zeit, Junge Freiheit, The European).

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