(David Berger) Friedrich Merz ist aus dem Sommerurlaub zurück. Doch statt eines erholten Kanzlers im politischen Aufwind erlebt Deutschland einen erschöpft wirkenden Regierungschef, dem bei öffentlichen Auftritten Pfiffe, Buhrufe und „Rücktritt“-Rufe entgegenschlagen. Gleichzeitig stürzen seine persönlichen Zustimmungswerte auf ein geradezu historisches Niveau. Nur einer scheint darin keinen Anlass zur Selbstkritik zu erkennen: Friedrich Merz selbst.
Man könnte es für eine besonders boshafte Inszenierung seiner politischen Gegner halten. Doch dafür braucht es derzeit offenbar niemanden. Friedrich Merz produziert die Bilder ganz allein. Drei Wochen Sommerurlaub hatte sich der Bundeskanzler gegönnt. Dann kehrte er zurück – und schon beim ersten öffentlichen Termin nach der Pause erinnerte ihn das Volk daran, dass die politische Wirklichkeit leider nicht mit ihm verreist war.
Beim Besuch im nordrhein-westfälischen Hürtgenwald am 22. August wurde Merz mit Pfiffen und Buhrufen empfangen. „Merz, wie war dein Urlaub?“, riefen Demonstranten. Auch Landwirte waren mit Traktoren gekommen und veranstalteten ein Hupkonzert, das wohl kaum als nachträgliches Geburtstagsständchen für den Regierungschef gemeint war. Merz reagierte in einer Weise, die viel über sein derzeitiges Verhältnis zur Kritik verrät: „Ich lasse mich von denen, die rumschreien, nicht beeindrucken.“ Das ist eine Möglichkeit. Eine andere wäre, sich als Bundeskanzler zu fragen, warum inzwischen überhaupt so viele Bürger das Bedürfnis verspüren, ihn auszupfeifen.
An der Ostsee wird es noch ungemütlicher
Nur gut eine Woche später wiederholte sich das Schauspiel. Diesmal in Kühlungsborn. Beim CDU-Wahlkampfauftritt am Montag an der Ostsee wurde Merz erneut ausgepfiffen und ausgebuht. „Rücktritt“ wurde skandiert, außerdem fielen Bezeichnungen wie „Kriegstreiber“ und „Pinocchio“. Ein Mann fasste seine Einschätzung der bisherigen Kanzlerschaft schließlich in drei denkbar knappen Worten zusammen: „Pfui, hau ab!“
Nun sollte man der Fairness halber hinzufügen, dass die Protestierenden nicht das gesamte Publikum ausmachten und andere Anwesende den Pöblern widersprachen. Das ändert allerdings wenig am katastrophalen Bild. Denn ausgerechnet bei Merz‘ erstem Wahlkampfauftritt im Osten wurde die Stimmung derart ungemütlich, dass die ursprünglich angekündigte Ansprache an das Publikum gar nicht mehr stattfand. Merz führte einige kurze Gespräche und verschwand wieder. Zuvor hatte er immerhin noch ein Fischbrötchen gegessen, das er als „exzellent gut“ lobte. Politisch dürfte das Fischbrötchen damit zu den erfreulicheren Erfahrungen dieses Tages gehört haben.
Wenn selbst die CDU ihren Kanzler lieber versteckt
Noch peinlicher wird die Geschichte allerdings, wenn man von Mecklenburg-Vorpommern nach Sachsen-Anhalt schaut. Dort scheint die CDU inzwischen eine verblüffend einfache Methode gefunden zu haben, weitere Pfeifkonzerte für ihren Vorsitzenden zu verhindern: Man hält Friedrich Merz möglichst von den Wählern fern. Das ist keineswegs die böse Interpretation eines oppositionellen Blogs. Der Tagesspiegel titelt inzwischen selbst: „Die CDU versteckt Merz vor den Menschen.“ Tatsächlich absolvierte der Kanzler seinen Wahlkampftermin in Quedlinburg in einer bemerkenswert keimfreien politischen Umgebung. Keine große Wahlkampfbühne, kein Marktplatz, keine Stadthalle, kein Händeschütteln mit den Bürgern. Das Treffen mit CDU-Kandidaten und Lokalpolitikern fand hinter verschlossenen Türen statt; anschließend standen Merz und Ministerpräsident Sven Schulze nicht einmal zehn Minuten vor den Kameras – Fragen waren nicht zugelassen. Auch beim nächsten Merz-Termin in Leuna ist wieder ein weitgehend abgeschirmtes Programm vorgesehen. Die großen Städte Magdeburg und Halle meidet der Kanzler im Wahlkampf gleich ganz.
Das hat beinahe etwas von politischem Denkmalschutz: Bitte nicht berühren, Abstand halten, Fotografieren gestattet – Fragen unerwünscht. Ein Bundeskanzler wird im Landtagswahlkampf nicht mehr eingesetzt, um Menschen für die CDU zu gewinnen, sondern offenbar so disponiert, dass möglichst wenige Menschen Gelegenheit bekommen, ihm ihre Meinung mitzuteilen. Besonders bitter ist der Vergleich, den der Tagesspiegel selbst zieht: Merz‘ großes Vorbild Helmut Kohl wurde 1991 auf dem Marktplatz von Halle ausgepfiffen, ausgebuht und sogar mit Eiern beworfen – aber Kohl stellte sich hin. Merz dagegen wird von seiner Partei vorsorglich aus der Schusslinie genommen. Und vielleicht weiß die CDU sehr genau, warum. Der Tagesspiegel schreibt offen, bei öffentlichen Auftritten in Halle oder Magdeburg wären wohl „Buh- und Pfeifkonzerte der Sonderklasse“ zu erwarten. Noch vernichtender ist allerdings ein anderer Satz des Berichts. In Unionskreisen, so heißt es dort, mache inzwischen über den eigenen Kanzler eine denkbar kurze Diagnose die Runde: „Er kann es nicht.“ Sogar ein Kanzlerwechsel noch 2026 wird dem Bericht zufolge in der Union nicht mehr ausgeschlossen.
14 Prozent für den Kanzler
Tatsächlich sind die Menschen, die Merz auspfeifen, sind keineswegs nur eine kleine Blase besonders lautstarker Berufsempörter. Die Demoskopen messen längst eine Ablehnung des Kanzlers, gegen die selbst das Pfeifkonzert von Kühlungsborn beinahe höflich wirkt. Der aktuelle ARD-DeutschlandTrend liefert Zahlen, die für einen amtierenden Bundeskanzler eigentlich ein politisches Erdbeben darstellen müssten: Nur 14 Prozent der Deutschen sind mit der Arbeit von Friedrich Merz zufrieden. 85 Prozent äußern sich kritisch.
Forsa kam Anfang August auf ein nahezu identisches Ergebnis: 13 Prozent Zufriedene, 85 Prozent Unzufriedene. Das eigentlich Bemerkenswerte: Selbst unter den Anhängern von CDU und CSU waren laut Forsa 54 Prozent mit Merz unzufrieden. Man muss sich diese Zahl einmal auf der Zunge zergehen lassen. Friedrich Merz ist nicht nur bei SPD-, Grünen-, Linken- oder AfD-Wählern unbeliebt. Nicht einmal die eigenen Leute können sich mehrheitlich für ihren Kanzler erwärmen. Das ZDF-Politbarometer macht das Debakel komplett. Auf einer Skala von +5 bis –5 erreicht Merz bei der Bewertung nach Sympathie und Leistung inzwischen –1,9 Punkte – persönlicher Negativrekord. Merz ist damit nicht mehr einfach nur „nicht besonders beliebt“. Der Bundeskanzler hat sich innerhalb erstaunlich kurzer Zeit in demoskopische Regionen vorgearbeitet, in denen ein Regierungschef normalerweise einen politischen Rettungsring sucht.
Vom konservativen Hoffnungsträger zum Kanzler der gebrochenen Versprechen
Dabei ist der Absturz gerade deshalb so aussagekräftig, weil Merz einmal Hoffnungen geweckt hatte, die weit über die klassische CDU-Klientel hinausgingen. Nach den Merkel-Jahren galt er vielen Konservativen als Mann der politischen Rückkehr zur Vernunft. Er sprach über Migration anders als das Berliner Establishment, versprach wirtschaftspolitischen Sachverstand, kritisierte die Schuldenpolitik und vermittelte wenigstens zeitweise den Eindruck, die CDU könne wieder eine bürgerlich-konservative Partei werden. Dann kam die linksgrün dominierte Brandmauer-Kanzlerschaft. Und aus Friedrich Merz wurde in erstaunlichem Tempo der zuverlässigste Widerleger früherer Aussagen von Friedrich Merz.
Seine politischen Versprechen besitzen inzwischen bisweilen die Haltbarkeit eines Fischbrötchens in der Augustsonne. Was vor der Wahl ausgeschlossen wurde, kann danach plötzlich staatspolitische Notwendigkeit sein; was gestern noch als unverantwortlich galt, wird morgen verantwortungsvoll umgesetzt. Der Mann, der angetreten war, mit der Ära Merkel zu brechen, scheint zunehmend deren wichtigste politische Lektion verinnerlicht zu haben: Wenn man eine Position nur entschieden genug vertritt, erinnert sich später vielleicht niemand mehr daran, dass man zuvor das Gegenteil gesagt hat. Dummerweise gibt es inzwischen Internetarchive.
„Die, die rumschreien“
Noch erstaunlicher als der politische Absturz ist deshalb die Reaktion des Kanzlers darauf. Bei 14 Prozent Zustimmung könnte ein Regierungschef auf die Idee kommen, dass möglicherweise nicht 86 Prozent der Bevölkerung das Problem sind. Nicht so Friedrich Merz. Die Kritiker sind dann eben „die, die rumschreien“. Und Merz ist das ewige Mimimi-Opfer. Das klingt ein wenig wie der Hausherr, der angesichts des aus allen Fenstern quellenden Rauchs erklärt, er lasse sich von der hysterischen Feuerwehr nicht beeindrucken.
Hier liegt eines der wesentlichen Probleme dieser Kanzlerschaft. Merz wirkt nicht wie ein Politiker, der angesichts katastrophaler Werte überlegt, was er falsch gemacht haben könnte. Er wirkt wie ein Politiker, der darüber nachdenkt, warum die Bevölkerung seine Großartigkeit so hartnäckig missversteht. Aus Selbstkritik wird Selbstmitleid, aus Verantwortung wird beleidigtes Kanzler-Mimimi. Die Kommunikation war schwierig. Die Lage ist kompliziert. Die Koalition ist schwierig. Die Bürger verstehen die Notwendigkeiten nicht. Die Kritiker schreien. Und überhaupt wird viel zu wenig gewürdigt, was die Regierung alles leistet. Nur ein Satz fehlt auffallend: Vielleicht haben wir Fehler gemacht. Wir sind bereit umzudenken.
Ein Kanzler kann nicht sein Volk austauschen
Natürlich beweist ein Pfeifkonzert gar nichts. Regierende Politiker werden ausgebuht, seit es regierende Politiker gibt. Und ein Bundeskanzler, der seine Entscheidungen von der Lautstärke der Demonstranten abhängig machte, wäre für sein Amt ungeeignet. Aber wenn die Pfiffe auf der Straße mit einer demoskopischen Ablehnung von 85 Prozent zusammentreffen, sollte selbst ein Friedrich Merz zumindest erwägen, dass zwischen beiden Phänomenen ein Zusammenhang bestehen könnte. Ein Kanzler kann seine Politik ändern. Er kann Personal austauschen. Er kann Fehler eingestehen. Er kann sogar gebrochene Wahlversprechen korrigieren.
Nur sein Volk kann er sich nicht neu wählen. Friedrich Merz scheint dagegen weiterhin darauf zu hoffen, dass irgendwann die Deutschen besser zu seiner Kanzlerschaft passen. Das könnte dauern. Vielleicht sollte er deshalb bei seinem nächsten öffentlichen Auftritt etwas genauer zuhören. Nicht jedem „Hau ab!“ muss ein Bundeskanzler folgen. Aber möglicherweise steckt zwischen all den Pfiffen eine politische Botschaft, die auch das Kanzleramt irgendwann erreichen sollte. Der Sommerurlaub jedenfalls ist vorbei. Die Realität ist wieder da. Und sie scheint Friedrich Merz nicht sonderlich zu mögen.
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