Historisches Debakel: Unter Merz stürzt die Union auf 20 Prozent

(David Berger) Friedrich Merz wollte in die Geschichte eingehen. Nun hat er es geschafft. Die Union fällt in der vorliegenden Umfrage von INSA auf glatte 20 Prozent. Nach den Angaben zur Erhebung ist das der niedrigste Wert, der für CDU und CSU seit Gründung der Bundesrepublik 1949 gemessen wurde. Ein historischer Tiefststand also – ausgerechnet unter jenem Mann, der angetreten war, die CDU aus dem langen Schatten Angela Merkels herauszuführen und vor allem die AfD zu halbieren.

Das Ergebnis könnte bitterer kaum sein. Die AfD steht bei 28 Prozent, die Union acht Punkte dahinter. Merz wollte die AfD halbieren und ist nun auf bestem Wege, stattdessen seine eigene Partei zu halbieren. Was einmal als vollmundiges Versprechen eines selbstbewussten Oppositionsführers daherkam, wirkt heute wie die unfreiwillige Pointe seiner gesamten politischen Laufbahn.

Dabei waren die Erwartungen an Merz gerade im bürgerlich-konservativen Lager enorm. Nach den Merkel-Jahren sollte endlich Schluss sein mit einer CDU, die sich programmatisch immer weiter von ihren traditionellen Wählern entfernt hatte. Merz versprach einen Politikwechsel. Er sprach über eine andere Migrationspolitik, über wirtschaftliche Vernunft und darüber, dass Deutschland wieder anders regiert werden müsse. Viele glaubten ihm. Doch kaum im Kanzleramt angekommen, blieb von der großen Wende erstaunlich wenig übrig. Das Ergebnis dieser Enttäuschung lässt sich jetzt in einer einzigen Zahl zusammenfassen: 20 Prozent.

Die Union halbiert

Das muss man tatsächlich erst einmal schaffen. Die Partei Konrad Adenauers, Ludwig Erhards und Helmut Kohls, die jahrzehntelang Wahlergebnisse jenseits der 40 Prozent gewohnt war und zeitweise sogar die absolute Mehrheit erreichte, steht bei einem Fünftel der Wähler. Noch demütigender ist nur, dass die AfD, deren Bekämpfung Merz geradezu zum Maßstab seines politischen Erfolges gemacht hatte, inzwischen deutlich vor seiner Union liegt.

Besonders bizarr wirkt vor diesem Hintergrund die Empfindlichkeit des Kanzlers gegenüber seinen Kritikern. Merz ging juristisch gegen Bürger vor, die ihn beleidigten oder als „Lügner“ bezeichneten. Natürlich muss auch ein Bundeskanzler nicht jede persönliche Beleidigung hinnehmen. Doch politische Glaubwürdigkeit lässt sich nicht vor Gericht einklagen. Sie entsteht dadurch, dass zwischen dem, was ein Politiker vor der Wahl verspricht, und dem, was er anschließend tut, wenigstens noch eine entfernte Verwandtschaft besteht.

Kampf gegen AfD wurde ihm zum Verhängnis

Inzwischen braucht man Friedrich Merz gar nicht mehr als Lügner zu bezeichnen. Das politische Urteil, das diese Zahlen nahelegen, ist vernichtend genug: Seine Strategie ist gescheitert. Er wollte die AfD schwächen, und sie steht bei 28 Prozent. Er wollte die Union wieder zur unangefochtenen Kraft der bürgerlichen Mitte machen, und sie steht bei 20 Prozent. Er versprach einen Politikwechsel, doch immer mehr seiner früheren Anhänger fragen sich, worin dieser eigentlich bestehen soll.

Merz besitzt offenbar die seltene politische Begabung, konservative Wähler zu vertreiben, ohne dafür in der Mitte genügend neue zu gewinnen. Er blinkt rechts und fährt anschließend auf dem alten Kurs weiter. Irgendwann schauen die Wähler eben nicht mehr auf den Blinker, sondern darauf, wohin das Auto tatsächlich fährt.

Damit könnte Friedrich Merz tatsächlich den Platz in den Geschichtsbüchern bekommen, den er sich immer gewünscht hat. Nur wird dort womöglich etwas anderes stehen, als er sich vorgestellt hatte. Adenauer machte die CDU zur großen Volkspartei der Bundesrepublik. Kohl hielt sie über Jahrzehnte im Kanzleramt. Merkel hinterließ eine programmatisch ausgezehrte Partei. Und Merz könnte als derjenige in Erinnerung bleiben, unter dem die Union schließlich auf einen historischen Tiefststand von 20 Prozent abstürzte, während die AfD auf 28 Prozent davonzog.

Einen solchen Kanzler hat dieses Land tatsächlich noch nicht gehabt. Friedrich Merz wollte Geschichte schreiben. Jetzt schreibt die Geschichte über ihn – und sie tut es mit einer Zahl, die für einen CDU-Vorsitzenden kaum grausamer sein könnte: 20 Prozent.

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David Berger
David Bergerhttps://philosophia-perennis.com/
David Berger (Jg. 1968) war nach Promotion (Dr. phil.) und Habilitation (Dr. theol.) viele Jahre Professor im Vatikan. Zahlreiche Veröffentlichungen zur Philosophie und Theologie des Mittelalters. Seit 2016 Blogger (philosophia-perennis) und freier Journalist (u.a. für die Die Zeit, Junge Freiheit, The European).

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