(David Berger) Wenn es darum geht, Menschen vom Evangelium zu überzeugen, hat Bischof Gerhard Feige auf einmal schwere Bedenken. Geht es dagegen um den Kampf gegen die AfD, kennt der Magdeburger Oberhirte solche Skrupel offenbar nicht. Besonders bemerkenswert ist diese neue Bescheidenheit angesichts der Bilanz seines eigenen Bistums: Seit Feiges Amtsantritt ist die Zahl der Katholiken um mehr als ein Drittel geschrumpft, die Zahl der Taufen um rund zwei Drittel.
Man muss die jüngsten Aussagen des Magdeburger Bischofs Gerhard Feige zweimal lesen, um ihre ganze Tragweite zu erfassen. Gegenüber der „Herder Korrespondenz“ äußert sich der katholische Bischof „sehr skeptisch“ gegenüber „Strategien und Methoden, mit denen Menschen bewusst überzeugt werden sollen“. Methoden zur Evangelisierung seien angesichts einer komplexer gewordenen Welt „kaum die richtige Antwort“. Schließlich gehe es nicht darum, „Menschen das Evangelium überzustülpen“.
Das muss man sich tatsächlich auf der Zunge zergehen lassen. Jesus Christus sagt seinen Aposteln: „Darum geht und macht alle Völker zu meinen Jüngern“ und trägt ihnen ausdrücklich auf, zu taufen und zu lehren (Mt 28,19–20). Der Bischof von Magdeburg hingegen hat Religionssoziologen gelesen. Und die haben ihn, wie er selbst sagt, „ernüchtert“. Säkularisierung, Pluralisierung und Individualisierung schreiten voran. Feige fügt noch Mobilisierung und Digitalisierung hinzu. Die Welt sei „unheimlich komplex geworden“. Als wäre das Römische Reich, in das die Apostel auszogen, ein katholischer Kleingartenverein gewesen. Die Apostel trafen auf Heidentum, philosophische Schulen, Kaiserkult, religiösen Synkretismus und offene Feindschaft. Paulus wurde verspottet, verprügelt und eingesperrt. Trotzdem kam er nicht auf die Idee, die gesellschaftliche Komplexität des Imperium Romanum könne ein Argument gegen Evangelisierung sein. Sein Satz lautete vielmehr: „Weh mir, wenn ich das Evangelium nicht verkünde!“ (1 Kor 9,16).
Beim Evangelium skeptisch, gegen die AfD missionarisch
Vollends grotesk wird Feiges neu entdeckte Skepsis gegenüber dem Überzeugen, wenn man sie mit seinem politischen Engagement vergleicht. Denn sobald es um die AfD geht, scheint der Magdeburger Bischof keineswegs von der Sorge geplagt zu sein, Menschen durch allzu gezielte Einflussnahme etwas „überzustülpen“. Im Gegenteil. Feige positioniert sich seit Jahren entschieden gegen die AfD und hat auch vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt keinen Zweifel daran gelassen, was er von einer Regierungsbeteiligung dieser Partei hält. Sein Bistum beteiligt sich zusammen mit Caritas und anderen kirchlichen Einrichtungen an der Initiative „BEWUSST WÄHLEN“. Feige erklärte zudem, zwischen dem Weltbild der AfD und dem der katholischen Kirche gebe es keine Gemeinsamkeiten.
Hier ist der Bischof plötzlich gar nicht mehr so skeptisch gegenüber „Strategien und Methoden, mit denen Menschen bewusst überzeugt werden sollen“. Beim Evangelium: bloß niemanden überfordern. Bei der AfD: warnen, Stellung beziehen, mobilisieren. Man könnte fast den Eindruck gewinnen, der Missionsauftrag sei in Magdeburg nicht abgeschafft, sondern lediglich umgewidmet worden. Nicht mehr: Geht hinaus und macht alle Völker zu Jüngern Christi. Sondern: Geht hinaus und verhindert die AfD. Das mag polemisch klingen. Aber diese Polemik legt einen sehr realen Widerspruch offen. Warum wird ausgerechnet dort vor dem bewussten Überzeugen gewarnt, wo es um den ureigensten Auftrag der Kirche geht, während ein katholischer Bischof im politischen Tageskampf keinerlei Scheu vor sehr deutlichen Überzeugungsversuchen zeigt?
Noch befremdlicher ist Feiges Warnung, man dürfe den Menschen das Evangelium nicht „überstülpen“. Wer verlangt das eigentlich? Katholische Mission bedeutet weder Zwangsbekehrung noch Manipulation. Sie bedeutet Verkündigung, Zeugnis, Argument, Einladung zu Glaube, Umkehr und Taufe. Der Mensch bleibt frei, diese Botschaft anzunehmen oder zurückzuweisen. Aber damit er sie zurückweisen kann, muss sie ihm zunächst jemand verkünden. Das Zweite Vatikanische Konzil, das ansonsten gerade von deutschen Reformkatholiken gerne als höchste Autorität angerufen wird, formuliert in Ad gentes erstaunlich unmissverständlich: „Die pilgernde Kirche ist ihrem Wesen nach missionarisch“ (AG 2). Nicht: Sie unterhält unter günstigen gesellschaftlichen Bedingungen eine Abteilung für Evangelisierung. Nicht: Mission gehört zu ihren optionalen Angeboten. Sondern: Sie ist ihrem Wesen nach missionarisch.
Auch Feiges Hinweis auf die Diakonie löst das Problem nicht. Selbstverständlich gehört der Dienst am Nächsten zum Christentum. Aber eine Kirche, die hauptsächlich Sozialarbeit betreibt, gesellschaftliche „Formen“ anbietet und Kulturarbeit leistet, während sie beim ausdrücklichen Anspruch, Menschen für Christus zu gewinnen, nervös wird, verwandelt sich allmählich in einen Wohlfahrtsverband mit angeschlossener Sakramentenverwaltung. Die Kirche besitzt aber etwas, das Caritas, Rotes Kreuz und staatliche Sozialarbeit nicht anbieten können: die Botschaft vom menschgewordenen Gott, von Sünde und Erlösung, Kreuz und Auferstehung, Gericht und ewigem Leben. Dafür wurde sie gestiftet.
Besonders pikant werden Feiges Überlegungen angesichts der Entwicklung seines eigenen Bistums. Gerhard Feige ist seit 2005 Bischof von Magdeburg. Damals zählte das Bistum rund 106.000 Katholiken. Nach den jüngsten Zahlen für 2025 sind es nur noch 67.639. Das ist ein Rückgang um mehr als 38.000 Menschen oder rund 36 Prozent. Noch deutlicher sprechen die Zahlen des sakramentalen Lebens. 2005 wurden im Bistum 635 Menschen getauft. 2025 waren es noch 208. Die Zahl der Taufen ist damit um rund zwei Drittel eingebrochen. Bei den kirchlichen Eheschließungen sank die Zahl im gleichen Zeitraum von 182 auf gerade einmal 53 – ein Rückgang von rund 71 Prozent.
Natürlich wäre es unseriös, diese Entwicklung allein Gerhard Feige persönlich anzulasten. Sachsen-Anhalt gehört zu den am stärksten säkularisierten Regionen Europas. Demographie, Kirchenaustritte und der allgemeine Verlust christlicher Bindungen spielen eine erhebliche Rolle. Aber gerade deshalb ist es der geeignete Boden für eine Neuevangelisierung und ist die Reaktion des Bischofs so schwer verständlich.
Wenn nach zwanzig Jahren die Zahl der Katholiken um mehr als ein Drittel zurückgegangen ist, die Taufen um zwei Drittel eingebrochen sind und kaum noch katholische Ehen geschlossen werden, könnte man als Bischof auf einen geradezu revolutionären Gedanken kommen: Vielleicht sollten wir wieder missionieren. Feige kommt offenbar zu einer anderen Schlussfolgerung. Die Säkularisierung schreitet voran – also erscheinen ihm „Methoden zur Evangelisierung“ kaum als richtige Antwort. Das erinnert ein wenig an einen Feuerwehrmann, der vor einem immer größeren Brand steht und erklärt, angesichts der Komplexität des Feuers sei er gegenüber Löschmethoden inzwischen sehr skeptisch.
Mitgliederwerbung? Nein. Seelen gewinnen? Ja.
Feige sagt noch einen anderen bemerkenswerten Satz: „Natürlich wäre es schön, mehr Mitglieder zu haben, aber das ist nicht unser erstes Anliegen.“ Das ist für sich genommen sogar richtig. Mehr Mitglieder zu gewinnen ist nicht der Auftrag der Kirche. Sie ist weder Partei noch Gewerkschaft noch Automobilclub, und Mission ist keine Mitgliederwerbekampagne. Aber genau darin liegt das Problem seiner Argumentation: Es geht nicht um Mitglieder. Es geht um Seelen.
Die Kirche missioniert nicht, um ihre Statistik zu verbessern. Sie missioniert, weil sie glaubt, dass Jesus Christus „der Weg und die Wahrheit und das Leben“ ist (Joh 14,6). Sie tauft nicht, damit die Kirchensteuerkasse gefüllt wird, sondern weil Christus selbst die Taufe zum Bestandteil seines Missionsbefehls gemacht hat. Und sie verkündet das Evangelium nicht als unverbindliches kulturelles Angebot unter vielen, sondern weil sie glaubt, dass in Christus das Heil des Menschen liegt. Wenn dieser Anspruch verblasst, wird Mission tatsächlich unverständlich. Dann bleibt eine Kirche, die sozial engagiert, kulturell sensibel, politisch „wachsam“ und gesellschaftlich anschlussfähig ist. Sie hilft bei Katastrophen, beteiligt sich an Demokratiekampagnen und erklärt den Menschen, welche politischen Entwicklungen sie für bedenklich hält. Nur bei der Frage, ob man Menschen eigentlich noch bewusst für Christus gewinnen sollte, wird sie plötzlich vorsichtig.
Das ist m.E. die eigentliche Tragödie hinter Feiges Interview. Manche deutsche Bischöfe vermitteln inzwischen den Eindruck, größere Hemmungen zu haben, einen Atheisten vom katholischen Glauben überzeugen zu wollen, als einen Katholiken davon, eine bestimmte Partei nicht zu wählen. Beim Evangelium warnt man vor dem „Überstülpen“. Im politischen Kampf kennt man solche Berührungsängste deutlich weniger. Für den Kampf gegen die AfD gibt es noch missionarischen Eifer. Für Jesus Christus bleibt die „kulturelle Diakonie“. Wer wissen möchte, warum im Bistum Magdeburg aus 635 Taufen innerhalb von zwanzig Jahren 208 geworden sind, braucht vielleicht tatsächlich keine weitere religionssoziologische Untersuchung. Manchmal genügt ein Interview mit dem zuständigen Bischof.
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