Mega-Studie zu AfD-Wählern: bürgerlich, gut gebildet, migrationskritisch

Eine neue Langzeitstudie mit Daten von fast 32.000 Menschen stellt eine der gängigsten Erklärungen für den Aufstieg der AfD infrage. Nicht geringes Einkommen, schlechte Bildung oder die Angst vor dem sozialen Abstieg sind ausschlaggebend. Der mit Abstand stärkste Zusammenhang besteht mit der Sorge über Migration.

Seit dem Aufstieg der AfD hält sich eine Erklärung besonders hartnäckig. Ihre Wähler seien vor allem die „Abgehängten“ der Gesellschaft: Menschen mit niedrigem Einkommen und geringer Bildung, Arbeiter, Arbeitslose oder Bürger, die mit den Veränderungen einer modernen Gesellschaft wirtschaftlich nicht mehr Schritt halten könnten. Die AfD erscheint in diesem Erklärungsmodell vor allem als Sammelbecken der Modernisierungsverlierer.

Eine neue Untersuchung stellt dieses Bild grundlegend infrage. Die Soziologen Martin Schröder, Moritz Rehm und Anja Röcke von der Universität des Saarlandes haben Daten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) aus den Jahren 2014 bis 2024 ausgewertet. Die Studie erschien am 21. Juli 2026 im Fachjournal PLOS One. In die Untersuchung flossen mehr als 110.000 Einzelbefragungen von knapp 32.000 Personen ein.

Das Geld erklärt erstaunlich wenig

Die Forscher untersuchten zahlreiche Faktoren, mit denen der Erfolg der AfD immer wieder erklärt wird: Einkommen, Bildung, Zufriedenheit mit dem eigenen Einkommen, allgemeine Lebenszufriedenheit, Sorgen um die persönliche finanzielle Situation und Sorgen um die wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands. Das Ergebnis passt schlecht zur Vorstellung vom sozial abgestürzten AfD-Wähler. Sobald die Einstellung zur Migration berücksichtigt wird, besitzen die klassischen sozioökonomischen Faktoren nur noch eine geringe zusätzliche Erklärungskraft.

Die Sorge über Migration erklärt nach den Berechnungen der Wissenschaftler rund 75 Prozent der statistisch erklärbaren Unterschiede bei der Unterstützung der AfD. Betrachtet man die Angabe, bei der vergangenen Wahl tatsächlich AfD gewählt zu haben, entfallen auf diesen Faktor sogar mehr als 90 Prozent dessen, was das Gesamtmodell aus Migrationssorgen und sozioökonomischen Faktoren erklären kann.

Diese Zahl muss korrekt verstanden werden. Sie bedeutet nicht, dass 90 Prozent der AfD-Wähler ausschließlich wegen der Migration ihr Kreuz bei dieser Partei machen. Sie besagt vielmehr, dass von dem Anteil des Wahlverhaltens, den die untersuchten Faktoren statistisch erklären können, der weitaus größte Teil bereits durch die Einstellung zur Migration erfasst wird.

Der arme Nicht-AfD-Wähler und der wohlhabende AfD-Wähler

Besonders anschaulich wird das Ergebnis durch ein statistisches Gedankenexperiment der Forscher. Sie konstruierten zunächst den denkbar typischen „Modernisierungsverlierer“: niedrigste Bildungsgruppe, niedrigste Einkommensgruppe, maximale Unzufriedenheit mit dem eigenen Einkommen und dem Haushaltseinkommen, geringe Lebenszufriedenheit sowie größtmögliche Sorgen um die persönliche finanzielle Situation und die deutsche Wirtschaft. Nur eines fehlt diesem Menschen: Er macht sich keine Sorgen über Migration. Die statistisch errechnete Wahrscheinlichkeit, dass eine solche Person die AfD unterstützt, beträgt lediglich 3,7 Prozent.

Anschließend konstruierten die Wissenschaftler das Gegenbild: einen Menschen aus der höchsten Einkommensgruppe, mit hoher Bildung, hoher Zufriedenheit mit seinem Einkommen und seinem Leben, ohne persönliche finanzielle Sorgen und ohne Angst vor der wirtschaftlichen Entwicklung Deutschlands. Dieser „Modernisierungsgewinner“ macht sich allerdings große Sorgen über Migration. Bei ihm liegt die errechnete Wahrscheinlichkeit einer AfD-Unterstützung bei acht Prozent – und damit mehr als doppelt so hoch wie beim wirtschaftlich und sozial benachteiligten Vergleichsfall.

Genau hier liegt die eigentliche Sprengkraft der Untersuchung. Die Wahrscheinlichkeit einer AfD-Unterstützung steigt nicht automatisch, weil jemand arm, ungebildet oder mit seinem Leben unzufrieden ist. Umgekehrt schützen Wohlstand, Bildung und wirtschaftliche Sicherheit keineswegs davor, sich der AfD zuzuwenden. Entscheidend ist sehr viel stärker, wie jemand die Migrationsentwicklung beurteilt.

Dieselben Menschen über Jahre beobachtet

Die Aussagekraft der Untersuchung liegt auch in der Datengrundlage. Das SOEP ist keine einmalige Meinungsumfrage, bei der jedes Mal andere Menschen angerufen werden. Viele Teilnehmer werden über Jahre hinweg regelmäßig befragt. Dadurch können Veränderungen bei denselben Personen beobachtet werden. Die Wissenschaftler konnten deshalb fragen: Was geschieht, wenn sich bei einem Menschen im Laufe der Jahre die wirtschaftliche Situation oder die Einstellung zur Migration verändert?

Auch hier zeigte sich das gleiche Muster. Nahmen bei derselben Person die Sorgen über Migration deutlich zu, stieg auch die Wahrscheinlichkeit einer AfD-Unterstützung stark. Bei einer Zunahme der Migrationssorgen um eine Standardabweichung verdreifachte sich die Wahrscheinlichkeit einer AfD-Unterstützung nahezu. Bei noch stärkeren Veränderungen errechneten die Forscher einen Anstieg um rund 20 Prozentpunkte.

Vergleichbare Effekte konnten sie für Veränderungen der wirtschaftlichen Situation nicht feststellen. Keine der untersuchten tatsächlichen Veränderungen sozioökonomischer Benachteiligung zeigte einen entsprechenden Zusammenhang mit zunehmender AfD-Unterstützung. Das ist für die Debatte entscheidend. Denn damit wird nicht lediglich festgestellt, dass AfD-Wähler bestimmte Eigenschaften besitzen. Die Daten zeigen vielmehr, dass sich bei denselben Menschen eine zunehmende Sorge über Migration parallel zu einer stärkeren Hinwendung zur AfD entwickelt.

257 weitere Einstellungen auf dem Prüfstand

Die Forscher gingen noch einen Schritt weiter. Um herauszufinden, ob andere Faktoren möglicherweise übersehen worden waren, untersuchten sie zusätzlich 257 im SOEP erhobene Einstellungen und Merkmale. Auch dabei tauchte die Migration immer wieder an der Spitze auf. Besonders eng mit AfD-Unterstützung verbunden waren etwa die Auffassung, Flüchtlinge machten Deutschland zu einem schlechteren Ort zum Leben, eine negative Einschätzung ihres Einflusses auf die Kultur, die Ansicht, Flüchtlinge schadeten der Wirtschaft, sowie die Wahrnehmung von Flüchtlingen als Risiko statt als Chance.

Daneben fanden sich weitere politische und gesellschaftliche Einstellungen: geringere Verbundenheit mit Europa, Ablehnung etablierter Medien, das Gefühl politischer Diskriminierung, ablehnende Einstellungen gegenüber LGBTQ-Themen und auch eine fehlende Corona-Impfung. Die erste Variable, die überhaupt als klassische wirtschaftliche Modernisierungsangst interpretiert werden kann – die Sorge, mit dem technischen Fortschritt nicht mithalten zu können –, erschien erst auf Platz 15. Selbst die Zugehörigkeit zur Arbeiterschaft erhöhte die Erklärungskraft des Modells gegenüber der Kenntnis der Migrationssorgen nur geringfügig.

Die AfD ist keine Partei der gesellschaftlich Gescheiterten

Damit wird eine politische Erzählung fragwürdig, die den Umgang mit AfD-Wählern seit Jahren prägt. Gerade in SPD, Linkspartei und Teilen der Union wurde der Erfolg der AfD häufig als Folge sozialer Unsicherheit interpretiert. Die entsprechende politische Antwort liegt dann nahe: höhere Löhne, mehr Sozialleistungen, stärkere Umverteilung und größere wirtschaftliche Sicherheit sollen den Protestwähler wieder zu den etablierten Parteien zurückführen.

Die Untersuchung von Schröder, Rehm und Röcke spricht dafür, dass diese Rechnung zu einfach ist. Wer AfD-Unterstützung hauptsächlich mit materieller Benachteiligung erklärt, unterschätzt einen politischen Konflikt, den viele dieser Wähler selbst offenbar für zentral halten. Es geht um Migration. Damit soll weder behauptet werden, wirtschaftliche Fragen spielten überhaupt keine Rolle, noch dass jeder migrationskritische Bürger AfD wählt. Ebenso wenig kann eine statistische Untersuchung beweisen, dass allein die Sorge vor Migration einen Menschen kausal zum AfD-Wähler macht. Die Autoren weisen selbst auf die Grenzen solcher Schlussfolgerungen hin. Die Vorstellung jedoch, Millionen Bürger wählten die AfD vor allem deshalb, weil sie arm, schlecht ausgebildet, beruflich gescheitert oder von der wirtschaftlichen Entwicklung zurückgelassen worden seien, lässt sich mit diesen Daten kaum vereinbaren.

Die Migrationsfrage lässt sich nicht wegverteilen

Daraus folgt eine politische Konsequenz, die für die etablierten Parteien unbequem sein dürfte. Wenn die Hinwendung zur AfD wesentlich stärker mit der Bewertung von Migration als mit dem eigenen Kontostand zusammenhängt, kann man das Problem nicht allein sozialpolitisch lösen. Man kann einem Bürger mehr Geld zur Verfügung stellen, seine wirtschaftliche Situation verbessern oder Sozialleistungen erhöhen. Wenn dieser Bürger jedoch davon überzeugt ist, dass die Migrationspolitik die Sicherheit, Kultur oder Zukunft seines Landes negativ verändert, verschwindet diese politische Überzeugung dadurch nicht automatisch.

Genau darin liegt die Bedeutung der neuen Untersuchung. Sie zeichnet den AfD-Wähler nicht als den sozial gescheiterten Außenseiter, als den er über Jahre dargestellt wurde. Er kann arm oder wohlhabend sein, wenig oder gut gebildet, wirtschaftlich unsicher oder mit seiner materiellen Situation zufrieden. Wer verstehen will, weshalb sich Menschen der AfD zuwenden, muss deshalb zunächst ernst nehmen, was diese Menschen selbst seit Jahren zu einem ihrer wichtigsten politischen Themen erklären. Kurzum: Die Migrationsfrage lässt sich nicht wegverteilen.

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David Berger
David Bergerhttps://philosophia-perennis.com/
David Berger (Jg. 1968) war nach Promotion (Dr. phil.) und Habilitation (Dr. theol.) viele Jahre Professor im Vatikan. Zahlreiche Veröffentlichungen zur Philosophie und Theologie des Mittelalters. Seit 2016 Blogger (philosophia-perennis) und freier Journalist (u.a. für die Die Zeit, Junge Freiheit, The European).

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