Untergetaucht: Warum ließ die Justiz die NGO-Fluchtwagenfahrerin von Stade überhaupt frei?

Die Frau, die den mutmaßlichen Sechsfachmörder von Stade nach der Bluttat vom Tatort weggefahren haben soll, ist verschwunden. Dass die Beschuldigte überhaupt wieder auf freien Fuß gesetzt wurde, sorgt nun für massive Kritik an den Ermittlungsbehörden – zumal immer neue Details ihre mögliche Verstrickung in das Geschehen ans Licht bringen.

Mit dem Untertauchen der mutmaßlichen Fluchtwagenfahrerin im Fall der Bluttat von Stade hat der ohnehin spektakuläre Kriminalfall eine neue Wendung genommen. Die 65-Jährige, die den mutmaßlichen Sechsfachmörder unmittelbar nach der Tat mit ihrem Auto vom Tatort weggefahren haben soll, wird inzwischen von den Ermittlungsbehörden gesucht. Dass sie nach ihrer Festnahme zunächst wieder freigelassen wurde, dürfte sich nun als folgenschwere Fehleinschätzung erweisen: „Sylvia S. soll während des Blutbads im Auto gewartet und den mutmaßlichen Täter vom Tatort weggefahren haben, bis die Polizei das Fahrzeug stoppen konnte. Nach Darstellung der „Hamburger Morgenpost“ ist die Frau, die sich als Patentante des Kindes bezeichnete, das mit seiner Mutter in der Jugendhilfeeinrichtung untergebracht war, inzwischen nicht mehr erreichbar, Nachbarn wollen sie seit der Tat nicht mehr gesehen haben.“ (Quelle)

Dabei stand die Frau keineswegs zufällig im Umfeld des Täters. Nach übereinstimmenden Medienberichten handelt es sich um die Patentante seiner Tochter. Sie wartete während der Tat im Fluchtfahrzeug und fuhr den Mann anschließend vom Tatort weg. Erst nachdem Polizeibeamte auf die Reifen des Wagens geschossen hatten, konnte die Flucht beendet werden.

Wusste die „Patentante“ von den Mordplänen?

Wie Tichys Einblick unter Berufung auf weitere Recherchen berichtet, rückt die Rolle der Frau inzwischen immer stärker in den Fokus. Demnach soll sie bereits mehrere Tage vor der Bluttat ein rund zwanzig Seiten umfassendes Dossier an verschiedene Medien verschickt haben. Darin schilderte sie ausführlich den eskalierten Sorgerechtsstreit zwischen dem späteren Tatverdächtigen und seiner früheren Partnerin sowie das Vorgehen von Jugendamt, Gerichten und Ärzten – allerdings ausschließlich aus Sicht des mutmaßlichen Täters und seines Umfeldes.

Diese Vorgeschichte wirft zwangsläufig neue Fragen auf. War die Frau lediglich eine Unterstützerin in einem erbitterten Familienkonflikt? Oder wusste sie möglicherweise mehr über die Pläne des späteren Täters, als bislang bekannt ist? Genau diese Fragen dürften nun Gegenstand der weiteren Ermittlungen sein.

Untergetaucht

Besonders brisant erscheint vor diesem Hintergrund die Entscheidung der Justiz, die Frau nach ihrer Festnahme wieder auf freien Fuß zu setzen. Obwohl sie den mutmaßlichen Täter unmittelbar nach der Tat gefahren haben soll, sahen die Ermittlungsbehörden offenbar zunächst keinen ausreichenden Grund für Untersuchungshaft. Inzwischen hat sich diese Einschätzung offenbar als problematisch erwiesen: Die Beschuldigte ist untergetaucht und steht den Ermittlern derzeit nicht mehr zur Verfügung.

Für zusätzliche politische Aufmerksamkeit sorgen außerdem die familiären und beruflichen Verbindungen der Frau. Sie ist die Schwiegermutter des niedersächsischen SPD-Landesbeauftragten für Migration und Teilhabe, Deniz Kurku. Dieser erklärte, von den Vorgängen nichts gewusst zu haben und seine familiäre Beziehung unmittelbar offengelegt zu haben. Darüber hinaus arbeitete die Frau nach Medienberichten für eine NGO, die sich für binationale Familien und Menschen mit Migrationshintergrund engagiert.

Mit dem Verschwinden der Beschuldigten wächst nun auch der Druck auf Staatsanwaltschaft und Justiz. Warum wurde bei einer Frau, die den mutmaßlichen Sechsfachmörder nach der Tat gefahren haben soll und die offenkundig tief in dessen familiäres Umfeld eingebunden war, keine Fluchtgefahr angenommen? Und welche Konsequenzen hat es nun, dass eine zentrale Beschuldigte den Ermittlern entzogen ist?

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David Berger
David Bergerhttps://philosophia-perennis.com/
David Berger (Jg. 1968) war nach Promotion (Dr. phil.) und Habilitation (Dr. theol.) viele Jahre Professor im Vatikan. 2010 Outing: Es erscheint das zum Bestseller werdende Buch "Der heilige Schein". Anschließend zwei Jahre Chefredakteur eines Gay-Magazins, Rauswurf wegen zu offener Islamkritik. Seit 2016 Blogger (philosophia-perennis) und freier Journalist (u.a. für die Die Zeit, Junge Freiheit, The European).

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