Alois Hundhammer: Portrait eines katholischen Staatsmannes

Ein Gastbeitrag von Dr. Felix Wachter

„Wer die Dummköpfe gegen sich hat, verdient Vertrauen“, lautet ein bekannter Ausspruch von Jean-Paul Sartre. Er lässt sich in hervorragender Weise auf das CSU-Gründungsmitglied Alois Hundhammer anwenden. Zu seinem politischen Leben gehörte Weimar, der Nationalsozialismus und die Bundesrepublik. Nirgendwo passte er ins Bild, überall eckte er an. Hundhammer war eine Persönlichkeit, die sich nicht verbiegen wollte und konnte. Er war zuallererst bayerischer Patriot und glaubenstreuer Katholik. Beides waren die Grundsäulen seines politischen Handelns. Mit diesem konsequenten Festhalten wirkte er immer wie aus der Zeit gefallen und blieb oft unverstanden. Sein Name ist heute fast vollständig vergessen. Dennoch hinterließ Hundhammer ein beachtliches politisches Erbe, das verdient wiederentdeckt zu werden.

Ländliche und katholische Lebenswelt

Hundhammers Weg auf die politische Bühne war keinesfalls vorgezeichnet. Er entstammte einer kinderreichen Bauernfamilie aus Oberbayern. Er wuchs in einer Atmosphäre auf, in der die Verwurzelung in der bayerischen Heimat und der gelebte katholische Glaube etwas vollkommen Natürliches war. Auf dem väterlichen Hof erlernte Hundhammer schon früh Fleiß, Disziplin und ein tiefes Verantwortungsgefühl für die Gemeinschaft.

Man kann sagen, er erhielt hier die charakterliche Stählung und Festigkeit, die er für seinen weiteren Lebensweg brauchte. Zeit seines Lebens war Hundhammer mit dem Bauernstand innig verbunden. Er betrachtete ihn als religiöses und moralisches Fundament, als einen Schutzraum von Tradition und Familie, der die Menschen immun macht gegen moderne Irrlehren wie Nationalsozialismus und Kommunismus.

Hier ein Bericht über die Rede Hundhammers beim ersten Treffen der Katholische Landjugendbewegung 1953 in Altötting:

Ein ungewöhnlicher Lebensweg

Hundhammer hatte eine außergewöhnliche intellektuelle Veranlagung. Anders als vorgesehen, wollte er als Erstgeborener den Hof des Vaters nicht übernehmen. Der Vater respektierte diesen Wunsch, doch die schulische und akademische Ausbildung des ältesten Sohnes verlangte der Familie große Opfer ab. Anfangs überlegte Hundhammer, den Weg des katholischen Priestertums zu gehen, doch schon recht bald entschied er sich für eine politische Laufbahn. Er studierte Philosophie, Geschichte, Staats- und Rechtswissenschaften sowie Volkswirtschaft und schloss diese Studien mit zwei Doktortiteln ab. Durch das intensive Studium wurde das zweite Fundament für Hundhammers politischen Weg gelegt. Später konnte er in der Politik eine Synthese aus „Bauer“ und „Intellektuellem“ bilden, die seinem Wirken ein einzigartiges Profil gab. Hundhammer war Traditionalist, kein Populist. Durch detailreiche Fachkenntnisse und eine geschliffene Ausdrucksweise konnte der ansonsten eher wortkarge Bauernsohn dem Publikum seine traditionellen Standpunkte sehr gut begründen. Er war, nicht zuletzt durch seine umfangreichen akademischen Studien, prinzipienfest aber nicht borniert.

Wider den modernen Totalitarismus

Am Beginn von Hundhammers politischer Laufbahn steht die Weimarer Republik. Ihr stand er äußerst kritisch gegenüber. Für ihn war die Republik letztlich ein revolutionärer und sozialistischer Staat, den er innerlich ablehnte. Die Konditionen des Versailler Vertrags empfand er wie die meisten seiner Zeitgenossen als zutiefst ungerecht. Zudem war Hundhammer als glühendem Föderalisten die Berliner Zentralregierung ein Dorn im Auge. Seiner Überzeugung nach verbreitete die zentralistische Regierung eine moralische Fäulnis über das ganze Land. Er sprach vom „gottlosen Berlin“. Die chaotischen Zustände und sich ausbreitende sittliche Übel wie Abtreibung prangerte er scharf an.

Auch wenn sich Hundhammer gegen den „Weimarer Geist“ wandte, stellte er die neue staatliche Ordnung nie grundsätzlich in Frage. Für ihn war klar, dass offene Rebellion oder Zerschlagung des Staates für einen Christen niemals eine Option sein können. Aus christlicher Sicht kann ein Unrecht nicht durch ein anderes wieder aus der Welt geschafft werden. Seine Idee war es hier, die Gesetze und Strukturen des neuen Staates gründlich zu studieren und sie zu nutzen für eine Veränderung von innen heraus. In diesem Sinn trat Hundhammer der Bayerischen Volkspartei (BVP) bei. Das Programm dieser Partei war für ihn eine ideale Verbindung von gesundem Patriotismus, rechtstaatlichem Denken und Katholischer Soziallehre. Im Alter von 32 Jahren war er der jüngste Landtagsabgeordnete der Partei

Hundhammer lehnte Nationalsozialismus und Kommunismus gleichermaßen ab. Er dachte konsequent in rechtsstaatlichen Kategorien. Eine schlechte Ordnung war ihm immer noch lieber als das Chaos, das Extremisten produzierten. Hundhammer sah die Weimarer Missstände deutlich. Sie waren für ihn aber nur durch viel Geduld und einen langen politischen Atem zu ändern – nicht durch Populismus oder „Hau-Ruck-Aktionen“. Überspitzt gesagt: Was Hundhammer vorschwebte, war der Marsch durch die Institutionen von rechts.

 Ablehnung des Nationalsozialismus aus christlicher Überzeugung

Hundhammers Verhältnis zum Nationalsozialismus verdient indessen besondere Aufmerksamkeit. Schon recht früh kam es zu einem persönlichen Zusammentreffen zwischen ihm und Adolf Hitler, wobei letzterer auf Hundhammer einen absolut negativen Eindruck machte. Seine instinktive Ablehnung gegenüber Hitler war von einer geradezu spirituellen Natur. Im Nachgang bezeichnete er Hitler als einen Mann, der „buchstäblich vom Teufel besessen“ gewesen sei. (Eine Einschätzung, die auch Pius XII. und viele andere Katholiken der damaligen Zeit teilten.)

Hundhammer war sich im Klaren darüber, dass der Nationalsozialismus ein Phänomen war, mit dem man sich auseinandersetzen musste. Er studierte die nationalsozialistische Programmatik sehr gründlich. Seine Einschätzung zur NS-Ideologie bündelte er in folgender Formel: „Was am Nationalsozialismus gut ist, ist nicht neu und was an ihm neu ist, ist nicht gut.“

Im Ganzen betrachtet sah Hundhammer jedoch im Nationalsozialismus eine dem Kommunismus ebenbürtige Gefahr. Das lag vor allem am verborgenen antichristlichen Charakter der Ideologie. Aus Hundhammers Sicht, war es kein Zufall, dass sich der Nationalsozialismus das altheidnische Sonnenrad, das Hakenkreuz zum Symbol seiner Bewegung erwählt hatte. Das Hakenkreuz sollte als Konkurrenzsymbol zum christlichen Kreuz aufgerichtet werden und dieses langfristig verdrängen. Worum es dem Nationalsozialismus also tatsächlich ging, war eine Rückkehr zum antiken Heidentum. Sozialdarwinismus, Selektion von Menschen sollte an die Stelle christlicher Nächstenliebe treten. Vor dieser Gefahr warnte Hundhammer bei einem Vortrag in emotionalen Worten:

„Lasst euch nicht blenden von dem Wortschwall und dem Fanatismus der Hakenkreuzagitatoren. Irrlehrer waren immer Fanatiker. Bei der Beurteilung einer Bewegung kommt es einzig und allein an auf die letzten Ziele derselben. Die letzten Ziele des Nationalsozialismus sind sozialistisch, unitaristisch und kirchenfeindlich.“

Hundhammer lehnte den Nationalsozialismus nicht aus taktischem Kalkül, sondern aus Überzeugung ab. Denn er war nichts weniger als der Versuch, Deutschland von seiner christlich-abendländischen Kulturtradition abzuschneiden. Es wundert nicht, dass die Nationalsozialisten Hundhammer als massiven Gegner betrachteten. Schon bald nach der Machtübernahme war er für einige Zeit im Konzentrationslager inhaftiert. Die NS-Diktatur verbrachte Hundhammer sodann wie in einem Winterschlaf. Durch den Betrieb eines Schuhgeschäfts hielt er seine Familie finanziell über Wasser, zog sich jedoch fast gänzlich aus dem öffentlichen Leben zurück.

Hundhammers zentrale Rolle im Richtungsstreit der CSU

Prof. Heuss, Seebohm, Hundhammer, Kardinal Wendel (c) Landesarchiv Baden-Württemberg, Staatsarchiv Freiburg W 134 Nr. 025303s / Fotograf: Willy Pragher, CC BY 4.0 <https://creativecommons.org/licenses/by/4.0>, via Wikimedia Commons

Nach dem Krieg bot sich die Chance, den Staat wieder auf ein christliches Fundament zu stellen. In diesem Sinn versuchte Hundhammer erneut politischen Einfluss zu nehmen und beteiligte sich an der Gründung der CSU. In der Anfangsphase der Partei standen sich zwei Lager unversöhnlich gegenüber: Auf der einen Seite stand der progressive und wirtschaftsliberale Flügel. Ihm gehörte unter anderem Franz Josef Strauß an. Die andere Seite bestand im sozialkonservativen, „erzkatholischen“ Kreis rund um Alois Hundhammer.

Die wirtschaftsliberale Gruppe war fasziniert vom amerikanischen System und seinen Erfolgen. Sie schrieb sich sozialen Fortschritt und Wirtschaftswachstum auf die Fahnen. Weltanschauliche Auseinandersetzungen waren den Wirtschaftsliberalen lästig. Der traditionell-katholische Flügel ging von einem völlig anderen Standpunkt aus. Hundhammer beschrieb die religiöse Gleichgültigkeit und den Hedonismus des Westens als einen Rausch, der in einer Katastrophe enden wird. Er wollte diese Entwicklung in seiner Heimat stoppen. Darüber hinaus hatte Hundhammer eine starke soziale Ader. Einen reinen „Manchester-Kapitalismus“ lehnte er ab und trat für einen starken Schutz einfacher Arbeiter ein. Sein Flügel legte entsprechend den Fokus auf Religion, Familie, Bildung und Soziales. Kurz gesagt: Dem traditionalistischen Flügel ging es genau um das, was Helmut Kohl später als „geistig-moralische Wende“ bezeichnet hat, um eine Erneuerung aus christlich-abendländischen Geist.

Mitwirkung bei der Bayerischen Verfassung

Heute ist klar, dass das wirtschaftsliberale Lager in dieser Auseinandersetzung den Sieg eindeutig davongetragen hat. Dennoch konnte Hundhammer in den Nachkriegsjahren segensreich wirken. Besonders hervorzuheben ist hier sein Einfluss auf die Bayerische Verfassung. Der Text der Präambel stammt maßgeblich aus seiner Feder.

Die Vorrede spricht von einem Trümmerfeld „zu dem eine Staats- und Gesellschaftsordnung ohne Gott, ohne Gewissen und ohne Achtung vor der Würde des Menschen die Überlebenden des zweiten Weltkrieges geführt hat.“ Sie weist darauf hin, dass sich Bayern seine Verfassung „eingedenk seiner mehr als tausendjährigen Geschichte“ gibt.

Diese Formulierungen zeugen von Hundhammers großem diplomatischem Geschick. Zum einen enthält der Text eine klare Absage an einen atheistischen Staat. Der Freistaat Bayern versteht sich gemäß der Verfassung nicht als Neuschöpfung, sondern stellt sich in das Kontinuum seiner jahrhundertealten Geschichte. In alledem kommen Hundhammers Grundüberzeugungen klar zum Ausdruck.

Auf der anderen Seite enthält die Verfassung nur eine Erwähnung Gottes, keine direkte Anrufung wie im Grundgesetz. Der Text spielt deutlich auf das nationalsozialistische Unrecht an. Hundhammer wollte hierdurch den SPD-Mitgliedern eine Zustimmung zur Verfassung erleichtern. Er war sich bewusst, dass eine Verfassung von breiter Zustimmung getragen sein muss. Alleingänge und Maximalforderungen waren hier nicht am Platz. Hundhammer war kein Betonkopf. Dort wo es moralisch vertretbar war, war er bereit seinen Gegnern entgegen zu kommen und Kompromisse zu schließen – und das sogar in sehr zentralen Fragen.

Ab 1946 bekleidete er das Amt des Kultusministers. Hier gelang es ihm gegen Widerstände der amerikanischen Besatzer und aus den eigenen Reihen, die katholische Bekenntnisschule und das dreigliedrige Schulsystem durchzusetzen. Wie sehr Hundhammer die Schulbildung am Herzen lag, mag Artikel 131 der Bayerischen Verfassung zeigen, an dessen Abfassung er ebenso maßgeblich beteiligt war:

„Die Schulen sollen nicht nur Wissen und Können vermitteln, sondern auch Herz und Charakter bilden. Oberste Bildungsziele sind Ehrfurcht vor Gott, Achtung vor religiöser Überzeugung und vor der Würde des Menschen, Selbstbeherrschung, Verantwortungsgefühl und Verantwortungsfreudigkeit, Hilfsbereitschaft und Aufgeschlossenheit für alles Wahre, Gute und Schöne.“

Hundhammers Bedeutung für die Gegenwart

Trotz einer starken äußeren Autorität und einiger beachtlicher Erfolge blieb Hundhammer innerhalb seiner Partei ein Fremdkörper. Hinter vorgehaltener Hand wurde er nicht für voll genommen. Für seine Warnungen vor Liberalismus und Freimaurerverschwörungen erntete er aus Parteikreisen Hohngelächter. Sein öffentliches Eintreten für die berüchtigte „Pillenenzyklika“ von Paul VI. sorgte für Entsetzen. Man warf ihm parteischädigendes Verhalten vor. Für seine klaren Standpunkte hagelte es oft Kritik und Kopfschütteln. Von linksliberalen Medien wurde er mit Vorliebe durch den Kakao gezogen.

Hundhammers politischer Weg war nicht einfach. Um seinen Überzeugungen treu zu bleiben, musste er immer gegen den Strom schwimmen. Für seine Authentizität und Integrität zollten ihm jedoch auch seine politischen Gegner Respekt. Sogar der Spiegel fand lobende Worte, indem er Hundhammer als den „schwarzen Mann mit der weißen Weste“ bezeichnete. Hundhammers politischer Lebenslauf kann uns als Christen aufzeigen, dass es keine Ausreden gibt: Es ist möglich, als Christ in der Politik den geraden Weg zu gehen – auch wenn dieser mit viel Widerstand und Entbehrungen verbunden ist.

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Zum Autor: Felix Wachter wurde 1987 in Prien am Chiemsee geboren. Er studierte Philosophie mit den Forschungsschwerpunkten Erkenntnistheorie, Religionsphilosophie und Ethik in München. Anschließend erfolgte die Promotion im Bereich politischer Philosophie in Eichstätt. Felix Wachter ist wohnhaft in Ingolstadt und ist für die AfD als Fachreferent und Kommunalpolitiker tätig. Darüber hinaus engagiert er sich im Verein Europa Aeterna für die Verbreitung der christlichen Sozialethik sowie für eine vertiefte Erkenntnis klassisch-abendländischer Politikphilosophie.

Gerade ist sein neues Buch erschienen: Philosophie der Einheit. Die staatsphilosophischen Grundlagen von Platons Nomoi und ihre Aktualität

Platons Nomoi, sein ausführlichstes, in Dialogform verfasstes Werk über die Gesetzgebung und den idealen Staat, steht am Anfang aller abendländischen staatstheoretischen Überlegungen. Bis heute wird um die adäquate Verfasstheit und Zielsetzung eines Staatsgebildes in allen politischen Lagern des modernen Rechtsstaats lebhaft gerungen. Felix Wachter geht in seiner Dissertation in historischen Rückblenden den großen Fragen der Staatstheorie nach, wobei er Platons philosophisch-politische Grundgedanken in einem ideengeschichtlichen Kontext und in ihrer bleibenden Aktualität aufzeigt (Wachter, Felix: Philosophie der Einheit. Die staatsphilosophischen Grundlagen von Platons Nomoi und ihre Aktualität
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David Berger
David Bergerhttps://philosophia-perennis.com/
David Berger (Jg. 1968) war nach Promotion (Dr. phil.) und Habilitation (Dr. theol.) viele Jahre Professor im Vatikan. 2010 Outing: Es erscheint das zum Bestseller werdende Buch "Der heilige Schein". Anschließend zwei Jahre Chefredakteur eines Gay-Magazins, Rauswurf wegen zu offener Islamkritik. Seit 2016 Blogger (philosophia-perennis) und freier Journalist (u.a. für die Die Zeit, Junge Freiheit, The European).

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