Wenn die Frau verschwinden soll: Gertrud von le Fort als Antwort auf die Genderideologie

(David Berger) Die Würde der Frau wird heute nicht mehr nur durch Benachteiligung und Ausbeutung bedroht. Eine neue Ideologie greift tiefer: Sie stellt infrage, ob „Frau“ überhaupt noch eine Wirklichkeit bezeichnet – und löst damit gerade jene geschlechtliche Identität auf, deren Befreiung sie angeblich vollenden will.

Es gehört zu den Paradoxien unserer Zeit: Noch nie wurde so viel von Frauenrechten, Gleichstellung und weiblicher Selbstbestimmung gesprochen – und selten war zugleich so unklar, was eine Frau eigentlich ist. Ministerien, Universitäten und große Unternehmen überschlagen sich mit Gleichstellungsprogrammen, Diversitätskonzepten und immer neuen Sprachregelungen. Zugleich gilt bereits die Feststellung, dass eine Frau ein weiblicher Mensch ist, in bestimmten Milieus als anstößig, rückständig oder gar diskriminierend.

Die Frau soll überall vertreten sein – aber niemand soll mehr verbindlich sagen dürfen, wer eine Frau ist. Damit ist ihre Würde in einer neuen, anthropologisch besonders radikalen Weise bedroht. Frühere Formen der Frauenfeindlichkeit bestritten der Frau Rechte, Bildung oder gesellschaftliche Teilhabe. Die gegenwärtige Ideologie stellt dagegen die Wirklichkeit ihres Frauseins selbst zur Disposition. Sie entrechtet die Frau nicht notwendig durch offenen Ausschluss, sondern bringt sie begrifflich zum Verschwinden.

Gleichberechtigung oder Gleichmacherei?

Zunächst ist eine begriffliche Klärung nötig: Ein allgemeines „Gleichstellungsgesetz“ gibt es in Deutschland unter dieser Bezeichnung nicht. Es existiert das Bundesgleichstellungsgesetz, das die Gleichstellung von Frauen und Männern in der Bundesverwaltung und den Gerichten des Bundes fördern soll. Daneben gibt es entsprechende Landesgesetze sowie das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz. Diese Gesetze sind nicht mit der Genderideologie gleichzusetzen. Frauen vor Benachteiligung zu schützen und ihnen gleiche Rechte zu sichern, ist selbstverständlich richtig.

Das eigentliche Problem beginnt dort, wo aus Gleichberechtigung Gleichartigkeit und schließlich Austauschbarkeit wird. Besonders einschlägig ist deshalb weniger das Bundesgleichstellungsgesetz als das seit dem 1. November 2024 geltende Selbstbestimmungsgesetz. Danach kann der Geschlechtseintrag durch eine persönliche Erklärung gegenüber dem Standesamt geändert werden. Das rechtlich registrierte Geschlecht wird damit von der objektiven geschlechtlichen Wirklichkeit des Körpers abgelöst und wesentlich der subjektiven Identifikation unterstellt.

Was als Befreiung des Individuums dargestellt wird, hat Folgen für alle. Denn wenn Frausein letztlich auf einer Erklärung beruht, verliert die Kategorie „Frau“ ihren objektiven Gehalt. Dann wird es schwierig, Frauen als Frauen besonders zu schützen: in Umkleiden und Schutzräumen, im Strafvollzug, im Sport, in der Medizin oder bei der statistischen Erfassung geschlechtsspezifischer Gewalt. Die Frau wird zunächst zur frei wählbaren Identität und schließlich zur sprachlichen Leerstelle.

Gertrud von le Forts vergessene Warnung

Gerade hier lohnt sich die Wiederentdeckung Gertrud von le Forts. Ihr 1934 erschienenes Werk „Die ewige Frau“ ist kein politisches Manifest und erst recht kein soziologisches Handbuch über die Aufgabenverteilung zwischen den Geschlechtern. Es ist eine katholische Metaphysik des Weiblichen.

Le Fort geht von einer Einsicht aus, die heute beinahe revolutionär klingt: Mann und Frau besitzen die gleiche Würde, ohne deshalb gleichartig zu sein. Die Verschiedenheit der Geschlechter ist für sie weder ein biologischer Unfall noch ein gesellschaftliches Konstrukt, sondern Ausdruck einer sinnvollen Schöpfungsordnung.

Der entscheidende Irrtum einer falsch verstandenen Emanzipation besteht für sie darin, den Mann zum Maßstab der Frau zu machen. Wenn weibliche Befreiung bedeutet, dass die Frau möglichst dieselben Eigenschaften, Lebensentwürfe und Formen der Machtausübung übernehmen soll, die zuvor als männlich galten, wird der Mann gerade nicht entthront. Er bleibt vielmehr das heimliche Ideal, dem die Frau nachgebildet werden soll.

Die Frau gilt dann als erfolgreich, wenn sie funktioniert wie ein Mann: unabhängig, konkurrenzfähig, jederzeit verfügbar, von Schwangerschaft und Mutterschaft möglichst wenig beeinträchtigt. Ihre leibliche Fähigkeit, Leben zu empfangen und hervorzubringen, erscheint nicht mehr als besondere Würde, sondern als berufliches Risiko, medizinisches Problem oder technisch zu überwindender Nachteil.

Le Fort dreht diese Perspektive um. Die Frau besitzt ihre Würde nicht dadurch, dass sie dem Mann ähnlicher wird. Sie besitzt sie in ihrer eigenen, unverwechselbaren Weise des Menschseins.

Die Würde des Empfangens

Das Schlüsselwort ihres Frauenbildes lautet Empfänglichkeit. Für moderne Ohren klingt dies zunächst nach Passivität und Unterordnung. Bei le Fort bedeutet Empfangen jedoch keineswegs Untätigkeit. Es bezeichnet die Fähigkeit, sich einer Wirklichkeit zu öffnen, sie aufzunehmen, zu bewahren und fruchtbar werden zu lassen. Darin sieht sie zugleich eine Grundwahrheit des Menschen überhaupt. Kein Mensch erschafft sich selbst. Er empfängt sein Leben, seinen Leib und seine Geschlechtlichkeit. Er empfängt Liebe, Sprache, Herkunft und Gemeinschaft. In theologischer Hinsicht empfängt er schließlich auch die Gnade und Erlösung von Gott.

Die Frau macht diese geschöpfliche Wahrheit in besonderer Weise sichtbar. Ihr Leib erinnert daran, dass Leben nicht hergestellt, bestellt oder zum Eigentum erklärt werden kann, sondern empfangen wird. Das Weibliche erhält bei le Fort deshalb eine Bedeutung, die über jede einzelne Frau hinausreicht: Es wird zum Zeichen der Schöpfung und der Kirche, die sich dem Wort Gottes öffnet und durch diese Öffnung fruchtbar wird. Ihre berühmte Formulierung lautet:

„Hingabe an Gott ist die einzige absolute Macht, welche das Geschöpf besitzt.“

Diese Hingabe ist nicht mit Unterwerfung unter menschliche Willkür zu verwechseln. Sie setzt Freiheit voraus. Nur ein freier Mensch kann sich verschenken. Wer dagegen über den Körper eines anderen verfügt, ihn benutzt oder vermarktet, zerstört gerade jene Freiheit, die echte Hingabe erst möglich macht.

Maria: Magd und Königin

Das vollkommenste Bild weiblicher Würde erkennt le Fort in Maria: „Kein Bild bezeugt den Zauber der christlich-abendländischen Kulturwelt tiefer und inniger als das jungfräulich-mütterliche Antlitz der Frau, wie es sich im Marienbild darstellt.“ Bei ihr fallen Demut und Erhöhung, Empfangen und Wirken, Gehorsam und Freiheit zusammen. Ihr Satz bringt dieses scheinbare Paradox auf den Punkt: „Nur die Magd des Herrn ist die Königin des Himmels.“

Maria wird nicht trotz ihres „Fiat“ zur Königin erhoben, sondern durch ihre freie Zustimmung zum Willen Gottes. Ihr „Mir geschehe nach deinem Wort“ ist keine Selbstaufgabe, sondern die höchste Verwirklichung geschöpflicher Freiheit. Damit widerspricht le Fort einem modernen Freiheitsbegriff, nach dem der Mensch umso freier sei, je weniger er sich durch Natur, Leib, Herkunft und Bindungen bestimmen lasse. Für sie besteht Freiheit nicht in der Loslösung von der Wirklichkeit, sondern in ihrer verantwortlichen Annahme. Der Mensch findet sich nicht, indem er sich selbst erfindet, sondern indem er seine Berufung erkennt und bejaht.

Gerade deshalb ist ihr Denken ein Gegenentwurf zur Vorstellung, geschlechtliche Identität entstehe erst durch individuelle Selbstdefinition. Der Leib ist für le Fort kein gleichgültiges Material, das einem inneren Ich gegenübersteht. Er gehört zur Person und trägt eine Bedeutung, die der Mensch nicht beliebig produziert.

Von der Befreiung zur Abschaffung der Frau

Die ältere Frauenbewegung kämpfte dafür, dass Frauen nicht wegen ihres Geschlechts von Bildung, Beruf und politischer Mitwirkung ausgeschlossen werden. Dieses Anliegen setzte voraus, dass Frauen als erkennbare menschliche Wirklichkeit existieren.

Die gegenwärtige Genderideologie vollzieht dagegen eine eigentümliche Umkehr. Einerseits fordert sie Quoten, Förderprogramme und besondere Schutzrechte für Frauen. Andererseits behandelt sie das Geschlecht als veränderbare Identitätsangabe. Damit entzieht sie den Frauenrechten ihren eigenen Gegenstand. Denn wenn grundsätzlich jeder durch Erklärung zur Frau werden kann, lässt sich die besondere Schutzbedürftigkeit von Frauen nicht mehr widerspruchsfrei mit ihrem Frausein begründen. Wo die körperliche Wirklichkeit keine verbindliche Bedeutung mehr besitzt, werden auch Schwangerschaft, Geburt und Mutterschaft von der Frau ablösbar. Aus der Mutter wird eine geschlechtsneutral gedachte „gebärende Person“, aus dem Stillen wird „Brustfütterung“ und aus der Frau ein Bündel einzelner Körperfunktionen.

Dies ist keine sprachliche Nebensächlichkeit. Sprache bildet Wirklichkeit nicht nur ab; sie prägt auch, was wahrgenommen und geschützt wird. Wer die Mutter aus der Sprache entfernt, wird auf Dauer auch ihre besondere Leistung und Schutzbedürftigkeit schwerer benennen können. Die Frau wird scheinbar überall einbezogen und gerade dadurch unsichtbar gemacht.

Leihmutterschaft: Der weibliche Leib als Dienstleistung

Besonders deutlich zeigt sich die Krise weiblicher Würde bei der Leihmutterschaft. Wie sich in den letzten Tagen allgemein bei uns herumgesprochen hat: In Deutschland ist die Herbeiführung einer sogenannten Ersatzmutterschaft gegenwärtig verboten. Das Embryonenschutzgesetz untersagt entsprechende fortpflanzungsmedizinische Maßnahmen; auch die Vermittlung von Ersatzmüttern ist verboten. International besteht jedoch längst ein lukrativer Markt, und auch in Deutschland wird immer wieder über eine Lockerung diskutiert. Zumal seitdem der sich gerne als katholischer Politiker gebende Jens Spahn (CDU) sich mit seinem Partner zusammen ein Kind aus den USA auf diese Weise hat zukommen lassen. Sein nun erfolgter Rücktritt vom Vorsitz der Bundestagsfraktion wird freilich inzwischen von bekannten Juristen wie Prof. Ralf Höcker als Startschuss für eine Entwicklung gesehen, in der die Leihmutterschaft auch in Deutschland legalisiert wird. Kurz nach dem Rücktritt schrieb Höcker: „Respekt an Jens Spahn. Der Rücktritt ist ein Befreiungsschlag. Jetzt kann er sich um seine Familie kümmern. Vielleicht wächst sie ja noch. Ich wünsche es ihm und seinem Mann sehr. Und wenn Leihmutterschaft irgendwann in Deutschland möglich ist, ist das Ganze sowieso kein Thema mehr.“

Die beschönigende Sprache vom erfüllten „Kinderwunsch“ und  dem Familienglück verdeckt dabei, was tatsächlich geschieht. Eine Frau stellt ihren Körper für eine Schwangerschaft zur Verfügung; das Kind wird aufgrund einer vorherigen Vereinbarung nach der Geburt abgegeben. Schwangerschaft und Mutterschaft werden in einzelne Leistungen zerlegt: Eizellspende, Befruchtung, Austragung, Geburt und rechtliche Elternschaft können verschiedenen Personen zugeordnet werden. Der weibliche Leib erscheint damit als mietbare Produktionsstätte. Aus dem Kind, das als Geschenk empfangen werden müsste, droht ein bestellbares Gut zu werden. Der Wunsch Erwachsener erhält Vorrang vor der leiblichen Beziehung zwischen Mutter und Kind.

Gertrud von le Fort würde darin vermutlich nicht nur eine Verletzung der Frau, sondern eine Perversion der Mutterschaft erkennen. Denn Mutterschaft bedeutet für sie gerade nicht, eine biologische Dienstleistung zu erbringen. Sie bezeichnet eine personale Beziehung: empfangen, tragen, gebären, schützen und begleiten. Le Fort betont sinngemäß, dass es kein Recht der Frau auf ein Kind geben könne, wohl aber ein Recht des Kindes auf die Mutter. Dieser Gedanke durchbricht die gesamte Marktlogik moderner Reproduktionsmedizin. Ein Kind ist kein Mittel zur Selbstverwirklichung Erwachsener. Und eine Frau ist kein Instrument zur Erfüllung fremder Lebenspläne.

Mutterschaft als Störung

Die Abwertung der Mutterschaft beginnt jedoch nicht erst bei der Leihmutterschaft. Sie zeigt sich bereits dort, wo Schwangerschaft und Kindererziehung fast ausschließlich als Hindernisse beruflicher Selbstverwirklichung erscheinen. Die Frau soll zwar Kinder bekommen, dabei aber möglichst ohne Unterbrechung ökonomisch produktiv bleiben. Betreuung wird ausgelagert, Familienarbeit statistisch entwertet und Mutterschaft unter den Rechtfertigungsdruck der Karrieregesellschaft gestellt.

Auch hier bleibt das männlich geprägte Erwerbsmodell der heimliche Maßstab. Als emanzipiert gilt die Frau, wenn Schwangerschaft, Geburt und Kindererziehung in ihrem beruflichen Lebenslauf kaum Spuren hinterlassen. Le Fort würde darin keine Befreiung sehen. Eine Gesellschaft, die Mütter nur dann anerkennt, wenn sie möglichst wenig als Mütter in Erscheinung treten, achtet nicht die Frau, sondern ihre ökonomische Verwertbarkeit.

Damit ist keineswegs gesagt, eine Frau gehöre ausschließlich ins Haus oder dürfe keinen Beruf ausüben. Le Forts Denken lässt sich nicht auf eine bürgerliche Rollenverteilung reduzieren. Ihre Frage liegt tiefer: Muss sich die Frau einem gesellschaftlichen System anpassen, das Fürsorge, Treue, Empfänglichkeit und Selbsthingabe geringer bewertet als Konkurrenz, Mobilität, Macht und Einkommen? Oder müsste nicht vielmehr die Gesellschaft menschlicher werden, indem sie das mütterliche Prinzip wiederentdeckt?

Mütterlichkeit reicht über die biologische Mutterschaft hinaus

Le Fort identifiziert Weiblichkeit nicht einfach mit dem Gebären von Kindern. Nicht jede Frau ist biologische Mutter, doch jede Frau kann nach ihrer Auffassung an einer geistigen Mütterlichkeit teilhaben. Diese zeigt sich in der Fähigkeit, das Schwache wahrzunehmen, Leben zu schützen, Verwundete aufzunehmen und dem Heranwachsenden Raum zu geben.

Mütterlichkeit ist bei ihr deshalb keine private Gefühlsangelegenheit, sondern eine kulturelle Kraft. Wo sie verschwindet, wird die Gesellschaft kalt, technisch und abstrakt. Der einzelne Mensch zählt dann nur noch als Produzent, Konsument, Funktionsträger oder Träger politisch definierter Identitätsmerkmale. Die Frau erinnert demgegenüber an das konkrete Leben. Ihre Berufung fasst le Fort mit einem Wort zusammen, das sie aus Sophokles’ „Antigone“ übernimmt:

„Nicht mitzuhassen, mitzulieben bin ich da.“

Dies ist keine Aufforderung zu sentimentaler Schwäche. Wer dem Hass die Liebe, der Gewalt den Schutz und der Verzweckung die unverfügbare Person entgegenstellt, leistet Widerstand gegen die Logik der Macht.

Der neue Zugriff auf den weiblichen Körper

Die moderne Gesellschaft behauptet, den Körper der Frau befreit zu haben. Tatsächlich hat sie ihn in bislang unbekanntem Maße verfügbar gemacht. Er wird sexualisiert, vermarktet, pornographisch ausgestellt, hormonell reguliert und reproduktionsmedizinisch verwertet. Die Frau soll jederzeit begehrenswert, beruflich einsetzbar und von den natürlichen Folgen der Sexualität möglichst unabhängig sein.

Selbst ihre Fruchtbarkeit wird nicht mehr selbstverständlich als Ausdruck ihres Frauseins begriffen. Sie erscheint als eine Funktion, die ausgeschaltet, aufgeschoben, konserviert oder Dritten zur Verfügung gestellt werden kann. Der angebliche Triumph der Selbstbestimmung endet so nicht selten in einer neuen Fremdbestimmung durch Märkte, Schönheitsindustrie, Pornographie, Reproduktionsmedizin und ökonomische Zwänge. Die Frau darf scheinbar alles – solange ihr Körper verfügbar bleibt.

Gertrud von le Fort setzt dieser Verfügbarkeit die Heiligkeit des Empfangens entgegen. Wo Leben empfangen wird, kann es nicht vollständig geplant und beherrscht werden. Wo der Mensch sich als Geschöpf versteht, kann der Leib nicht zum beliebig formbaren Rohstoff werden.

Ein notwendiger Gegenentwurf

Man muss nicht jede zeitbedingte Formulierung Gertrud von le Forts übernehmen. Manche ihrer Gegenüberstellungen von männlichem und weiblichem Wesen wirken heute typisierend. Sie wollte jedoch keine empirische Beschreibung jeder einzelnen Frau und erst recht keinen Katalog erlaubter Berufe liefern. Ihr Thema war die metaphysische Bedeutung des Weiblichen. Gerade deshalb ist sie für die Gegenwart so wichtig. Sie führt aus der falschen Alternative heraus, Frauen entweder einer überkommenen gesellschaftlichen Enge zu unterwerfen oder ihre Besonderheit vollständig aufzulösen.

Die Frau ist bei le Fort weder ein minderwertiger Mann noch eine frei wählbare Identität. Sie ist eine Person gleicher Würde, deren leiblich-geistige Eigenart eine eigene Bedeutung besitzt. Ihre Fähigkeit zur Empfänglichkeit ist keine Schwäche, ihre Mütterlichkeit keine gesellschaftliche Belastung, ihre Hingabe keine Rechtlosigkeit und ihr Leib kein Material fremder Wünsche. Die wirkliche Befreiung der Frau kann deshalb nicht darin bestehen, sie von ihrem Frausein zu befreien. Sie muss darin bestehen, ihre Würde gerade als Frau anzuerkennen und zu schützen.

Eine Gesellschaft, die nicht mehr zu sagen wagt, was eine Frau ist, wird auch nicht dauerhaft erklären können, warum Frauen besonderer Rechte und Schutzräume bedürfen. Eine Kultur, die Mutterschaft technisch zerlegt und kommerziell verfügbar macht, verliert den Sinn dafür, dass menschliches Leben Geschenk und nicht Produkt ist. Und eine Politik, die Gleichheit mit Austauschbarkeit verwechselt, zerstört am Ende jene Verschiedenheit, die sie angeblich wertschätzt.

Gertrud von le Fort erinnert uns daran, dass die höchste Würde nicht in grenzenloser Selbsterschaffung liegt, sondern in der freien Annahme der geschöpflichen Wirklichkeit. Ihr Gegenbild zur wurzellosen Selbstdefinition ist Maria: Jungfrau, Braut und Mutter, Magd und Königin zugleich. Vielleicht liegt gerade darin die Provokation, die unsere Zeit am dringendsten benötigt: Die Frau muss nicht neu erfunden werden. Sie muss wieder gesehen werden.

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David Berger
David Bergerhttps://philosophia-perennis.com/
David Berger (Jg. 1968) war nach Promotion (Dr. phil.) und Habilitation (Dr. theol.) viele Jahre Professor im Vatikan. Zahlreiche Veröffentlichungen zur Philosophie und Theologie des Mittelalters. Seit 2016 Blogger (philosophia-perennis) und freier Journalist (u.a. für die Die Zeit, Junge Freiheit, The European).

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