Wer traut sich?

Skandal! Skandal! Skandal! Der Kabarettist Uwe Steimle hat auf offener AfD-Bühne die DDR-Hymne „Auferstanden aus Ruinen“ gesungen! Was, wie Steimle im Kontrafunk sagte, als Aufruf zur Einheit Deutschlands gedacht war, lässt „UnsereDemokratie“ toben. Umso mehr, da augenscheinlich auch die beiden AfD-Granden Tino Chrupalla und Ulrich Siegmund in den Gesang einstimmten. Gastbeitrag von Parviz Amoghli.

Der Entrüstungssturm folgte den altbekannten Mustern mit den immergleichen Empörungsformeln der moralisch besser gestellten Kreise: von der angeblichen Verharmlosung der DDR-Diktatur über die Selbstentlarvung der AfD als verfassungsfeindliche Partei bis hin zur Verbotsforderung. Es braucht keine große politische Prophetie, um vorherzusagen, dass „UnsereDemokratie“ damit bei den Wählern, vor allem im Osten, nicht verfangen wird – im Gegenteil.

So gesehen, könnte man die Angelegenheit als Erfolg für die AfD zu den Akten legen und sich der nächsten Sau zuwenden, die durchs Sommerloch getrieben wird. Trotzdem wollen wir noch kurz bei der Sache verbleiben. Denn es gibt da ein fast vergessenes Detail in der Entstehungsgeschichte des Hymnen-Textes, das nicht unerwähnt bleiben soll. Zumal es weit über diesen lächerlichen Hymnenstreit hinausreicht.

Worum geht es? Getextet hat „Auferstanden aus Ruinen“ der Schriftsteller und spätere Kulturminister der DDR, Johannes R. Becher. Er war überzeugter Sozialist und zugleich deutscher Patriot, der sich kurz nach dem Krieg noch ein vereintes Deutschland erhoffte. Ausdruck dafür sind einerseits Formulierungen wie „Deutschland, einig Vaterland“, andererseits – und darum geht es! – verfasste er die Verse so, dass sie metrisch nicht nur auf Hanns Eislers Melodie, sondern auch auf Haydns Komposition vom Deutschlandlied passen.

Wer es ausprobiert, wird feststellen: es ist problemlos möglich, „Auferstanden aus Ruinen“ und „Einigkeit und Recht und Freiheit“ miteinander in Einklang zu bringen – zumindest gesanglich. Zugleich dürfen wir aber nicht vergessen, dass es auch umgekehrt funktioniert, sich der Text von Hoffmann von Fallersleben also in die Musik von Hanns Eisler einpasst. Daraus ergibt sich eine interessante Dialektik. Die beiden Hymnen durchdringen einander, und bilden eine Art akustische BRDDR. Somit eignet sich, die Verschmelzung der beiden Stücke weitaus besser, die komplexe Gemengelage zwischen West- und Ostdeutschland zu erfassen, als das starre Narrativ von der Konfrontation zweier Systeme in Gestalt ihrer Repräsentationslieder.

Eine solche Darbietung erfordert allerdings Mut. „UnsereDemokratie“ reagiert erfahrungsgemäß mit energischem Widerstand auf alles, was ihre klaren Feindbilder durcheinanderbringt. Dennoch würde es lohnen.

Also – wer traut sich?

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Parviz Amoghli wurde 1971 in Teheran/Iran geboren. 1974 Übersiedelung der Familie in die Bundesrepublik. Abitur, Wehrdienst, Studium der Geschichte und Germanistik in Köln, Tübingen und Wien. 2009 Preisträger beim Literaturwettbewerb „Schreiben zwischen den Kulturen“ der Edition Exil, Wien; 2010 Dramatikerstipendium des Bundesministeriums für Unterricht, Kunst und Kultur (BMUKK) der Republik Österreich; Veröffentlichungen in diversen Anthologien und Zeitschriften, Autorenstamm „TUMULT – Vierteljahreszeitschrift für Konsensstörung“. 2016 erschien von ihm das Langessay „Schaum der Zeit – Ernst Jüngers Waldgang heute“ in der Schriftenreihe ERTRÄGE der Bibliothek des Konservatismus. 2017 verfasste er mit gemeinsam mit Markus Gertken zur Bundestagswahl 2017 das Drehbuch für das Filmprojekt des „Bundes der katholischen Jugend (BDKJ)“ in der Region München „Mut zum Kreuz – Ergreif Partei“. Letzte Buchveröffentlichung gemeinsam mit Alexander Meschnig: „SIEGEN – oder vom Verlust der Selbstbehauptung“, Band 5 der Werkreihe TUMULT, 2018.

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PP-Redaktion
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