(David Berger) Die klassischen politischen Lagerbegriffe verlieren zunehmend ihre Aussagekraft, nachdem „rechts“ über Jahre hinweg zum politischen Kampfbegriff geworden ist. Der eigentliche Gegensatz unserer Zeit verläuft tiefer: zwischen einem christlich-metaphysischen Menschenbild, das von einer gegebenen menschlichen Natur ausgeht, und einem materialistischen Menschenbild, das den Menschen als formbares Produkt gesellschaftlicher Verhältnisse versteht. Dieser Konflikt prägt die Debatten über Familie, Migration, Gender, Religion und letztlich die Zukunft unserer Zivilisation.
Die im Titel gestellte Frage scheint auf den ersten Blick einfach zu sein. Tatsächlich ist sie heute schwerer zu beantworten als noch vor wenigen Jahrzehnten. Das liegt nicht zuletzt daran, dass der Begriff „rechts“ im öffentlichen Diskurs nahezu beliebig geworden ist. Spätestens seit Angela Merkel den „Kampf gegen rechts“ zu einem zentralen politischen Projekt erhob, wurde das Wort zu einer Art politischem Universalvorwurf. Wer Masseneinwanderung kritisiert, die Familie verteidigt, nationale Interessen betont oder auf christliche Traditionen verweist, läuft Gefahr, als „rechts“ etikettiert zu werden. Der Begriff hat dadurch einen großen Teil seiner analytischen Schärfe verloren.
Wenn man dennoch sinnvoll von rechts und links sprechen will, sollte man deshalb weniger auf die weitgehend gleichgeschaltete Medienlandschaft, Parteien oder Wahlprogramme blicken als auf die ihnen zugrunde liegenden Menschenbilder. Der Publizist Marco Gallina hat dafür eine bemerkenswerte Formel vorgeschlagen: Die eigentliche Trennlinie zwischen rechts und links lässt sich heute am besten zwischen einem metaphysischen und einem materialistischen Verständnis des Menschen markieren.
Die Rechte geht – wie zuvor die gesamte philosophia perennis davon aus, dass der Mensch eine Natur besitzt. Die vom dialektischen Materialismus geprägte Linke betrachtet ihn vor allem als Produkt seiner Verhältnisse. Damit berühren wir die eigentliche Grundfrage aller Politik: Was ist der Mensch?
Denn hinter nahezu allen Konflikten unserer Zeit – über Migration, Familie, Geschlechteridentität, Religion, Bildung oder Nation – stehen unterschiedliche Antworten auf diese Frage. Politik ist niemals bloß die Verwaltung von Interessen. Sie beruht immer auf bestimmten Vorstellungen darüber, was den Menschen ausmacht, welche Grenzen ihm gesetzt sind und welche Ordnung seinem Wesen entspricht.
Das rechte Menschenbild: Der Mensch hat eine Natur
Das rechte Menschenbild beginnt mit einer Einsicht, die heute fast revolutionär wirkt: Der Mensch erschafft sich nicht selbst. Er findet sich vielmehr in einer Wirklichkeit vor, die ihm vorausliegt. Er wird als Mann oder Frau geboren, als Mitglied einer Familie, einer Kultur, einer geschichtlichen Gemeinschaft. Seine Freiheit besteht deshalb nicht darin, alle Bindungen abzuschütteln, sondern darin, verantwortlich mit ihnen umzugehen.
Diese Sichtweise prägt die gesamte Tradition der philosophia perennis von Aristoteles über Thomas von Aquin bis hin zu Edmund Burke und zur katholischen Soziallehre. Sie geht davon aus, dass es objektive Wahrheiten über den Menschen gibt, die nicht durch Mehrheiten, Ideologien oder individuelle Wünsche aufgehoben werden können.
Papst Johannes Paul II. formulierte diesen Gedanken in seiner Enzyklika Veritatis Splendor mit bemerkenswerter Klarheit: „Die Freiheit erschafft nicht die Werte, sondern entdeckt sie und erkennt sie an.“
Der Mensch steht also nicht am Ursprung der Wahrheit. Er findet Wahrheit vor. Aus dieser Sicht sind Familie, Ehe, Religion, Nation oder kulturelle Traditionen keine beliebigen Konstruktionen. Sie sind Antworten auf die Wirklichkeit menschlicher Existenz. Das rechte Menschenbild betrachtet Tradition deshalb nicht als Last, sondern als die verdichtete Erfahrung vieler Generationen.
Zugleich weiß es um die Ambivalenz des Menschen. Es kennt seine Fähigkeit zum Guten, aber ebenso seine auch erbsündlich bedingte Neigung zu Irrtum, Selbstüberschätzung und moralischem Versagen. Gerade deshalb begegnet es politischen Heilslehren mit Skepsis. Es misstraut allen Versuchen, durch gesellschaftliche Großexperimente einen „neuen Menschen“ schaffen zu wollen. Denn die Geschichte lehrt, dass der Mensch zwar verbessert werden kann, aber niemals vollkommen wird. Jede politische Bewegung, die dies vergisst, gerät früher oder später in Versuchung, ihre Utopie gegen die Wirklichkeit durchzusetzen.
Das linke Menschenbild: Der Mensch ist vor allem Produkt seiner Verhältnisse
Das linke Menschenbild setzt an einem anderen Punkt an. Es ist durch und durch vom Elend des seit dem 19. Jahrhundert fröhlich Urständ feiernden philosophischen Materialismus abhängig. Nicht mehr die Frage nach dem Wesen des Menschen steht im Mittelpunkt, sondern die Frage nach seinen Lebensbedingungen. Der Mensch erscheint vor allem als Ergebnis sozialer, ökonomischer und kultureller Einflüsse.
Seine klassische Formulierung fand dieses Denken bei Karl Marx. Dessen historischer Materialismus betrachtet Bewusstsein, Moral und Kultur letztlich als Folge materieller Verhältnisse. Ungleichheiten sind nicht von „Natur“ ausgegeben, sondern erscheinen primär als Ergebnis gesellschaftlicher Strukturen. Verändert man Eigentumsverhältnisse, Bildungschancen oder Machtstrukturen, so die Grundannahme, verändert sich auch der Mensch.
Die geistigen Wurzeln dieses Denkens reichen allerdings noch weiter zurück als bis zu Marx. Bereits Jean-Jacques Rousseau formulierte in seinem 1762 erschienenen Erziehungsroman Émile oder Über die Erziehung eine Vorstellung vom Menschen, die bis heute große Teile des links-liberalen Denkens prägt. Ihre Grundannahme lautet vereinfacht: Der Mensch ist von Natur aus gut; erst die Gesellschaft verdirbt ihn. Das Böse liegt demnach nicht im Menschen selbst, sondern in den äußeren Verhältnissen.
Diese Sichtweise wirkt auf den ersten Blick human und optimistisch. Tatsächlich enthält sie jedoch eine folgenschwere anthropologische Verkürzung. Denn wer den Menschen grundsätzlich für gut hält, wird die Ursachen von Gewalt, Ungerechtigkeit oder moralischem Versagen stets außerhalb des Menschen suchen: in gesellschaftlichen Strukturen, Machtverhältnissen, kulturellen Prägungen oder wirtschaftlichen Bedingungen. Die Verantwortung des einzelnen Menschen tritt dabei zunehmend in den Hintergrund.
Karl Marx radikalisierte diese Denkfigur später durch seine Lehre von „Basis und Überbau“. Nach seiner Auffassung bestimmen die ökonomischen Verhältnisse als gesellschaftliche Basis letztlich Bewusstsein, Moral, Religion und Kultur. Was Menschen denken, glauben und für wahr halten, erscheint damit weitgehend als Produkt ihrer materiellen Lebensbedingungen. Die Hoffnung lag folglich darin, durch die Veränderung der Produktionsverhältnisse auch den Menschen selbst zu verändern.
Die Geschichte des 20. Jahrhunderts hat diese Hoffnung jedoch in jedem praktischen Experiment widerlegt. Dennoch besitzt die zugrunde liegende Idee eine erstaunliche Widerstandskraft. Wo sozialistische Systeme scheiterten, lautet die Antwort bis heute häufig, es habe sich eben nicht um den „richtigen Sozialismus“ gehandelt. Seit den Studentenrevolten der sechziger Jahre richtet sich der Protest daher immer wieder gegen das vermeintliche „System“, das als eigentliche Quelle aller Missstände gilt. Die alte Sehnsucht Rousseaus lebt fort: die Vorstellung eines ursprünglich guten Menschen, der nur durch falsche gesellschaftliche Verhältnisse verdorben worden sei. Seit mehr als zweihundertfünfzig Jahren versucht man daher, das System zu verändern, um den Menschen zu erlösen – und träumt vom verlorenen Paradies eines unschuldigen Naturzustandes.
Niemand wird bestreiten, dass soziale Umstände den Menschen prägen. Problematisch wird diese Sicht jedoch dort, wo sie den Primat der unveränderlichen menschliche Natur aus dem Blick verliert oder sogar leugnet. Denn wenn Familie, Geschlecht, Nation, Religion oder Moral lediglich historische Konstruktionen sind, dann gibt es keinen prinzipiellen Grund mehr, warum sie nicht beliebig verändert werden sollten. Aus der richtigen Erkenntnis, dass der Mensch beeinflusst wird, entsteht dann die Überzeugung, der Mensch sei vollständig formbar.
Hier liegt die eigentliche Schwäche des linken Menschenbildes. Es neigt dazu, die Wirklichkeit des Menschen einer höchst volatilen, unter die Würde des Menschen verfehlenden Idee vom Menschen unterzuordnen. Was den politischen Zielen widerspricht, wird nicht mehr als Ausdruck menschlicher Natur verstanden, sondern als Folge falscher gesellschaftlicher Verhältnisse. Auf diese Weise entsteht eine permanente Versuchung zur sozialen und kulturellen Umerziehung sowie ein Relativismus, der am Ende in den alles zerstörenden Nihilismus münden muss.
Vom Marxismus zur Gender-Ideologie
Die Geschichte der Moderne liefert zahlreiche Beispiele für diese Denkweise. Der Marxismus wollte durch die Veränderung der Eigentumsverhältnisse einen neuen sozialistischen Menschen hervorbringen. Wo man ihm den Himmel auf Erden versprach, schuf man eine Hölle. Die Kulturrevolutionen der sechziger Jahre versuchten dasselbe durch die Befreiung von traditionellen Normen, Autoritäten und Institutionen.
Heute zeigt sich dieselbe Logik der Gender- und Queer-Ideologie. Dort werden selbst biologische Tatsachen als soziale Konstruktionen interpretiert. Die Frage lautet nicht mehr, was der Mensch ist, sondern was er sein möchte bzw. realistischer gesagt, was die alles beherrschende „Gesellschaft“ möchte, dass er ist.
Das Geschlecht wird von der biologischen Wirklichkeit gelöst und zu einem Akt individueller Selbstdefinition erklärt. Dass diese angebliche Selbstfindung an Kinder und Jugendlichen von verantwortungslosen und geldgierigen Psychologen und Ärzten dominiert wird, haben Skandale wie die um die britische Tavistock-Klinik zeigend das auf erschütternde Weise. auf Was über Jahrtausende hinweg als anthropologische Selbstverständlichkeit galt, erscheint plötzlich als bloße kulturelle Zuschreibung.
Die gemeinsame Voraussetzung all dieser Ansätze besteht in der Überzeugung, dass die menschliche Natur entweder bedeutungslos oder unbegrenzt veränderbares Material sei. Die Queer- und Gender-Ideologie stellt deshalb keinen Betriebsunfall des linken Denkens dar. Sie ist vielmehr dessen konsequente Weiterentwicklung. Was einst mit der Dekonstruktion von Eigentum und gesellschaftlichen Hierarchien begann, endet bei der Dekonstruktion des Menschen selbst. Diese Tatsache, macht auch die scharfe Kritik der linken Politikerin Sahra Wagenknecht an dem, was sie selbst häufig als „Identitätspolitik“, „Wokeness“ oder „Gender-Ideologie“ bezeichnet, unglaubwürdig bzw. widersprüchlich.
Die christliche Anthropologie als Fundament
Genau an diesem Punkt wird deutlich, warum die christliche Anthropologie dem rechten Menschenbild nähersteht als dem linken. Die Kirche lehrt, dass der Mensch Geschöpf Gottes ist und eine unveräußerliche Würde besitzt. Diese Würde beruht nicht auf Leistung, Herkunft, Hautfarbe oder gesellschaftlicher Anerkennung, sondern auf seiner Gottesebenbildlichkeit.
Der Mensch ist weder bloßes Produkt seiner Umwelt noch von Natur aus vollkommen gut. Das Christentum kennt die Realität der Erbsünde ebenso wie die Größe der menschlichen Berufung. Papst Pius XII. warnte daher vor Ideologien, die ihre Hoffnung ausschließlich auf gesellschaftliche Veränderungen setzen. Berühmt wurde seine Feststellung: „Die größte Sünde des Jahrhunderts ist der Verlust des Sündenbewusstseins.“
Hinter diesem Satz steht eine tiefe anthropologische Einsicht. Wer die Gebrochenheit des Menschen vergisst, wird früher oder später versuchen, politische Erlösungsmodelle an die Stelle der Religion zu setzen. Die großen Ideologien der Moderne haben genau dies getan. Sie versprachen eine neue Gesellschaft, einen neuen Menschen und schließlich eine neue Welt. Was sie hervorbrachten, waren oft Unterdrückung, Gewalt und Enttäuschung. Der kolumbianische Philosoph Nicolás Gómez Dávila hat diesen Zusammenhang in einem seiner berühmten Aphorismen auf den Punkt gebracht: „Der moderne Mensch glaubt nicht, dass er gefallen ist; deshalb glaubt er, dass er sich retten kann.“
Vielleicht wurde die Krise der Moderne niemals präziser beschrieben als in diesem einen Satz. Wo die Vorstellung des gefallenen Menschen verschwindet, entsteht fast zwangsläufig die Illusion, der Mensch könne sich durch Politik, Wissenschaft oder Technik selbst erlösen. Dass einige katholische Bischöfe in ihrem Appeasement-Wahn gegenüber einer linksgrünen Politik sich dem bizarren „Kampf gegen rechts“ angeschlossen haben und nicht mehr gegen das Böse, sondern gegen die AfD kämpfen, zeigt wie weit sie sich vom katholischen Denken zugunsten der Gleichschaltung ihres Kirchensteuervereins entfernt haben.
Vom linken Menschenbild zum Transhumanismus
Die langfristige Konsequenz dieses Denkens zeigt sich heute nirgendwo deutlicher als im Transhumanismus. Der Transhumanismus geht davon aus, dass der Mensch seine biologischen Grenzen durch Technologie überwinden könne. Genetische Manipulationen, künstliche Intelligenz, Neuroimplantate oder biotechnologische Optimierungen sollen ihn leistungsfähiger, intelligenter und letztlich besser machen.
Auf den ersten Blick scheint dies wenig mit Marx oder den klassischen linken Theorien zu tun zu haben. Tatsächlich verbindet beide jedoch dieselbe anthropologische Grundannahme: Der Mensch besitzt keine feste Natur, sondern ist ein Projekt. Der Weg vom historischen Materialismus zum Transhumanismus ist daher kürzer, als es zunächst erscheint. In beiden Fällen wird der Mensch nicht als Wesen verstanden, das eine vorgegebene Natur besitzt, sondern als Material für Veränderung.
Die Mittel haben sich geändert. Die Idee ist dieselbe geblieben. War das Ziel früher die Schaffung des „neuen sozialistischen Menschen“, so tritt heute die Vision eines technologisch optimierten Menschen an seine Stelle. Die politische Utopie hat ihre Sprache gewechselt und spricht nun den Dialekt der Technik. Genau darin liegt ihre Gefahr. Denn wer den Menschen nur noch als gestaltbares Material betrachtet, verliert den Blick für seine Würde und seine Grenzen. Aus dem Geschöpf wird ein Produkt. Aus der Person wird ein Projekt. Aus der Annahme der menschlichen Natur wird ihre permanente Überarbeitung. Der Transhumanismus erscheint deshalb nicht als Gegenentwurf zum linken Menschenbild, sondern als dessen konsequenteste Vollendung.
Der eigentliche Kulturkampf unserer Zeit
Viele der heutigen Konflikte über Migration, Familie, Geschlechteridentität, Nation, Religion oder Bildung sind letztlich Ausdruck dieses tieferen Gegensatzes.
Das rechte Menschenbild fragt zuerst nach Wahrheit, Natur, Verantwortung und gewachsener Ordnung.
Das linke Menschenbild fragt zuerst nach Gleichheit, Befreiung, Veränderung und gesellschaftlichen Bedingungen.
Gewiss enthalten beide Perspektiven Teilwahrheiten. Niemand bestreitet, dass soziale Verhältnisse den Menschen beeinflussen. Doch nur das metaphysische Menschenbild bewahrt die Einsicht, dass Freiheit ohne Wahrheit, Gleichheit ohne Natur und Fortschritt ohne Maßstab am Ende ihre eigene Grundlage zerstören. Wo die Vorstellung einer objektiven menschlichen Natur verloren geht, gibt es auch keine Grundlage objektiver Moral mehr, keine die Rechte jedes Menschen wahrendes und schützendes Naturrecht mehr. Wahrheit wird durch „Wahrheitssysteme“ (so beim CDU-Politiker Michael Kretschmer) bzw. Perspektiven ersetzt, Natur durch Konstruktion und Wirklichkeit durch subjektive Selbstdefinition.
Die Folge ist ein Relativismus, der keinen festen Maßstab mehr kennt und in seiner radikalsten Form in Nihilismus umschlägt. Der eigentliche Kulturkampf unserer Zeit verläuft deshalb nicht zwischen Parteien oder Wahlprogrammen. Er verläuft zwischen zwei konkurrierenden Vorstellungen vom Menschen. Zwischen der Überzeugung, dass der Mensch eine von Gott gegebene Natur besitzt, und der Vorstellung, dass er sich selbst immer wieder neu erschaffen, sich den „Himmel auf Erden“ erschaffen kann. Und er sei an Karl Popper erinnert: „Der Versuch, den Himmel auf Erden einzurichten, erzeugt stets die Hölle.“
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