(David Berger) Man muss dem neuen CDU-Spitzenkandidaten für die Berlinwahl, Stefan Evers zugutehalten: Mut hat er. Oder soll man besser sagen: Tollkühnheit bzw. (der jüdische Ausdruck sei mir in Berlin verziehen) Chuzpe. Denn es braucht schon eine gewisse Unerschrockenheit, um sich in einem regenbogenfarbenen T-Shirt mit der Aufschrift „Liebe ist halal“ fotografieren zu lassen. Während junge Muslime in Berlin von ihren Eltern unter dem Ruf „Allahu akbar“ mit Benzin übergossen und angezündet werden sollen.
Die Ironie besteht allerdings darin, dass ausgerechnet jene Weltregionen, in denen Homosexualität bis heute am härtesten verfolgt wird, überwiegend islamisch geprägt sind. In zahlreichen Staaten wird Homosexualität strafrechtlich verfolgt, in einigen droht sogar die Todesstrafe. Wer sich dort mit einer Regenbogenfahne auf den Marktplatz stellt, erhält in der Regel keinen Fototermin mit Politikern, sondern landet im Gefängnis – oder Schlimmeres.
Gut gemeint ist oft das Gegenteil von gut
Zunächst: bei aller berechtigten Kritik gehört allerdings auch die Fairness dazu, auf den Kontext hinzuweisen. Die ganz rechts im Bild stehende Seyran Ateş zählt zu den wenigen muslimischen Persönlichkeiten in Deutschland, die die Probleme innerhalb vieler islamischer Milieus – insbesondere den Antisemitismus, die Frauenunterdrückung und die weit verbreitete Homophobie – seit Jahren offen ansprechen. Dafür zahlt sie einen hohen persönlichen Preis: Wegen zahlreicher Morddrohungen steht sie dauerhaft unter Polizeischutz.
Ateş gründete die Ibn-Rushd-Goethe-Moschee in Berlin, die als eine der wenigen liberalen Moscheegemeinden weltweit gilt, die aber kaum mehr in Erscheinung tritt. Dort predigt sie als erste weibliche Imam Deutschlands und setzt sich für einen reformorientierten Islam ein. Auch mit ihrer Kampagne „Liebe ist halal“ wollte sie vor allem auf die massive Ablehnung homosexueller Menschen in vielen muslimischen Gemeinden aufmerksam machen und eine Debatte innerhalb des Islam anstoßen.
Ob dieses Reformprojekt Aussicht auf Erfolg hat, darf man durchaus bezweifeln. Das von Seyran Ateş vertretene Islamverständnis steht in wesentlichen Punkten im Widerspruch zur traditionellen Lehre des Islam und dürfte daher innerhalb der muslimischen Welt alles andere mehrheitsfähig werden. Unabhängig davon verdient sie als Mensch Respekt für ihren persönlichen Mut und ihren ernsthaften Versuch, Missstände innerhalb ihrer eigenen Religionsgemeinschaft nicht zu verschweigen, sondern ihnen entgegenzutreten.
Aber gut gemeint ist eben nicht selten das Gegenteil von gut. Das ganze Konzept einer „liberalen Moschee“ dient – ähnlich dem viel genutzten Spruch „Islam heißt Frieden“ – eher dazu, das Problem der Islamisierung zu bagatellisieren. Zumal wenn sich ein Politiker jener Partei, die durch ihre verfehlte Migrationspolitik der Islamisierung unseres Landes Tür und Tor geöffnet hat, hier engagiert zeigen möchte.
Natürlich kann man sich für homosexuelle Muslime einsetzen. Das verdient Respekt. Aber gerade deshalb wirkt dieses T-Shirt so merkwürdig. Denn das eigentliche Problem besteht nicht darin, dass Homosexualität im Islam zu wenig bunt vermarktet wird. Das Problem besteht darin, dass sie in weiten Teilen der islamischen Welt religiös und rechtlich bis heute massiv unterdrückt wird. Vielleicht hätte man statt „Liebe ist halal“ ehrlicherweise auf das T-Shirt schreiben sollen: „Liebe sollte halal sein.“
„Er verspottet uns!“
Das wäre nämlich keine PR-Kampagne im Sinne eines toxischen Islam-Appeasements gewesen, sondern eine politische Forderung an diejenigen islamischen Staaten, in denen Menschen wegen ihrer sexuellen Orientierung verfolgt, nicht selten an Baukränen aufgehängt oder von Hochhausdächern geworfen werden. Ein homosexueller Bekannter, der aus Syrien vor dem IS geflohen ist, zu mir über die Kampagne: „Er verspottet uns!“
Doch dieser Protest wäre unbequem geworden. Er hätte sich nicht gegen das übliche westliche Publikum und seine Sorge vor der islamischen „Kultur des Todes“ gerichtet, sondern gegen Regierungen und religiöse Autoritäten, die Homosexualität tatsächlich kriminalisieren. Es wäre ein klares Statement für einen grundgesetzlichen bis christlichen Umgang mit Homosexuellen geworden statt eine Werbung für die Islamisierung seiner Stadt, unter der mit an erster Stelle neben Juden, Frauen und Transsexuellen homosexuelle Männer zu leiden haben. Das verlangt mehr Mut als ein Gruppenfoto in Berlin.
So bleibt vor allem ein Bild zurück, das unfreiwillig symbolisch wirkt: Ein Berliner CDU-Spitzenpolitiker, der nun Regierender Bürgermeister dieser Stad werden möchte, lächelt unter dem Schriftzug „Liebe ist halal“ in die Kameras, während in zahlreichen islamisch geprägten Ländern Menschen wegen eben dieser Liebe im Gefängnis sitzen – oder ihr Leben verlieren. Und gleichzeitig in seiner Stadt junge Muslime von ihren Verwandten im besten Fall zwangsverheiratet oder – wie tatsächlich geschehen – unter dem Ruf „Allahu akbar“ mit Benzin übergossen und angezündet werden sollen.
Manchmal ist ungeschickte Symbolpolitik. die alleine auf den Zuspruch der linken Blase und ihrer Medien schielt, eben nicht nur bunt, sondern auch so wirklichkeitsfern, dass sie die Opfer am Ende verrät.
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