„Nicht mehr zu verteidigen“ – Houellebecq rechnet mit der Kultur des Todes ab

(David Berger) Der französische Bestsellerautor Michel Houellebecq gehört seit Jahren zu den schärfsten Kritikern der geistigen Selbstzerstörung des Westens. In einem neuen Interview mit dem italienischen Magazin „il timone“ legt er nun mit bemerkenswerter Klarheit nach – und nennt die Legalisierung von Euthanasie und assistiertem Suizid eine rote Linie, hinter der eine Zivilisation ihren moralischen Anspruch verliert.

Es gibt nur wenige zeitgenössische Schriftsteller, deren kulturkritische Diagnosen so häufig ins Schwarze treffen wie jene des französischen Romanciers Michel Houellebecq. Obwohl er selbst kein praktizierender Katholik ist, formuliert er immer wieder Einsichten über den geistigen Zustand Europas, die vielen Christen aus dem Herzen sprechen dürften.

In einem jetzt veröffentlichten Interview mit dem italienischen Magazin Il Timone richtet Houellebecq seine Kritik gegen die zunehmende Legalisierung von Euthanasie und assistiertem Suizid. Seine Worte fallen ungewöhnlich scharf aus: „Eine westliche Gesellschaft, die den assistierten Tod legalisiert, ist nicht mehr zu verteidigen.“ Mit diesem Satz bringt der Autor seine Überzeugung auf den Punkt: Eine Kultur, die ihren schwächsten Mitgliedern den Tod als Lösung anbietet, hat ihren moralischen Kompass verloren.

Perversion der Worte

Besonders empört zeigt sich Houellebecq über die sprachlichen Verschleierungen, mit denen die Sterbehilfe politisch verkauft werde: „Es gibt eine Perversion der Worte. Wenn von einem ‚Gesetz der Brüderlichkeit‘ oder von ‚Mitgefühl‘ gesprochen wird, um das Töten zu rechtfertigen, dann ist das eine Verdrehung der Begriffe.“ Mitgefühl bedeute eben gerade nicht, einem Menschen den Tod zu bringen. Die Umdeutung elementarer Begriffe sei für ihn Ausdruck einer tiefen kulturellen Krise.

Ebenso entschieden widerspricht Houellebecq dem heute häufig verwendeten Argument, ein Mensch könne seine Würde verlieren: „Ich hatte immer verstanden, dass die Würde gerade deshalb Würde heißt, weil sie untrennbar mit dem Menschsein verbunden ist.“ Die Vorstellung, ein kranker oder alter Mensch verliere seine Würde und müsse deshalb sterben dürfen, verkehre den Begriff in sein Gegenteil. Würde sei keine Eigenschaft körperlicher Leistungsfähigkeit, sondern komme jedem Menschen allein aufgrund seines Menschseins zu.

Ablehnung der Euthanasie ist keine speziell katholische Position

Bemerkenswert ist, dass Houellebecq seine Ablehnung ausdrücklich nicht auf religiöse Argumente beschränkt. Er verweist vielmehr auf den hippokratischen Eid: „Der Hippokratische Eid ist vollkommen eindeutig. Hippokrates war nahezu ein Zeitgenosse Platons und keineswegs Christ. Die Ablehnung der Euthanasie ist keine speziell katholische Position.“ Damit erinnert der Schriftsteller daran, dass das ärztliche Ethos seit mehr als zwei Jahrtausenden auf Heilung und Lebensschutz ausgerichtet ist – lange bevor das Christentum Europa prägte.

Besonders eindringlich schildert Houellebecq den Widerspruch, in den Ärzte – vor allem Psychiater – geraten würden: „Ein großer Teil ihrer Arbeit besteht darin, Menschen vom Selbstmord abzuhalten. Wenn ein Patient sagt: ‚Ich möchte sterben‘, und der Arzt antwortet: ‚Ja, das ist eine gute Idee, ich kenne jemanden, der Ihnen dabei hilft‘, dann ist das nicht mehr der Beruf, den wir unter einem Psychiater verstehen.“
Für Houellebecq offenbart sich hier die Absurdität einer Gesetzgebung, die Suizidprävention und organisierte Selbsttötung gleichzeitig fördern möchte.

Es geht um das Menschenbild einer ganzen Kultur

Dass ausgerechnet Michel Houellebecq diese Position vertritt, macht seine Aussagen besonders bemerkenswert. Er spricht nicht als kirchlicher Moraltheologe, sondern als einer der bekanntesten europäischen Schriftsteller der Gegenwart, der den geistigen Niedergang des Westens seit Jahrzehnten literarisch begleitet. Seine Warnung richtet sich letztlich nicht nur gegen ein einzelnes Gesetz. Sie betrifft das Menschenbild einer ganzen Kultur. Wo das Töten zur medizinischen Dienstleistung werde und Barmherzigkeit mit Lebensbeendigung verwechselt werde, verliere der Westen einen Teil seiner eigenen zivilisatorischen Grundlage.

Vor diesem Hintergrund wirken Houellebecqs Worte wie eine Mahnung an ein Europa, das sich immer häufiger von den Grundlagen entfernt, auf denen seine Humanität einst ruhte. Seine Diagnose ist drastisch, aber zutreffend: Eine Zivilisation, die den assistierten Tod normalisiert, stellt sich selbst komplett in Frage.

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David Berger
David Bergerhttps://philosophia-perennis.com/
David Berger (Jg. 1968) war nach Promotion (Dr. phil.) und Habilitation (Dr. theol.) viele Jahre Professor im Vatikan. 2010 Outing: Es erscheint das zum Bestseller werdende Buch "Der heilige Schein". Anschließend zwei Jahre Chefredakteur eines Gay-Magazins, Rauswurf wegen zu offener Islamkritik. Seit 2016 Blogger (philosophia-perennis) und freier Journalist (u.a. für die Die Zeit, Junge Freiheit, The European).

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