Wenn Pornos den Glauben zerstören: Eine unbequeme Debatte

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(David Berger) Tausende Christen berichten in sozialen Netzwerken, dass Pornographie ihr Gebetsleben, ihre Beziehungen und ihren Glauben beschädigt hat. Sind das nur Einzelfälle – oder haben Kritiker wie E. Michael Jones, Milo Yiannopoulos und selbst die jüngsten Päpste eine Entwicklung erkannt, die unsere Kultur tiefgreifender verändert hat, als viele wahrhaben wollen?

Anlass für diesen Artikel sind eigene Erfahrungen, Beobachtungen aus den sozialen Netzwerken und auch zahlreiche persönliche Gespräche mit Menschen, die mit mir über ihre Porno-Sucht und deren negative Zusammenhänge mit ihrem christlichen Glauben gesprochen haben.

Auf Reddit, YouTube, X, Instagram und in christlichen Foren finden sich tausende Berichte von Christen, die schildern, wie Pornographie ihr Gebetsleben, ihre Ehe, ihre Beichte oder ihren Glauben beeinträchtigt habe. In christlichen Subreddits wie „TrueChristian“ oder „Christianity“ tauchen solche Berichte nahezu täglich auf. Typische Formulierungen lauten: „Ich fühle mich zwischen meinem Glauben und meiner Pornosucht gefangen.“ oder „Pornographie hat eine Mauer zwischen Gott und mich gestellt.“

Ist Pornographie lediglich ein Geschäft, das menschliche Begierden bedient, vielleicht sogar eine eigene Kunstgattung wie vor einigen eine Monographie von Kevin Clarke („Porn from Andy Warhol to X-Tube“, Berlin 2011) in den Raum stellte? Oder steckt hinter ihrer gesellschaftlichen Verbreitung mehr als bloßer Kommerz? Diese Frage wird seit Jahrzehnten kontrovers diskutiert. Besonders deutlich haben sich hierzu der katholische Publizist E. Michael Jones und in jüngerer Zeit auch Milo Yiannopoulos geäußert.

Obwohl beide aus unterschiedlichen Biographien stammen, gelangen sie in einem Punkt zu ähnlichen Schlussfolgerungen: Die sexuelle Revolution habe nicht zur Befreiung des Menschen geführt, sondern zur Schwächung von Familie, Religion und moralischer Selbstbeherrschung.

E. Michael Jones: Pornographie als Instrument gesellschaftlicher Kontrolle

Am systematischsten hat der amerikanische Autor E. Michael Jones seine Sichtweise in seinem Hauptwerk „Libido Dominandi – Sexual Liberation and Political Control“ entwickelt. Bereits der Titel enthält die zentrale These: Was als sexuelle Befreiung verkauft werde, führe in Wirklichkeit nicht zu größerer Freiheit, sondern zu neuen Formen der Abhängigkeit und Kontrolle. Jones knüpft dabei an den Kirchenvater Augustinus an, von dem der Begriff „libido dominandi“ – die Herrschsucht – stammt.

Jones vertritt die Auffassung, dass die sexuelle Revolution seit der Aufklärung schrittweise traditionelle moralische Ordnungen zerstört habe. An die Stelle christlicher Tugenden seien Konsum, Begierde und Manipulierbarkeit getreten. Das Ziel sei nicht in erster Linie sexuelle Freiheit gewesen, sondern politische und kulturelle Steuerbarkeit.

Besonders bekannt wurde seine Formulierung: „Pornography is the propaganda arm of the sexual revolution: Pornographie ist der Propagandaarm der sexuellen Revolution.“ Nach Jones dient Pornographie nicht bloß der Unterhaltung. Sie normalisiere bestimmte Verhaltensweisen, löse traditionelle Bindungen auf und untergrabe die christliche Vorstellung von Ehe, Familie und Keuschheit.

In seinem Werk beschreibt Jones die sexuelle Revolution ausdrücklich als eine Entwicklung, die den Menschen nicht befreie, sondern ihn seinen Leidenschaften ausliefere. Wer seine Leidenschaften verliere, werde aber leichter beherrschbar.

Milo Yiannopoulos: Die sexuelle Revolution als persönlicher Irrweg

Während Jones seine Thesen historisch und philosophisch entwickelt, argumentiert Milo Yiannopoulos zunehmend aus persönlicher Erfahrung. Der frühere Breitbart-Star und einstige Provokateur der amerikanischen Rechten bezeichnet sich heute als katholischen Christen und blickt kritisch auf seine frühere Rolle im Kulturkampf zurück. In einem Interview mit Tucker Carlson erklärte Yiannopoulos Ende 2025 sogar: „Mainstreaming homosexuality in the Republican Party is the great regret of my life: Die Normalisierung der Homosexualität in der Republikanischen Partei ist die größte Reue meines Lebens.“ Er fügte hinzu, dass christlicher Glaube und Therapie ihm geholfen hätten, sich von einem Lebensstil zu lösen, den er heute als zerstörerisch betrachte.

Milo argumentiert inzwischen regelmäßig, die sexuelle Revolution habe den Menschen nicht glücklicher gemacht. Statt dauerhafter Beziehungen seien Einsamkeit, Bindungslosigkeit und Identitätskrisen entstanden. Pornographie betrachtet er als Teil dieser Entwicklung. Zwar behauptet Milo nicht, die Pornoindustrie sei ursprünglich gegründet worden, um das Christentum zu zerstören. Seine Position lautet vielmehr, dass Pornographie faktisch dieselbe Wirkung entfalte: Sie untergrabe Tugend, Familie und religiöse Bindungen.

Trotz aller Unterschiede stimmen Jones und Yiannopoulos in einem entscheidenden Punkt überein: Beide weisen die Vorstellung zurück, sexuelle Freizügigkeit führe automatisch zu mehr Freiheit. Jones sieht in Pornographie ein Instrument kultureller Umgestaltung und sozialer Kontrolle. Milo betrachtet sie vor allem als Symptom einer Kultur, die den Menschen von dauerhaften Bindungen und religiösen Wahrheiten entfremdet hat.

„Die Tür, durch die der Teufel eintritt“

Bemerkenswert ist, dass die Einschätzungen von Jones und Yiannopoulos in wesentlichen Punkten mit dem übereinstimmen, was die jüngeren Päpste über Pornographie und die sexuelle Revolution gesagt haben. Dabei handelt es sich für diese keineswegs nur um eine randständige moralische Frage, sondern um einen zentralen Aspekt ihres Menschenbildes.

Johannes Paul II. hat zwar selten direkt über die moderne Pornoindustrie gesprochen, doch seine gesamte „Theologie des Leibes“ stellt eine fundamentale Kritik an der pornographischen Sicht des Menschen dar. Berühmt wurde seine Aussage, das Problem der Pornographie bestehe nicht darin, dass sie zu viel vom Menschen zeige, sondern dass sie zu wenig zeige. Gemeint war: Der Mensch wird – typisch für das linke, materialistische Menschenbild – auf seinen Körper und seine sexuelle Funktion reduziert, während seine Würde als Person ausgeblendet wird. Bereits in seinem Werk „Liebe und Verantwortung“ formulierte der spätere Papst den Grundsatz, dass die Person niemals bloß Gegenstand des Gebrauchs sein dürfe. Genau darin sah er das Wesen pornographischer Darstellungen.

Auch Benedikt XVI. analysierte die Problematik weniger moralistisch als vielmehr anthropologisch. In seiner Enzyklika „Deus Caritas Est“ warnte er vor einer Kultur, in der der Eros zur Ware werde, die man kaufen und verkaufen könne. Die Trennung von Sexualität, Liebe und Verantwortung führe nach seiner Überzeugung nicht zu mehr Freiheit, sondern zu einer Entleerung menschlicher Beziehungen. Viele seiner Überlegungen wirken heute angesichts der milliardenschweren Pornoindustrie geradezu prophetisch.

Am deutlichsten sprach Papst Franziskus über das Thema. Vor Seminaristen und Priestern erklärte er 2022 unmissverständlich: „Die Pornographie ist ein Laster, das so viele Menschen betrifft, auch Priester und Ordensleute.“ Zugleich warnte er davor, dass „der Teufel durch diese Tür eintritt“, und forderte dazu auf, pornographische Inhalte konsequent vom Smartphone und aus dem eigenen Leben zu verbannen. Franziskus erkannte damit etwas, das auch in den sozialen Netzwerken immer wieder sichtbar wird: Pornographie ist längst kein Randphänomen mehr, sondern eine geistliche und menschliche Herausforderung von enormem Ausmaß.

Ob Johannes Paul II., Benedikt XVI. oder Franziskus – trotz unterschiedlicher Akzente kommen sie letztlich zu einer gemeinsamen Diagnose: Pornographie macht den Menschen alles andere als freier. Sie fördert eine Kultur der Objektivierung, schwächt die Fähigkeit zur echten Liebe und gefährdet die Würde der menschlichen Person. Gerade die zahlreichen Zeugnisse von Christen, die heute öffentlich über die zerstörerischen Folgen ihres Pornokonsums berichten, lassen diese Warnungen der Päpste in einem bemerkenswert aktuellen Licht erscheinen.

Die Psychologie entdeckt, was die Kirche seit langem lehrt

Noch bemerkenswerter ist vielleicht, dass die Warnungen der Päpste heute zunehmend auch von Psychologen, Psychiatern und Neurowissenschaftlern aufgegriffen werden, die keineswegs aus einem katholischen oder überhaupt religiösen Umfeld stammen. Während kirchliche Kritiker der Pornographie lange Zeit als moralische Mahner belächelt wurden, weisen inzwischen zahlreiche Forscher auf ähnliche Probleme hin – allerdings in der Sprache der Psychologie und Hirnforschung.

Der bekannte Stanford-Psychologe Philip Zimbardo etwa beschrieb in seinen Arbeiten über die Krise junger Männer, wie exzessiver Pornokonsum und virtuelle Ersatzwelten reale Beziehungen verdrängen können. Der kanadische Psychiater Norman Doidge schilderte in seinem Bestseller „The Brain That Changes Itself“ Fälle, in denen intensiver Pornokonsum die Wahrnehmung von Sexualität und die Fähigkeit zu echten Bindungen veränderte. Der Psychologe Jordan Peterson kritisiert Pornographie regelmäßig als eine Form der Bedürfnisbefriedigung ohne Verantwortung und warnt davor, dass sie langfristig die Bereitschaft zu stabilen Beziehungen und persönlicher Reifung untergraben könne.

Selbst dort, wo die Schlussfolgerungen unterschiedlich ausfallen, sind die beschriebenen Symptome oft erstaunlich ähnlich: Vereinsamung, Bindungsunfähigkeit, Verlust von Selbstkontrolle, emotionale Abstumpfung, Konzentrationsprobleme und eine zunehmende Entfremdung von der Wirklichkeit. Was Johannes Paul II. als Reduktion des Menschen auf ein Objekt der Begierde beschrieb, erscheint hier in psychologischer Terminologie als Verlust von Beziehungsfähigkeit und personaler Tiefe.

Natürlich bedeutet dies nicht, dass alle Psychologen die moralische Bewertung der Kirche teilen würden. Doch es ist auffällig, dass Vertreter so unterschiedlicher Disziplinen und Weltanschauungen bei der Diagnose vielfach zu ähnlichen Beobachtungen gelangen. Die Kirche war mit ihren Warnungen vor der Pornographie möglicherweise nicht deshalb ihrer Zeit voraus, weil sie über besondere soziologische Kenntnisse verfügte, sondern weil ihr perennierendes Menschenbild bestimmte Entwicklungen früh sichtbar machte, die heute immer mehr Menschen am eigenen Leben erfahren.

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