(David Berger) Ausgerechnet kurz vor dem Berliner Christopher Street Day wird bekannt, dass eine vom Senat in Auftrag gegebene Studie über Antisemitismus in der queeren Szene bereits seit mehr als einem halben Jahr fertig vorliegt – der Öffentlichkeit aber bisher vorenthalten wird. Warum?
Dass es auch in Teilen der queeren Szene ein massives Antisemitismusproblem gibt, ist spätestens seit dem Terrorüberfall der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 kein Geheimnis mehr. Immer wieder kam es auf queeren Demonstrationen zu israelfeindlichen Parolen, jüdische LGBT-Aktivisten berichteten von Ausgrenzung und Einschüchterung, und zahlreiche Organisationen warfen Teilen der Szene vor, den Terror der Hamas zu relativieren oder offen zu unterstützen.
Umso bemerkenswerter ist eine Studie, die der Berliner Senat bereits vor geraumer Zeit in Auftrag gegeben hatte. Ihr Titel spricht für sich: „Umfang, Verbreitung und Relevanz von Antisemitismus in queeren Szenen in Berlin“. Verfasst wurde sie von dem Berliner Publizisten Stefan Lauer im Auftrag des Antisemitismusbeauftragten des Landes Berlin, das Honorar betrug 10.000 Euro.
Studie längst fertig – Öffentlichkeit musste warten
Bereits Anfang des Jahres erklärte der Berliner Senat, die Expertise liege vor beziehungsweise sei abgeschlossen. Dennoch blieb sie mehr als ein halbes Jahr der breiten Öffentlichkeit praktisch verborgen. Tatsächlich wurde die für das erste Quartal angekündigte Studie nicht öffentlich publiziert, sondern lediglich an die Bibliothek des Abgeordnetenhauses übergeben. Sie war online nicht verfügbar. Über Suchmaschinen ist nun versteckt ein PDF mit den Ergebnissen auffindbar.
Die Studie kommt zu dem Schluss, dass Antisemitismus in Teilen der Berliner queeren Szene kein Randphänomen, sondern ein strukturelles und seit dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023 deutlich verschärftes Problem ist. Sie dokumentiert, dass jüdische und israelische Queers auf Veranstaltungen unter erheblichen Loyalitätsdruck geraten, ausgegrenzt, bedroht oder zum Schweigen gebracht werden, während antizionistische Positionen vielfach als soziale Norm gelten. Besonders alarmierend ist der Befund, dass sich Teile der queeren Demonstrations-, Veranstaltungs- und Clubszene zu Austragungsorten von Israelfeindschaft, BDS-Kampagnen und teilweise sogar der Relativierung oder Verherrlichung des Hamas-Terrors entwickelt haben. Als besonders einflussreich hebt das Dossier den „Internationalist Queer Pride“ hervor, der aufgrund seiner Reichweite und politischen Ausrichtung möglicherweise die größte BDS-Veranstaltung Deutschlands darstelle.
Da muss man sich doch fragen: Warum veröffentlichte der Berliner Senat eine Studie zu einem gesellschaftlich hochbrisanten Thema nicht unmittelbar nach ihrer Fertigstellung? Weshalb müssen Journalisten, Wissenschaftler und interessierte Bürger monatelang auf den Text warten? Eine Frage, die sich unmittelbar vor dem Berliner Christopher Street Day in Berlin besonders dringend stellt, da auf dem Event erneut queer-antiisraelische und queere pro-palästinensische Gruppen eine unübersehbare Rolle spielen dürften? Liegt das vielleicht auch an dem Queerbeauftragten Wegners, Alfonso Pantisano, der sich ausgerechnet zum Jahrestag des Überfalls der Hamas auf Israel auf Facebook mit dem Palästinenser-Kopftuch zeigte?
Eine unbequeme Wahrheit?
Natürlich wäre es unseriös, dem Senat ohne Belege eine bewusste Unterdrückung der Studie zu unterstellen. Ebenso unseriös wäre es jedoch, die zeitliche Abfolge nicht kritisch zu hinterfragen. Denn die Untersuchung behandelt ausgerechnet ein Thema, das in vielen politischen und medialen Debatten äußerst sensibel ist: Antisemitismus nicht am rechten Rand, sondern innerhalb eines Milieus, das gemeinhin als progressiv, diskriminierungssensibel und weltoffen gilt. Gerade deshalb hätte maximale Transparenz nahegelegen. Stattdessen entstand der Eindruck, dass die Ergebnisse möglichst geräuschlos veröffentlicht werden sollten.
Die Aktualität der Studie könnte größer kaum sein. In den vergangenen Monaten kam es immer wieder zu Spannungen zwischen jüdischen und pro-palästinensischen Gruppen innerhalb der queeren Szene. Zahlreiche jüdische Homosexuelle beklagen, dass sie sich auf queeren Veranstaltungen inzwischen unsicher fühlen oder mit israelfeindlichen Parolen konfrontiert werden, ja manchmal sogar aus diesen Veranstaltungen hinausgeworfen werden, wenn sie als Juden erkennbar sind.
Auch beim diesjährigen Berliner CSD rechnen Beobachter erneut mit einer starken Präsenz antiisraelischer Aktivisten. Bereits in den vergangenen Jahren marschierten dort Gruppen mit palästinensischen Fahnen, während jüdische Teilnehmer über Anfeindungen berichteten. Gerade deshalb wäre eine offene Debatte über die Ergebnisse der Berliner Studie dringend notwendig.
Transparenz statt Schweigen
Der Berliner Senat betont regelmäßig, Antisemitismus müsse unabhängig von seiner politischen Herkunft konsequent bekämpft werden. Dieser Anspruch ist richtig. Er muss jedoch auch dann gelten, wenn die Ergebnisse unbequem sind und nicht in das gewohnte politische Raster passen.
Wer Aufklärung fordert, sollte wissenschaftliche Untersuchungen nicht monatelang im Schatten verschwinden lassen. Eine Demokratie lebt von Transparenz – gerade dann, wenn Forschungsergebnisse etablierte Narrative infrage stellen könnten. Die eigentliche Frage lautet deshalb nicht mehr, ob es Antisemitismus in Teilen der queeren Szene gibt. Dass es ihn gibt, wird inzwischen selbst von offiziellen Berliner Stellen ausdrücklich eingeräumt. Vielmehr muss man sich fragen: Sind die Ergebnisse so erschütternd und gefährlich für die Regenbogenromantik von Wegner, Evers und Co., dass die Öffentlichkeit davon möglichst nicht erfahren sollte?
Update 13.07.26, 9.30 h: Schriftliche Anfrage an den Senat
Inzwischen läuft zu dem Vorfall jetzt eine schriftliche Anfrage an den Senat vom AfD-Abgeordneten Frank-Christian Hansel, den die anderen Fraktionen übrigens im Rahmen ihrer Brandmauerlogik nicht in die dann ja auch gescheiterte Enquete-Kommission „Für gesellschaftlichen Zusammenhalt, gegen Antisemitismus, Rassismus, Muslimfeindlichkeit und jede Form von Diskriminierung“ gewählt haben.
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