Wirklichkeiten

Ed Piper im Gespräch mit Frank J. Schäpel.

Piper: Hallo Herr Schäpel, vielen Dank, dass Sie sich die Zeit für ein Gespräch nehmen, obwohl, das muss ich gestehen, ich mich schon seit einer Weile gar nicht mehr so brennend für den zeitgenössischen Kunstmarkt interessiere. Aber der Zufall wollte es, dass wir uns nach vielen Jahren im Kulturraum „Staatsreparatur“ über den Weg liefen. Und der ist, ich denke das darf man so sagen, zumindest offen für politisch rechte Beiträge, was ja in unserer Kulturszene sehr unüblich ist.

Schäpel: Ja, die Staatsreparatur kenne ich tatsächlich schon etwas länger. Ich hatte dort ein gemeinsames Projekt mit Marc Pommerening zur Soldatenlyrik des Zweiten Weltkriegs. Ich stellte dort Bilder aus, die deutsche Soldaten, zivile Opfer alliierter Bombardements und auch den Selbstmord von Deutschen beim Einzug der Russen zeigen – alles keine leichte Kost.

Piper: Das ist jetzt aber schon eher ungewöhnlich für zeitgenössische Bildende Künstler. Sie wurden doch auch durch das klassisch linke Milieu sozialisiert, das an deutschen Kunsthochschulen tonangebend ist, oder?

Schäpel: Bedingt. Ich habe zuerst an der Kunsthochschule in Bremen studiert, danach bin ich nach Berlin gezogen und habe bei Baselitz an der Universität der Künste (UdK) meinen Meisterschüler gemacht. Und, klar ist die UdK ein linkes Soziotop, doch davon habe ich mich während des Studiums ganz gut abschirmen können. Das hat Kraft gekostet, war um das Jahr 2000 aber durchaus noch möglich.

Piper: Beeindruckend. Denn es wird ja gerade in rechten Kreisen auch darüber diskutiert, ob ein „Gang durch die Institutionen“, eine Akademisierung, dieser Tage überhaupt noch möglich ist, ohne davon kompromittiert zu werden. Es besteht die Angst, sein Studium an solch einer Einrichtung als ordentlicher Junge zu beginnen und hinterher als genderfluide Linksgurke wieder rauszukommen.

Schäpel: Ja, das ist nachvollziehbar. Aber es hängt halt auch davon ab, wie sehr man die eigenen Arbeiten von der Rückmeldung Anderer abhängig macht. Und diese Art von Abhängigkeit habe ich mir auch an der Hochschule nicht erlaubt.

Piper: Also ist auch heute noch ein freies unabhängiges Arbeiten an den Kunsthochschulen möglich?

Schäpel: Schwierig. Eingangshallen und Flure hängen voller woker Propaganda. Und Studenten in Berlin und Leipzig berichteten mir von den zahlreichen Sprech-, Mal- und Kontaktverboten, denen sie sich fügen müssen, wollen sie nicht als Angeklagte in tribunalartigen ‘Struggle Sessions’ enden. Der Konformitätsdruck kommt hierbei nicht nur von den Lehrenden, sondern bezeichnenderweise auch von den Kommilitonen. Mir ging es jedenfalls von Anfang an darum, mich mit den Themenkreisen, die mich interessieren auseinander zu setzen, egal ob diese gegen oder mit den gerade herrschenden Moden und Dogmen gehen.

Piper: Naja, Themen hin, Themen her, letztendlich ging es doch aber vor allem um Malerei und eine malerische Position ..

Schäpel: Ja und nein. Ich bin tatsächlich kein ‚Vollblutmaler‘, sondern war schon immer jemand, der sehr themenbezogen arbeitet. Kunst ist für mich immer auch Kommunikationsmittel.

Piper: Und doch haben Sie es dabei zu einer ganz außerordentlichen Perfektion gebracht. Ich erinnere mich daran, damals mit einem bekannten Kunsthändler und selber auch Sammler über Ihre Arbeiten gesprochen zuhaben. Er war hellauf begeistert, musste aber einräumen, dass ihre großformatig gemalten Körper viel zu aufwendig gemalt waren, um in einem schnelllebigen Markt mit jährlichen Einzelausstellungen und Messepräsenzen bestehen zu können.

Schäpel: Ja, das stimmt, diese anatomischen Bilder waren in ihrer Herstellung derart aufwendig, dass ich nur wenige im Jahr malen konnte. Ich hatte damals auch extra einen Präparierkurs am Institut für Anatomie der Humboldt-Universität belegt und mich viel mit Medizinern ausgetauscht. Die direkte Konfrontation mit der Realität des lebenden und toten menschlichen Körpers war genau wie die sehr aufwändige akribische Form der Malerei für das Schaffen der intendierten Bilder erforderlich. Bei meinen aktuellen Themen ist das schon deshalb nicht der Fall, weil hier nicht die Realität selbst die Vorlage bildet, sondern ich maßgeblich von medialen Abbildungen ausgehe.

Piper: Ja, das ist verständlich, doch der für den Markt sehr interessante Wiedererkennungswert der Bilder geht dadurch natürlich etwas verloren.

Schäpel: Sicherlich, doch für den Markt zu arbeiten, hat mich nie interessiert. Und Aspekte meiner Formsprache und inhaltlichen Ausrichtung sowie der dokumentarische Ansatz ziehen sich durch mein ganzes Werk. Ohne meine seiner Zeit mühsam erarbeitete Maltechnik könnte ich heutzutage auch gar nicht derart reduziert auf den Punkt kommen

Piper: Gut, dann kommen wir mal zu Ihren Inhalten. Da hatten wir bisher menschliche Körper, die pure Hülle unserer Existenz und dann im medialen Mainstream nicht besonders populäre historische Betrachtungen, die offenbar eher in rechten Kreisen Anklang finden. Was hat es denn damit auf sich?

Schäpel: Mir geht es in meinen Arbeiten darum, verschiedene Wirklichkeiten zu dokumentieren, vor allem auch solche, die im Kunst-Kanon des Mainstreams aus unterschiedlichen Gründen keine Beachtung finden. Zu meinen Bildthemen gehören also neben anatomischen und astronomischen Körpern auch weniger geläufige Realitäten aus dem religiösen Bereich wie beispielsweise Marienerscheinungen oder dem UFO-Phänomenbereich, der im Zentrum meiner aktuellen Ausstellung in Leipzig steht.

 Piper: Das ist ja jetzt etwas ganz anderes. Wie kam es denn dazu?

Schäpel: Das Thema an sich beschäftigt mich schon weitaus länger. Nach intensiver Recherche begann ich ab 2009 das UFO-Thema auch künstlerisch aufzuarbeiten. Parallel habe ich den Kontakt zu verschiedenen UFO-Forschern und Zeugen gesucht und durchaus auch selbst geforscht. Der in der Ausstellung präsentierte UFO-Sichtungskatalog mit Karte ist ein Ergebnis dieser Forschungstätigkeit. Ich versuche in meiner Kunst die von den UFO-Forschern zu Tage geförderten Sachverhalte möglichst nüchtern zu dokumentieren. Es gibt etliche Fälle mit mehreren von einander unabhängigen glaubwürdigen Zeugen und zusätzlichen korrelierende Daten wie Radaraufzeichnungen. Und vor diesem Hintergrund schätze ich das Phänomen als existent und untersuchenswert ein.

Piper: Das hört sich ja sehr spannend an. Da wir das Thema hier nicht klären werden können, komme ich jetzt aber lieber noch einmal auf Ihr hiesiges Umfeld, die Kunstwelt zu sprechen. Deren liebste Themen changieren doch aktuell eher irgendwo zwischen Gender, Klima, Kolonialismus, und Schuldkult – Wie reagiert man da so auf Ihre Themensetzung?

Schäpel: Das oft zitierte Bild von der weltoffenen und mutigen Kunstwelt trifft absolut nicht. Im Gegenteil. Meiner Erfahrung nach sind sowohl die Realitätswahrnehmung als auch die Weltanschauung in der Kunstwelt sehr beschränkt. Als ich nach meinen anatomischen Arbeiten damit anfing, mich dem UFO-Phänomen zuzuwenden, sorgte das für Irritation. Diejenigen, die mich als Dokumentarmaler kannten, fragten sich, warum ich plötzlich Phantastische Malerei betreibe. Die Verwirrung war komplett, als ich dieses Missverständnis ausräumte. Womöglich zweifelten einige dann sogar an meinem Verstand.

Piper: Hat Sie das sehr getroffen?

Schäpel: Nein, eigentlich nicht. Ich fand es eher erheiternd. Auch weil es für Künstler nicht grundsätzlich geschäftsschädigend ist, als etwas verrückt zu gelten. Anders dagegen verhält es sich bei meinen Arbeiten zu Gesellschaft, Geschichte und Politik. Verrücktheit wird in der Kunstwelt bis zu einem gewissen Grad toleriert, aber abweichende Meinungen im Politischen gelten schnell als bösartig und werden aussortiert.

Piper: Das hört sich jetzt danach an, als hätten Sie sich zielsicher zwischen alle Stühle gesetzt. Ist es nicht aber doch so, dass das rechte politische Milieu mit der zeitgenössischen Kunst fremdelt?

Schäpel: Ich kann das nicht bestätigen. Für eine von der Gesellschaft entkoppelte, ausschließlich für den heutigen Kunstmarkt produzierte ‚Kunst‘ mag das gelten. Nicht aber für eine Kunst wie die meinige, die von Anfang an auf eine Kommunikation außerhalb dieser Blase angelegt war. Die Corona-Zeit bietet ein gutes Beispiel dafür, daß es heutzutage kaum noch Künstler gibt, die die Probleme und Katastrophen unserer Zeit aufgreifen wollen. Die selbsternannten ‚Kunstschaffenden‘ waren in dieser Hinsicht ein Totalausfall.

Piper: Um so höher ist Ihnen anzurechnen, dass Sie nun einer der sehr wenigen sind, die sich im momentanen politischen Klima überhaupt trauen, hier eine Tür zu öffnen, den Diskurs zu suchen. Aber nun haben Sie in letzter Zeit Themen bearbeitet, die eher Konservative und Rechte interessieren, viele Kunstfreunde dieses Milieus kennen weder Ihre alten Arbeiten, noch ihre Themenvielfalt: Was glauben sie, wie die reagieren, wenn sie nun plötzlich mit solch einem UFO-Thema ankommen? Könnte das nicht leicht verstörend wirken?

Schäpel: Wenn man als Künstler verschiedene schwierige Themen und Tabus aufgreift, muss man Irritation und Ablehnung mit einkalkulieren. Die jetzige Ausstellung ist ohne Frage eine Herausforderung für Menschen ohne Vorwissen zum UFO-Phänomen. Eine Person, die ich in diesem Zusammenhang sehr interessant finde, ist der japanische Schriftsteller und Dramatiker Mishima. Einerseits wollte er als Patriot natürlich sein geliebtes Japan erhalten. Andererseits nahm er sich heraus, sich mit Dingen zu beschäftigen, die für die meisten Japaner seiner Zeit unüblich waren. Er pflegte zum Beispiel eine intensive Lektüre europäischer und amerikanischer Texte, nahm an Seancen teil, beschäftigte sich mit griechischer Mythologie und eben auch mit dem UFO-Phänomen. Mishima trat bereits 1955 der „Japan Flying Saucer Research Association“ bei, schrieb Beiträge für die Vereinszeitschrift, in denen es um die Suche nach UFOs ging und erschien mit Teleskop zu den Beobachtungstreffen des Vereins. Mit seinem Roman „Beautiful Star“ hat er zudem das bis dato tiefgründigste literarische Werk zum UFO-Phänomen vorgelegt. Damit zeigte er, dass eine Begeisterung für das UFO-Phänomen kein Widerspruch zu einer rechten politischen Haltung sein muss, sondern im Gegenteil sogar als überaus passend dazu betrachtet werden kann.

Piper: Oha! Inwiefern das denn?

Schäpel: Man kann die uninformierte Faszination mit dem UFO-Phänomen jenseits wissenschaftlicher Forschung durchaus als anti-modernen Reflex innerhalb eines hochmodernen Rahmens – eine Art Flucht in den Mythos mittels Technik – betrachten. Die faktenbasierte nüchterne Beschäftigung mit dem UFO-Phänomen setzt dagegen aber nur das fort, was geradezu typisch für rechtes Denken ist: Eine ergebnisoffene Auseinandersetzung mit den uns umgebenden Realitäten – nicht so, wie wir sie gerne hätten, sondern so, wie sie uns eben erscheinen.

Piper: Das klingt ja sehr interessant, jetzt bin ich wirklich gespannt auf ihre Ausstellung! Vielen Dank für das Gespräch.

*

Ausstellungsdaten:
Frank J. Schäpel
UFOKOMPLEX
07.05. – 26.06.2026 / do + fr 16-19 h
Finissage: Freitag, 26. Juni ab 18 h

Galerie Zentrale Randerscheinung, Ludwigstr. 91, 04315 Leipzig

Mehr Einblicke in die Ausstellung und die Titel der hier verwendeten Bilder finden Sie auf der Seite der Galerie.

 


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David Berger
David Bergerhttps://philosophia-perennis.com/
David Berger (Jg. 1968) war nach Promotion (Dr. phil.) und Habilitation (Dr. theol.) viele Jahre Professor im Vatikan. 2010 Outing: Es erscheint das zum Bestseller werdende Buch "Der heilige Schein". Anschließend zwei Jahre Chefredakteur eines Gay-Magazins, Rauswurf wegen zu offener Islamkritik. Seit 2016 Blogger (philosophia-perennis) und freier Journalist (u.a. für die Die Zeit, Junge Freiheit, The European).

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