(Ed Piper) Man stelle sich vor: Ein international gefeierter Musiker, Träger von fünf ECHO-Klassik-Preisen, über 3000 Konzerte in 65 Ländern, wird Ehrenprofessor an einer der angesehensten Musikakademien der Welt – und sitzt seit 2021 für die AfD im Bundestag. Das ist nicht die Ouvertüre einer absurden Oper. Das ist der Lebenslauf von Matthias Moosdorf. Sein neuestes Buch trägt den proklamatischen Titel „Kultur von Rechts“. Das klingt zunächst nach kämpferischem Pamphlet. Doch wer das folgende Gespräch mit ihm liest, wird einen leidenschaftlichen Konservativen erleben, der lieber begeistert als bekämpft, der lieber die Schönheit Bachs beschwört als den politischen Feind.
Dabei bleibt Moosdorf stets freundlich, eloquent, und konsequent freiheitlich. Er will keine Quoten, keine Zwangsmaßnahmen, keine „drei bis vier Köpfe, die vorgeben, wo wir kulturell in zehn Jahren stehen sollen“. Das ist sympathisch. Vielleicht ist es aber auch die Haltung eines Künstlers, der zu gut von der Welt denkt.
Das Interview ist lang. Und die Entscheidung, es nicht auf eine leicht konsumierbare Länge zu kürzen, war eine bewusste. – Immerhin geht es im Buch ja auch gegen Verflachung und darum, wieder mehr zu lesen. Außerdem ist Moosdorf kein Pamphletist, sondern ein Musiker. Seine Argumente entfalten sich nicht in auf leichte Konstruierbarkeit zurechtgestutzten populistischen Thesen, sondern in Wendungen, in Nebensätzen. In Erinnerungen an die Thomasschule, an die DDR, an den Vater im Gewandhausorchester. Man kann ihm nicht einfach die Position „Kultur von Rechts“ entnehmen und sie auf eine Viertelseite pressen. Man muss ihn erleben: wie er über die täglichen vier Stunden Üben spricht, über den Sohn im Thomanerchor, über die Inschrift über dem Büroeingang. Das ist kein politisches Programm. Das ist eine Haltung, die sich erst im Fluss der Rede zeigt.
Abgesehen davon ist das Thema so komplex, dass jede Verkürzung ein Frevel wäre. Denn es geht um nichts weniger als die Frage, ob Kultur das Fundament der Gesellschaft ist oder nur ihr Schmuck. Um die Unterscheidung zwischen ausgleichender und austeilender Gerechtigkeit bei Aristoteles. Um den Holocaust als Verbrechen an der deutschen Kultur. Um die CIA als Förderin abstrakter Kunst. Um Churchills Opernhäuser im Zweiten Weltkrieg. Um die Thomaner, Pink Floyd, Graffiti und die Straßenbahn. Wer diese Vielstimmigkeit auf eine These zusammenstreicht, macht aus einem klugen Gespräch eine Parole.
Man kann über Moosdorf denken, wie man will. Aber man sollte ihn gehört haben – ganz, nicht in Ausschnitten. Denn erst im Mitschwingen seiner Sätze zeigt sich, warum dieser Cellist aus Leipzig derzeit zu den interessantesten Stimmen im deutschen Kulturbetrieb gehört.
Lesen Sie das Ganze. Es lohnt sich bis zur letzten Seite.
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Piper: Hallo Herr Moosdorf, Ihr Lebenslauf ist ja wirklich beeindruckend. Und das, obwohl es von Anfang an vermutlich gar nicht so geplant war – denn Sie begannen mit einer Ausbildung als Elektriker?
Moosdorf: Ja, das nannte sich damals Elektronikfacharbeiter beim RFT (kurz für Rundfunk- und Fernmelde-Technik). Denn eigentlich wollte ich Elektroakustik studieren, um hinterher Toningenieur werden zu können. Aber dann entschied ich mich doch dafür, lieber Musik machen zu wollen.
Piper: Das hört sich jetzt leicht an, aber so einfach war das doch sicher nicht. Waren Sie hochbegabt?
Moosdorf: Das weiß ich nicht. Hier spielte auf jeden Fall eine Rolle, dass mein Vater bereits im Gewandhausorchester war und deshalb natürlich Wert darauf legte, dass ich auch ein Instrument erlernte. Ab fünf oder sechs wurde ich also zur Musikschule geschickt. Dort fing ich zunächst mit Flöte an, konnte mir dann später aber ein Instrument aussuchen und entschied mich für Cello. Ohne den Einfluss meines Vaters hätte ich das also nie hingekriegt. Denn da geht es dann hauptsächlich um die Disziplin, wirklich regelmäßig zu üben – und das auch, wenn draußen andere Kinder klingeln und fragen, ob man zum Spielen runterkommt. Dann muss man halt stark sein und erstmal sein Übungspensum durchziehen.
Piper: Die vom Staat bereitgestellten Ausbildungsmöglichkeiten spielten da doch bestimmt auch eine Rolle, oder? Hier in Berlin gibt es bspw. ein spezielles Gymnasium für musikalisch Hochbegabte.
Moosdorf: Ja, so etwas gab es in der DDR auch. Solche Spezialmusikschulen gab es in Halle, Weimar und ich glaube auch in Berlin. Das waren aber Internatsschulen, die gleich auch mit einer musikalischen Ausbildung verbunden waren. Da ich aber nicht ins Internat wollte, besuchte ich lieber eine ganz normale Musikschule.
Piper: Und wie viele Stunden täglich muss man da üben, um wirklich gut zu werden?
Moosdorf: Ich hatte ja erwähnt, dass ich erst etwas später angefangen habe. Eigentlich beginnen die Kinder ja schon mit ihrem Instrument, bevor das Längenwachstum einsetzt, also im Alter von 5-6 Jahren. Und ich hatte mit dem Cello ja erst mit 9 so richtig angefangen. Deshalb hatte ich dann auch einiges aufzuholen. Während der Schulzeit waren es also immer so um die vier Stunden Üben täglich, manchmal auf fünf. Und später während des Studiums musste von morgens um sieben bis abends um sieben durchgearbeitet werden.
Piper: Das hört sich sehr schwer an. Kam es dabei nicht zu körperlichen Ausfällen wie bspw. Sehnenscheidenzündungen oder irgendwelchen Überlastungserscheinungen ?
Moosdorf: Nein, nein, das ging schon. Die Herausforderung bestand viel eher darin, die innere Disziplin aufrecht zu erhalten. – Im zweiten Studienjahr kam dann die Wende und ab da ging das eigentlich wie Bretzelbacken: Ich bin zum Amadeusquartett nach London gefahren, habe dort noch etwas weiter studiert, Wettbewerbe gewonnen, bekam eine Plattenfirma, dann fingen wir mit Agenturen an und schon sind wir 30 Jahre durch die Welt getourt.
Piper: Was würden Sie denn jungen Musikern raten, damit die es schaffen, disziplintechnisch durchzuhalten und nicht irgendwann in der Pubertät die Lust zu verlieren und sich lieber die Zeit mit Partys und Liebelei zu vertreiben?
Moosdorf: Das ist kompliziert. Es ist eine Frage der Motivation. Denn erzwingen kann man hier nichts. Gerade in Zeiten, wo man lieber mit der Freundin abhängen würde, muss der Groschen schon gefallen sein. – Bei uns in der DDR war das ja noch etwas anderes. Ich hatte ja bei meinem Vater gesehen, dass dieser Beruf zu den wenigen gehörte, bei denen man halbwegs ungestört durch die Welt reisen konnte. Das war natürlich eine große Motivation. Und so ein bisschen gilt das sogar noch heute. Mein Sohn war bspw. beim Thomanerchor, und damit kam er schon im Kindesalter nach Japan und Südamerika. Für die Kinder ist es sehr schön, so etwas erleben zu können. Und ansonsten hilft für das Durchhalten natürlich immer, wenn da spätestens zum Beginn der Pubertät schon etwas Erfolg am Horizont zu sehen ist.
Piper: Jetzt geht es ja beim Musikunterricht für Kinder nicht immer nur um Spitzenförderung. Irgendwo habe ich mal gelesen, dass früher regelmäßiger Musikunterricht auch die kognitiven Fähigkeiten der Kinder fördern soll.
Moosdorf: Ja, es gibt Studien, die darauf hindeuten, dass Kinder mit frühem Musikunterricht im Durchschnitt etwas bessere Leistungen bei Aufgaben zu Sprache, Gedächtnis und Aufmerksamkeit zeigen. Bei den Studenten sieht man dann später, dass hier auch andere Dinge hilfreich sein können. Beispielsweise können viele Asiaten im Gegensatz zu europäischen Studenten ihre Partituren extrem schnell auswendig lernen, weil sie mit dem Erlernen der Schriftzeichen ihre Gehirne von Anfang an anders trainiert haben. – aber ja, klar, insgesamt ist frühzeitiger Musikunterricht sicherlich hilfreich. Und das geht dann schon in eine andere Richtung, als das, was wir mit unserem momentanen Bildungssystem erleben, in dem sich meinem Eindruck nach bevorzugt nach unten orientiert wird.
Piper: Vor kurzem war zu lesen, dass jetzt in Niedersachsen das schriftliche Dividieren aus den Lehrplänen der Grundschulen gestrichen werden soll. – Wenn wir jetzt sehen, dass die Lernkompetenzen vieler Schüler immer weiter abnehmen und gleichzeitig wissen, wie vorteilhaft sich Musikunterricht auf die schulische Leistungsfähigkeit auswirken kann, warum gehen wir nicht einfach hin und fügen das Erlernen eines klassischen Musikinstrumentes als obligatorisch in den Lehrplan ein? Das könnte doch neben der damit einhergehenden kulturellen Bildung und einer absolut wünschenswerten kulturellen Selbstermächtigung der Schüler auch deren kognitive Fähigkeiten fördern.
Moosdorf: Vielleicht ist Ihnen noch nicht aufgefallen, dass ich für eine Partei im Bundestag sitze, die sich mit Zwangsmaßnahmen sehr schwer tut? Und ich habe ja dieses Buch, um das es hier eigentlich gehen sollte, so geschrieben, dass es sich erstmal mit dem Bereitstellen von Strukturen und nötigen Ressourcen beschäftigt. – Abgesehen vom Zwang könnte der Ansatz durchaus interessant sein. Jürgen Rüttgers hatte damals als NRW-Ministerpräsident mal so ein musikpädagogisches Projekt initiiert, dass sich „Jedem Kind ein Instrument“ nannte. Dabei ging es darum, dass allen Grundschülern im Ruhrgebiet der kostenlosen Zugang zum Musikunterricht ermöglicht und ihnen dazu auch ein Instrument zur Verfügung gestellt werden sollte. Das war eine wirklich sehr gute Geschichte. – Ursprünglich stammt dieser Ansatz aus der „El Sistema“-Bewegung in Venezuela. Das war eine zutiefst linke Bewegung, deren Ziel es war, besonders allen armen Kindern zu ermöglichen, ein klassisches Instrument zu erlernen. Und tatsächlich landeten einige von den Kindern, die dieses Projekt damals durchlaufen haben, später auf internationalen Elite-Hochschulen und sitzen heute bspw. bei den Wiener Philharmonikern. – Gargamel (Gustavo Dudamel) ist zum Beispiel einer von den Dirigenten, der dieses System durchlaufen hat. – Und trotzdem, bei allem Erfolg glaube ich nicht, dass wir heutzutage um die Ecke kommen können, und es zur schulischen Pflichtaufgabe machen, ein Instrument erlernen zu müssen. Viel eher sollten wir den Leuten klar machen, was das für positive Effekte hat.
Piper: Ich tue mich ein bisschen schwer mit Ihrem Liberalismus, der sich überdies auch durch ihr gesamtes Buch zieht. Dabei haben Sie das doch extra „Kultur von Rechts“ genannt. Zwar sprechen Sie tatsächlich ausnahmslos absolut wichtige und richtige Punkte an, schwächeln dann aber leider etwas in der anvisierten Konsequenz in Sachen Umsetzung. – Sie dürfen doch nicht davon ausgehen, dass ihr politischer Gegner diesem äußerst freiheitlichen „alles kann, nichts muss“ vorbehaltlos zustimmt und dann fröhlich mitmacht.
Moosdorf: Ganz so ist es ja nicht. Ich schreibe zum Beispiel über Förderstrukturen als wesentlichem Mittel Einfluss zu nehmen. Den meisten Menschen ist vermutlich gar nicht bewusst, wie sehr politisch gesteuert unsere momentane Kulturförderung ist. Wenn Sie bspw. heutzutage einen Film machen wollen und dazu Kulturförderung beantragen, dann bekommen Sie erstmal einen ganzen Katalog vorgelegt, der Ihnen vorschreibt, welche Punkte abzuarbeiten sind, um überhaupt erstmal förderwürdig zu werden. Dabei geht es dann natürlich um LGBTQ-Themen, Rassismus und natürlich um „Haltung gegen rechts“. Und wenn man jetzt diesen ganzen Haltungszwang aus den Förderrichtlinien herausnimmt und die Künstler einfach mal machen lässt, dann wäre schon viel gewonnen. – An anderer Stelle habe ich darüber geschrieben, dass ich gerne Bürgerräte an der Auswahl des Kulturprogramms, bspw. an Theatern, beteiligen würde. Warum lässt man das Publikum nicht einfach mal mitbestimmen, wie die nächste Spielzeit aussehen soll?
Piper: Ja, ich verstehe ja ihren Ansatz und finde ihn auch persönlich sehr sympathisch. Aus Ihnen spricht der Künstler und Kunstliebhaber, und der will natürlich lieber begeistern und motivieren als mit Nachdruck einzufordern. Aber als Politiker sind Sie natürlich auch der Staat, der eine Verantwortung für die gesamte Gesellschaft trägt. Und das kann es doch notwendig machen, bestimmte Dinge nicht nur zu fördern, sondern andere auch zu fordern oder zu untersagen. Denn die Gegenseite wird doch ihre Agitation nicht komplett einstellen, nur weil die staatliche Förderung abgedreht wird. Die werden sich dann halt alternative Finanzierungsmodelle organisieren.
Moosdorf: Dann sollen die das, so lange es nicht strafbar wird, gerne versuchen. Perspektivisch werden sie damit nur ein Nischendasein fristen. Ich verstehe ja Ihren Standpunkt, aber es ist doch so, dass die momentane Schieflage auch Folge des CDU-Umgangs mit den 68ern ist. Die haben halt mitbekommen, dass da eine neue linke politische Strömung entsteht, und haben dann gesagt, „Die Finanzen kriegt ihr auf keinen Fall, die Industrie erst recht nicht und das Innenministerium auch nicht. Aber wir lassen euch die Universitäten. Und, wisst ihr was, die Kultur könnt ihr auch noch haben.“ – Das war ein Riesenfehler. Denn dann machten sich die Linken und Grünen dort breit und begannen den jungen Leuten die Köpfe zu verdrehen. Die hatten nun also über 50 Jahre Zeit, im Kulturbereich zu wüten. Eine Folge davon ist jetzt bspw., dass mittlerweile fast die komplette institutionalisierte Kultur SPD-durchseucht ist: Der ganze Kulturrat, der Musikrat, irgendwelche Stiftungen. Ich habe dieses korrumpierte System schon vor 10 Jahren angeprangert. Nehmen wir mal als Beispiel die Stadt Dortmund. Wenn dort die Stelle eines Kulturdezernenten besetzt werden soll, müssen darüber von Parteien besetzte Gremien entscheiden. Nun verhält es sich so, dass die Leute, die in diesen Gremien sitzen, teilweise auch Firmen betreiben, die junge Aspiranten gegen entsprechende Zahlungen coachen, wie sie Kulturdezernent werden können. Die lassen die Bewerber also dafür zahlen, politisch auf Kurs gebracht und dann später zulassen zu werden. Und selbstverständlich kassieren die für ihren Job bei der Findungskommission auch nochmal Geld. In jedem anderen Land würde so etwas Korruption heißen, in Deutschland nennt man es Förderpraxis.
Piper: Jetzt mal abgesehen von möglicher Korruption spricht man da bei der SPD von „aktivierender Kulturpolitik“. Oliver Scheytt, ehem. Mitglied des Kompetenzteams des SPD-Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück und bis 2018 Präsident der Kulturpolitischen Gesellschaft, hat sogar ein ganzes Buch darüber geschrieben: „Plädoyer für eine aktivierende Kulturpolitik“. Im Kern geht es dabei darum, Kulturpolitik ganz klar als volkspädagogisches Instrument zu begreifen, um gewünschte Lerninhalte unters Volk zu bringen. Und, ehrlich gesagt finde ich diesen Ansatz – abgesehen von einer hier völlig falschen Wertsetzung – gar nicht so verkehrt. Allein der Umstand, dass hier konsequent die falschen Werte gesetzt werden, darf uns doch als berechtigte Kritiker nicht dazu bringen, nun in eine Art „laissez faire“, ein „macht was ihr wollt“ hinein zu gleiten. Warum nicht lieber diesen zugegebenermaßen etwas autoritären Ansatz übernehmen und lediglich ein paar Parameter auf die gewünschten Werte verschieben?
Moosdorf: Weil wir es dann noch immer mit Propaganda zu tun hätten. Und genau das gilt es ja zu vermeiden. Stattdessen müssen wir darauf vertrauen, dass sich bei Bereitstellung entsprechend offener Strukturen, Qualität wieder einfindet. Und wir müssen darauf vertrauen, dass es dann zu einer Resonanz kommt zwischen dem, was auf der Bühne stattfindet und der Gebildetheit derer, die es dort abrufen. Ich möchte kein Land, in dem 3-4 Köpfe vorgeben, wo wir kulturell in zehn Jahren stehen sollen. Das wäre vermessen. Wer sollte denn beispielsweise den Malern vorgeben wollen, wie deren Bilder in der Zukunft aussehen sollen? Nein, stattdessen müssen wir darauf setzen, Räume zu schaffen, die eine hohe Quote von Können ermöglichen. Es geht tatsächlich um das Bereitstellen von diesen Gefäßen, aber was dort hineinkommt, in das Gefäß, das soll sich bitte aus sich heraus entwickeln.
Piper: Das klingt für mich schon sehr liberal. Und es bereitet mir etwas Sorgen, weil es doch gerade im Kulturbereich immer wieder zu Bewegungen kommt, die sich halt nicht organisch „aus sich heraus“ entwickeln. Stichwort „Astroturfing“. Und dabei will ich jetzt gar nicht vom Einfluss global agierender Stiftungen wie bspw. der „Bill und Melinda Gates Foundation“ oder der „Soros Foundation“ anfangen. Nicht jede kulturelle Bewegung entspringt halt dem Bestreben selbstermächtigter, kulturell aufgeklärter Leute, sondern manchmal handelt es sich auch um ganz profane ausländische Fremdinteressen. – In Ihrem Buch erwähnen sie bspw., wie der amerikanische Geheimdienst CIA im kalten Krieg versuchte, die „abstrakte Kunst“ zu unterstützen und gegen die gegenständliche Malerei des Ostblocks in Stellung zu bringen. – Ich persönlich bin ein Freund eines sehr weit gefassten Kulturbegriffs und betrachte Kultur als so etwas wie das Betriebssystem unserer Gesellschaft. Und ich finde, dass wir als Staat auch die Aufgabe haben darauf aufzupassen, dass sich schädliche Fremdinteressen nicht bis über ein gewisses Maß an unserem Betriebssystem herumdoktern.
Moosdorf: Ich habe ihre Befürchtung schon verstanden. – Da gibt es beispielsweise diesen Text von Schiller, in dem er die Schaubühne als moralische Anstalt betrachtet. Er wollte die Bühne als ein Instrument der Aufklärung begriffen wissen. Kunst und Kultur wurden also schon immer auch benutzt, um Menschen zu beeinflussen. Und ich finde, dass man so etwas bis zu einem gewissen Grad auch einfach zulassen muss: gerade, wenn wir mit der Kulturarbeit bei Kindern schon sehr früh anfangen und auf die Kraft der Bildung vertrauen. – Mein Sohn kam damals in der zweiten Klasse an die Thomasschule zu den Thomanern. Beides, Schule und Chor gibt es jetzt schon seit über 800 Jahren. Von 1723 bis zu seinem Tod 1750 war Johann Sebastian Bach Thomaskantor in Leipzig und leitete den Thomanerchor. Das ist also gelebte Tradition. Und über dem Eingang, wo es dort zum Büro geht, stehen zwei Sätze: „Ihr seid an einer großen Sache beteiligt, also beteiligt euch auch groß.“ Und für alle jene, die sich dabei dachten „Ok, ich bin ja schon groß“, steht da noch „Es ist dem Untertan nicht gestattet, den Maßstab seiner beschränkten Einsicht an die Handlungen der Obrigkeit anzulegen.“ Das hat den Kindern erstmal den Raum eröffnet, in dem sie sich bewegen. Und glauben Sie mir, so unterschiedlich diese Kinder auch alle waren – und da waren auch welche dabei, die viel Blödsinn im Kopf hatten – aber der Wertekanon hat gesessen. Und dieser Wertekanon konnte letztendlich nur davon leben, dass sich alle damit wohl gefühlt haben. Worauf ich hinaus will ist, dass wir auch den Mut haben müssen, unserer Kultur zu vertrauen und darauf aufbauend Dinge zuzulassen. Wenn wir das hinbekommen, dann ist am Ende auch zur selben Zeit Klassik und Pink Floyd und Rolling Stones möglich.
Piper: Mittlerweile geht es aber nicht mehr um „Pink Floyd und Rolling Stones“, sondern um „Allahu Akbar“ und Angriffe auf unser kulturelles Betriebssystem aus fernsten und fremdesten Kulturkreisen.
Moosdorf: Wir sind ja hier gerade in Berlin. Wenn Sie hier bspw. mal in die Philharmonie gehen, in die Staatsoper, die Deutsche Oper oder das Schillertheater, wie viele von diesen Zugewanderten erleben sie denn dort?
Piper: Exakt keinen. Das erinnert mich an die hiesigen „Jugend Musiziert“ Veranstaltungen. Das Vorspielen der Kinder aus Berlin-Nord findet bei diesem Wettbewerb stets in einem Raum im Märkischen Viertel statt. Das ist so eine aus vielen Hochhäusern bestehende Großwohnsiedlung im Bezirk Reinickendorf, in der ein extrem hoher Migrantenanteil herrscht. Rund 75% der unter 18-Jährigen haben dort einen Migrationshintergrund, zumeist moslemisch. Wenn man dort also zum Musikwettbewerb geht, wähnt man sich auf dem Weg streckenweise kaum noch in Deutschland. Doch kaum betritt man die Veranstaltung, ist von all den moslemischen Migranten plötzlich nichts mehr zu sehen. Dieser brutale Unterschied zwischen drinnen und draußen fühlt sich dort wirklich extrem schräg an. – Aber zurück zum Thema, worauf wollen Sie mit ihrer Frage eigentlich hinaus?

Moosdorf: Ich will damit darauf hinaus, dass Sie bitte nicht so ängstlich sein und auf die Kraft Ihrer eigenen Kultur vertrauen sollen! – Sie haben doch gerade sehr anschaulich dieses kulturelle Biotop beschrieben. Betrachten wir das als sich automatisch einstellenden kollateralen Nutzen, sobald wir wieder anfangen, unsere Kultur zu leben. Und das stellt sich auch automatisch ein, wenn wir wieder anfangen, uns mit Schiller, Hölderlin und Goethe zu beschäftigen. Sobald wir das Innere wieder wertschätzen, stiftet das auch Identität. Und dann kann man auch den Migranten etwas vorleben, dann kann man denen sagen „Wir zeigen euch mal, wie wir hier leben.“. Das wäre etwas völlig anderes als jetzt, wo viele Migranten den Eindruck haben, dass die Deutschen gar keine Kultur haben. Die kommen hierher und denken, dass sie die einzigen sind, die Kultur besitzen, weil wir unsere Kultur verleugnen, weil wir unsere Herkunft verleugnen, weil wir mit unseren Kindern höchstens mal ein KZ besuchen, aber kein klassisches Konzert. – Würden wir das aber anders machen und den Kindern sagen „Das da ist Buchenwald – und das Andere sind eben Herder, Goethe, Schiller. Und da ist auch noch der Herzig, der damals diese Kultur gefördert hat und plötzlich wurde Weimar zum Nabel der Kultur Europas.“, dann sähe die Sache schon etwas anders aus. Man kann den Kindern das alles beibringen und damit unterstützen, dass sich ihr ethisches Koordinatensystem auf eine Art und Weise scharf stellt, die sie zu mündigen Kulturbürgern macht. Und dann brauchen Sie auch keine Angst mehr vor irgendwelchen unerwünschten Einflüssen zu haben. – Adorno hat mal gesagt „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“. Und das, was wir hier gerade treiben, ist tatsächlich das Falsche. Hier wird Kindern der Eindruck vermittelt, dass eine Bachkantate künstlerisch genauso wertvoll ist, wie eine Straßenbahn, die irgendein Blödmann nachts mit Graffiti beschmiert hat.
Piper: In Ihrem Buch schreiben Sie, dass diese kulturelle Verflachung, dass dieser kulturelle Verfall auch aktuellen Lebensumständen geschuldet ist. Da ersetzt die Attitüde den Inhalt, oberflächliche Selbstinszenierung wird wichtiger als die tatsächliche Substanz. Dabei fühlte ich mich dezent an klassisch alt-linke Kulturkritik erinnert.
Moosdorf: Na klar, von Marx stammt ja diese Lehre von Basis und Überbau. Danach bildet die ökonomische Basis einer Gesellschaft das Fundament, dass den ideologischen Überbau – und damit auch die Kultur – formt. Das heißt im Klartext, dass Sie erstmal ein Dach über dem Kopf brauchen, bevor Sie sich der Hochkultur hingeben können. Existenzielle Sorgen oder den Großteil des Tages damit zu verbringen, sich Nahrungsmittel zu organisieren, sind da eher weniger förderlich.
Piper: Machen wir als Deutsche es uns damit nicht ein bisschen zu einfach? Ich hatte ja eingangs dieses Berliner Gymnasium für „musikalisch Hochbegabte“ erwähnt. Dort finden wir meiner Beobachtung nach einen extrem hohen Ausländeranteil vor. Zwar gibt es dort keinen Islam, dafür aber extrem viele Russen, unterschiedlichste Asiaten und natürlich Juden aus allen möglichen Ländern. – Aber nun ist es doch nicht so, dass diese Leute ein unglaublich leichteres Leben hätten, als ihr deutsches Umfeld. Teilweise ist vermutlich sogar das Gegenteil der Fall. Und doch sind sie gemessen an ihrem Anteil der Gesamtbevölkerung absolut dominant vertreten. Spricht das nicht gegen die These der Determination durch das Umfeld?
Moosdorf: Es spricht vor allem noch ein ganz anderes trauriges Thema an. Um 1910 galt bspw. Wien als eine der Hochburgen europäischer Kultur. Das war maßgeblich dem Umstand zu verdanken, dass dort zu dieser Zeit sehr viele Juden lebten. Und da gibt es so eine folkloristische Erzählung, die besagt, dass jede jüdische Familie, ihren ersten Sohn die Gewerke des Vaters übernehmen lässt, den zweiten in die Wissenschaft schickt und den dritten dazu verdonnert, etwas mit Kultur zu machen. Der musste dann also entweder Musiker werden oder Bildhauer oder schriftstellern. Das mag jetzt natürlich etwas übertrieben sein, aber es führte dazu, dass Juden zu absoluten Impulsgebern deutscher Kultur wurden. Obwohl die Juden im deutschen Kaiserreich nur etwa 1% der Bevölkerung stellten, waren sie in vielen kulturellen Berufen um ein Vielfaches überrepräsentiert. In einzelnen Bereichen des städtischen Kulturlebens – etwa bei Journalisten, Verlegern, Theaterleuten oder Autoren in Berlin und Wien – erreichten ihre Anteile teilweise 20 %, 30 % oder mehr.
Piper: Worauf wollen Sie hinaus?
Moosdorf: Diese Leute waren ja Deutsche. Das waren halt Juden, die damals so assimiliert ins deutsche Volk waren, dass die nicht nur wissenschaftlich, sondern auch kulturell wesentliche Impulse setzen konnten. – Seit 1901 gibt es den Nobelpreis, und obwohl der jüdische Anteil an der Weltbevölkerung gerade mal bei um die 0,2% liegt, rangiert deren Anteil an Nobelpreisträgern irgendwie zwischen 20-25% – Und in der deutschen Kultur sähe das heutzutage definitiv so ähnlich aus, wenn wir uns die Sache mit dem Holocaust gespart hätten. Wir müssen also endlich erkennen, dass der Holocaust nicht nur ein Menschheitsverbrechen war, sondern auch ein bis heute wirkendes Verbrechen an der deutschen Kultur war, weil er uns Deutsche ganz wesentlicher und wichtiger Teile unserer Kultur beraubte. – Und von da an ging es dann eigentlich nie mehr so richtig bergauf. Denn sowohl in der alten BRD als auch ganz besonders in der DDR wurde Kultur zu politischen Zwecken instrumentalisiert. Das war dann das, was Stalin „Ingenieure der menschlichen Seele“ genannt hatte.
Piper: Und doch möchte ich behaupten, dass die DDR hochkulturell sehr viel höher entwickelt war, als die Bundesrepublik.
Moosdorf: Aber immer in eine bestimmte Richtung. Wenn damals bspw. einer meiner Studentenkameraden ein Stück fertig komponiert hatte, dann wollte das natürlich niemand aufführen. Also setzte er sich zu Hause hin und beschloss, das Stück jetzt „Ode für Neruda“ zu nennen. Pablo Neruda war damals so ein chilenischer Freiheitskämpfer, und zack, plötzlich gab es sofort einen Aufführungstermin. Das Eine hatte zwar mit dem Anderen absolut gar nichts zu tun, aber so lief das halt. – Womit Sie natürlich recht haben ist, dass wir heutzutage in unseren Schulen und Ämtern Leute zu sitzen haben, die kaum noch wissen, wo oben und unten ist. So etwas gab es damals in der DDR nicht. Da hat selbst der Parteibonze den Hut gezogen, wenn ein kleines Mädchen super Klavier spielen konnte. Das war insgesamt schon etwas anderes als heutzutage.
Piper: Selbst wenn ich mir den Bereich der Popkultur anschaue, waren doch viele der damaligen DDR-Musiker ihren Kollegen im Westen doch in puncto musikalischem Können weit überlegen. Und wenn wir uns dann noch den kompletten Verfall unserer Tage, all den aktuellen musikalischen Unrat betrachten, dann liegen da doch wirklich qualitative Welten dazwischen.
Moosdorf: Das ist leider ein ziemlich deutsches Phänomen. Ich habe viel im Ausland unterrichtet. Der Wille zur Leistung ist beispielsweise im asiatischen Raum ganz anders ausgeprägt. Wenn Kinder dort eine westliche oder westlich orientierte Musikschule besuchen, dann haben wir oft erlebt, dass sie nach zwei Jahren Kammermusikunterricht bereits ein wenig Deutsch sprachen. Sie hatten verstanden, dass sie weiterkommen, wenn sie sich auch den kulturellen Hintergrund aneignen.
Piper: Dann müssen wir aber über etwas sprechen, das mir beim Lesen Ihres Buches ebenfalls aufgefallen ist. Sie schreiben – wahrscheinlich völlig zu Recht –, dass gespart werden müsse und dass man sich fragen müsse, welche kulturellen Forderungen künftig noch aufrechterhalten werden können und welche nicht. Aber sind wir hier nicht vielleicht auf dem Holzweg? Wenn wir unsere Kultur wirklich erhalten wollen, müssten wir dann nicht vielmehr sagen: Wir dürfen gerade an dieser Stelle nicht sparen. Stattdessen müssten wir massiv in kulturelle Bildung investieren.
Moosdorf: Natürlich kann man immer sagen: Wir geben hier ein paar Millionen weniger für dieses oder jenes aus, bauen vielleicht ein paar Panzer weniger und investieren das Geld stattdessen in Kultur. Entscheidend ist doch aber, dass diese Kultur über Schulen und Ausbildung an die junge Generation weitergegeben wird. – Ich habe ja bereits geschrieben, dass mein ursprünglicher Einstieg in die AfD über den Punkt „Kultur, Sprache, Identität“ im Grundsatzprogramm erfolgte. Die Präambel dieses Abschnitts habe ich damals selbst formuliert. Zu Frauke Petry habe ich seinerzeit gesagt: „Wenn du diesen Text unverändert ins Programm übernimmst, werde ich Mitglied.“ Und sie hat ihn tatsächlich übernommen. Dort steht jetzt unter anderem, dass Kultur für ein Land wie Deutschland auf Bundes- und Landesebene eigentlich eine Pflichtaufgabe sein müsste – keine freiwillige Aufgabe. Niemand spricht davon, Polizei, Schulen oder Universitäten zu „subventionieren“. Nur bei der Kultur benutzt man ständig diesen Begriff der Kultursubvention. Das halte ich für Unsinn. Man muss den Menschen vermitteln, dass Kultur nicht allein unter dem Gesichtspunkt des Sparens betrachtet werden darf. – Ich erzähle in diesem Zusammenhang gern eine Geschichte von Winston Churchill (Foto l. © Pixabay CC0). Während des Zweiten Weltkriegs wurde London Nacht für Nacht bombardiert. Da kamen Mitarbeiter zu ihm und fragten, ob man nicht die Mittel für Opernhäuser und kulturelle Einrichtungen streichen solle, um mehr Geld für die Verteidigung aufzubringen. Churchills Antwort lautete sinngemäß: „Nein. Wenn wir das tun, haben wir am Ende nichts mehr, das sich überhaupt noch zu verteidigen lohnt.“
Piper: Ist es dazu nicht vielleicht sogar schon zu spät? Sie beschreiben ja in Ihrem Buch eine Verflachung, die auch durch die Nutzung sozialer Medien befördert wird. Niemand interessiert sich mehr für das Denkmal vor der eigenen Haustür, wenn sich alles nur noch um globale Plattformen und TikTok-Videos dreht. Dazu kommt eine sprachliche Verarmung. Ihre im Buch genannten Beispiele mit Vogel-Gedichten fand ich bemerkenswert: Viele junge Menschen kennen heutzutage weder Drossel noch Amsel. Das zeigt doch, wie stark die Verbindung zur unmittelbaren Umgebung verloren geht.
Moosdorf: Natürlich. Heute denkt man oft nur noch in Reichweiten und Klickzahlen. Es geht darum, möglichst schnell möglichst viel Aufmerksamkeit zu erzeugen. Aber wenn wir über regionale Kultur sprechen, dann bewegen wir uns in einer völlig anderen Logik als in der verflachten Welt der sozialen Medien. Doch auch hier kommen wir wieder auf den Punkt der kulturellen Bildung: Man kann einem Kind, das in der Schule nie wirklich gelesen hat, nicht plötzlich Goethes „Faust“ vorsetzen und erwarten, dass es begeistert ist. In der Musik gibt es einen schönen Satz: „Man hört eigentlich nur, was man weiß.“ Das bedeutet, dass man Menschen Schritt für Schritt an diese Welt heranführen muss. Musiker müssen Neugier wecken. Das kann mit einem Märchen beginnen, mit „Hänsel und Gretel“, mit dem „Nussknacker“ oder mit „Peter und der Wolf“. Erst wenn das wieder geschieht, entdecken Kinder plötzlich, dass Instrumente Charaktere darstellen können. Sie erkennen, dass auf einer Bühne Menschen miteinander interagieren wie im wirklichen Leben – nur oft in verdichteter, schönerer Form. Sie erleben Geschichten, Konflikte und Lösungen. – Das ist tatsächlich eine Generationenaufgabe.
Piper: Mir geht es vor allem um die Kritik an dieser fast schon reflexhaften Übernahme des Sparparadigmas. Ich würde eher sagen: Wir dürfen bei Kultur gar nicht sparen. Vielleicht müssen wir sogar mehr Geld ausgeben – allerdings intelligenter.
Moosdorf: Stellen Sie sich vor, Sie gehen auf eine Beerdigung. Sie haben sich vorgenommen, gefasst zu bleiben. Der Redner spricht. Sie kennen den Verstorbenen, Sie sind traurig, aber Sie haben sich noch unter Kontrolle. Dann sehen Sie die Angehörigen. Die Blumen. Die Zeremonie. Und schließlich beginnt die Musik. In diesem Moment brechen oft alle Dämme und die Tränen fließen. Die Musik erreicht etwas, das mit Worten allein nicht erreichbar ist. Das ist die Kraft der Kunst. Und ich glaube, jeder Mensch besitzt ein gewisses Gespür dafür, ob etwas gut oder schlecht ist. Dieses Gespür kann man schulen. Man kann die Resonanzfähigkeit erhöhen. Deshalb halte ich die Förderung von Qualität eigentlich für eine vergleichsweise einfache Aufgabe.
Piper: Sie schreiben darüber, dass es in Frankreich eine Quotenregelung gibt, die einen bestimmten Anteil französischsprachiger Musik im Radio vorschreibt. Könnte man nicht auch in Deutschland ähnliche Wege gehen? Oder haben wir vielleicht aufgrund historischer Erfahrungen eine Scheu davor entwickelt, notwendige Entscheidungen zu treffen? Sind wir zu ängstlich?
Moosdorf: Wir kommen immer wieder auf dieselbe Grundfrage zurück. Auf der einen Seite steht die Freiheit, auf der anderen die Verantwortung. Natürlich wäre es der einfachste Weg, Freiheit einzuschränken und dies mit Verantwortung zu begründen. Aber die Sehnsucht nach Freiheit verschwindet nicht einfach. Im Gegenteil, sie wird irgendwann immer stärker werden. Und dann ist es auch so, dass Kunst bis zu einem gewissen Grad auch Reibungsflächen braucht. Künstler dürfen gegen den Strich bürsten. Das gehört zur Kunst dazu. Voraussetzung ist lediglich, dass es gut gemacht ist. Aus diesem Grund bin ich sehr zurückhaltend, wenn es um staatliche Reglementierung geht. Ich glaube eher daran, Qualität zu fördern. Denn echte Qualität besitzt eine bemerkenswerte Eigenschaft: Sie überlebt. – Was wir heute häufig erleben, ist allerdings das Gegenteil. Wir fördern nicht Qualität, sondern nivellieren sie. Wir zeichnen Dinge aus, die nicht wegen ihrer künstlerischen Leistung ausgezeichnet werden, sondern aus politisch opportunen Gründen. Und genau darin liegt ein Problem.
Piper: Das sehe ich ebenso. Jedoch stellt sich nun die Frage, welche Maßstäbe dann gelten sollen und welche nicht?
Moosdorf: Das Problem reicht doch weit über die Kultur hinaus. Man kann dieselbe Entwicklung in vielen Bereichen beobachten. Nehmen Sie Kleidung. Nehmen Sie Sauberkeit. Nehmen Sie Esskultur. Wir orientieren uns heute in vielen Bereichen nicht mehr an höheren Maßstäben, sondern an niedrigeren. Das geschieht häufig unter dem Anspruch, dadurch mehr Gerechtigkeit herzustellen. Dabei ist die Frage nach Gerechtigkeit uralt. Schon bei Aristoteles finden Sie die Unterscheidung zwischen ausgleichender und austeilender Gerechtigkeit. Man kann sagen: Jeder bekommt dasselbe. Dann erhält der Hochbegabte dieselbe zusätzliche Förderung wie der weniger Begabte. Der Leistungsunterschied bleibt bestehen, aber alle werden gleichermaßen unterstützt. Oder man verfolgt den ausgleichenden Ansatz. Dann konzentriert man die Förderung vor allem auf diejenigen, die zurückliegen, damit sie an die Mitte herangeführt werden. Darüber wird seit über zweitausend Jahren gestritten. Was ist gerechter für eine Gesellschaft? Die Förderung von Exzellenz oder die Angleichung von Unterschieden?
Piper: Momentan scheint es oft so, als bewegten wir uns in Richtung einer allgemeinen Nivellierung. Das beginnt bereits in der Schule. Es gibt Diskussionen darüber, ob Kinder bestimmte Rechenverfahren überhaupt noch lernen sollen, weil manche Schwierigkeiten damit haben könnten.
Moosdorf: Oder nehmen Sie den Sport. Teilweise wird diskutiert, ob es überhaupt noch erste und zweite Plätze geben soll. Wettkämpfe werden abgeschafft oder umgestaltet, damit niemand als Verlierer erscheint. Dabei gehört die Erfahrung von Leistung, Erfolg und auch Niederlage zum Leben dazu.
Piper: Und mit Ihrem Buch geht es Ihnen nun darum, Aufmerksamkeit dafür zu schaffen, dem kulturellen Verfall Einhalt zu gebieten?
Moosdorf: Das Buch versteht sich im Kern als Plädoyer für einen vernünftigen Konservatismus. Und konservativ bedeutet zunächst einmal nichts anderes als conservare – bewahren. Demgegenüber steht das, was sich selbst häufig als Avantgarde versteht. Die Avantgarde lebt von der Vorstellung, dass das Alte zunächst überwunden oder zerstört werden müsse, damit etwas Neues entstehen kann. Diese Denkweise hat man etwa in den späten sechziger Jahren an vielen Universitäten beobachten können. Damals kursierte der bekannte Satz: „Unter den Talaren Muff von tausend Jahren.“ Die Vorstellung war, dass man zunächst alles Bestehende beseitigen müsse. Danach werde auf den Trümmern der Vergangenheit automatisch etwas Besseres entstehen. Diese Hoffnung halte ich für problematisch. Denn jede Kultur besteht aus einem langen historischen Prozess. Sie ist nicht einfach nur Ballast. Man findet bis heute Stimmen, die sinngemäß fragen: Was bedeuten Goethe, Beethoven oder Nietzsche noch angesichts der Katastrophen des 20. Jahrhunderts? Für mich ist das die falsche Perspektive. Vielmehr müsste man anerkennen, welche außerordentliche kulturelle, wissenschaftliche und geistige Leistungsfähigkeit dieses Land über Jahrhunderte hervorgebracht hat. Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein wurden weltweit wissenschaftliche Arbeiten auf Deutsch verfasst. Auch in Amerika galt Deutsch lange als Sprache der Wissenschaft und der Kultur. Gleichzeitig muss man natürlich auch die Verbrechen der deutschen Geschichte sehen. Beides gehört zur Wahrheit. Es ist gerade diese enorme Spannweite deutscher Geschichte, die ihre Betrachtung so schwierig macht.
Piper: Dann stellt sich letztlich die Frage, wie man mit dieser Geschichte umgeht.
Moosdorf: Genau. Wir beschäftigen uns in Deutschland – gerade im kulturellen Bereich – sehr intensiv mit den Verbrechen der Vergangenheit. Das ist richtig und notwendig. Aber daneben gibt es noch etwas anderes. Der französische Staatsmann Charles-Maurice de Talleyrand-Périgord soll einmal gesagt haben, dass ein Fehler in der Geschichte oft schwerwiegender sein könne als Verbrechen. Wenn man diesen Gedanken auf Deutschland überträgt, dann gehört zu den größten historischen Fehlern sicherlich die Vertreibung und Vernichtung des jüdischen Bürgertums. – Wir sprechen häufig über die moralische Dimension dieser Verbrechen – und das müssen wir auch. Aber wir sprechen viel zu selten darüber, was Deutschland dadurch kulturell, wissenschaftlich und gesellschaftlich verloren hat. Die jüdischen Bürger waren in vielen Bereichen Träger und Vermittler von Bildung, Wissenschaft, Kunst und Unternehmertum. Wenn dieses Milieu heute noch in jener Stärke vorhanden wäre, würde das unserem Land in vielerlei Hinsicht helfen. Stattdessen finden Menschen, die heute nach Deutschland kommen, oft eine Gesellschaft vor, die selbst Schwierigkeiten hat zu erklären, was ihre kulturellen Grundlagen eigentlich sind. Das macht auch Integration schwerer. Es erschwert die Weitergabe kultureller Maßstäbe. Und vielleicht erklärt das auch einen Teil jener Orientierungslosigkeit, über die wir heute so häufig sprechen.
Piper: Dann wäre auch Kulturpolitik letztlich keine Nebensache, sondern eine Voraussetzung dafür, dass eine Gesellschaft überhaupt weiß, wer sie ist.
Moosdorf: Genau das ist der Punkt. Kultur ist nicht das Sahnehäubchen auf einer funktionierenden Gesellschaft. Kultur ist das Fundament. Sie entscheidet darüber, welche Geschichten wir erzählen, welche Vorbilder wir haben, welche Sprache wir sprechen, welche Musik wir hören, welche Bücher wir lesen und welche Maßstäbe wir an uns selbst anlegen. Wenn dieses Fundament erodiert, dann helfen irgendwann auch wirtschaftlicher Wohlstand oder technische Innovationen nicht mehr weiter.
Deshalb beginnt jede ernsthafte Kulturpolitik mit einer einfachen Frage:
Was wollen wir bewahren – und warum?
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Kultur von Rechts: Zwischen Restauration und Revolution (EXIL) von Matthias Moosdorf
Edition BuchHaus Loschwitz, Seitenzahl der Print-Ausgabe: 264 Seiten, ISBN-10: 3982786320, ISBN-13: 978-3982786322, E 22,-
Matthias Moosdorfs Buch „Kultur von Rechts“ erschien in der Reihe Exil und kann u.A. beim Verlag Antaios und bei Jungeuropa käuflich erworben werden.
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Über den Autor: Edmund Piper war Leiter des Berliner Kunstsalon und Co-Direktor der Tease Art Fair, Mitbetreiber einer Galerie in Berlin Mitte, Kurator diverser Einzel- und Gruppenausstellungen sowie von 2001-2004 Herausgeber des Berliner Kunstmagazins KONDENSAT.
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