Neuzelle – Eine katholische Insel in Brandenburg

(David Berger) Am vergangenen Wochenende besuchte ich das Kloster Neuzelle im Oderbruch. Die beeindruckende Barockkirche, das wieder von Zisterziensermönchen aus Heiligenkreuz belebte Klosterleben und die gregorianisch gesungene Komplet machten den Ausflug zu weit mehr als einem Besuch eines Kulturdenkmals. Es war die Begegnung mit einem Ort, an dem der katholische Glaube bis heute lebendig geblieben ist.

Ich glaube, Neuzelle gehört zu jenen Orten, die man nicht einfach besichtigt, sondern erlebt. Vielleicht lag es an der stillen Landschaft des Oderbruchs, vielleicht an der jahrhundertealten Geschichte dieses Klosters oder an den gregorianischen Gesängen der Komplet. Wahrscheinlich war es das Zusammenspiel all dessen, das diesen Besuch für mich so besonders machte.

Wenn die Heiligen und Engel zu tanzen beginnen

Schon die Anfahrt hat ihren eigenen Reiz. Hinter Berlin wird die Landschaft weiter und ruhiger. Felder, Wälder und die sanften, von zahlreichen kleinen Bächen und Seen geprägten Auen der Oder bestimmen das Bild. Man ahnt kaum, dass sich hier eines der bedeutendsten Barockklöster Deutschlands verbirgt – und zugleich eine katholische Insel in einer seit der Reformation überwiegend evangelisch geprägten Region. Nur wenige Kilometer entfernt erinnert Eisenhüttenstadt noch an den großen Versuch des vergangenen Jahrhunderts, eine neue Gesellschaft ohne Gott zu errichten. Umso erstaunlicher wirkt Neuzelle, als sei hier  ein Stück des alten katholischen Europa stehen geblieben.

Die Geschichte des Klosters ist ebenso außergewöhnlich wie seine Lage. Im 13. Jahrhundert von Zisterziensern gegründet, überstand es Reformation und Säkularisation. Zwar verstummte das klösterliche Leben schließlich, doch die Gebäude blieben erhalten. Dass heute wieder Zisterzienser – diesmal aus dem österreichischen Stift Heiligenkreuz – hier leben, ist weit mehr als eine historische Kuriosität. Erst durch ihr Gebet und ihre Liturgie ist Neuzelle wieder zu einem wirklichen Kloster geworden. Ein Gotteshaus lebt nicht von seiner Architektur allein, sondern von den Menschen, die darin Gott begegnen.

Den eigentlichen Höhepunkt meines Besuches bildete deshalb nicht die Besichtigung der prachtvollen Barockkirche, sondern die lateinische Komplet am Samstagabend. Als die Mönche den gregorianischen Choral anstimmten, veränderte sich der Raum. Was wenige Minuten zuvor noch ein bewundernswertes Kunstwerk gewesen war, wurde plötzlich wieder das, wofür es geschaffen wurde: ein Ort der Anbetung Gottes. Der lateinische Psalmengesang schien sich ganz selbstverständlich mit den vergoldeten Altären, den schwebenden Engeln und dem warmen Licht des Kirchenraumes zu verbinden. Die unzähligen Engel- und Heiligenfiguren schienen fast zum Klang der Gesänge im goldenen Abendlicht zu tanzen. In solchen Augenblicken versteht man, dass der Barock nicht beeindrucken wollte, sondern den Himmel erahnen lassen sollte.

Das „entscheidungsschwerste Wort der Geschichte“

Als wir die Kirche danach verließen, stand einer der Patres an der Kirchentüre und besprengte uns mit Weihwasser. Zuvor war noch das feierliche „Salve Regina“ erklungen, der wunderbare Gesang, mit dem die Kirche ihren liturgischen Tag abschließt. Dazu passt: Während viele Besucher vor allem die überwältigende Ausstattung bewundern, blieben mir zwei Mariendarstellungen besonders im Gedächtnis, passenderweise da die Kirche Maria geweiht ist.

Die erste zeigt die Verkündigung. Maria kniet vor dem Erzengel Gabriel. Alles an dieser Szene strahlt jene stille Größe aus, die den entscheidenden Augenblick der Heilsgeschichte kennzeichnet. Gott zwingt sich dem Menschen nicht auf; er wartet auf das freie Ja einer jungen Frau. Unwillkürlich musste ich an den alten Marienhymnus Ave maris stella denken, der seit Jahrhunderten in den Klöstern gesungen wird. Maria wird darin als Stella maris, als „Meerstern“, angerufen – als jene, die den Menschen sicher zu Christus führt. Besonders schön ist die Strophe:

Sumens illud Ave
Gabrielis ore,
funda nos in pace,
mutans Evae nomen.

„Nimm jenes Ave aus Gabriels Mund entgegen, gründe uns im Frieden und wandle Evas Namen.“ Schon die Kirchenväter liebten dieses Wortspiel: Im Ave des Engels wird gleichsam das Eva der ersten Frau umgekehrt. Wo einst der Ungehorsam begann, beginnt nun durch Marias Fiat die Erlösung. Der große Dichter Reinhold Schneider hat diese Antwort Mariens, der Magd des Herrn, als „das entscheidungsschwerste Wort der Geschichte.“ bezeichnet.

Wer wäre da nicht zu Tränen gerührt?

Wenige Schritte weiter begegnet dieselbe Maria erneut – doch wie anders ist das Bild! Jetzt hält sie den vom Kreuz abgenommenen Leib ihres Sohnes auf dem Schoß. Die Mutter, die einst das Kind von Bethlehem in ihren Armen trug, birgt nun den geopferten Erlöser. Diese Pietà gehört zu den eindrucksvollsten Darstellungen der Kirche. Sie zeigt keinen aufbegehrenden Schmerz, sondern eine stille, von Hoffnung durchdrungene Trauer. Vor dieser Darstellung drängte sich mir ein Vers aus dem Hymnus Stabat mater dolorosa auf:

„Quis est homo qui non fleret, matrem Christi si videret… Welcher Mensch ist da nicht zu Tränen gerührt, wenn er die Mutter Christi in solchem Leid sieht?“

Zwischen diesen beiden Bildern – der Verkündigung und der Pietà – liegt das ganze Evangelium. Dort spricht Maria ihr demütiges Ja zum Willen Gottes, hier hält sie den geopferten Sohn in ihren Armen. Anfang und Vollendung des Erlösungswerkes werden in zwei Bildern sichtbar. Vielleicht hat mich gerade diese Verbindung so tief berührt.

Lebendiger Glaube

Als ich Neuzelle verließ, war die Komplet längst verklungen. Doch die Gesänge schienen noch nachzuhallen. Ich hatte nicht das Gefühl, irgendeine Sehenswürdigkeit besucht zu haben. Vielmehr war ich einem Ort begegnet, an dem katholischer Glaube nicht museal konserviert wird, sondern lebendig geblieben ist. Die Mönche aus Heiligenkreuz haben Neuzelle nicht einfach neu besiedelt; sie haben diesem außergewöhnlichen Kloster seine ursprüngliche Bestimmung zurückgegeben.

Vielleicht liegt genau darin das Geheimnis dieses Ortes. Er zeigt, dass die Schönheit des katholischen Glaubens nicht zuerst in kunstvollen Altären oder prächtigen Fresken besteht, so eindrucksvoll sie auch sein mögen. Sie entfaltet sich dort, wo die Liturgie gefeiert wird, für die diese unsterbliche Kunst erschaffen wurde, die Psalmen gesungen werden, die über Jahrhunderte dort die Mönche gesungen haben und der Glaube Tag für Tag gelebt wird. Wer Neuzelle besucht, nimmt deshalb mehr mit nach Hause als schöne Erinnerungen oder gelungene Fotografien. Man fährt mit der leisen Gewissheit zurück, dass das katholische Abendland nicht nur Geschichte ist. An manchen Orten atmet es noch.

Hier können Sie mehr über die Neugründung des Zisterzienserklosters erfahren.

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David Berger
David Bergerhttps://philosophia-perennis.com/
David Berger (Jg. 1968) war nach Promotion (Dr. phil.) und Habilitation (Dr. theol.) viele Jahre Professor im Vatikan. Zahlreiche Veröffentlichungen zur Philosophie und Theologie des Mittelalters. Seit 2016 Blogger (philosophia-perennis) und freier Journalist (u.a. für die Die Zeit, Junge Freiheit, The European).

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