Warum der Papst gar nicht anders kann als Trumps Krieg zu verurteilen

(David Berger) Der Begriff des „gerechten Krieges“ gehört zu den zentralen, zugleich aber umstrittenen Konzepten der katholischen Morallehre. Ursprünglich entwickelt, um Gewalt ethisch zu begrenzen, legt er bis heute strenge Maßstäbe an jede Form militärischen Handelns an. Angesichts moderner Kriege und ihrer verheerenden Folgen stellt sich jedoch zunehmend die Frage, ob diese Kriterien überhaupt noch erfüllbar sind. Eine aktuelle Prüfung am Beispiel des Angriffskrieges gegen den Iran im Jahr 2026 zeigt, wie groß die Zweifel an seiner moralischen Rechtfertigung ausfallen.

Die katholische Lehre vom „gerechten Krieg“ geht auf Denker wie Augustinus und Thomas von Aquin zurück und ist heute im Katechismus der katholischen Kirche systematisch dargestellt. Sie verfolgt nicht das Ziel, Krieg zu rechtfertigen, sondern ihn unter sehr strengen moralischen Bedingungen allenfalls als letztes Mittel zuzulassen. Dabei unterscheidet man vor allem zwischen den Voraussetzungen für die Aufnahme eines Krieges (ius ad bellum) und den Regeln für die Führung eines Krieges (ius in bello).

Wann kann ein Krieg gerecht sein?

Ein Krieg kann nach dieser Lehre nur dann als gerecht gelten, wenn mehrere Kriterien gleichzeitig erfüllt sind: Es muss ein gerechter Grund vorliegen, in der Regel Selbstverteidigung gegen einen schweren und unmittelbaren Angriff. Der Krieg muss von einer legitimen Autorität beschlossen werden und von einer rechten Absicht getragen sein, also auf die Wiederherstellung von Frieden und Gerechtigkeit zielen. Zudem darf er nur als letztes Mittel eingesetzt werden, nachdem alle friedlichen Optionen ausgeschöpft wurden. Weiterhin muss die Verhältnismäßigkeit gewahrt bleiben, das heißt, der zu erwartende Schaden darf nicht größer sein als das zu verhindernde Übel, und es muss eine realistische Aussicht auf Erfolg bestehen. Auch im Krieg selbst gelten moralische Grenzen, insbesondere der Schutz von Zivilisten und das Verbot unverhältnismäßiger Gewalt.

(Foto r. Quelle: Facebook)

In der neueren katholischen Lehre wird die Anwendung dieser Kriterien zunehmend restriktiv interpretiert. Angesichts moderner Waffen und der oft massiven Auswirkungen auf die Zivilbevölkerung betonen Päpste der Gegenwart, dass Kriege faktisch kaum noch zu rechtfertigen seien. Eine Position, die nicht erst Papst Leo XIV eingenommen hat, sondern bereits seit Papst Pius X. zum festen Bestandteil päpstlicher Stellungnahmen gehört. In diesem Sinne hat auch Papst Franziskus im Ukraine-Konflikt die Stimme erhoben.

Irankrieg als Präventivkrieg

Wendet man diese Maßstäbe auf den Angriffskrieg der USA und Israels gegen den Iran im Jahr 2026 an, ergeben sich erhebliche Zweifel an seiner moralischen Rechtfertigung. Zwar wurde der Krieg von legitimen staatlichen Autoritäten geführt, doch bereits beim zentralen Kriterium des gerechten Grundes zeigen sich Probleme. Die Rechtfertigung stützte sich vor allem auf eine behauptete zukünftige Bedrohung, insbesondere im Hinblick auf ein mögliches iranisches Atomprogramm. Eine unmittelbar bevorstehende militärische Aggression lag jedoch nicht eindeutig vor. Damit handelt es sich eher um einen Präventivkrieg, der in der klassischen Lehre vom gerechten Krieg nur sehr schwer zu rechtfertigen ist.

Auch das Kriterium des letzten Mittels scheint nicht erfüllt zu sein, da diplomatische Bemühungen und Verhandlungen zum Zeitpunkt des Angriffs noch nicht vollständig ausgeschöpft waren. Die rechte Absicht ist ebenfalls fraglich, da neben Sicherheitsargumenten auch andere Motive wie geopolitische Interessen oder ein möglicher Regimewechsel eine Rolle spielten. In Bezug auf die Verhältnismäßigkeit ist zu bedenken, dass der Krieg erhebliche Zerstörung und zahlreiche Opfer verursachte und zugleich das Risiko einer regionalen Eskalation erhöhte. Ob die angestrebten Ziele diese Schäden aufwiegen können, erscheint zweifelhaft. Auch die Erfolgsaussichten waren unklar, da weder eine stabile Nachkriegsordnung noch eine nachhaltige Befriedung der Region gesichert schienen.

Mehrere zentrale Kriterien der katholischen Lehre vom gerechten Krieg nicht erfüllt

Schließlich wirft auch die konkrete Kriegsführung moralische Probleme auf, insbesondere im Hinblick auf zivile Opfer und die Auswirkungen moderner Luftkriegsführung. Insgesamt lässt sich daher festhalten, dass mehrere zentrale Kriterien der katholischen Lehre vom gerechten Krieg in diesem Fall nicht erfüllt sind.

Vor diesem Hintergrund ist der Angriffskrieg gegen den Iran aus katholisch-ethischer Sicht mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht als gerechter Krieg zu bewerten. Vielmehr entspricht diese Einschätzung der allgemeinen Tendenz der modernen kirchlichen Lehre, militärische Gewaltanwendung äußerst kritisch zu beurteilen und nach Möglichkeit grundsätzlich abzulehnen.

Vor diesem Hintergrund erscheinen auch die Stellungnahmen von Papst Leo XIV als theologisch gut begründet und konsequent. Wenn er betont, „Krieg ist kein Mittel der Gerechtigkeit, sondern ein Zeichen ihres Scheiterns“, knüpft er unmittelbar an die restriktive Auslegung der klassischen Lehre an. Seine Mahnung, „präventive Gewalt untergräbt das Fundament des Völkerrechts und der moralischen Ordnung“, greift zentrale Zweifel am Kriterium des gerechten Grundes auf. Zugleich unterstreicht seine Forderung, alle diplomatischen Wege auszuschöpfen, die Bedeutung des letzten Mittels, das im vorliegenden Fall offensichtlich nicht gewahrt wurde. Indem Papst Leo den Schutz der Zivilbevölkerung als „unverrückbare Grenze jeder militärischen Handlung“ hervorhebt, erinnert er zudem an die bleibende Geltung des ius in bello.

Insgesamt lassen sich seine Aussagen daher nicht als bloß politische Stellungnahme lesen, sondern als konsequente Fortführung der katholischen Friedensethik, die angesichts moderner Kriegsrealitäten immer deutlicher zu einer grundsätzlichen Ablehnung militärischer Gewalt tendiert. Das kann man gut oder schlecht finden. Aber: Wer dem Papst solche Stellungnahmen untersagen möchte und ihm – wie Vance – vorwirft Nachhilfeunterricht in katholischer Doktrin zu benötigen, kann kaum mit Zustimmung der 1,42 Milliarden Katholiken, die in aller Welt Papst Leo als ihr Oberhaupt sehen rechnen.


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David Berger
David Bergerhttps://philosophia-perennis.com/
David Berger (Jg. 1968) war nach Promotion (Dr. phil.) und Habilitation (Dr. theol.) viele Jahre Professor im Vatikan. 2010 Outing: Es erscheint das zum Bestseller werdende Buch "Der heilige Schein". Anschließend zwei Jahre Chefredakteur eines Gay-Magazins, Rauswurf wegen zu offener Islamkritik. Seit 2016 Blogger (philosophia-perennis) und freier Journalist (u.a. für die Die Zeit, Junge Freiheit, The European).

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