
Gastbeitrag von Meinrad Müller
Der große Bogen von der Wahlentscheidung bis zur Stromrechnung ist zu weit. Wir erkennen Ursache und Wirkung nicht mehr. Die Wirkung spüren wir. Der Abschlag wird erhöht, der Einkauf wird teurer, der Handwerker verlangt höhere Preise. Über 24.000 Unternehmen haben 2025 Insolvenz angemeldet. Jeder sieht es, jeder spürt es im Geldbeutel. Und trotzdem bleibt vieles, wie es ist. Man spricht darüber, man schüttelt den Kopf, und dann geht es weiter wie zuvor. Warum eigentlich?
Warum wir am Alten festhalten
„Mein Haus, mein Auto, meine Meinung.“ Dieser alte Werbesatz zeigt, wie wir denken. Das „mein“ macht den Unterschied. Es steht für Besitz. Für etwas, das uns gehört, auf das wir stolz sind und das wir verteidigen. Und genau so sprechen wir von unserer Meinung. Wir „haben“ eine Meinung. Schon dieses „haben“ verrät alles. Wir tragen sie vor uns her wie eine Monstranz. Nicht, weil sie immer richtig ist, sondern weil sie unsere ist. In dem Moment wird aus einem Gedanken ein Besitzstück. Und Besitz gibt man nicht her. Wer daran rührt, rührt nicht an einem Argument. Er rührt an uns selbst. Der Mensch hängt an seiner Meinung wie an seinem alten Auto. Nicht weil es das beste ist, sondern weil er sich dafür entschieden hat. Und genau deshalb verteidigt er nicht die Sache, sondern seine Entscheidung. Vor der Familie, den Kollegen, den Freunden. Wer daran rüttelt, rüttelt am eigenen Urteil. Wenn das Auto nichts taugt, dann war die eigene Entscheidung falsch. Und genau das will niemand gern zugeben.
Das bessere Argument hat es schwer
Das bessere Argument verlangt mehr als Einsicht. Es verlangt Reue. Den einen Satz, den niemand gern ausspricht. Ich habe mich geirrt. Erst dann wird der Blick frei für etwas Besseres. Damit steht mehr auf dem Spiel als nur ein Gedanke. Es stehen die Jahre im Raum, in denen man das Alte verteidigt hat, die vielen Gespräche und das eigene Selbstbild. Das fühlt sich nicht nach klüger werden an. Das fühlt sich nach Verlust an. Reue heißt, die eigene Entscheidung zu verlassen. Reue heißt, sich von dem zu lösen, was man einmal verteidigt hat. Das kostet Überwindung. Deshalb wehren viele ab. Nicht weil das neue Argument schwach wäre, sondern weil sie sich und ihr Gesicht schützen wollen.
Vom Alltag bis zur Wahlkabine
Dieses Muster beginnt im Kleinen. Beim Rasenmäher, der nicht richtig mäht. Beim billigen Regenschirm, der beim ersten Windstoß umknickt. Beim Auto, das mehr in der Werkstatt steht als auf der Straße. Und es endet nicht dort. In der Wahlkabine machen wir es genauso. Wir kreuzen oft nicht das an, was wir heute für richtig halten, sondern das, was wir seit Jahren verteidigen. Das Kreuz ist schnell gemacht. Die Folgen tragen wir lange. Was wir einmal entschieden haben, wird zum Besitz, den wir vor uns hertragen.
Warum sich so wenig ändert
Der Überbringer einer schlechten Nachricht bringt, wird schnell selbst zum Feind. Wer sagt „Sie liegen falsch“ oder „Das funktioniert so nicht mehr“, greift nicht nur eine Meinung an. Er trifft den anderen persönlich. Und das will niemand hören. Deshalb bleibt vieles beim Alten. Nicht weil es gut ist, sondern weil es vertraut ist und weil keiner als Erster sagen will: Ich habe mich geirrt. „Wir schaffen das“ war für viele eine Entscheidung, die sie bis heute verteidigen. Doch sich selbst an die Brust zu klopfen und laut zu sagen „mea culpa, meine Schuld“, das fällt schwer. Also bleibt man lieber dabei.
Und genau so bleibt am Ende alles, wie es ist.
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