Ein Gastbeitrag von Wolfgang Prabel

Mein Beitrag müsste eigentlich „Ich trage Verantwortung für mein zweites Leben“ heißen. Denn der November 1989 trennt verantwortungstechnisch das erste und das zweite Leben. Wirkliche Verantwortung kann man, selbst in familiären Dingen, nur bei einem Minimum an Freiheit tragen. Verantwortung übernimmt man, wenn man etwas entscheidet und die Folgen abschätzen und tragen muß.

Im Thüringen der 60er bis 80er Jahre übernahm man besser wenig Verantwortung, um nicht in die Räderwerke der Partei hineinzugeraten. Die Kunst war oft die der Verweigerung. Eigeninitiative wurde ohnehin eher bestraft als belohnt. Das Symbol des Eingeschränktseins war der Stacheldraht an den Grenzen. Aber auch innerhalb der Einfriedung befanden sich überall Grenzen.

Eine Weile lang arbeitete ich in einem Projektierungsbetrieb des Wasserbaus. Wenn ich morgens eintrudelte, fragte eine junge Dame „Wer holt heute das Kantholz?“ Das „Kantholz“ war eine viereckige Literflasche Kräuterschnaps, die es ab 8:30 in der Mitropa gab.

Die Flasche wurde beim Frühstück, welches fast bis Mittag dauerte, von vier bis sechs Jungingenieuren vollständig geleert. In der Mittagspause wurde schon wieder ein Schluck getrunken, und kaum war die Mittagspause vorbei, die auch eine gute Stunde dauerte, wurde zum Kaffee gerufen. So vergingen die Tage und man war abends kaputter, als wenn man gearbeitet hätte. Ich wechselte nach einem Jahr in einen Betrieb, in welchem es mittags ein Tröpfchen Eierlikör aufs Eis gab und sonst keinen Alkohol mehr.

Pflichtmitgliedschaften in der Freien Deutschen Jugend, im Freien Deutschen Gewerkschaftsbund, in der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft und in der Kammer der Technik zeigten mir die Grenzen meiner Selbstbestimmung und Selbstachtung.

Wenn ich die nächste Gehaltserhöhung haben wollte, war ich gut beraten am Ersten Mai demonstrieren zu gehen, das heißt mit einer roten Fahne durch die Stadt und an einer Holztribüne mit Funktionären vorbei zu laufen. Trotz oder gerade wegen der damaligen Mietpreisgrenzen gab es grassierende Wohnungsnot. Zwei meiner Wohnungen hatten noch Trockenklo und keinen Wasseranschluß. Trotz oder auch gerade wegen der seit 1936 eingefrorenen Preise herrschte eben auf vielen Gebieten Mangel. Preise waren von den Produktionskosten vollkommen entkoppelt, so daß sie keine Signale an das Raumschiff der Staatlichen Plankommission mehr sendeten. Um die wenigen Waren mußte man in den Läden mit Russenweibern kämpfen, zumindest dort wo Garnisonen waren. Es waren unsere „Befreier“, von denen wir siegen lernen sollten. Eines Tags merkten die Russen, daß aus der DDR nichts mehr rauszuholen war und zogen ihres Wegs.

Am Anfang der 90er war das Leben plötzlich unbeschwert und leicht. Meine Mitgliedsbücher flogen in die Aschentonne. Am Ersten Mai machte ich was Spaß macht. Man war plötzlich berechtigt Grundstücke zu kaufen, Gewerbe auszuüben und normale Leute bekamen Kredite.

Preise hatten wieder etwas mit Produktionskosten zu tun, und – oh Wunder – es gab nur noch wenige Wünsche, die nicht erfüllbar waren, vorausgesetzt man hatte das Geld. Ausländer kauften einem nichts mehr weg, denn es gab mehr Waren. Man konnte einfach in ein Autohaus gehen und einen Pkw kaufen. Die Bestellzeit sank wie von Zauberhand von ein bis zwei Jahrzehnten auf wenige Wochen oder Tage.

Ich nutzte die neuen Freiheiten und gründete von 1990 bis 1998 mehrere Betriebe, die alle heute noch bestehen. Welcher Optimismus herrschte damals! Und wie vergleichsweise lächerlich niedrig waren die Hürden die Bürokratie!

Um die Sozialabgaben abzuführen brauchte man 1990 nur den Taschenrechner, die Prozentsätze, einen Bogen Papier, eine Briefmarke, drei Minuten Zeit und die Abführung der Beiträge war erledigt. Man wurde eine Weile von Kammern in Ruhe gelassen, nicht mit Statistiken und elektronischen Überweisungen an Krankenkassen gequält.

Es gab keine Mülltrennung, keine Energieeinsparverordnung, keine Qualitätszertifizierung, keine Minilohnzentrale, keine Künstlersozialkasse und keine Arbeitssicherheitsinspektoren. Bei der Arbeit konnte man sich weitgehend um die Kunden, die Auftragsbeschaffung und die Organisation der Arbeit kümmern. Wenn sich die Pioniergeneration der 90er heute über diese leicht anarchische Aufbruchszeit unterhält, bekommen alle glänzende Augen. Doch das Glück der Freiheit währte nicht lange.

25 Jahre sind vergangen und man könnte denken, die Russen sind wieder da. Das Werk der Zerstörung von Freiheit und Selbstverantwortung haben nun Beamte der Brüsseler Zentrale und der deutschen Bürokratie an sich gerissen.

Statt einer Kammer wie vor 1989 mußte ich in den 90er Jahren Schritt für Schritt in drei Kammern eintreten, wovon die Industrie- und Handelskammer IHK und die Architektenkammer reine Zwangskammern waren.

Die Qualitätskontrolle der DDR ist von den Toten auferstanden. Produkte werden seit 1997 nach DIN ISO 9001 zertifiziert. Wochenlang wurde an den Unterlagen gewerkelt, ein Heidengeld investiert – in Nichts. Als die Zertifizierung stand, hat sich niemand mehr dafür interessiert. Besser sind die Waren und Leistungen dadurch nicht geworden.

Die Betriebe müssen wieder wie vor 1990 Sicherheitsinspektoren beschäftigen. Das sind meist nette und nachsichtige Leute. Sie stellen allerdings dann und wann eine Rechnung.
Die Berechnung der Sozialabgaben und ihre elektronische Übermittlung ist zu einer bürokratischen Wissenschaft geworden, die ganze Völkerscharen beschäftigt. Die Updates frusteten die Lohnbuchhaltung und mich selbst jedes Mal. Neuerungen sind die Künstlersozialkasse und die Knappschaft. Und nun hat auch noch der Zoll eine Beschäftigung mit der Kontrolle des Mindestlohns gefunden.

Banken sind in der Kreditvergabe wieder zögerlich. Derzeit werden Selbständige von den Kreditinstituten mit spitzen Fingern angefaßt, weil ihre Einkünfte Schwankungen ausgesetzt sind.

Wichtige Preise, allen voran die Energiepreise sind von den Realitäten völlig entkoppelt worden. Da Energie in jeder Ware und in jeder Leistung steckt, ist das gesamte Preisgefüge der Volkswirtschaft deformiert.

Dieses Desaster zieht sich in den betrieblichen und persönlichen Bereich. Weil ich von energiepolitischen Entscheidungen der Regierung immer wieder überrascht wurde, ist mein Kamin im Wohnhaus zu klein und bei steigenden Energiepreisen betreibe ich Wärmepumpen. Ja, wenn man vor 10 Jahren gewußt hätte, wie sich der Strompreis verdoppelt… Im Moment müßte man eine Ölheizung haben.

Der Kauf eines privaten oder betrieblichen Pkws oder eines Transporters hat neuerdings ein spekulatives Element. Kann man einen Diesel noch kaufen, oder wird während der betriebsgewöhnlichen Nutzungsdauer die Einfahrt in Umweltzonen verboten werden?

Wie in der DDR ist der Bau eines Hauses wieder in ein festes Korsett eingeschnürt. In den 80er Jahren waren es die „Normative“ des Typs „EW 65 B“, heute werden die Bauherren mit Heizungs-, Lüftungs-, Dichtigkeits- und Dämmungsgeboten traktiert.

Eigentlich sind die Häuser der neuesten Generation unbewohnbar, jedenfalls wenn man strenge Maßstäbe der Bauhygiene anlegt. Ein Glück, daß ich bereits vor zehn Jahren gebaut habe!

Es regiert wieder wie vor 1990 eine Einheitspartei. Die Unterschiede zwischen Linken, Grünen, SPD und CDU  sind so zusammengeschnurrt, wie die der Parteien der Nationalen Front der DDR. Statt der Mitgliedschaft in der Pionierorganisation oder der kommunistischen Einheitsgewerkschaft ist man mittlerweile Zwangsmitglied eines ARD-ZDF-DLR Fernseh- und Radioclubs.

Wehe, wer im Betriebsvermögen GEZ-pflichtige Fahrzeuge hat oder ein Hotel betreibt! Wer die nächste Gehaltserhöhung oder den nächsten Staatsauftrag haben möchte, ist gut beraten nicht Mitglied in der AfD zu werden.

Anetta Kahane ist wieder wie in den 80er Jahren in ihrem Element und spitzelt für die Regierung.

Der ganze Aufwand der 89er Revolution ist nahezu für die Katz gewesen. Die Russen sind weg. Ansonsten sind alle Gespenster der Vergangenheit wieder präsent. Der Sozialismus hat in ganz Deutschland gesiegt.

Ich bin inzwischen aus dem Berufsleben weitgehend ausgeschieden, damit vom Staat unerpreßbar und unabhängig, betreibe einen zeitkritischen Blog und kann deshalb behaupten: „Ich Selbst trage die Verantwortung für mein Leben“.

**

Erstveröffentlichung hier: Deutscher Arbeitgeberverband 

***

Zum Autor: Wolfgang Prabel ist Ingenieur, in der DDR aufgewachsen und hat bis zur Wende dort gelebt. Er ist heute Bürgermeister von Mechelroda.

****

Foto: Bundesarchiv, Bild 183-1990-0803-017 / Settnik, Bernd / CC-BY-SA 3.0 [CC BY-SA 3.0 de (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en)], via Wikimedia Commons

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Manfred Bernardo Michael
Gast

Honeckers letzter Rachespruch in Chile war, „Der Sozialismus wird siegen und wir werden die BRD doch noch besiegen“! Damit hatte er recht, indem Honecker mit Hilfe des MfS möglicherweise in die damalige CDU Merkel infiltriert hat. Damit könnte das Gedicht von Merkel damals mit polnischen Wurzeln Kazmierczak wo dann Kasner, daraus wurde aus der DDR-Zeitschrift FRÖSI zutreffend sein, wenn es kein Fake ist. Jedenfalls glaube ich, dass es sich so ähnlich abgespielt haben könnte. Damals mit Günther Guillaume hatte der MfS auch das Kanzleramt bei Willy Brandt infiltriert. Jedenfalls merkt man, dass die Bundesregierung durch die dikatorische Befehlsgewalt von Merkel… Mehr lesen »

Graetz, Wolfgang
Gast
Graetz, Wolfgang

Warum läßt sich die deutsche Bevölkerung diesen Merkel-Staat- den Staat einer FDL-Funktionärin- gefallen ?
Den ehemaligen Westlern geht es noch zu gut.
Die ehemaligen Ostler brauchen nicht nachzudenken, denn sie haben das alte DDR-System.
Brandenburg stellt sich dank eines Stasi-Zuträgers und -Hörigen als die Hochburg dieses Systems dar. Stasi-Mitarbeiter und SED-Chergen beherrschen die politischen Strukturen , die Partei der „Linken“ redet von ihrer „Kleinen DDR“.
Volk wach endlich auf!!!
-der wahre Bürgerrechtler-

Jule
Gast
Jule

Mir stellt sich nur noch die Frage wer H.Kohl “ das Mädchen“ zur Seite stellte. … … … Das „Mädchen“ gestaltete – nach dem Sturz ihres „Ziehvaters“ – die Politik von D nach seinen (!) Vorstellungen, sorgte nach und nach für “ alte Kameraden “ ( Gauck/Maiziere,Kahane usw. usw. Klar ist mir das Geheule gegen Trump – dazu aber erst mehr von mir in knapp 100 Tagen, soviel Fairness sollte JEDER einbringen – war ja bisher (!) Usus. Mir persönlich ist jedenfalls ein Unternehmer … lieber als ein Unterlasser … Allerdings … M. Schulz als BK-Kandidat könnte ähnliche Reaktionen wie… Mehr lesen »

Jolly
Gast
Jolly

„(…) mußte man in den Läden mit Russenweibern kämpfen(…)

Was schreibt denn der für einen Mist!

Ein arbeitscheuer Um-die-Wette-Säufer (Kantholz) und Wendehals (Meine Mitgliedsbücher flogen in die Aschentonne) . – Und an allem war die DDR schuld.

Gaaaanz falsch! – Typen wie Sie waren Schuld an vielen Mißständen in der DDR.

Kettenraucher
Gast
Kettenraucher

Sehr guter Artikel. Aber so wie die politischen Zustände derzeit sind, wird es noch schlimmer werden. Die SPD hat ja nun ihren stahlharten Eurokraten zum K.K. bestimmt. Ganz nach alter Politbüromanier.

thimothytruckle
Gast

Eine fast vollständige Bestandsanalyse. Auch ich habe die Phase der Firmengründung durch, arbeite da noch sehr erfolgreich und stolper immer wieder über die neuen bürokratischen Hürden. Nur einen Fehler habe ich vermieden, mich den „Beratern“ auszuliefern. Kein Finanzberater, kein Steuerberater, kein Rechtsberater. Dafür gibt es die Ämter, die man für sich arbeiten lassen kann. Gab es Probleme mit der Steuer, schon war ich am nächsten Tag beim Finanzamt. Macht man das jedes Mal so, gibt es plötzlich nicht mehr so viele Probleme. Eigenständigkeit ist wirklich was schönes, aber für die Selbständigkeit ist nicht jeder geboren. Diese Erfahrung mußten leider auch… Mehr lesen »

Bürokratiemonster schlimmer als in der DDR
Gast
Bürokratiemonster schlimmer als in der DDR

Um meine Erlebnisse hier darzulegen, hieße es fast alles zu wiederholen was in dem Artikel steht. Nur das ich nach dem Studium nur kurze Zeit in einem VEB arbeitete und ich mich noch zu DDR Zeiten selbständig machte und somit einen direkten Vergleich der Entwicklung nach den 90iger Jahren habe. Jetzt als Rentner erlebe ich die volle Hinterhältigkeit der jetzigen Bürokratie. Die so gepriesene Einfachheit des Bezuges von Wohngeld, was ich auch erst dachte, erweist sich nach einigen Jahren als übelste geplante Falle. Mein notorisches Misstrauen, wenn es ums Geld geht, rettete mich da ich immer alle relevanten Unterlagen mindestens… Mehr lesen »

Theodor
Gast
Theodor

Dieser Artikel ist es wert, nicht in Vergessenheit zu geraten. Selbstreflexion ist wichtig für das Verständnis der eigenen Position in der Gegenwart.

keddy1992
Gast
keddy1992

Hat dies auf Udos Blog rebloggt.

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[…] Die DDR ist von den Toten wieder auferstanden – PP […]

Treufried Niebelung
Gast
Treufried Niebelung

Meine volle Zustimmung.
Leider muss ich noch ein Weilchen weiterwurschteln bis zur „Rente“.
In meiner Gegend war der Haustyp E 5 S (für alle Uneingeweihten – Eigenheim/5 Personen/Steildach) Gang und Gäbe.
Früher war Moskau weit, Brüssel (im engeren Sinn) ist unmittelbar vor der Haustür. Zumal der Generalinspekteur a.D. jetzt auch noch Kanzlerin werden will, kann es nur besser werden.
Venceremos und all die anderen Parolen mit mehr oder weniger ausgestrecktem Arm, geballter Faust, Victory- Zeichen …

Edeltraut
Gast
Edeltraut

Den Sozialismus in ganz Deutschland einzuführen, war wohl auch das Ziel von Angela Merkel:

Erst hat sie die CDU so umgebaut, dass kein Unterschied mehr zu den linken Parteien besteht, dann fing sie an, gezielt grüne Politik zu machen und in der so genannten Flüchtlingskrise hat sie sich endgültig die Zustimmung aller im Bundestag vertretenen Parteien gesichert.

Als ehemalige DDR – Funktionärin wusste sie ja, wie sie`s angehen musste.

Stephania
Gast
Stephania

Danke Herr Prabel. Es fehlt nur noch der Chefkommentator, der Karl-Eduard von Schnitzler der „Öffentlich-Rechtlichen“. Hätten Sie hier einen Kandidaten?

Armin Aubin
Gast
Armin Aubin

Mene Rede, wenn ich von BRDDR spreche und wer mit Honeckers Rache gemeint ist, dürfte klar sein. Man traut sich ja nicht auszusprechen, eben alles wie damals!

Stefan Kunz
Gast
Stefan Kunz

Sehr Wahr gesagt, auch wenn ich die andere Seite (DDR) nur vom hörensagen kannte. denn auch der Westen war bedeutend normaler und ist systematisch an die Wand gefahren worden. Und der gesammtdeutsche Bereich wird es weiter, wer kein Partei Mitglied ist, der wird systematisch gegängelt und um sein sauer verdientes gebracht.